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BLOG vom 24.09.2010


Italienreise 5: Die Dörfer, die auf und an den Anhöhen sitzen
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Wie steinerne Kappen, die mit vielen Zacken und Unregelmässigkeiten ausgestattet sind, sitzen viele Dörfer in der Toskana (wie auch in Ligurien, im Piemont usw.) zuoberst auf Hügeln. Umfassungsmauern erinnern, betrachtet man sie aus Distanz, an die gekrümmte Krempe, den Hutrand. Und tritt man in sie ein, findet man sich in einem Gewirr von verwinkelten, steilen Gassen, in denen manchmal ein vereinzelter Automobilist oder ein Motorradfahrer, wahrscheinlich mit Spezialbewilligung, unterwegs ist. Auf kleinen, schattigen Vorplätzen haben sich Cafés eingerichtet, die sich ins dunkle Haus hinein fortsetzen, und daneben versprüht eine Konditorei mit unter Zuckergüssen begrabenem Gebäck intensive Vanillindüfte. Das Vorbeigehen wird verunmöglicht.
 
Massa Marittima
Nicht alle Dörfer sind ganz oben, sondern einige kleben einfach am Hang, wie etwa Massa Marittima, fast 20 km landeinwärts, von Follònica aus betrachtet. Der von Maremmen abgeleitete Name Marittima weist daraufhin, dass die Sumpfzone einst weit in den mittleren Teil des Italien-Stiefels reichte (Massa steht für ein grösseres Landgut), so dass sozusagen eine Flucht den Hang hinauf an Lagen angezeigt war, die weniger Anziehungskraft auf die Mückenschwärme hatten.
 
Massa Marittima liegt rund 400 Meter über dem Meeresspiegel am Travertinhügel. In der Literatur wird die Gründung dieser Stadt mit ihren knapp 9000 Einwohnern nicht auf die Flucht vor Moskitos (Moscerini) und damit vor der Malaria zurückgeführt, sondern auf die Verlegung des Bischofssitzes von Populonia im 9. Jahrhundert. Griechische Piraten hatten Populonia zerstört, und der Bischof floh mit den Gebeinen des heilig gesprochenen Cerbonius in diese Hügelzone, die auch durch Eisenerz- und andere Metallvorkommen glänzt – deren Namen Colline Metallifere beweist das; doch der Bergbau ist unrentabel geworden, und die Erze bleiben heute unbehelligt. Griechische Piraten zerstörten die Stadt; die Sarazenen, vom Eisen angelockt, eroberten den Ort im 10. Jahrhundert, und es dauerte bis ins Hochmittelalter, bis Massa Marittima insbesondere unter der Herrschaft Sienas wieder aufblühte.
 
Ursula und Fernand („Sepp“) Rausser entführten uns am Morgen des 07.09.2010 dorthin, weil dem Sepp unter anderem die mehrfach abgewinkelte Treppe besonders gut gefällt, auf dem der Dom San Cerbone an der Piazza Garibaldi thront. Meistens sitzen viele Menschen auf der Treppe am Fusse der Kathedrale und ergeben ein Bild, das der talentierte Fotograf Rausser natürlich zu schätzen und im richtigen Ausschnitt festzuhalten weiss. Die Baugeschichte des Doms hat schon vor über 1000 Jahren begonnen.
 
Am oberen Rande des eindrücklichen, mittelalterlichen Platzes, an der Via Libertà, tranken wir im Caffè Michelangelo Kaffee und Wasser, und dort trafen wir auch den seit Jahrzehnten hier ansässigen Schweizer Technischen Berater Paul Claus und dessen aus Italien stammende, kunstgewerblich tätige Frau. Ich nutzte die Gelegenheit, diesen landeskundigen Landsmann zu fragen, wie denn die Wasserversorgung der Dörfer auf den Hügelkuppen bewerkstelligt werde. Auf alten Darstellungen sei oft zu sehen, wie Frauen das Wasser in Tonkrügen in die Höhe tragen mussten. Auch wurden Sodbrunnen gebaut, und manchmal konnte man sich mit Artesischen Brunnen behelfen, wo ein Grundwasserleiter mit sogenannt gespanntem (unter Druck stehendem) Grundwasser vorhanden war. Wenn es in der Gegend höhere Hügel gibt, kann von diesen Wasser bezogen werden. Jedenfalls muss man sich schon einiges einfallen lassen.
 
Ganz im Allgemeinen ist die Wasserknappheit ein bekanntes Problem der Toskana, so dass vielerorts das Regenwasser von versiegelten Flächen aufgefangen, gespeichert und in einem eigenen Brauchwassernetz zu Bewässerungs- und Spülzwecken verteilt wird.
 
In diesem Zusammenhang muss selbstredend auf die vielen Thermal- und Mineralquellen der Toskana hingewiesen werden, die schon in historischen Zeiten genutzt wurden. Sie führen manchmal schwefel- und alkalihaltiges Wasser und werden zu Heilzwecken eingesetzt. Die Montecatini-Therme zwischen Pisa und Florenz ist eine der bekanntesten; hier werden Trinkkuren gegen Leber-, Gallen-, Magen- und Darmleiden sowie Behandlungen gegen Diabetes, Rheuma, Hautkrankheiten und Atembeschwerden angeboten.
 
Castagneto Carducci
Ein besonders lebendiges und ansprechendes Dorf ist Castagneto Carducci, zu dem auch der Ortsteil Bolgheri mit seiner grandiosen Zypressenallee gehört (Blog „Italienreise 1“). Ursula und René Salathé empfingen uns in ihrem dortigen sorgfältig und mit Sinn fürs Ursprüngliche renovierten Ferienhaus zu einem Aperitif; die beiden leben sonst in Reinach BL; der Historiker, Volkskundler, Geograf und Biologe René Salathe war Rektor des Gymnasiums Oberwil BL und verfasste und verfasst verschiedene regionalgeschichtliche Werke. Ursula Salathé ihrerseits ist Kunstschaffende im Atelierhaus GSMBA/Visarte in Birsfelden BL.
 
