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BLOG vom 16.10.2010


Averstal-Exkursion bis Juf: Leben oberhalb der Waldgrenze
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Entweder gefalle es einem im Averstal oder es gefalle einem nicht. Im einen Fall bleibe man hängen, und im anderen komme man nie wieder, sagte ein Wirt aus dem Solothurnischen, der seine Ferienwochen regelmässig dort oben in Cresta GR im Averstal verbringt. Bei der 1. Exkursion meines Lebens in dieses Hochtal gefiel es mir; doch hängen geblieben bin ich dennoch nicht. Obschon es ein wunderschöner Herbsttag war, der vom Gold der Lärchennadeln zusätzlich verschönt wurde.
 
Die Dörfer Ausserferrera und Innerferrera, zwischen denen einst Eisenerz abgebaut und verarbeitet wurde – Überreste des alten Bergwerks sind an der Strasse überm Rhein noch vorhanden – (siehe Anhang), standen im milden Licht der Vormittagssonne und machten den Eindruck, als seien sie soeben einer Waschanlage entronnen. Man rechnet sie noch zum Kreis Schams. Das Ferreratal (Eisental, wo am Piz Starlera Erze abgebaut wurden) ist sozusagen ein Seitenarm des Schamsertals mit der berühmten Viamalaschlucht und dem ebenso bekannten Zillis; dieses Dorf hat es wegen seiner romanischen Kirche und der kuriosen Bilderdecke zu Weltruhm gebracht.
 
Alplandschaft oberhalb der Schlucht
Oben anschliessend ans bizarre, felsige Ferreratal, wo vor senkrechten Felskulissen kräftige Baumwurzeln gewaltige Granitbrocken umklammern, die den Strassenrand belagern, beginnt das Averstal. Dort lehrte mich mein Begleiter und waschechte Bündner und Walser Werner Allemann, mein Schwager, das A zu betonen: „Aaaverstal.“
 
Den Einstieg in dieses Tal bildet eine Schluchtszene, deren steile Kulisse der ins Hinterrheinbett hinab stürzende Starlerabach geschaffen hat. In dieser Wildnis hatten die Weg- und Strassenbauer besonders knifflige Aufgaben zu lösen. Der ursprüngliche Läilstäg wurde von Hochwassern immer wieder weggespült – so in den Jahren 1834, 1868 und 1885. Die Passanten mussten dann grosse Umwege in Kauf nehmen, bis wieder eine Brücke erstellt war. Heute verhilft eine kühne Strassenbrücke dem Verkehrsgeschehen durch die Talschaft für Kontinuität.
 
Anschliessend führt der Aufstieg oberhalb der Schlucht, in deren Seitenwänden viele Tunnels erbaut werden mussten, in ein liebliches, sich weitendes Hochtal hinein, mit dem Gross- und Kleinhorn im Hintergrund. Die Strasse ist jetzt recht komfortabel, und ein ausgewachsenes Postauto hat genügend Platz, um Eingeborene und Touristen hinauf nach Juf und zurück nach Andeer zu kutschieren. Die Strasse durchquert die Untertal-Dörfer Campsut sowie Cröt und im Obertal Cresta, Pürt, Am Bach, Juppa, Podestatshaus mit dem gleichnamigen, höchstgelegenen Patrizierhaus von 1664, dem behäbigsten, stattlichsten Bau im ganzen Tal für den Podestaten, den gewählten Administrator. Das Ende dieser befahrbaren Welt ist in Juf, ganz hinten im Tal, erreicht. Die Dörfchen sind auf der rechten, nach Südwesten orientierten Talseite aufgereiht. Von diesem Seitental aus erstrecken sich ebenfalls Seitenarme: das Madrisertal und das Bregalgatal, an dessen Ende das Gletscherhorn steht. Am Eingang zum Bregalgatal warten 3 Skilifte auf Schnee, und auch Langläufer finden hier ein weites Tummelfeld.
 
Die Dörfer im Averstal sind Fraktionen der Gemeinde Avers, die sich rühmt, mit ihren 1960 Höhenmetern die höchste politische Gemeinde der Schweiz zu sein, und der Weiler Juf, ein Bestandteil dieser höchsten aller Gemeinden, nimmt für sich mit seinen 2126 Höhenmetern in Anspruch, die höchste ganzjährig bewohnte Siedlung in Europa zu sein – da überschlagen sich also die Superlative auf höchster Ebene. Ob es stimmt, ist eine andere Frage. im Münstertal hatte lange Zeit diesen Rekord für sich beansprucht, bis es dann zu einem Teil der Gemeine Müstair wurde und dadurch wie Juf zum Weiler degradiert war.
 
