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BLOG vom 22.07.2010


Sommerschwüle, Gewitter, Überraschung im Gästebett
Autorin: Rita Lorenzetti, Zürich-Altstetten
 
Unsere Gäste aus Paris sind heimgereist. Die Wohnung ist wieder in ihren Urzustand zurückgeführt. Die Bettwäsche ist gewaschen. Der Bettüberwurf aus Manchesterstoff liegt da wie immer. Es ist ihm nicht mehr anzusehen, dass er in jenes Gewitter hineingezogen worden ist, das viele Orte überschwemmt hat.
 
Vorausgegangen war ein Tag voller Sommerschwüle. Am Abend entschlossen wir uns, noch einen Spaziergang zu machen. Unsere Tochter Felicitas, die Enkelin Nora, Primo und ich. Wie üblich nach Schlierenberg. Dort oben treffen wir mehrheitlich auf angenehmere Temperaturen und erfrischenden Wind. So auch diesmal.
 
Aber vorher hatten wir noch eine überraschende Begegnung. Seit ein paar Monaten beobachten wir im Umfeld des Dunkelhölzlis ein ungefähr 30 Aren grosses neu eingerichtetes Gartenareal. Es ist die Gemüse-Anbaugemeinschaft „Pflanzplatz Dunkelhölzli", die hier gemeinschaftlich unter fachkundiger Anleitung und nach biologischen Richtlinien gärtnert.
 
An dieser Stelle beginnt die letzte Steigung für Schlierenberg. Hier tritt man aus den Wohnbaugebieten heraus. Für mich immer ein befreiender Moment, wenn sich nur noch Felder und Waldrand präsentieren und noch weiter oben dann die Sicht aufs Limmattal frei wird.
 
Diesmal blieb mein Blick an einer wunderschönen Frauenfigur hängen. Als Vogelscheuche wachte sie über den neu angelegten Pflanzplatz. Allgemein sind Vogelscheuchen simple Holzgestelle, bekleidet mit alten Hemden oder Blusen und Hüten. Ihr Kleid aber war ein mit orientalischen Ornamenten bestickter Mantel. Ihr langes, rotes Haar flatterte. Sie gab den Eindruck einer lebenden Person.
 
Ich stellte mich neben sie, streckte die Arme auch seitlich aus. Als Vogelscheuche Modell Nummer 2. Meine Familie konnte sich aber nicht für mich begeistern. Die geheimnisvolle Schönheit neben mir war einmalig. Wir bedauerten, dass wir keinen Fotoapparat bei uns hatten.
 
Wir gingen weiter. Keine 10 Minuten später überraschte uns ein giftiger Wind. Hier oben ist es immer kälter als im Tal, aber an diesem Abend war der Unterschied markant. Wir entschlossen uns, die Wanderung sofort abzubrechen und schnurstracks heimzugehen. In kurzer Zeit hatte der Himmel seine Farbe gewechselt. Er grollte und das schwere Grau erschreckte uns. Dass es hier nichts mehr zu spassen gab, zeigte uns auf dem Rückweg ein schwarzes, wirr zusammengedrücktes Stoffbündel am Querbalken des Vogelscheuche-Skeletts. Der Wind hatte die Schönheit umgebracht. Das, was von ihr übrig blieb, erinnerte vage an den Kadaver eines grossen, schwarzen Vogels. Jetzt wirbelte der Wind viel Staub aus den durchsonnten Kornfeldern über unseren Weg und auch in unsere Augen.
 
Dann eilte ich voraus, hatte Bedenken, die offenen Fenster unserer Wohnung seien vielleicht zu wenig gesichert. Das traf dann nicht zu. Tochter, Enkelin und Ehemann kamen hinterher, aber auch noch rechtzeitig, ohne nass zu werden.
 
Den Durchzug hob ich auf, öffnete aber in jedem Zimmer das Hauptfenster, um die frische Luft einzulassen und schloss jede Tür.
 
Dann setzte der Regen ein. In der Ferne zuckten Blitze. Und es donnerte. In unserem behaglichen Zuhause fühlten wir uns geschützt. Den Wetterverlauf verfolgten wir nicht weiter. Wir waren rechtzeitig heimgekehrt. Bald wurde es Zeit für Nora, schlafen zu gehen. Sie wünschte sich aber noch eine Geschichte. In aller Seelenruhe setzten wir uns in der Stube aufs Sofa und schauten zusammen ein altes Album an.
 
Und dann die Überraschung: Auf dem Gästebett lag ein See. Auf der Wetterseite schoss der Regen horizontal durchs offene Fenster ins Zimmer hinein. Das Bett in seiner Nähe bot sich als Auffangbecken an. Da Nora hier gerne herumturnte, war die Bettdecke in der Mitte eingedrückt. Auf sie liess sich das Wasser fallen. „Das ist ja der Seealpsee!“ rief ich, um meiner Unachtsamkeit etwas Humor hinterher zu schicken. Das Wasser durchdrang den festen Manchesterstoff und auch die Federdecke. Es dauerte 3 Tage – und diese waren sehr sonnig –, bis sich ihr Inhalt erholt hatte und der üble, modernde Geruch verschwand.
 
Während dieser Zeit wunderte ich mich öfters, wie es die Natur immer wieder versteht, uns ein Schnippchen zu schlagen und aufzuzeigen, dass wir unfähig sind, für totale Ordnung und Sicherheit zu sorgen.
 
Die schöne Vogelscheuche wurde vom unvermittelten Sturm gebodigt. Bis heute ist sie nicht auferstanden.
 
Aber ich habe sie, sehr ähnlich, sehr verwandt, in einem Bekleidungskatalog wieder gefunden. Die Ornamente des samtenen Mantels sind hier schlichter, aber die Erscheinung der ganzen Persönlichkeit erinnert stark an die Figur, die wir auf dem freien Feld bewundert haben.
 
Zu finden im Katalog "hessnatur" auf Seite 133. Diese angesehene Firma, die Produkte aus natürlichen Materialien anbietet und dazu versichert: „Was wir tun, tun wir vor dem Hintergrund höchster ökologischer und sozialer Standards oder gar nicht. Darauf können Sie sich verlassen."
 
"www.hessnatur.com" kleidet selbstverständlich keine Vogelscheuchen ein. Das ist das eine, was ich aus meinem Erlebnis herausfiltere. Das andere ist das Gemeinsame mit den Gemüsebauern. Beide wollen Erzeugnisse aus der Natur anbieten. Die gewachsene Schönheit und die Unversehrtheit ihrer Produkte stehen im Mittelpunkt.
 
Hinweis
Das Textatelier.com hat weder verwandtschaftliche Verbindungen noch irgendewelche geschäftliche Beziehungen zur Firma hessnatur. Grundsätzlich erfolgen alle Produkte- oder Firmennennungen nach freiem Ermessen der Autoren, wenn sie im Interesse der Nutzer und der Detailgenauigkeit sind.
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