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BLOG vom 29.09.2010


Italienreise 8: Die ewige Winterlandschaft der Alpi von Carrara
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Jedesmal, wenn ich südlich von La Spezia dem Ligurischen Meer entlang fuhr, beeindruckten mich in der Ferne die weissen Berge oberhalb von Cararra. Und als wir am 05.09.2010, einem sonnigen Sonntag, nach der Ausfahrt Carrara nach links (Osten) schauten, schien mir die Gebirgswelt auf einer noch grösseren Fläche weisser denn je. Schnee war das bei diesen Temperaturen um 30 Grad C nicht. Kurzerhand entschloss ich mich, die nächste Ausfahrt (Massa) zu benutzen. Vor der Maut-Barrikade drehten wir um und fuhren auf einer untergeordneten Strasse in der Gegenrichtung Carrara entgegen. Eine gewundene, himmelwärts strebende Skulptur aus weissem Marmor in der Mitte eines Verkehrskreisels hiess uns am Ortseingang willkommen. Wir steuerten den Berg La Pizza (951 Meter) und das Refigio Carara an.
 
Museum mit Kiosk
Etwas oberhalb des Dutzend-Städtchens Carrara, das vom Glanz seines Weltruhms zu meinem Erstaunen praktisch nichts abbekommen hat, aber zusammen mit dem nahen Pietrasanta über mehr als 100 Steinmetzwerkstätten verfügt, ist ein Museum eingerichtet, das dem weissen Marmor gewidmet ist. Dazu gehört ein opulenter Kiosk, der allerhand Marmor-Gebrauchsgegenstände wie Wallhölzer, die man etwa zur Nudelproduktion verwenden kann, und dekorative Kunstwerke anbietet. Darunter sind zum Beispiel aus verleimtem Marmormehl gegossene Fingerhüte, auf denen die Abbaugeschichte, bildlich miniaturisiert, erzählt wird, für 2 Euro, und andere billige Souvenirartikel, ebenfalls aus Marmorstaub gegossen, füllen die Regale. Die auskunftsfreudige Verkäuferin macht keinen Hehl daraus.
 
Draussen, im Umfeld des Museums, ist ein aufgebockter Dampfzug zu sehen, dessen Wagen mit schweren Marmorsteinblöcken beladen sind, und auf der schwarzen Lokomotive stehen in Marmor gehauene Figuren in unschuldigem Weiss. Ein segnender Pater in Lebensgrösse schreitet der Werkbahn voraus; seine Kutte ist braun bemalt, und wo die Deckfarbe wegen des Regens und Dauersegnens abgeblättert ist, kommt der weisse Marmor zum Vorschein. Auf der anderen Seite der Ausstellung sind viele Akte zu sehen; eine Venus steigt aus der Muschel heraus. In Marmor gehauene Bergwerkarbeiter rufen ins Bewusstsein, dass die Erotik nur einen Teil des Lebens ausmacht.
 
Richtig belebt wurde die Anlage, als die beiden Bildhauer Marco Ambrosini (www.ambrosiniscultura.com) und Alessandro Mosti (www.mostialessandro.it) angekommen waren, um ihre Arbeit aufzunehmen – muskulöse Männer aus Fleisch und Blut. Einer von ihnen warnte mich vor dem ankommenden Staub, zog die Kopftücher fest und setzte seine Elektrosäge in Betrieb. Innerhalb der gewaltigen Wolke machte sich der Bildhauer Ambrosini mit entblösstem, stark tätowiertem Oberkörper, Mundschutz und kurzer, orangefarbener Hose ans Werk. Er begann damit, Fragmente eines aus dem weissen Stein herauswachsenden menschlichen Körpers zu bearbeiten; das fertige Kunstwerk hatte er in leicht verkleinertem Massstab als Modell angefertigt. In der Werkstatt, an deren Hinterwand „Mosti Ambrosini“ mit grossen Buchstaben stand, befanden sich hinter einem Gitter Meisterwerke, die unsere volle Bewunderung abverlangten: Köpfe, gezwirbelte und gekrümmte lange, innen hohle, der Natur nachempfundene, meterlange Fantasieformen, welche ein ausgesprochenes Talent verraten.
 