Insgesamt hat die Gemeine Avers, die zum Bezirk Hinterrhein gehört, etwa 170 Einwohner, die ihren Lebensunterhalt mit etwas Landwirtschaft und Fremdenverkehr verdienen. Seit dem 17. Jahrhundert ist die Einwohnerzahl rückläufig. Es sind überwiegend ehemalige, hauptsächlich deutsch sprechende Walser, die eine Sprachinsel im rätoromanischen Gebiet geschaffen haben, indem sie seinerzeit die Rätoromanen verdrängten. Walser können überall überleben, wie man weiss, weil sie fleissig, kräftig, genügsam und anpassungsfähig sind. Sie schlagen sich selbst oberhalb der Waldgrenze durch. Bemerkenswerterweise verläuft diese Grenze nicht ungefähr horizontal, sondern bei Avers-Pürt vor Juf hört der Wald einfach auf, die Grenze sackt in der Falllinie ab, wahrscheinlich weil der Wald abgeholzt worden ist und sich nicht mehr erholen konnte, wie Werner vermutet. Um Ferreratal ist dasselbe wegen der Eisenverhüttung passiert, wie oberhalb der Flammofenanlage (Schmelze) an den kahlen Stellen noch heute erkennbar ist.
 
Cresta
Cresta (1958 m) ist der Hauptort und Kirchenort der Sammelgemeinde Avers, ein lebendiges Dorf, umgeben von ausladenden Wiesen an Hanglagen. Die schlichte Kirche steht auf einem Felsvorsprung südlich des Dorfs, in sich gekehrt, als ob sie sich von Dorfgeschehen abgewandt habe. Auf der gegenüberliegenden steilen Talseite ist oberhalb der Schlucht mit dem Averserrhein ein von Lärchen und Arven dominierter Wald, der Letzi- und Capettawald, der an solchen Steillagen nur von der Natur angelegt werden kann.
 
In Cresta steht an der Durchgangsstrasse ein Haus aus dem Jahr 1739 im Engadiner Baustil, das mich gerade deshalb angesprochen hat, weil es nicht renoviert ist; das mit Steinen belegte Zeltdach, eine spezielle Walmdachvariante, müsste allerdings dringend ausgebessert werden. Eine sturmfeste, durchtrainierte Anwohnerin in den Achtzigern mit blauem Hut und Gärtnerschürze, gelben Gummihandschuhen, die eben am Giessen war, sagte mir, Dohlen hätten den Kalkverputz an den Hauswänden weitgehend abgefressen, offensichtlich quadratmeterweise. Ganze Schwärme würden sich daran manchmal gütlich tun. Die Natursteinmauer kommt zum Vorschein, und einzelne Steine fallen heraus. Doch das ganze Haus ist mit roten Geranien geschmückt und halt eben bei allen Baumängeln doch ein Fest fürs Auge. Es erzählt Geschichte und steht zu seinem Alter, täuscht nicht Jugendlichkeit vor.
 
Im Übrigen trifft man hier auf die typischen Walser Holzhäuser mit den rechteckig behauenen, sonnengebräunten Holzbalken, die sich in den Ecken verschränken („Gwätt“). In Cresta hat der Baufachmann Werner Allemann ein nur zur Zierde aufgesetztes Gwätt beobachtet. Bergseitig gibt es gelegentlich einen Lawinenkeil. Der Küchenteil ist in der Regel gemauert. Für den Bau eines Hauses brauchte es 80 bis 100 Stämme, was die Waldrodungen beflügelte.
 
