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BLOG vom 29.10.2010


Unterwegs im Sundgau: Storchengeklapper und alte Eiche
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Im Mai dieses Jahres 2010 waren wir schon einmal im Sundgau. Wir wanderten von Landskron (F) nach Mariastein (CH). Am 21.10.2010 war es wieder soweit. Wir (5 Wanderfreunde) hatten uns wiederum das schöne Wandergebiet auserkoren. Der Sundgau ist der südlichste Teil des Elsass, der bis zum Schweizer Jura reicht. Wir fuhren die 38 km von Lörrach aus über Weil (Palmrainbrücke) nach St. Louis, Hesingue, Folgensbourg, Bettlach zu unserem Ausgangspunkt der Wanderung nach Oltingue (Oltingen).
 
Oltingen gehört zum französischen Kanton Ferrette und hat 736 Einwohner (www.oltingue.net). Der Ort liegt unweit der Schweizer Grenze entfernt auf einer Höhe von 400 m ü. M am Ufer des Flusses Ill. Wir parkierten auf dem geräumigen Parkplatz an der Kirche. Diese Kirche wurde zwischen 1827 und 1831 errichtet. Leider konnten wir nicht ins Innere blicken, da sämtliche Türen verschlossen waren.
 
In der Nähe unseres Parkplatzes entdeckte ich in einem Garten eine besondere Vogelscheuche. Sie war mit vielen leeren Getränkeflaschen aus Plastik aufgebaut. Auch auf so manchen Holzpfählen von Umzäunungen waren PET-Flaschen als Regenschutz angebracht. Wie ich hörte, kennen die Franzosen keinen Flaschenpfand (bei uns wird pro Plastikflasche 25 Cent erhoben). Und so werden diese Plastikbehälter sinnvoll genutzt und gelangen somit nicht in den Müll oder irgendwo in die Landschaft.
 
Besonders schön fand ich den mit Ahornbäumchen, 2 dreiarmigen Laternen und einem Reiterstandbild (wohl ein Kriegerdenkmal) versehenen Platz vor der Kirche, den ich natürlich fotografierte. Auch konnte ich, bevor die Wanderfreunde ihre Wanderschuhe angezogen hatten, noch den mit Geranien geschmückten, 2-rädrigen Handwagen ablichten. Mir fielen in diesem Ort, aber auch später in Raedersdorf, die sauberen Strassen, die liebevoll gepflegten Gärten und die mit Blumen geschmückten Fenster und Balkons der Häuser auf. Später erfuhr ich, dass es im Sundgau viele blumengeschmückte Städte und Dörfer gibt. Die Orte mit dem schönsten Blumenschmuck werden mit dem Nationalen Gärtnerpreis oder dem Nationalen Blumenschmuckpreis (Prädikate 4, 3, 2 oder einer Blume) ausgezeichnet.
 
Überall sahen wir gut erhaltene Fachwerkhäuser. Manche Häuser waren mit einem taubenblauen bzw. hellblauen Anstrich versehen. Sogar ein Fachwerkhaus war mit so einer Farbe gestrichen. Für deutsche Augen wohl ein ungewöhnlicher Anblick.
 
Und noch etwas entging unserer Aufmerksamkeit nicht: Eine Plastikkuh hinter einem Schild mit der Aufschrift, dass hier ein Landwirt seinen 50. Geburtstag feierte, dann eine kleinere Plastikkuh auf einem Balkon eines Holzhauses und etliche Gartenzwerge und andere Figuren in diversen Gärten. Man fühlte sich in manche Gegenden der Schweiz und Deutschland versetzt, wo ja solche Figuren wie bunt bemalte, lebensgrosse Plastikkühe oft zu sehen sind.
 
Kirche inmitten von Feldern
Unsere Wanderung begann an der Kirche St. Martin. Dann ging es auf der Rue Principale und der Rue de l`Église über die Felder zur Église St. Martin des Champs (Kirche St. Martin auf den Feldern). Die Markierung der Wege erfolgt zunächst mit einer roten Raute, anschliessend mit einem blauen Dreieck und später wieder mit einer roten Raute.
 
Die etwas gedrungene und nach Osten gerichtete Kirche befindet sich etwa 500 m vom Ortszentrum von Oltingue entfernt und steht inmitten der Felder. Das ist schon etwas Besonderes, zumal man solche Kirchen weiter ausserhalb von Ortschaften selten sieht. Die Kirche ist 28,20 m lang und 19 m breit. Der Glockenturm hat eine quadratische Grundfläche (8,2 m Seitenlänge) und ist mit einem Satteldach versehen.
 