Hinauf zu den Steinbrüchen
Das alles war die ideale Einstimmung im Hinblick auf mein Ziel: das Erleben der berühmten Steinbruchlandschaft im Dreieck von Genua, Padua und Pisa aus der Nähe. Wir fuhren die Strasse weiter bergan und kamen zu einer Verzweigung: Nach links führte ein rabenschwarzer, unbeleuchteter Tunnel mit Dimensionen, die zu einem Mittelklassewagen passen, und nach rechts stieg die asphaltierte Strasse durchs offene Gelände an. Eva empfahl angesichts des schwarzen Lochs dringend, die rechte Strasse als die richtige;  mich aber interessierte die linke Seite, und da ich am Steuer sass, konnte mich nichts und niemand daran hindern, in das unheimliche Schwarz einzutauchen, dessen Wände und Decke mit spitzen, angedunkelten Steinen an frühere Sprengarbeiten und Abgasschwaden erinnerten. Nach einer vorsichtigen Fahrt mit eingeschalteten Scheinwerfern zeigte sich endlich etwas Licht am Ende des Tunnels, und auch Eva musste jetzt zugeben, dass ich die richtige Seite erwischt hatte. Die weisse, wilde und von gewaltigen Steinabbaugebieten verwundete Landschaft war uns näher gekommen. Die Strasse führte steil aufwärts, und abgesehen von einem jungen, ineinander verschmolzenen Paar auf einem Motorrad, das uns winkend entgegenkam, war kein Mensch weit und breit. Schwere Baumaschinen standen weit oben im Steinbruch, der wie eine überdimensionierte Treppe aussah, die Sonntagsruhe geniessend. Auf einen weissen Felsbrocken war die nationalsozialistische Parole „Arbeit macht frei“ sorgfältig aufgemalt. An Sonntagen gilt das hier nicht.
 
Über uns erhoben sich auf beiden Seiten zackige Kämme, Gebirgsgrate und Gipfel, wie sie zu den Apunalalpen gehören und aus Kalken und Dolomiten der Trias (Erdmittelalter) bestehen. Sie haben sich in diesem Bereich starker Hebung in den festen, wertvollen Marmor umgewandelt, wie ihn die Bildhauer zu schätzen und bearbeiten wissen. Er wurde schon in der Antike und dem anschliessenden Mittelalter, vor allem in der Renaissance, für die grossartigen Bildwerke Michelangelos und anderer Künstler abgebaut. Das Multitalent Michelangelo Buanarroti, Bildhauer, Maler, Baumeister und Dichter, liess es sich nicht nehmen, die besten Stücke höchstpersönlich zu bestimmen und deren Freilegung zu überwachen, die 8 Monate dauerte, wie sein Zeitgenosse Giorgio Vasari im Buch „Das Leben des Michelangelo“ überliefert hat; das war zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Ein besonderer Anlass war der Auftrag des ehrsüchtigen Papsts Julius II. (1443‒1513), Vater von 3 Töchtern, der das Verbot der Schwagerehe abschaffte, für ihn ein monumentales Grabmal zu schaffen, wohl auch, um seine Berühmtheit als Heerführer zu markieren. Sein gewaltiges Einkommen investierte er in zahlreiche Paläste, die er bauen liess. Seine sparsame Seite aber zeigte er bei den Entlöhnungen.
 
Grosse Marmorblöcke wurden und werden im Bruch aus dem anstehenden Gestein herausgehauen, gesägt und dann mit Traxen, Seilbahnen, Kränen, riesigen Trucks, Lastwagen und Radladern (früher: Fuhrwerken, Ochsengespannen) zu Tal gebracht. In der Talebene von Carrara reihen sich jetzt Schleifereien und Berge von Marmorblöcken aneinander; man sieht das auch von der Autobahn aus. Ein grosser Teil der wertvollen Steine wird über die Häfen Marina di Carrara und Marina di Massa exportiert.
 