Juf
Die extremste bewohnte Höhenlage ist nicht automatisch mit dem schönsten Dorf identisch, jedenfalls nach meiner Beurteilung. Mitten in Juf ist ein mächtiges landwirtschaftliches Ökonomiegebäude mit 2 Silos entstanden; wie man diese Rundtürme füllt, war mir vorerst rätselhaft, denn auf den Hängen wächst nicht besonders viel Gras, aber immerhin etwas – die Heuberge reichen angeblich bis auf 2550 Höhenmeter hinauf. Während unseres herbstlichen Besuchs zeigte sich die dünne Bodenbedeckung in einem hellen Braunton. Besser als Silos passen zu Juf die 6 veredelten, rosafarbenen Landschweine, die am Dorfrand lockere Erde aufwühlten und deren Bäuche und Hinterbeine saftigen Speck und Schinken erahnen liessen. Der Ausdruck „es gmachets Schwii“ – die Bezeichnung für einen Wohlhabenden (ein gemachtes Schwein) – dürfte beim Anblick solcher wohlbeleibter Nutztiere entstanden sein. Hoffentlich dürfen sie, die wirklichen „Schwiin“, ihr Freilandleben noch lange geniessen. Nach wenigen Metern kamen einige Bündner Strahlenziegen („Gäisse“) auf mich zu, nachdem sie sich so pro forma, wohl um den Touristenansprüchen Genüge zu tun, müde Schaukämpfe geliefert hatten. Ohne diese Tiere irgendwie beleidigen zu wollen, möchte ich an dieser Stelle doch anmerken, dass ich diesbezüglich schon bessere Darbietungen gesehen habe. Neben dunkelbraunen mit weissen Flecken trat eine der Ziegen ganz in Weiss auf – ein „Schömmel“ (Schimmel), wie die Averser sagen. Einige müde Wanderer kamen von den Grenzkämmen zum Bergell. Wanderwege führen auch ins Oberhalbstein.
 
Vor einer Scheune waren hohe Brennholzbeigen, und auf einem Gestell im oberen Teil der gleichen Holzfassade waren etwa 5 bis 10 cm dicke Quadrate mit etwa 30 cm Seitenlänge schräg aufgeschichtet, die mich an Torfmull erinnerten. Werner testete mein biobiologisches Wissen – und ich versagte kläglich: Es handelt sich um getrockneten Schafmist, der nicht etwa als Dünger, sondern zu Heizzwecken eingesetzt wird – das Holz ist hier oben ja rar. In Afrika verwendet man trockenen Kuhmist zur Wärmeerzeugung.
 
Ein Ziegenbock beschnupperte meinen dünnen Plastiksack, in dem ich das Buch „Chääsgezängg und Türggaribel. Rezepte aus der Walserküche“ bei mir trug, das ich kurz vorher im „Kiosk“ genannten, auf touristische Ansprüche ausgerichteten Dorfladen von Juf erwoben hatte; vielleicht spürte das Tier das Rezept für Capuns (Chruutkapuna) heraus – Mangoldblätter sind mit einer Mischung aus Spätzliteig, Speck oder Salsiz, Butter, Zwiebeln gefüllt; meine lieben Schwägerinnen verwöhnen mich immer wieder damit.
 
Die Gastronomie
Damit wären wir bei der Gastronomie im Averstal angelangt, über die ich leider nicht besonders viel Lobenswertes zu berichten weiss, zumal die einheimische Küche dort gerade in Vergessenheit geraten zu sein schien. Im Hotel Capetta in Cresta bestanden die Tagesmenüs aus einem Poulet-Geschnetzeltem zu Reis bzw. einem Ungarisch-Gulasch zu Teigwarenspiralen, die das Al-dente-Stadium längst hinter sich hatten. Das Gulasch, das meines Erachtens eine tiefbraune, kräftige Sauce haben müsste, erinnerte mich eher an Siedfleisch an einem dünnen, gelblichen Saft. Das Veltliner-Halbeli „Flüssige Sonne“ aus der Gegend von Sondio (Terrazze Retiche), von Zanolari in Chur abgefüllt, das wir uns zusammen gönnten, erwärmte sich an der strahlenden Sonne, so dass ich das Fläschen unter die Sitzbank stellen musste, um die Entstehung eines Glühweins zu verhindern. Das Dessert wollten wir im Café „Edelweiss“ in Juf genehmigen. Ich fragte nach dem Angebot, und die Wirtin sprach von Schwarzwäldertorte und Zuger Kirschtorte; ich aber hätte eher eine Bündner Nusstorte, gefüllte Bratäpfel oder ein Preiselbeermus erwartet. Ich erlaubte mir die Frage, woher denn die Kirschtorte kommen, worauf die Wirtin gereizt antwortete: „Soll ich Ihnen den Menschen vorführen, der sie gebacken hat?“ Ich wollte ihr diese Mühe nicht zumuten und beschränkte mich in einem Anflug von Trotz auf den Kaffee, der gut war und mit einem kleinen Schokoladenstück abgegeben wurde.
 
