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BLOG vom 19.06.2010


Der Stabhochspringer (7): Ein unverdient gutes Ende
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
7. und letzte Episode
Als Piet vom merkwürdigen Besuch des Journalisten erfuhr, bestand er darauf, dass alle Luken gegen diesen dreisten Schnüffler abgedichtet werden. Damit ist dieses Intermezzo abgeschlossen. Weder Hussein noch Piet duldeten einen solchen Einbruch in ihre Privatsphäre. So musste ich als Erzähler einspringen …
 
Dank der Fortschritte in der Unfallchirurgie konnte die gelähmte Nervenbahn in Husseins Wirbelsäule nach und nach wieder in Gang gebracht werden. Dank gebührt auch dem Scheich, der veranlasst hatte, dass Hussein die neuesten chirurgischen Errungenschaften zuteil wurden. Die Richtschnur der Moral hatte sich kapriziös zu Gunsten von Hussein verschlauft, worüber sich niemand zu wundern braucht. Bald trug Hussein ein Korsett und konnte sein letztes Stadium der Therapie beginnen. Fortschritte gewiss, Schritt um Schritt, schleppend langsam, doch gewiss Grund genug, um gefeiert zu werden im Beisein von Piet und Lina.
 
Die frohe Botschaft von Husseins Heilungsfortschritte erreichte auch den Scheich und Emir über die Botschaft seines kleinen Fürstentums am Persischen Golf, begleitet von Husseins Dankesbrief. Wie angetönt, erheischten die veränderten Umstände von Hussein und Piet eine entsprechend bereinigte oder geläuterte Struktur ihrer Zukunft. Sie wurden sich einig und beschlossen, weiterhin ihr Zweigespann aufrecht zu erhalten, denn beide waren zu jung für den Ruhestand. Auch Piet, der Seebär, sah ein, dass ein ruhiges Landleben für ihn viel zu langweilig wäre. Er könnte darüber zum Säufer werden, äusserte er sich.
 
Piet schloss sich auch Husseins Meinung an, etwas für die Wohlfahrt abzuzweigen, wiewohl weniger als Hussein von Gewissensbissen geplagt. Auf alle Fälle wollten sie ihren Lagerbestand von gestohlenen Artefakten loswerden und alle Spuren ihrer Vergangenheit tilgen – und zwar auf eine gerissene, doch keineswegs lautere Weise. „Ich kenne einen geschätzten ‚Winkeladvokaten’“, sagte der wendige Piet, „der unsere Schätze als Vermittler u.a. an die einstigen Besitzer verkaufen kann, mit der Auflage, dass ein Prozentsatz des Rückkaufbetrags an eine vom Besitzer gewählte Wohlfahrtsorganisation überwiesen werden muss. Damit fällt den Rückkäufern kein Stein aus der Krone, denn solche Spenden stärken ihr öffentliches Ansehen als Wohltäter. Ausserdem geniessen sie dabei Steuervorteile. Auch etliche von Hussein und Piet beraubte Stiftungen könnten für dieses Manöver gewonnen werden.“
 
„Du bist viel zu grosszügig“, sperrte sich der Holländer gegen Husseins Ansinnen, die Hälfte der Verkaufserlöse für diesen löblichen Zweck zu opfern, „schliesslich wird auch der Advokat eine saftige Kommission verlangen“, wandte Piet ein. Hussein wusste um den Wert ihres Diebesguts, Piet konnte gut rechnen. „Ein Drittel ist mehr als genug, Kommission inbegriffen“, rechnete er Hussein vor. Diesmal gab Hussein nach. Blieb noch das Risiko solcher Transaktionen einzuschätzen. „Wer das Risiko tilgt, zertrümmert die Chance“ – so hatte Hussein dieses Zitat jedenfalls einst aufgeschnappt. Beide waren vom Wahrgehalt dieses Zitats überzeugt, das erst noch von ihren eigenen Erfahrungen untermauert war. Nur müsse das Risiko so klein als möglich gehalten werden. Kein Schnüffler sollte sie fortan verunsichern.
 
Husseins und Piets Glückssträhne hielt an: Der Scheich meldete sich und lud sie und auch Lina gegen Ende Juli ins Palace Hotel in Montreux ein. „Was will er von uns?“ fragten sie sich. Doch die Aussicht auf erholsame Ferien am Gestade des Genfersees überwog ihre Bedenken. Dem Scheich, das wussten sie, schwebte eine arabischen Version von der Schweiz vor. Seine Interessen galten nicht nur Kamelen und Rennpferden, sondern auch seinem „Museum of Islamic Art“, dessen Sammlung Hussein und Piet beachtlich bereichert hatten … So kam es, dass sie eine Limousine vom Genfer Flughafen abholte.
 
