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BLOG vom 31.08.2010


Wolfsschlucht Thal: Steilwände, Höhlen, augenlose Spinne
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
„Höhlen und Schluchten sind eine Welt für sich.
Noch heute bergen sie viele Geheimnisse und geben den Forschern Rätsel auf.“
(Vorwort auf der Tafel 2.2 des Jurawegs)
*
Vor vielleicht 15 Jahren war ich schon einmal in der wildromantischen und wunderschönen Wolfsschlucht im Schweizer Jura bei Welschenrohr. In Erinnerung blieben mir die unglaublich imposanten Felswände und ein überhängender riesiger Steinklotz.
 
Nun war es wieder an der Zeit, diese Schlucht aufzusuchen. Am 26.08.2010 fuhren wir – Ewald Greiner, Wanderführer Toni Fitting und ich – auf der Autobahn von Lörrach D über Rheinfelden nach Balsthal (Autobahnausfahrt Oensingen/Balsthal). In Balsthal (Kanton Solothurn) führte uns die Strasse in Richtung Welschenrohr (ebenfalls im solothurnischen Bezirk Thal) bis zur Bushaltestelle Wolfsschlucht, die sich mitten im Wald befindet. Dort ist ein kleiner Parkplatz, wo wir das Auto abstellten. Dann wanderten wir etwa 50 m auf der linken Seite zurück und erreichten beim Hammerrain (603 m ü. M.) den Einstieg zur Wolfsschlucht.
 
Bevor wir eine Brücke am Tannbach überquerten, studierte ich die 1. Infotafel. Diese informiert die Wanderer über Fledermäuse, Spinnen und Höhlenbewohner, die hier ihr Dasein fristen. So wurde in den Höhlen im Bezirk Thal (hinter einer Jurafalte zwischen Olten und Solothurn) eine augenlose Höhlenspinne entdeckt. Die Spinne lebte früher auf der Erdoberfläche, dann mutierte sie zur Höhlenbewohnerin.
 
Das seltene Tier wurde wissenschaftlich erst zweimal nachgewiesen. Es gibt aber auch echte Höhlenbewohner. Bisher wurden 53 verschiedene Arten in den Höhlen aufgespürt. Einige davon sind selten und können nur in den geschützten Räumen dieser Höhlen überleben.
 
Im unteren Teil der Tafel ist der Juraweg Thal, der durch die Wolfsschlucht führt, eingezeichnet. Dieser Weg führt von Holderbank SO über Balsthal, Laupersdorf, Matzendorf, Herbetswil, Welschenrohr nach Gänsbrunnen. Es sind aber auch Abzweigungen zum Beispiel nach Mümliswil und Ramiswil möglich. Insgesamt gibt es auf dem Juraweg Thal 57 Informationstafeln mit Hinweisen zur Geschichte, Natur und Geografie.
 
Malende und ein riesiger Felsbrocken
Nachdem wir die Tafel studiert hatten, ging es über die besagte Brücke und von dort in die Schlucht hinein. Schon nach wenigen Schritten türmten sich links und rechts hohe Felsen (in der Schlucht sind bis 100 m hohe Felsen) auf. Der markanteste Brocken war ein gewaltiger, überhängender Fels, der zwar noch fest verankert war, aber es wurde mir doch etwas mulmig, als wir auf dem darunter befindlichen Weg vorbeiliefen. Irgendwann dürfte dieser Fels herabstürzen, aber bitte nicht gerade, wenn tapfere Wanderer vorbei gehen.
 
Im unteren Teil der Schlucht sahen wir nur wenig Wasser im Bachbett. Im mittleren und oberen Teil der Schlucht war das Bachbett ausgetrocknet. Überall lagen bemooste Baumstämme in der Nähe des Wegs oder im Bachbett. Es sieht angenehm unaufgeräumt aus. Das ist ja so beabsichtigt, da das Gebiet ein kantonales Naturschutzreservat ist und nichts verändert werden darf.
 
