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BLOG vom 04.10.2010


Paris (4): Paris vs. London – im Urteil eines Schweizers
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Tippen Sie, werter Leser, werte Leserin, Paris vs London ins Fenster von „Google search“, und Sie können sich am Meinungsstreit ergötzen – oder ärgern, je nachdem, ob Sie London oder Paris bevorzugen.
 
Ich selbst, als Schweizer in London lebend, habe unzählige Male Paris und Umgebung beruflich und privat besucht. Mein Vorteil ist, dass ich fliessend französisch spreche, was meinen Umgang mit den Franzosen, d. h. Parisern, wesentlich erleichtert. Erst wer sich in der Mentalität der Pariser auskennt, kann Paris echt geniessen.
 
In meinem Vergleichsbild schneidet Paris besser ab als London. Aber jeder Vergleich hinkt: Paris ist flächenmässig weitaus kompakter aus das weitläufige London. Somit lassen sich die meisten der mannigfaltigen Sehenswürdigkeiten in Paris leicht zu Fuss bewältigen. Und taucht man in die Métro, ist man im Nu am gewünschten Ort, vorausgesetzt, es wird nicht gestreikt und man hat ein „carnet“ (10 Métro-Billete) in der Tasche.
 
Ich empfinde heute London als „amerikanisiert“, von monotonen Kettenläden verschandelt. Der Mensch ist zum Konsumenten degradiert. Die einst ausgeprägte Individualität des Londoners hat sich verflüchtigt, mitsamt den guten Manieren. Damit will ich nicht sagen, dass Pariser bessere Manieren haben. Dennoch durchströmt mich  „la joie de vivre“ (die Lebensfreude) jedesmal, wenn ich in Paris bin. Paris pulsiert, London stockt, halb erstickt im Verkehr.
 
Die Hupe bahnt dem Pariser den Weg durch Paris. Ich habe seinerzeit meine Pariser Fahrprüfung rund um den „Place de l’Etoile“ ohne Blechschaden bestanden – ich weiss heute nicht mehr, wie. Die vielen breiten Boulevards, dank des einstigen Pariser Präfekten und Stadtplaners Georges-Eugène Haussmann entstanden, erleichtern den Durchgangsverkehr – Stosszeiten, wie überall, ausgenommen. Die „Periphérique“ (Autobahn rund um Paris) ist so verstopft wie die M25 um London.
 
Bleiben wir noch etwas im Verkehr stecken: Die Parksünder in London werden laufend gebüsst. In Paris entkommen viele ungestraft. Der Autofahrer in London ist von Parkverboten umzingelt. Der Pariser missachtet sie. Allerlei Schikanen erschweren den Autoverkehr in London, so etwa Maulwurfshügel aus Teer, willkürlich errichtete Strassenverengungen usw. Hinzu kommen die wuchtigen, vollschwangeren Automobile, die fortzu den Weg versperren und die Fahrer in kleineren Autos einschüchtern. Diese protzigen Kutschen der „Aufschneider“ haben Seltenheitswert in Paris. Der Pariser fährt temperamentvoller als der Londoner. Das ist an den Blechschäden ablesbar: ein „‚Buick“ (zerbeultes Blech) an den Seitenflügeln bald vorne, bald hinten … Aber das sind bloss unwesentliche Kleinigkeiten im Vergleichsbild, ärgerlich nur für die Betroffenen.
 
Ein Potpourri meiner teils verzerrten Ansichten ...
Wenn ich, wie üblich, abends meinen Text Lily vorlese, bin ich mir gewiss, dass sie besonders meine Kritik an ihrer bevorzugten Stadt – eindeutig London – beanstanden wird. „Chacun à son goût“, sage ich mir. Insgeheim geniesst Lily Paris ebenso wie ich.
 
Wo immer es Vorteile gibt, finden sich auch Nachteile. Der Pariser lebt vorwiegend in Appartements; der Londoner hat in der Regel sein Reihenhäuschen in einem der Londoner Vororte, wie wir etwa in Wimbledon. Die Pariser „Banlieue“ (Aussenquartiere) an der Peripherie finde ich trostlos – inbegriffen der Geschäftsbezirk im „La Défense“-Labyrinth. In der Banlieue macht sich die Armut in Wohnkasernen breit, dort kommt es leicht zu Krawallen. Aber auch London kennt solche vernachlässigte Aussenquartiere.
 
Vorurteile klammern sich gleichermassen an Paris und London. Immerhin stelle ich fest, dass Paris im Verlauf der Jahre dramatisch sauberer geworden ist und London dreckiger – einem riesigem Abfallkübel vergleichbar (dank McDonald’s, Kaugummi usf.). Anderseits lässt der Pariser den Kot seiner Vierbeiner liegen und flippt die Zigarettenstummeln achtlos auf die Strasse.
 
In beiden Städten hat sich der Fassadenputz verbessert. Das bekommt besonders den architektonisch wertvollen Gebäuden wie „Victoria & Albert Museum“ oder „Louvre“.
 
Dem Pariser fehlt es nicht an geniessbarem Kaffee. An jeder Ecke und auch dazwischen kann jedermann nach Lust und Laune seinen Espresso in einer Bar trinken. An der Theke komme ich leicht mit einem Pariser ins Gespräch, der gern über die Politik und Nicolas Sarkozy schimpft. Das gehört zum guten Ton. Die Kaffeekultur hat sich inzwischen auch in London eingebürgert – leider wiederum von den Ketten beherrscht, die u. a. gleichzeitig schlappe, vorverpackte Sandwiches zu übersetzten Preisen vertreiben.
 
Frankreich sowie Grossbritannien sind weitgehend von Super- und Hypermärkten beherrscht. In Frankreich dominieren Auchan, Carrefour und Casino, aber diese sind ausserhalb der Städtezentren angesiedelt. Inzwischen hat Tesco in London überall laufend die kleineren „Tesco-Express“-Selbstbedienungsläden eingerichtet. Diese bedrängen und verdrängen die kleinen unabhängigen Läden.
 
Vor unserer Rückfahrt nach London bummelten wir nochmals durchs 10. Arrondissement, das voller Bäckereien, Konfiserien, Käseläden, Weinhandlungen, Delikatessen-Läden, Restaurants, Modegeschäften (auch für Bébés) und Handwerksbetriebe, worunter mehrere Buchbinder, ist. Diese Vielfalt erfreut und erquickt mich. Wir deckten uns mit allerlei Leckereien ein, zuletzt auch in der Markthalle mit Käse und Würsten.
 
London wird nachgesagt, dass es aus „Villages“ (Dörfern) bestehe. Das trifft heute in der Monokultur nicht mehr zu. Hingegen haben die Pariser Quartiere durchwegs ihre Eigenarten bewahrt, und Kleingeschäfte überdauern Generationen, denn die Kunden halten ihnen die Treue. Der Begriff „fraternité“ hat sich wenigsten dort erhalten. 
 
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