Zugängliche Walser
Grundfalsch wäre es, daraus zu schliessen, mit den Aversern sei der Umgang schwierig – im Gegenteil! Obschon die Walser als eher etwas verschlossen gelten, tauen sie sofort auf, wenn sie Vertrauen gefasst haben, wenn man auf sie zu- und eingeht. Gern sind sie zum Täipen (Plaudern) bereit. Werner und ich hatten viele lockere Gespräche; aus den Leuten sprudelte es heraus. Werner (78), der früher hier oben Skirennen bestritten hatte, kannte einige Leute. Und als er mit dem 84-jährigen Rösi H. in Cresta über seine ehemalige Freundin aus diesem Dorf sprach, sagte seine vitale, selbstbewusste Gesprächspartnerin, diese sei gerade im Auto vorbeigefahren; doch sie, Rösi, sehe noch besser aus, sei besser erhalten. Das dürfte stimmen.
 
Am gleichen Ort kratzte ein älterer Mann neben dem Hauseingang die Erde von Rüebli (Karotten), der er auf einigen Quadratmetern ausgebreitet hatte. Dass solch eine stattliche Ernte hier oben möglich ist, erstaunte mich schon. Doch im Schutz des Gebirgszugs aus Piz Grisch, den Weissbergen, Piz Platta, Jupperhorn und Mazzerspitze ist das Klima verhältnismässig mild. In Johann Rudolf Stoffels ausgezeichnetem Buch über das Avers-Hochtal habe ich gelesen, dass insbesondere weisse Rüben im ganzen Tal vorzüglich gedeihen. Je höher die Lage, umso zarter und süsser würden sie. Sie werden ausschliesslich als Suppeneinlage verwendet, nachdem sie mit einem speziellen Hobel („d’Schnittera“) in Streifchen zerkleinert wurden.
 
Im Rezeptbuch „Walserküche“ findet sich folgerichtig ein Rezept „Rääbäschtock“ (geschmorte weisse Rüben, die zu einer Kartoffelstock-Abwandlung werden). Zu den weissen Rüben gibt man wenig Milch, Mehl, Butter, Schnittlauch oder Peterli, Salz, Pfeffer und Muskat. Die Rääbä werden diesmal in Scheiben geschnitten und in Salzwasser knapp weich gekocht. Die Flüssigkeit wird abgeschüttet (ich würde sie für eine Suppe verwenden). Aus der Butter, dem Mehl und der Milch wird eine weisse Sauce zugegeben, die man würzt und unter die Rääbä mischt. Das Rezept soll auch mit Kohlräbli funktionieren, die im Averstal ebenfalls gedeihen.
 
Kraftwerkanlagen und der Stausee Lago di Lei
Auch die Elektrizitätsproduktion gedeiht im Umfeld des Ferrera- und Averstals prächtig. Die Kraftwerkanlagen bringen Arbeitsplätze und führten auch zu einem Ausbau des Strassennetzes. Und wer das Averstal erkundet, wird um einen Abstecher zum Stausee Lago di Lei (1931 m) nicht herumkommen. Der Seitensprung lohnt sich wirklich.
 
Zwischen Interferrera (Calantgil) und Campsut zweigt eine asphaltierte, problemlos befahrbare Strasse nach rechts in den Bleikenwald hinein ab, und nach 2 Haarnadelkurven erreicht man das Tunnelportal Ost auf 1890 m, wo man hinauf auf dem Saumpfad über die Furgga (2167 m) wandern könnte. Die Lampe beim Tunnel schaltete auf Grün, und wir nahmen die Einladung in den 950 m langen, naturbehauenen, nur einspurig befahrbaren Tunnel an und erblickten das Licht der strahlenden Welt gleich bei der Staumauer. Schön! Der nördliche Teil des leicht gewundenen, 8 km langen Stausees, der das Valle di Lei ausfüllt, breitete sich bis zum dreieckigen Berg, dem Piz Stella (2718 m), im Hintergrund aus. Das aufgefüllte Tal gehört zu Italien, genau genommen zur Bergeller Gemeinde Piuro (Plurs); das Dorf ist in der Nähe von Chiavenna und gehörte früher zum Bergell im Kanton Graubünden. Früher war es Besitztum der Grafen von Werdenberg-Sargans.
 
