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BLOG vom 15.10.2010


Kostspieliger Sunrise, der während Monaten Schatten wirft
Autor: Walter Hess, Publizist, Bibersten AG/CH (Textatelier.com)
 
Das waren keine Zustände mehr: 3 verschiedene Telefonanbieter sandten mir jeden Monat ihre Rechnungen, und ich hatte den Überblick komplett verloren. Ich empfand es geradezu als Wunder der Kommunikationstechnik, dass die Telefonate, Faxanrufe und der ISDN-Verkehr hinaus in die weite Welt des E-Mail-Verkehrs und in die Abgründe des Internets überhaupt noch wussten, durch welche Kanäle sie zu wandern hatten. Aber das klappte.
 
Doch das Abrechnungswesen schien mir zunehmend suspekt zu sein, obschon ich damit keiner der Gesellschaften ein unlauteres Verhalten unterschieben möchte. Ich kam einfach nicht mehr draus, wusste nicht, ob ich für ein und denselben Anruf nichts, einfach, doppelt oder dreifach bezahlte und hatte Gescheiteres zu tun (im Moment zum Beispiel Fallobst aus dem Garten zu verwerten) als an Kommunikationskosten herumzuräppeln.
 
Also fasste ich mit Datum vom 11.06.2010 den kühnen Entschluss, den gesamten Telefon- und Internetverkehr bei Swisscom (Schweiz AG) zu konzentrieren und bei den beiden anderen Anbietern, der Sunrise Communications AG und ECONOphone, ein von Swisscom vorfabriziertes Kündigungsschreiben unterschrieben zu senden, was am 15.06.2010 geschah, zum Beispiel an die Sunrise-Adresse: „Hiermit kündige ich meinen ADSL-Vertrag mit Ihrer Gesellschaft auf den nächstmöglichen Kündigungstermin. Ich bitte Sie höflich, mir eine Kündigungsbestätigung unter Nennung des Kündigungstermins zu senden.“ Ich sandte den Brief eingeschrieben ab, erhielt aber nie eine Kündigungsbestätigung oder eine Angabe des Kündigungstermins, sondern von Sunrise für „Festnetz- und/oder Internet Services“ einfach weiterhin die üblichen Monatsrechnungen, als ob nichts geschehen wäre.
 
Am 14.08.2010 hakte ich schriftlich/brieflich nach, fragte, wie lange ich noch Rechnungen erhalte und: „Bitte teilen Sie mir mit, auf welchen vertraglichen Grundlagen das geschieht und wie lange das noch so weitergeht.“ Eine Antwort traf wiederum nicht ein, aber das Sunrise-Rechnungswesen arbeitete unermüdlich weiter. ECONOphone seinerseits belästigte mich nicht mehr, was hier lobend angemerkt sei.
 
Beim Eintreffen der nächsten Sunrise-Rechnung für den ADSL-Anschluss (CHF 45.54, plus die Kosten für einige Anrufe ausserhalb der Vorwahlzone, datiert vom 01.09.2010), griff ich zum Festnetzkasten, stellte die Kundenbetreuungsnummer 0800 111 333 ein und konnte mit einer selbstbewussten Dame sprechen. Sie rief meine Akten auf ihren Bildschirm und sagte, die Kündigung sei am 17.06.2010 eingetroffen. Korrekt. Doch könne man doch nur einmal im Jahr kündigen – und zwar müsse das jeweils vor dem 01.05. geschehen, und die Kündigung gelte dann ab dem 01.07. Da meine Kündigung nachweislich aber erst nach dem Stichtag 01.05. eingetroffen sei, gelte meine Kündigung erst ab dem 01.07.2011.
 
„2011?“, fragte ich wegen der Vermutung, mich verhört zu haben. Das wurde bestätigt, und in ziemlich vorwurfsvollem Ton wurde mir ins Ohr geschleudert, ich hätte eben die Geschäftsbedingungen lesen müssen. Es tönte so etwa wie: Man unterschreibt doch nicht etwas, das man nicht gelesen hat! Ich bin zwar lebenserfahren genug, um das zu wissen und mich auch unbedingt daran zu halten. Doch erinnere ich mich nicht, solche Geschäftsbedingungen je unterzeichnet zu haben.
 