Vom Anfang bis zum mittleren Teil der Schlucht sah man einige Hobbymaler, die ganz in ihr Metier versunken waren und markante Schluchtenpartien mit Bleistift oder Aquarellfarben auf Papier bannten. Wie ich später auf dem Rückweg, der uns ebenfalls durch die Schlucht führte, vom Veranstalter Heinz Kropf (www.heinzkropf.ch) erfuhr, sind das Mitglieder, die sich intensiv mit der Malerei in diversen Kursen befassen: „In Tages- oder Halbtagesausflügen werden wir das Beobachten vorerst in Skizzen und Zeichnungen festhalten und dabei die Bildkomposition üben. Anhand der Kompositionsskizzen wird uns die spätere Umsetzung in die Malerei leichter fallen“, sagte der sympathisch und jugendlich wirkende und in 8125 Zollikerberg CH wohnende Heinz Kropf.
 
Weiter gingen wir über Steine, Wurzeln, Brücken, Stege in die Höhe. An manchen Stellen der Schlucht sahen wir Höhlen und in den Felsen seltsam geformte Löcher. Die 2 grössten Höhlen sind übrigens mit Sitzbrettern und Feuerstellen ausgerüstet. Der vordere Bereich der jeweiligen Höhle war russgeschwärzt. In einem kleinen Loch in einer Höhle entdeckte Ewald eine leere Plastikgetränkeflasche, die ein schlecht erzogener Besucher hineingestopft hatte.
 
In der Schlucht war es infolge einer Luftströmung angenehm kühl. Wenn ich mit dem Fotografieren etwas zu lange herumhantierte und Ewald langsamer daherschritt, mahnte uns Toni zum Weiterlaufen, da er beim Stehenbleiben fröstelte. Wir fröstelten nicht, sondern schwitzten.
 
Mühsamer Aufstieg zur Almwirtschaft
Nach Durchquerung der Schlucht erreichten wir auf einem Weg im Zickzack den Tufftbrunnen (952 m ü. M.). Der Wanderer kann sich entscheiden, ob er zur Bergwirtschaft „Tannmatt“ geht (50 Minuten) oder nach Mieschegg und zum Hinter Brandberg (1 Stunde). Wir wählten den angeblich kürzeren Weg. Es ging bergab bis zu einer geteerten Fahrstrasse, die nach Mieschegg führt. In der Nähe des Wanderschilds entdeckten wir hinter einem Gatter an einem Baum ein Schild mit der handschriftlichen Notiz „Nach Hinter Brandberg“. Wir freuten uns, dass wir erstens nicht die geteerte Strasse entlang laufen mussten und zweitens auf die Einkehr in der Almwirtschaft Hinter Brandberg (1162 m). Gut gelaunt schritten wir einige Meter einem Trampelpfad entlang. Aber dieser wurde immer matschiger und war von den Hufen der Kühe so malträtiert, dass man nur mit Mühe weiterkommen konnte. Nach einer kurzen, vorgezogenen Vesperpause in der Nähe eines steinernen Kreuzes wanderten wir weiter. Der Weg wurde etwas besser, aber bald war er wieder mühsam zu bewältigen. Weit und breit sahen wir keine Rindviecher, nur die Zweibeinigen lustwandelten in die Höhe. Nach etwa 45 Minuten der Stapferei hörten wir Kühe mit ihren Glocken läuten. Nun konnte es zur Almwirtschaft nicht mehr weit sein. Wir erklommen einen letzten Berg, krochen unter dem unteren Draht eines Elektrozaunes bäuchlings hindurch und erreichten den geteerten Weg, der uns dann direkt zur Almwirtschaft führte. Der Aufstieg von unserem Rastplatz dauerte 1 Stunde. Von hier oben hatten wir einen sehr schönen Blick auf die Juraberge und die in der Ferne herübergrüssende Alpenkette.
 
Für Botaniker ist der Aufstieg zur Almwirtschaft sicherlich auch interessant. Ich sah grosse Areale der Rossminze (Méntha spicáta), die Silberdistel, die Nickende Distel und die ersten Herbstzeitlosen, die den nahen Herbst ankündigten. Die Herbstzeitlose, die von August bis Oktober blüht, enthält das Zellgift Colchicin. Dieser Stoff kommt heute nur noch bei akuten Gichtanfällen oder bei Unverträglichkeiten von alternativen Arzneien zur Anwendung.
 