Die Talsperre wurde zwischen 1957 und 1962 errichtet. Wie uns 2 freundliche Kraftwerkangestellte beim Inforama, eine informative Ausstellung, erzählten, wurden zuerst 2 nicht weniger als 15 km lange Seilbahnen von Campodolcino über den Angelogapass erstellt, um Material und Arbeiter zu transportieren. Dann baute man die Zufahrtsstrasse mit dem Tunnel, und zudem wurden 2 Steinbrüche eröffnet, einer auf italienischer Seite, der andere oberhalb der Alp Campsut, so dass für die Zuschlagstoffe für den Beton in der Nähe beschaffen konnte und nur der Zement aus dem Tal herbeizutransportieren war – das Wasser habe man ja gleich dem See entnehmen können ..., spasste Werner. Der See fasst fast 200 Millionen Kubikmeter. Rund 2/3 des Wassers werden aus den Tälern Avers, Madris und Niemet zugeleitet oder von der Zentrale Ferrera hochgepumpt. Die Mauer ist 141 m hoch und hat eine 15 m breite und 690 m lange Krone mit befahrbarer, aber mit Fahrverbot belegter Strasse und einen etwa 80 cm erhöhten Fussweg, alles in allem ein technisches Meisterwerk. Die gebogene Mauer kragt gegen das Tal aus, wo der Bach Reno di Lei heisst. Etwa 1500 vor allem italienische Arbeitskräfte waren im Baueinsatz gewesen, und 10 von ihnen verunfallten leider tödlich, wie auf einer Gedenktafel an einer Wand der Kapelle auf der westlichen Seeseite zu lesen ist. Der Kraftwerkbau als dreistufige Gruppe mit den Zentralen Ferrera (Pumpspeicherwerk), Bärenburg und Sils kostete 620 Mio. CHF.
 
Bemerkenswert ist der Umstand, dass die Grenze Italien/Schweiz im Zusammenhang mit dem Kraftwerkbau bereinigt wurde. Das Gebiet unmittelbar um die Staumauer herum wurde von Italien an den Schweizer Kanton Graubünden abgetreten, während die etwas nördlicher gelegene Alpe Motta (Mottala) am oberen Seeende zum italienischen Staatsgebiet wechselte. So hat die Schweiz eine rechteckige Auskragung nach Italien hinein erhalten – und die Staumauer gehört ihr. Das zwischenstaatliche Abkommen ist unter http://www.admin.ch/ch/d/sr/i1/0.132.454.21.de.pdf nachzulesen. Vom der Stromproduktion erhält Italien (Edison SpA, Mailand) 20 Prozent.
 
Das 185-MW-Kraftwerk der Kraftwerke Hinterrhein AG (KHR) ist in Ferrera, und von dort fliesst das fleissige Wasser in den Stausee von Sufers weiter.
 
Das Gebiet rund um den Lago di Lei ist für Wanderer ideal. Etwa 500 m von der Staumauer auf italienischer Seite entfernt, auf der Alp del Crot, gibt es das Restaurant „Baita del Capriolo“ (Reh-Hütte), das sehr gute Speisen anbieten soll, wie wir leider erst auf dem Rückweg von einer Wandergruppe erfuhren.
 
So befindet man sich eben inmitten eines ständigen Lernprozesses. Das Leben spiele sich zwischen Kunst und Kapriolen (nicht zwischen Caprioli=Rehen) ab, habe ich einmal gelesen. Manchmal besteht ein Defizit, manchmal ein Überfluss an beidem. Unsere Bilanz fiel positiv aus. Das war ein reicher Tag, ein Glanztag,voll wie der Lei-Stausee. 
 
Nachtrag
Die Geschichte des Erzabbaus
Der Abbau verschiedener Erze im Ferreratal und dessen Umgebung stand unter der Leitung der Londoner Gesellschaft „Val-Sassam Mines Company Ltd.“. Wie einer Orientierungstafel des Gemeindevorstands Ausserferrera* bei den Überresten der Schmelze zu entnehmen ist, wurde diese Gesellschaft im Frühjahr 1865 auf Initiative des damals sehr angesehenen, weltweit tätigen Hauses „John Taylor and Sons“, Mineningenieure, gegründet und betrieb den Abbau von Schamser Buntmetallerzen. Abgebaut wurden insbesondere die silberhaltigen Kupfer- und Bleierze in den 2 Minen von Ursera (Andeer) und Taspegn (Zillis). Beide Minen verfügten über jeweils eigene Aufbereitungsanlagen. Die Operationen standen unter lokaler Führung englischer Ingenieure. Die Arbeiterschaft setzte sich aus Italienern, Deutschen, Schweizern (darunter zahlreiche Schamser) und Tirolern zusammen.
 
Dieser Bergbau dauerte bis zum Sommer 1869, als in London wegen anhaltender Unrentabilität die freiwillige Liquidation des gesamten Unternehmens beschlossen wurde.
 