Nach einer alten Sage soll sich früher hier eine Stadt befunden haben. Das spätgotische Gotteshaus ist dem St. Martin geweiht. Der aus merowingischer oder frühkarolingischer Zeit stammende Bau war wohl die Mutterkirche der umliegenden Orte Oltingue, Fislis, Huttingue und Lutter. Noch früher soll hier ein frühchristliches Heiligtum gewesen sein. In der Nähe fanden Archäologen prähistorische Steinwerkzeuge, aber auch römische Tonwaren, Ziegel und behauene Steine.
 
Die Kirche mit dem Friedhof ist mit einer Mauer umgeben. Durch ein Tor schritten wir hinein und sahen uns auf dem Friedhof um. Ich entdeckte etliche Grabsteine, die über 150 Jahre alt waren. Die meisten Grabsteine waren mit deutschen Namen versehen. Die Inschriften der Namen und Jahreszahlen waren auf den alten Steinen verwittert und nur mühsam zu entziffern.
 
Durch das Westportal gelangten wir ins Innere der Kirche. Eine Besonderheit waren nicht nur die im Chor befindlichen Fresken aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, sondern auch alte Steingräber und Sarkophage (in einem Grab befand sich ein Skelett ohne Kopf), die aus dem 7. und 8. Jahrhundert stammten. Die Grabungen wurden übrigens erst 1989 vorgenommen.
 
Die Fresken sind nur teilweise gut erhalten. Wer ein scharfes Auge hat, kann den heiligen Georg im Kampf mit dem Drachen, Adam und Eva und die heilige Katharina mit dem Rad erblicken.
 
Die Kirche gehört übrigens zu den mystischen Orten, die es im Elsass, der Nordwestschweiz und in Südbaden gibt (www.mythische-orte.com).
 
Alte Mühle und Störche
Vom Parkplatz aus ging es rechts um den ummauerten Friedhof herum auf einer asphaltierten Strasse nach Huttingue. In diesem kleinen Ort steht eine alte Mühle (Moulin de Huttingue), die schon lange nicht mehr in Betrieb ist. Ewald, ein gelernter Müller, und ich gingen in den Hof vor dem 2-stöckigen Hauptgebäude mit Sprossenfenstern und grünen Fensterläden und sahen uns die dort befindlichen alten Mühlsteine an. Aus einem Mühlstein („Läufer“, der rund läuft) wurde ein Tisch fabriziert, ein „Läufer“ mit einem Kürbismännchen drauf lehnte an einer Wand, der andere Mühlstein („Unterlieger“) mit schätzungsweise ca. 1 m Durchmesser und 50 bis 60 cm Länge bzw. Höhe, der damals unter dem „Läufer“ platziert war, befand sich einige Meter vor dem Hauptgebäude. Dank Ewald weiss ich jetzt, was ein „Läufer“ und ein „Unterlieger“ ist. Man lernt nie aus.
 
An der Mühle überquerten wir die Ill, wanderten auf einem Strässchen entlang zum Storchengehege, das vor Raedersdorf (500 Einwohner) liegt.
 
Das Gehege wurde vom Verein für Schutz und Wiederansiedlung der Störche im Elsass und Lothringen (Aprecial) gegründet. Jungtiere werden in solchen Gehegen während der ersten 3 Lebensjahre gehalten und dadurch sesshaft gemacht. Die freifliegende Storchenpopulation hat dadurch beträchtlich zugenommen. Ich sah in dem schön angelegten Gehege 5 Jungstörche, die an diesem Tag nicht herumklapperten, sondern friedlich am anderen Ende vor einem Maschendrahtzaun standen. Wahrscheinlich muss man bis zum März warten. In jenen Tagen kommen nämlich die Störche aus ihrem Winteraufenthalt aus Afrika zurück, und dann klappern sie gewiss (man verzeihe mir das Wort Geklapper in der Überschrift, aber das macht sich ja gut).
 
In den 1970er-Jahren wurden Hochspannungsleitungen, Wilderer und Trockenheiten dem Storch fast zum Verhängnis. In Raedersdorf sahen wir Storchennester auf Telefonmasten, auf dem Kirchendach und auf dem Mast einer Starkstromleitung (hier sind die alten Nester mit langen Drahtstäben gesichert, damit kein Storch sich darauf niederlässt und einen Stromschlag bekommt). Am Eingang des Geheges sah ich ein Stuhlkunstwerk, das von einer 10-Jährigen geschaffen wurde. Auf dem bemalten Stuhl war ein Nest mit Steineiern platziert.
 