Sie hatten den ganzen nächsten Tag für sich. Hussein liess sich neu einkleiden und wählte sich gleich ein halbes Dutzend bunte Seidenkrawatten aus. Piet stiess Husseins Rollstuhl in Luxugeschäfte, denn vorderhand konnte er nur wenige Schritte tun. Lina erschien ebenfalls frisch und geschmackvoll eingekleidet. Sie war sehr beeindruckt von ihrem 1. Aufenthalt in der Schweiz und bewunderte die bunten Blumenbeete der Uferpromenade entlang.  „Deine Krawatte passt ausgezeichnet zu diesem Blütenwunder“, sagte sie heiter.
 
Gegen Abend das 2. Tages erschien der Scheik begleitet von seiner Gattin Nummer 1. Der 60-jährige korpulente Scheik mit Doppelkinn kam ohne jeden Pomp in westlicher Kleidung. Wer spricht schon von Geschäften gleich beim 1. Treffen? Die Araber sind keine rotznäsige Amerikaner und haben viel bessere Manieren. Gutgelaunt plauderten sie miteinander. Hussein erfuhr von der Gattin des Scheiks, dass sie in Kairo aufgewachsen war, was zusätzlichen Gesprächsstoff sicherte. Lina beäugte besorgt die militärisch aneinander gereihten Bestecke, aber fand sich rasch zurecht, indem sie der gleichen Reihenfolge wie Hussein folgte, von der Vor- bis zur Nachspeise.
 
Auch am 3. Tag liess der Scheik die Geschäfte links liegen, denn es war der 1. August, der schweizerische Nationalfeiertag. Im „Le Petit Palais“ unweit des Hotels feierten sie mit. Der Scheik hatte das Feuerwerk für die Gemeinde gestiftet und wurde vom Gemeindepräsidenten begrüsst. Wer jemals diesem Feuerwerk über dem Genfersee beigewohnt hat, wird es nie vergessen. Und als das farbenprächtige Spektakel mit Knallerei vorbei war, machten sich die fremden Besucher und Einheimischen zufrieden auf den Heimweg – und die Promenade wurde, wie es sich gehört, für den nächsten Tag gesäubert.
 
Anderntags trafen sich Hussein und Piet mit dem Emir, während dessen Gattin Lina unter ihre Fittiche zum Einkaufsbummel nahm. Der kunstsinnige Scheich rückte mit der Sprache heraus: „Ich möchte Sie“, wandte er sich an Hussein „als Kurator meiner Sammlung gewinnen, denn ich beabsichtige, sie meinem Volk zu hinterlassen. Diesen Kulturschatz können sie viel besser als ich in ihrem ‚catalogue raisonné’ ins Bewusstsein der Kunstliebhaber heben und damit die geschichtliche Relevanz der islamischen Kunst für unsere Gegenwart hinweg in die Zukunft sichern. Dabei werden sie auch die weltweiten Kontakte mit den Kennern islamischer Kunst pflegen und Vorträge halten usw. Sie werden auch die Wahl neuer Erwerbungen fürs Museum bestimmen. Ich möchte mein kleines Ländchen dem Kulturtourismus erschliessen – als weltoffene Stätte der Kultur und des Wissens –  und Sie, Piet,“ wandte er sich an ihn, „haben ein ausserordentliches Organisationstalent, etwas, das uns Araber leider weitgehend fehlt. Meine Sammlung ist wirklich auf ihr Talent angewiesen.“
 
Hier hielt der Scheich kurz inne, ehe er fortfuhr: „Sie haben alle Bewegungsfreiheit, die Sie brauchen und sind nicht im Fürstentum eingebunden, ganz gewiss nicht während der heissen Jahreszeit. Ich werde noch einen Tag hier verbringen, aber muss dann zurückreisen, ehe ich von einem meiner Söhne entthront werde“, spasste er mit einer beigemengten Dosis Ernst. „Hoffentlich nehmen Sie mein Angebot an. Ausstehende Punkte lassen sich dann Morgen besprechen.“
 
Hussein unterdrückte seinen Jubel und richtete folgende Bitte an den Scheich: „Ein Eckpfeiler meiner Kontakte wird gewiss auch das Islam-Zentrum sein. Ich wäre wirklich erleichtert, wenn sie die entwendeten Manuskripte und Miniaturen zurückgäben. Sie werden gewiss auch verstehen, weshalb ich bei Neuanschaffungen keine krumme Wege mehr einschlagen will.“
 
„Einverstanden!“ versicherte der Scheich, verschmitzt lächelnd, und erhob sich.
 
Diese gänzlich unerwartete Entwicklung behagten Hussein sowohl als auch Piet. „Wir haben wiederum eine Klippe umschifft, hoffentlich die letzte“, sagte Piet sichtlich erleichtert.
 
„Und vom Persischen Golf bin ich in der Nähe von Kairo und kann meine vernachlässigten Eltern immer wieder besuchen“, sagte Hussein seinerseits erleichtert aufatmend.
 
Und Lina? Noch in Montreux bat er sie, seine Frau zu werden.
 
So verebbt die Erzählung hier märchenhaft sanft, wie die Wellen des Genfersees. Hussein war nicht mehr länger auf seinen Hochsprungstab angewiesen. Das gütige Schicksal hatte ihn ungleich höher gehisst und wird ihn hoffentlich nicht wieder fallen lassen.
 
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