Neben der Strasse zwischen Ausser- und Innerferrera sind noch der Kamin einer Flammofenanlage englischen Typs (Baujahr 1868/69) samt Ruine eines Schmelz- und Aufbereitungsgebäudes anzutreffen. Der aus Natursteinen aufgebaute Kamin hat etwas Schlagseite und dürfte nicht noch beliebig viele Sturmwinde aushalten.
 
Zur „Schmelza“ gehörten u. a. neben einem Aufbereitungsgebäude eine Erztransportseilbahn bis Ursera sowie eine mit Wasserkraft betriebene Pochanlage zwecks Zerkleinerung des Erzes und eine Erzwäsche zur Anreicherung. Der gepochte und angereicherte Erzsand wurde nach Swansea (Wales) transportiert, wo damals die weltweit grössten Kupferverhüttungsanlagen bestanden. Aufgrund des hohen Transportaufwandes entschloss man sich in der Schlussphase, die Verhüttung vor Ort zu versuchen. Zu diesem Zweck wurden in der 2. Jahreshälfte 1868 2 Flammöfen englischen Typs (reverberatory furnaces) mit einem gemeinsamen Kamin an ein vorbestandenes Aufbereitungsgebäude angebaut. Die Öfen standen auf den Jahreswechsel 1868/69 einsatzbereit und konnten für das vorbereitende Erzrösten (zwecks Austreibung des Wassergehalts, Schwefels und Arsens) und den eigentlichen Verhüttungsprozess verwendet werden. Als Feuerungsmaterial für den Röstprozess konnten Holzscheiter verwendet werden, die eigentliche Verhüttung erfolgte mit lokal hergestellter Holzkohle oder importiertem Koks.
 
Die Schmelzversuche verliefen aufgrund der Komplexität des Fahlerzes unbefriedigend; dieser Misserfolg, die angespannte finanzielle Lage und weitere ungünstige Umstände führten zur Einstellung des Unternehmens. Von den ausgedehnten Aufbereitungs- und Werksanlagen der „Val-Sassam Mines Co.“ ist heute der grösste Teil verschwunden. Noch um 1880 bestand an dieser Stelle (im Nahbereich der alten Strasse) ein Ensemble von 5 Gebäuderuinen. Diese wurden anlässlich der Strassen- und Brückenausbauten von 1890/95 und insbesondere 1956/60 geschleift. Die Überreste der aus feuerfesten Ziegeln errichteten Flammöfen wurden ebenfalls restlos abgetragen. Damit endete eine mehr als Montanindustrie in diesem felsig-stotzigen Gebiet. Was von der „Schmelza“ noch übrig geblieben ist, gilt jetzt als montanhistorisches Industriedenkmal und steht seit 1972 unter Denkmalschutz des Kantons Graubünden – es ist immer noch eindrücklich und zudem von Holzplastiken umgeben.
 
Im ganzen Val Ferrera (Ferrera = Eisenwerk, Schmelzofen) und in der Umgebung finden sich Rückstände von der Erzindustrie: eingestürzte Schächte, Stollen, Knappenwege, Erzgruben, Ruinen von Grubengebäuden, Pochwerken, Schmieden, Knappenhäuser und Spuren von Kohlenmeiler. Die bekanntesten Anlagen befanden sich auf Nursera, Alp Sut Fuina, Fianell (oberhalb der Alp Samada).
 
Quellen
* Die Angaben für die im Nachtrag als Quelle erwähnte Erläutertungstafel stammen von Stephan Wanner, Kurator der Pro Gruoba (E-Mail: renaissance-wanner@hispeed.ch). Er hat diese im Rahmen eines sehr aufwendigen Quellenstudiums aus zeitgenössischen Primärquellen recherchiert. Dem interessierten Besucher geben diese Informationen wertvolle Einblicke.
Gansner, H. P.: „Wanderführer Schams–Avers“, herausgegeben von Andeer Tourismus und Avers Torismus 1999.
Stoffel, Johann Rudolf: „Das Hochtal Avers“, herausgegeben von der Gemeinde Avers im Verlag der Walservereinigung Graubünden 2003.
Wanner, Kurt, Realisator: „Chääsgezängg und Türggäribel“, Walservereinigung Graubünden, CH-7000 Chur 2007.
Prospekt der Kraftwerke Hinterrhein AG, CH 7430-Thusis (www.khr.ch).
 
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