Die Rätsels Lösung hielt Urs Walter (www.jobwell.ch), den ich dieser Tage auf mein Problem ansprach. Er wusste sofort Bescheid.
 
Urs Walter hatte von Sunrise ein Schreiben erhalten, das auf die einseitig geänderte einjährige Kündigungsfrist aufmerksam machte. Falls man damit nicht einverstanden sei, müsse man sich melden. Wahrscheinlich ist ein gleichlautendes Schreiben auch bei mir eingetroffen; doch habe ich es nicht beachtet.
 
Urs Walter aber hatte die Vetragsänderungsidee entdeckt und schrieb sofort an Sunrise, dass er mit der Vertragsänderung keinesfalls einverstanden sei, jedoch bei unveränderter (normaler) Kündigungsfrist weiterhin gerne Sunrise-Kunde bleiben würde. Eine weitere schriftliche Reaktion seitens Sunrise gab es nicht mehr (weder Kündigungsbestätigung noch Abschaltanzeige des Anschlusses oder sonst irgendetwas). Kurz darauf war der ADSL-Anschluss von Urs Walter eines Morgens einfach abgeschaltet. Zu dem damaligen Zeitpunkt war er seit rund 10 Jahren Sunrise-Kunde, also ein Kunde der ersten Stunde, das heisst seit Beginn der Marktliberalisierung.
 
Der Kommentar von Urs Walter: „Seither weiss ich, warum Sunrise früher das ,Smilie’ im Logo hatte: Diesem Unternehmen ging es wirklich so ,irre’ gut, dass es gar keine zahlenden Kunden mehr brauchte. Im neuen Logo steht der Sunrise-Schriftzug auf rotem Hintergrund. Das könnte für mich persönlich nicht passender sein: Wenn ich Sunrise lese oder höre, sehe ich auch dunkelrot.“
 
Sunrise scheint also ununterbrochen an der Zerstörung seines Rufs zu arbeiten ... Nie im Leben hätte ich erwartet, dass man nur ein einziges Mal im Jahr kündigen könne, und dass man, nichts Böses ahnend, falls man den Stichtag verpassen sollte, wieder ein volles Jahr an der Sunrise-Abzapfmaschine hängen würde. Für eine etwa dreimonatige Kündigungsfrist hätte ich durchaus Verständnis gehabt, aber nicht für eine im Prinzip fast 14-monatige. Das ist höchst sittenwidrig, verstösst also gegen alle guten Sitten, auch falls es rechtlich zulässig sein sollte. So geht man mit Kunden doch nicht um, selbst wenn sie sich neu orientieren möchten.
 
Falls das Recht bei einem solchen Geschäftsgebaren tatsächlich auf der Seite von Sunrise sein sollte, müsste doch immerhin die Feststellung erlaubt sein, dass es diesem Unternehmen an Kulanz fehlt – an Entgegenkommen, an Grosszügigkeit, ohne die ein vernünftiger Geschäftsverkehr wohl undenkbar ist. Vor solchen Firmen wird man sich besser hüten.
 
Mysteriöse Forderungen
Lislott Pfaff hatte keine Kenntnisse von meinem Techtelmechtel mit Sunrise und sandte mir rein zufällig am 03.09.2010 ein an Sunrise gerichtetes Gedicht. Die Liestaler Schriftstellerin und Bloggerin schrieb mir in einem Begleitbrief dazu, die Firma Sunrise schicke ihr Rechnungen für „Bonitätsprüfkosten“ und dergleichen mysteriöse Forderungen und habe ihre Mahnung als „letzte Chance“ (für ihre Zahlung) bezeichnet.
 
