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BLOG vom 14.10.2010


Profitmaximierung: Die Schweiz, wo die Milch überfliesst
Autorin: Lislott Pfaff, Schriftstellerin, Liestal BL/CH
 
Die Idylle, die der Öffentlichkeit von Vertretern der Bauernschaft und von Tourismusorganisationen über die Viehwirtschaft in der Schweiz – mit glücklichen Kühen auf grünen Wiesen – vorgegaukelt wird, gehört schon längst der Vergangenheit an. Die Haltung unserer Milchspenderinnen ist alles andere als idyllisch: 350 000 Milchkühe verbringen ihr Leben in Ställen mit Anbindehaltung, wobei ihnen der elektrische Kuhzüchtiger schmerzhafte Stromstösse austeilt, wenn sie sich nicht an den eng begrenzten Raum ihrer Läger halten. Davon sind im Winter sogar Kühe von Bergbauernbetrieben betroffen. Durch Ankauf oder Aufzucht von Hochleistungsrassen, die ihre übervollen Euter oft kaum mehr mit sich schleppen können, versuchen selbst Kleinbetriebe, ihre Milchproduktion soweit als möglich zu erhöhen. Ganz zu schweigen von der Enthornung der Kälber, die auch in der Schweiz Mode geworden ist und den ausgewachsenen hornlosen Kühen jede Würde raubt.
 
Diese profitmaximierende Landwirtschaft, die an amerikanische Zustände erinnert, führt zu einer unhaltbaren Situation bei der schweizerischen Milchproduktion. In den letzten 10 Jahren ist die Anzahl der Milchbetriebe zwar um rund 13 000 gesunken, und die Schweizer Milchproduzenten SMP erwarten, dass sich dieser Strukturwandel auch in den kommenden Jahren fortsetzen wird. Trotzdem nimmt die abgelieferte Milchmenge laufend zu. Die 708 000 Kühe, die in der Schweiz leben, werden – dank Kraftfutter und Aufzucht von Hochleistungsrassen ‒ immer produktiver: 1985 gab eine durchschnittliche Schweizer Kuh 3465 kg Milch pro Jahr, 2008 waren es bereits 5687 kg. Seit 2006 liefern die Kühe etwa 5–6% mehr Milch als zuvor. Demnach bräuchte es heute 5‒6% weniger Kühe, d. h. wir haben rund 40 000 Kühe zu viel.
 
Der Präsident des Schweizerischen Bauernverbands, Hansjörg Walter, will Kühe züchten, die weniger fettreiche Milch geben, um den ständig wachsenden Butterberg abzubauen. Derzeit – gegen Ende 2010 – befinden sich rund 8000 Tonnen Butter in den Lagern der Verarbeiter. Diese Menge entspricht 32 Mio. Buttermödeli à 250 g. Um dieser Quantität Herr zu werden, müsste also jeder Einwohner der Schweiz, inkl. Buschi (Kleinkinder) und Kranke, schleunigst etwa 4 grosse „Ankebälleli“ (Buttermödeli) verdrücken.
 
In dieser prekären Situation wollen die Bauern – schon längst keine Vertreter einer traditionsverbundenen Landwirtschaft mehr, sondern knallharte Viehwirtschafts-Manager – ihre überflüssige Milch an der Börse verkaufen. Mit hilflosen Bemühungen versucht die Branchenorganisation Milch (BOM), die Milchmengenregulierung in den Griff zu bekommen: Die gelieferte Milch soll in A-Milch für den Schweizer Markt, B-Milch für den Export in die EU und C-Milch für den weltweiten Export aufgeteilt werden. Dementsprechend erhält der Lieferant für sein Produkt den Schweizer, den EU- oder den Weltmarktpreis. Dieses Modell soll am 24.11.2010 in Kraft treten.
 
Ob damit bei der Milchschwemme und bei der Einstellung der Bauern gegenüber ihren braven Milchmaschinen, den Kühen, eine Besserung herbeigeführt wird, bleibe dahingestellt. Jedenfalls werden wir wohl im wahrsten Sinn des Wortes das Land, wo Milch (und Honig) fliesst, weiterhin bleiben.
 
Quellen: „Sonntag“, 22.08.2010 und 10.10.2010 sowie KAGfreiland.
 
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