Ravaccione
Wir waren inzwischen ganz oben angekommen, wo auf einer zerschlissenen Ortstafel „Ravaccione“ steht, es aber keine bewohnten Gebäude, sondern nur Betriebsgebäude und eine rostige Eisenkonstruktion zur Überbrückung der Strasse gibt. Immerhin tauchte ein älterer, angegrauter und freundlicher Arbeiter mit auffälligen Zahnlücken mit einen Dreiradgefährt auf, auf den ich sofort zuging, dem ich mich vorstellte und unser Interesse bekundete. Er war eine sturmfeste Person, wie man sich einen Cavatori, einen Steinbrucharbeiter, vorstellt, glücklich darüber, mit unverdächtigen Leuten aus der grossen Welt in Kontakt zu kommen. Die Steinbrüche seien von unterschiedlicher Qualität, sagte er, und er wies auf einen spitzen Berg gleich in der Verlängerung der Bergstrasse hin und fügte bei, von dort komme der Marmor „per statui“ (für die Statuen, der wertvollste „Marmo statuario“), und auch Michelangelo habe sein Material von dort bezogen – Michelangelo: „Lei sa sicuramente lui“ (Sie kennen ihn gewiss). Sicher. Gibt es jene exquisite Marmor-Qualität überhaupt noch? Er ist ganz oben in den Berggipfeln der Apuanischen Alpen verborgen.
 
Staub und Abraummaterial, vor allem Bruchstücke, und freigelegte Marmorfelsen haben die ganze Landschaft schneeweiss eingefärbt. Das Geröll wird oft mechanisch zerkleinert, nach Grösse aussortiert und für dekorative Zwecke im gartenbaulichen Sektor verwertet, wie ein Blick in Baumärkte erkennen lässt. Zu Sandkorngrösse vermahlt, dient der Marmor auch zum Weissfärben der künstlichen Strände von Dubai. Als die Geschäfte dort noch boomten.
 
Viele Kavernen kunden vom Bemühen, in den Berg hinein zu schauen. So wurden abstrakte Bilder geschaffen, welche die Marmorierungen im Marmor zeigen – kein Stück ist wie das andere. Die Natur wird in diesen „Alpi“ (den zerfurchten Kalkalpen) durch Bohren, Sägen mit diamantbesetzten Stahlseilen und Sprengen bedingungslos ausgebeutet. Die offenen Naturwunden sind es, die einen vollkommen neuen Reiz dieser Landschaft aus angerissenen und ausgehöhlten Bergen ausmachen, eigentlich ein verrücktes Geschehen. Die leistungsfähigere Technik hat den Abbau in jüngster Zeit ganz wesentlich beschleunigt, weshalb mir das Weiss der Gebirgslandschaft diesmal besonders aufgefallen ist – schimmernde Firnfelder, die nicht schmelzen und sich ständig auszudehnen scheinen. Die Konkurrenz von China, wo es rein weissen Marmor, dieses „weisse Gold“, gibt, dürfte inskünftig vielleicht etwas bremsend einwirken, dafür aber chinesische Landschaften verändern.
*
Vielleicht etwas angegrauter als bei unserer Ankunft fuhren wir auf einer anderen Strasse nach Carrara zurück, zumal die Strassen auf die Alpi nur für den Einbahnverkehr ausreichen, und setzten nach diesem eindrücklichen Eintritt in die Toscana unsere Fahrt auf der Autobahn nach Süden fort, bis nach Venturina. Und darüber, was wir in jener Gegend erlebten, habe ich im vorangegangen Blog-Septett berichtet – auszugsweise, müsste man doch über die Toskana ein mehrbändiges Werk verfassen.
 
Hinweis auf die vorangegangenen Blogs über die Italienreise 2010 von Walter Hess
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