Das Ehepaar führte uns durch den Ort, wo am 05.07.2005 Alexandra Prinzessin zu Sayn-Wittgenstein-Sayn den Grafen Stefano Hunyady von Kéthely heiratete. Ich erwähne das nicht aus irgendwelchen glückspostalischen Gründen, sondern weil der Adel hier noch immer eine bedeutende Rolle spielt. Es sind die Grafen Della Gherardesca, welche das Städtchen im 17. Jahrhundert nicht nur gegründet haben, sondern noch heute dominierend beeinflussen. Ihre Residenz liegt zuoberst im Dorf und ist von einer hohen und gepflegten Natursteinmauer umrahmt. Dem Grafen gelang es zu verhindern, dass eine Naturstrasse unterhalb des Orts geteert wurde, um das Verkehrsaufkommen nicht zu begünstigen, was ihn sympathisch macht. Neben der staubigen Strasse machte uns René Salathé auf Spritzgurken (Ecballium elaterium) aufmerksam; bei einigen reifen Exemplaren, die unter hohem Turgordruck (Zellsaft drückt auf Zellwand) standen, konnten wir den Ausbreitungsmechanismus des Satftdruckstreuers auslösen – ein kräftiger Strahl, der mehrere Meter weit reichen kann, eine Art von Samenerguss, dessen Vitalität demjenigen von uns hochpotenten Männern kaum nachsteht.
 
Das Städtchen im Zentrum der Etruskerküste (Costa degli Etruschi) ist reizvoll, bietet ein erstaunliches kulturelles Programm. Dazu gehören das Wein- und Gastronomiefestival „Castagneto a tavola“, das internationale Musikfestival „Caleidoscopio“ und das klassische Radrennen „Gran Premio Costa degli Etruschi“. An der Rathaus-Fassade (Palazzo Pretorio) ist eine Lampe montiert , die jeweils für längere Zeit aufleuchtet, wenn irgendwo auf der Welt ein zum Tode Verurteilter begnadigt wurde; während unseres Besuchs war sie nicht in Betrieb. In der talseitigen Fortsetzung des Rathauses ist die romantische, von Läden mit besten Weinen und Ölen, Restaurants und neben anderen Handwerksgeschäften sogar einer Schneiderei gesäumte Hauptstrasse, die unten am Abhang ihr Ende findet. Besonders angenehm fällt ein Laden mit regionalen Produkten auf, der sich am Ende zur Hügellandschaft öffnet, also durchsichtig ist. Der Ort hat mannigfaltige Reize. Von natürlichen, zu Parkanlagen umgestalteten Terrassen aus lässt sich die Maremma überblicken, die heute auch landwirtschaftlich genutzt wird. Der Dichter Giosuè Carducci, der dem Ort zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Namen gab, hatte beste Motive für poesievolle Beschreibungen.
 
Campiglia Marittima
Zu den schönen Hügelorten, die wir an verschiedenen Tagen besucht haben, gehört Campiglia Marittima, zu dem auch Venturina als Ortsteil gehört und wo wir unser Feriendomizil hatten. Es ist eine prachtvolle Anlage, wohl eines der regionstypischsten alten, gemauerten Städtchen mit geringer Brandgefahr und entsprechend geringem Löschwasserverbrauch, der Topografie angepasst. In all diesem verdichteten Wohn- und Lebensraum, in der jeder Kubikmeter ausgenützt ist, wurde das Kunststück fertiggebracht, die Proportionen zu wahren, das Ganze, das wohl immer wieder aktuellen Bedürfnissen dienstbar gemacht wurde, als Einheit zu erhalten. Daran hätte Giuseppe Garibaldi (1807‒1882), der unverwüstliche italienische Freiheitsheld und Anführer des Risorgimento, der Einigungsbewegung, gewiss noch heute seine Freude. Selbstverständlich findet man auch in Campiglia Marittima ein Denkmal von ihm. In dessen Nähe, an der Piazza della Repubblica 7, tranken wir in der „Wine-Bar La Panca“ einen Aperitivo dolco poco alcolico auf Zitronensaftbasis zu gesalzenen Erdnüssen.
 
Mitten im Städtchen war eine Ausstellung von Werken einiger Künstler aus der Region zu sehen, welche die Frage, was denn Kunst sei, zwar aufwarf, aber unbeantwortet liess. Kunst darf in ihrer Zweckfreiheit alles, exakt darstellen (wie Mauro Ghizzani), kleckern, abstrahieren, dekorativ malen (Camilla Riccardi), und man ist dankbar, wenn hier und dort eine Aussage erkennbar wird. Das Gemälde, das eine verschmutzte, rauchende, rostige Industrielandschaft darstellt und die alles zu erdrücken scheint, weist in ein eine andere, vielleicht aussertoskanische Welt, rüttelt auf. Wer im Übrigen nicht drauskommt, ist selber schuld.
 
Die Ausstellung hätte man überall antreffen können, nicht aber die stilvollen Ausstellungsräume auf 2 Etagen mit ihren Wölbungen und Nischen und die gesprächige Ausstellungsbetreuerin, die sich für unser Herkommen interessierte und von den unangenehm windigen Wintermonaten erzählte, wenn die Oliven eingefahren sind und das Öl separiert ist. Wir sehen und erleben immer nur Ausschnitte, nur ein Fragment eines mehrdimensionalen Gesamtwerks, das wir ohnehin nicht verstehen.
 
Hinweis auf die vorangegangenen Blogs über die Italienreise 2010
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