Startseite 
Kontakt  °  Inhaltsübersicht  
Seite weiterempfehlen
     23. Januar 2018, 19:06 Uhr
 


Schlossportal
 Kundeneingang

 
 
BLOGs nach Datum sortiert Alle BLOGS zum Zurückblättern
BLOG vom 12.08.2010


Die Aareschlucht bei Regen: Materie, Form und Bewegung
 
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Gut 3 Stunden nach der üblichen Morgendusche im trauten Heim erhielt ich am 06.08.2010 ein 2. Giessbad: diesmal in der Aareschlucht bei Meiringen BE (www.aareschlucht.ch).
 
Nach mehreren Tagen mit starken Regenfällen führte die unermüdlich fliessende Aare auffallend viel Wasser. Verschiedene Wasserfälle sprangen von den hohen Felsen, lösten sich im Fluge zum Teil im Gischt auf und vermählten sich mit dem gefasst und zügig dahinfliessenden Aarewasser am Fusse der bis 180 Meter aufsteigenden Felsen aus dünn geschichtetem, geschiefertem und poliertem Kalk der Juraformation. Das Aarewasser wurde im Grimselgebiet, wohin mich meine Reise an diesem Tag noch führen sollte, bereits im jungfräulichen Stadium mehrfach seiner Energie beraubt und wirkte eher etwas müde. Die schmale, tiefe Klamm (= Schlucht) im Querriegel, eine Felsbarrikade, zwischen Meiringen und Innertkirchen im Berner Oberland, „Kirchet“ genannt, wurde von einem ergiebigen Regen ausgefüllt. Von den unteren Kanten der überhängenden Felsen rann das Regenwasser in dünnen Schnüren und traf nicht selten uns Wanderer auf dem seitlich im Fels verankerten Steg, wie es ihn seit 1888 gibt. Der Bretterboden war tropfnass. Selbst die in den 60 bis 130 Millionen Jahre alten, aus Meeresablagerungen entstandenen Fels gehauenen Umgehungstunnel standen beim Duschvorgang nicht zurück – grosse Tropfen fielen von dem oberen, kantigen Gewölbebogen. Gegen den Ostausgang war das eindringende Wasser so intensiv, dass es mit schräg aufgehängten Wellblechen direkt unter der Diele zur Seite geleitet werden musste.
 
Selbstverständlich kann man keine vom Wasser tief ausgesägte Schlucht bekommen, wenn man den Regen nicht will, wobei unser Wille von beschränkter Einflusskraft ist. Jedenfalls empfand ich die nasse Wanderung durch den rund 1400 m langen Einschnitt als komplettes Schluchterlebnis, spürte die wilde Schönheit und die urtümliche Eindringlichkeit hautnah, obschon ich selber zu über 70 % aus Wasser bestehe. Dabei bestätigte sich die Erkenntnis des englischen Philosophen und Staatsmanns Francis Bacon (1561‒1621), dass die tätige Materie, Form und Bewegung eine Einheit bilden. Die feuchte, alles durchfeuchtende Lage, in der ich mich befand, mit der ich sozusagen verschmolz, ermöglichte Erfahrungen aufgrund von Sinnesdaten, mit dem sich der Empirismus befasst, wenn es schon ein Fachwort sein muss.
 
Der Beobachter erkennt hier die gewaltigen Erosionskräfte des Flusses, die durch Sande, Steinchen und Steine im Wasser noch akzentuiert werden. Die Felsblöcke beidseits des manchmal bloss noch 1 bis 2 m breiten Schluchtgrunds, durch die sich die junge Aare zwängt, sind unterspült, und man muss damit rechnen, dass früher oder später grosse Teile von den senkrechten, manchmal überhängenden, gelegentlich etwas zurückweichenden Felsmassen abbrechen und in die Erosionskessel stürzen werden, wenn sie sich nicht zwischen den engen Felsen verfangen, ganz einfach, weil ihnen die Füsse wie mit einem Sandstrahlgebläse langsam, aber sicher, weggeschliffen werden. Kein Fels bleibt in der Brandung ruhig stehen, wenn ihm der Unterbau entzogen wird.
 