Herrlich erfrischender Most
In der Nähe der Almwirtschaft lagen oder standen die besagten Rindviecher und waren mit dem Wiederkäuen beschäftigt. Ich dachte mir, die Tiere seien schlauer als wir Zweibeiner. Die Kühe fressen (und dabei noch das Richtige auf der Alm), wandern nur bei der Futtersuche herum und legen sich dann zum Wiederkäuen faul in die Sonne, um sich auszuruhen. Der bewegungsfreudige Mensch strapaziert sich, hat weniger Ruhe und strebt immer nach Höherem.
 
Aber wir belohnten uns. Wir tranken auf der Gartenterrasse der Almwirtschaft mit Genuss den kühlen Apfel-Most, der hier in der Schweiz sehr beliebt ist. Der Most mit 4 % Alkohol war sehr süffig, und wir hatten dann keine Mühe beim Abstieg. Auf ein reichhaltiges Mittagsmahl verzichteten wir, da wir ja 1 Stunde vorher gevespert hatten.
 
Wie ich aus der Speisekarte auf der 1. Seite ersehen konnte, wurde der älteste Teil der Almwirtschaft vor über 200 Jahren erbaut. Der Hinter- und Vorderbrandberg gehört einer rechtsamen Genossenschaft. Die Besitzer haben noch alle Kuhrechte, die weitervererbt oder selten auch verkauft werden. Die Bergwirtschaft und die Landwirtschaft werden seit 1994 von William und Verena Béguelin betrieben. Im Sommer weiden hier oben etwa 100 Sömmerungsrinder und einige Mutterkühe. Und diese prächtigen Tiere sahen wir ja in der Nähe des Hofs.
 
William Béguelin ist gelernter Landwirt, war 20 Jahre Fernfahrer in vielen Ländern. Seine Frau, Verena Béguelin, ist gelernte Bäcker-Konditorin und Hausfrau. Dann folgte noch ein Hinweis in der Speisekarte auf ihre 4 Kinder: „Unsere Kinder Corinne, Jeannette, Sven und Mike sind ausgeflogen und haben alle einen eigenen Hausstand.“
 
Nachdem unser Durst gestillt war, ging es auf schmalen Pfaden durch ein Luchs-Revier bergab. Als Toni in einem flacheren Waldgebiet kurz vor der Abzweigung nach Welschenrohr 2 Parasole fand, wollte ich auch einige dieser schmackhaften Pilze entdecken. Toni hatte wohl keine Lust mehr, um nach Pilzen zu suchen. Aber meine scharfen Augen konnten dann noch 6 weitere Pilze erblicken, die ich einsammelte. Die Pilze erhielt unser Wanderführer Toni, der sich dann zu Hause ein schmackhaftes Mahl zubereitete.
 
Dann wanderten wir durch die Wolfsschlucht zurück zu unserem Parkplatz. Noch einmal konnten wir das eindrückliche Naturschauspiel mit den Felswänden, Höhlen und Auswaschungen geniessen, die der Tannbach während vieler Jahrtausende geschaffen hat (eine Altersangabe zur Schlucht konnte ich nirgends finden).
 
Wir fuhren dann über Balsthal, Liestal und Rheinfelden wieder zurück nach Lörrach D. In Balsthal und anderen Orten sahen wir immer wieder englische Bezeichnungen für Lokale, Werkstätten etc. – ist das Englisch wohl die 5. oder gar die 1. Landessprache der Schweiz? Auch fuhren wir an einem Tea Room vorbei. Da erinnerte sich Ewald an eine Episode, die er von einem Bekannten vor etlichen Jahren erzählt bekommen hatte. Als nämlich ein Bäuerchen aus Südbaden, der von Englisch keine Ahnung hatte, mit einem Reisebus durch die Schweiz fuhr, und dann immer wieder das Schild Tea Room entdeckte, sagte er: „Die Frau Tea Room (er sprach das so aus wie geschrieben), muss reich sein, die hat ja viele Lokale.“
 
Fazit: Es war eine unglaublich interessante, aber anstrengende 4-stündige Wanderung. Wir mussten eine Höhendifferenz von über 600 m überwinden, zumal wir etwas abwärts wanderten und dann wieder bergauf gingen. Wir werden das wildromantische Tal sicher noch einmal durchqueren, aber dann auf ausgeschilderten und besser begehbaren Wegen. Wege für Rindviecher werden wir in Zukunft eher meiden.
 
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