Beim Wandern durch Raedersdorf sahen wir viele solcher Kunstwerke, einige davon hingen sogar von kleinen Bäumen herunter.
 
Auf zur dicken Eiche
Wir wanderten auf der Rue du Chêne der Ill entlang und kamen am Ende des Dorfs an einem Wegkreuz vorbei. Am Sockel des steinernen Kreuzes von 1894 las ich das Folgende in deutscher Sprache: „Wer vor diesem Kreuze 5 Vaterunser mit Glauben betet, gewinnt 40 Tage Ablass“.
 
Meine Demut und Gläubigkeit hielt sich in Grenzen. Ich bog mit meinen Freunden nach dem Kreuz links ab und ging auf einem Weg, der mit dem blauen Dreieck gekennzeichnet war, aus dem Dorf. Nach einem Anstieg kamen wir an einem schönen Rastplatz mit einer neuen Holzhütte vorbei. Da konnten wir uns nicht mehr zurück halten, unterbrachen die Wanderung und nahmen unser 2. Frühstück ein.
 
Dann ging es wieder weiter durch einen Wald zum nächsten Höhepunkt der Wanderung, der dicken Eiche (Gros Chêne de Sondersdorf). Die 1525 gepflanzte Eiche hatte in der Tat einen dicken Stamm, der von 4 Wanderfreunden mit ausgestreckten Armen gerade noch umfasst werden konnte.
 
An einer Stelle des Stamms entdeckten wir eine lange Einkerbung, die wohl von einem Blitz herrührte. Die Eiche ist der imposante Mittelpunkt eines gut gepflegten Rastplatzes mit Bänken und Tischen.
 
Auf einer kleinen Tafel am Baum war Folgendes zu lesen (eine Französin und Nachbarin übersetzte mir freundlicherweise den Text):
 
„Ich war noch klein, als 1525 der Bauernkrieg ausbrach. Ich war auch da, als die Pest wütete und der Dreissigjährige Krieg im Gange war und die Gegend verwüstete. Später habe ich es gerade geschafft, nicht gefällt zu werden, als die benachbarten Wälder für den Bau von Kriegsschiffen der Königlichen Marine und später der Kaiserlichen Marine abgeholzt wurden.
 
1947 habe ich gesehen, wie ein gewaltiger Brand 5 Häuser des Dorfes in Schutt und Asche legte. Dann war es der Blitz, die Trockenheit und der Sturm vom 26.12.1999 (Sturm Lothar), der mir zusetzte.“
 
200 m hinter dem mächtigen Baum wanderten wir im Gebiet „Hinter dem Berg“, wie der Wald genannt wird, auf einem mit der roten Raute gekennzeichneten Weg (Fernwanderweg „Sentier Interregio“) wieder zurück nach Oltingue.
 
In Oltingue befindet sich übrigens ein Bauernmuseum (Musée Paysan), das leider geschlossen war. Im Museum sind Funde aus Ausgrabungen, bäuerliches Inventar und ein Kachelofen aus dem 17. Jahrhundert ausgestellt. Ofenbauer und ein Holzschnitzer führen ihr traditionelles Handwerk vor.
 
Öffnungszeiten: 15.06. bis 1.10., Di., Do., Sa von 15‒18 Uhr, Sonntag von 11‒12 und 15‒18 Uhr, vom 02.10.‒14.06: Sonntag von 14‒17 Uhr. Wer von Durst oder Hunger geplagt wird, kann im Museumskeller (Caveau du Musée) einkehren.
 
Es war für uns alle eine schöne und interessante 3-stündige Wanderung, die wiederum unter der bewährten Führung von Toni aus Lörrach stand. Die Anforderungen waren für uns tüchtige Wandersleut gering. Es mussten nur 180 Höhenmeter überwunden werden. Die Wald- und Feldwege waren gut begehbar und fast durchgehend markiert.
 
Internet
www.sundgau-sud-alsac.fr (Infos über blumengeschmückte Städte und Dörfer) (Infos über blumengeschmückte Städte und Dörfer)
 
Literatur
Titz, Barbara und Jörg-Thomas: „Elsass (50 Touren)“, Rother Wanderführer, Bergverlag Rother, München 2009.
 
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