Die heutige Aareschlucht ist vielleicht etwa die 6. der hier in den Eiszeiten entstandenen Schluchten; ihre Vorgängerinnen sind ganz oder teilweise in der Moräne begraben, wie etwa die „Lautere Schlauche“ beim Eingang zur heutigen Schlucht, die parallel verläuft.
 
Die Erdgeschichte geht weiter, ohne Hast; die Zeit spielt keine Rolle. „Es ist gut, dass wir nicht wissen können, was morgen sein wird“, sagte eine reife, von einem Unfall gezeichnete Dame, die sich ebenfalls in dieses Naturwunder hinein gewagt hatte und sich klaglos durchkämpfte. Falls beklemmende Gefühle aufgetaucht sein sollten, beruhten sich nicht auf Zukunftsahnungen, sondern sie rührten von der Enge her.
 
In der Aareschlucht gibt es denn auch eine „Kleine Enge“ und eine „Grosse Enge“, wobei die Kleine Enge neben imposanten Gletschermühlen enger als die Grosse ist – „klein“ bedeutet also enger als „gross“. Dann verbreitert sich die Schlucht wieder. Die Aufweitung erfolgte durch Abwitterungsvorgänge und Abstürze. Von der nördlichen Seite stürzt der Schraeybach in die Schlucht, im Gegensatz zu Bungee-Springern ohne Seil.
 
Man kommt an einem Bergabsturz vorbei, und nach der Biegung nach Süden öffnet sich auf der gegenüberliegende Seite die „Trockene Lamm“, eine inzwischen mehr oder weniger trockene Seitenschlucht. Und auch die Luke einer militärischen Kaverne ist auszumachen. Feinde, die sich hier versteckt durchzwängen wollten, waren auf aussichtslosem Posten.
 
Interessant ist, wie sich viele Pflanzen in der Schlucht niedergelassen haben, von Moosen und Farnen über Mauerrauten, Glockenblumengewächse bis zu Bergahornen und Eschen, alles was Kalk und Feuchtigkeit liebt, Kletterpartien schätzt und mit wenig Licht auskommt. Nur gelegentlich verfangen sich hier ein paar Sonnenstrahlen in dieser bizarren Welt, in der alles nach unter strebt.
 
Tiere sind hier weniger häufig, abgesehen vom legendären Tatzelwurm, den man auch Stollenwurm nennt und den der Berliner Fotograf Balkin (der Vorname ist unbekannt) gesehen und fotografiert haben will: die Miniaturausgabe eines Drachen oder wohl eher ein Hirngespinst. Immerhin kommt die zuerst von der „Berliner Illustrierten Zeitung“ 1935 verbreitete Legende und Beschreibung von diesem Tier, eine sehr dicke, von Schuppen bedeckte Schlange mit Füssen, einem grossen Maul mit einem Kranz spitziger Zähne, noch heute gut an. Der Tatzelwurm ist zum Logo der Aareschlucht mutiert, ist als solches weit weniger schrecklich anzusehen als das Original, wenn man dem so sagen darf.
 
Da der Tatzelwurm im Haslital angeblich eher bei schwüler Hitze auftaucht, habe ich ihn an jenem Regen-Freitag selbstverständlich nicht sehen können. Darunter litt ich nicht besonders, zumal die Aareschlucht als Naturwunder mein Bedürfnis nach Wunderbarem, das einen in seinen Bann zieht, hinreichend abdeckte. Schliesslich kann man auch den Wunder-Konsum übertreiben.
 
Hinweis auf ein Blog über die Aareschlucht von Rita Lorenzetti
Ihre Meinung dazu?

 
Nach oben  
Alle Blogs
Liste der bisher erschienenen Tagebuchblätter
Blogs nach Autoren
Blogs nach Autoren
Artikel nach Autoren
Wer was geschrieben hat
  Twitter
Wir sind auch auf Twitter, ebenso unsere Gedankensplitter
 
   
  © 2002-2017 Textatelier