Die Vorgeschichte, von Frau Pfaff geschildert:
 
„Ich habe einen ganzen Ordner voller Korrespondenzen und Rechnungen von Sunrise, die ich schliesslich alle bezahlt habe. Ich habe irgendeinmal auf das Sunrise-System ,Click + Call’ gewechselt, und von da an stimmte einfach nichts mehr. Seit Mai 2010 bin ich bei Improware (Anschluss über TV) sowohl mit dem Festtelefon als auch mit Internet. Bei Sunrise ist noch ein kleiner Betrag ausstehend, den ich aus Prinzip nicht bezahlen möchte, weil diese Kosten einfach nicht gerechtfertig sind (wie wahrscheinlich auch die früheren Beträge nicht, die ich schliesslich beglichen habe). Jetzt lasse ich es drauf ankommen – Sunrise hat mir mit Betreibung gedroht, ich werde Rechtsvorschlag erheben.“
 
Der lyrische Brief von Frau Pfaff an Sunrise: 
Ihr Brief „Letzte Chance“ vom 18.08.2010
Die letzte Chance kommt bestimmt,
auch wenn man mir das letzte Hemd
vom Leibe nimmt.
 
Wie kann man nur
so kleinkariert,
so ungeniert
und nicht versiert
im Umgang mit Personen,
die gänzlich unbescholten sind,
und ohne sie zu schonen,
den Rappen spalten noch und noch?
Das kann sich doch nicht lohnen!
 
Die letzte Chance, würd’ ich sagen,
ist, dass Sie wagen,
mich in Ruh’ zu lassen. -
Das würde sicher auch zu Ihrem Image passen.
Freundliche Grüsse:
Lislott Pfaff
 
Das Geschäftsgebaren von Sunrise ist offensichtlich sonderbar, rappenspalterisch auf schamlose Kundenabzockereien ausgerichtet. Das Unternehmen ist bereit, für ein paar auf dubiose Art eingetriebene Franken seinen guten Ruf zu opfern.
 
In der Schuldenfalle
Sunrise wird für 3,3 Milliarden Franken an die britische Private-Equity-Firma CVC verkauft, wie am 17.09.2010 bekannt wurde. Eine Fusion mit Orange hat die Wettbewerbskommission verhindert. Laut einer SDA-Meldung vom 05.10.2010 wird Sunrise in den nächsten Jahren hohe Schulden zu tragen haben; denn ein Grossteil des Preises, den der neue Besitzer CVC für das Telekomunternehmen bezahlt hat, wird Sunrise nämlich als (wahrscheinlich nachrangiges) Fremdkapital aufgebürdet. Nach Angaben von CVC schuldet Sunrise 2,3 Mrd. Franken in Form von Krediten und Obligationen, die zwischen 2016 und 2018 fällig werden. Das sind rund 2/3 der 3,3 Mrd. Franken, die der dänische TDC-Konzern, der ehemalige Eigentümer von Sunrise, beim Verkauf gelöst hat.
 
Allein um die Schulden inkl. die so genannten Preferred Equity Certificates (PECs) und die Convertible Preferred Equity Certificates (CPECs) abzustottern, benötigt Sunrise während fast 7 Jahren den gesamten operativen Gewinn (Ebitda), ohne in dieser Zeit auch nur eine weitere Investition getätigt zu haben. Vielleicht wird man in Zukunft notgedrungen wieder anständiger mit den Kunden umgehen.
 
Das Unternehmen hat auf den 01.10.2010 die Geschäftsleitung umgebildet. Der bisherige Leiter des Privatkundengeschäfts, Jens Gerhardt, und der bisherige Kundendienstleiter Joachim Hofsähs verliessen das Unternehmen laut dessen Angaben auf eigenen Wunsch. Seither bilden CEO Oliver Steil, Finanzchef Christian Hütwohl und Floris Alders in der neu geschaffenen Rolle als COO (Chief Operating Officers) die operative Geschäftsleitung.
 
Vielleicht dreht der Wind, vielleicht auch nicht. Am unteren Ende der Globalisierungsspielchen bezahlen immer und überall die kleinen Kunden für all die Debakel, die Taschen der Finanzhaie füllend. Und ich ärgere mich über mich selber, dass ich zu den Hereingefallenen gehöre. Der Sunrise (Sonnenaufgang) erscheint mir seither in dubiosen Farben, ebenfalls vor allem in Rot.
 
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