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BLOG vom 15.11.2010


Behinderungsaspekte: „Bi de Lüt“ vom Schloss Biberstein
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Die etwas weniger oder mehr behinderten Leute, die das Schloss Biberstein AG (Bezirk Aarau) beleben, haben es seit dem 12.11.2010 zu Fernsehstars gebracht. Das Schweizer Fernsehen hat die erste von 5 Dokumentationssendungen in seiner angenehmen, volksnahen Rubrik „Bi de Lüt“ (Bei den Leuten) zur besten Sendezeit ausgestrahlt, und ich war von dieser einfühlsamen Leistung und dem Mut, sich dem Unspektakulären liebevoll anzunehmen, beeindruckt.
 
Unser Haus befindet sich etwa 300 Meter (Luftlinie) von diesem berühmten Schloss Biberstein entfernt. Die wuchtige Anlage ist eine Gründung der Grafen von Habsburg-Laufenburg aus dem 13. Jahrhundert. Auf dem Weg (dem Rebweg) ins Dorf komme ich an der Rückseite des Schlosses vorbei; selbst diese nördliche, dem Jurarücken und dem Dorfbach „Brusch“ zugewandte Fassade ist eine Augenweide. Das abschnittweise wie eine Sprungschanze auslaufende Zeltdach mit den Lukarnen auf dem unregelmässigen Achteck ist ein Meisterwerk der Zimmermannskunst.
 
Das Schloss war in seinen Jugendjahren ein Wachtposten gegen das kyburgische Aarau und bis 1798 ein Landvogteischloss. Ein nach alten Vorlagen auf der Südfassade aufgemalter grosser Bär erinnert an die Berner Landvogtei, weil die „Stadt“ Biberstein – eine Stadt ohne Stadtrechte – 1499 im Schwabenkrieg von Bern besetzt, 1527 einem Vogt unterstellt und 1535 von Bern käuflich erworben wurde. 1804 ging das Schloses an den damals neuen Kanton Aargau, wurde vorerst als Gemeindeschule und seit 1889 als Heim benützt, heute als Wohn-, Arbeits- und Ausbildungsstätte für erwachsene Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung ab 18 Jahren.
 
Die Schlossbewohner
Dieses belebte Schloss habe ich schon immer als Bereicherung für das ganze Dorf Biberstein mit den stufigen Vorgärten und dessen Umfeld empfunden. Denn immer sind einzelne „Schlössler“, wie wir den Schlossbewohnern in Kurzform sagen, unterwegs, irgendwo tätig, etwa im Rebberg, wo Michel (22) eine Winzerlehre absolviert. Die jungen Leute grüssen, freundlich winkend, freuen sich über Kontakte, sind immer für ein paar Worte und einen Spass zu haben. Wenn immer im Schlossareal ein Anlass stattfindet, sind einige von ihnen dabei, lassen sich mitreissen. Wenn der Jodlerklub Haselbrünneli auftritt, stellt sich ein junger Schlössler mit Dirigentenstab vor das Halbrund der Sänger, dirigiert, wenn auch gelegentlich mit kleinem Rückstand, da er sich ja zuerst die Klänge anhören und in Bewegungen umsetzen muss. Die Jodler lassen sich davon nicht beirren, singen und jodeln in Harmonie, wenn auch nicht mit dem Dirigenten, den sie aber gern gewähren lassen. Er gehört irgendwie dazu. Als ich 2002 mein Buch „Kontrapunkte zur Einheitswelt“ im Schlosshof vorstellte, mischten sich die Schlossbewohner, die ja wie alle anderen Dörfler ebenfalls eingeladen waren, unters übrige Publikum, freuten sich über den Betrieb. Sie sind immer anständig, unaufdringlich und sorgen für eine gelöste Stimmung.
 
An Montagen und Freitagnachmittagen, wenn ich im Garten herumwerkle, höre ich oft einen jungen Mann aus dem Schloss, der anhaltend jauchzt, offenbar einfach, weil es ihm, dem Fabian, ums Jauchzen ist. Die Leute vom Schloss sind übers Wochenende meistens bei ihrer Familie. Und das Freitag-Jauchzen könnte damit zu tun haben, dass sie sich auf die Heimkehr freuen. Und das Montagsjauchzen? Der Mann freut sich, wieder in der gewohnten Umgebung in Biberstein sein zu dürfen. Die Leute vom Schloss sind vollkommen gelöst, leben im Jetzt, wie es die psychologische Literatur Menschen lehrt, die diese lesen, es aber nicht fertigbringen, die Ratschläge zu befolgen. Die Schlossbewohner tun dies ohne Psychologenimpulse, und manchmal frage ich mich, wer denn eigentlich „normal“ und wer behindert sei. Gehe ich in den Garten, um zu Jauchzen, wenn ich in einer freudigen Stimmung bin? Was würden wohl die Nachbarn von mir denken ...? Ich bin verklemmt.
 
Die 1. Fernsehsendung
Mit solchem Hintergrundwissen habe ich mich am Freitagabend, 12.11.2010, bei stürmischem Regenwetter entspannt vor den Fernsehschirm gesetzt, um weitere Schlossgeheimnisse zu entschlüsseln, insbesondere eine kleine Gruppe von Akteuren wie Lea, Cédric, Selina, Hubi, Michel und Manuel näher kennen zu lernen, an ihrem Alltag teilhaben zu können. Und mochte es sich noch so sehr um alltägliche, gewöhnliche Ereignisse wie Glücksgefühle, Sorgen (auch in der Partnerschaft), Arbeit nach Ämterplan und Freizeit gehen, es war immer anregend. Ich schätze solche entschleunigte TV-Sendungen, wie sie der beliebte Fernsehmann Nick Hartmann immer wieder gestalten darf, zum Beispiel seine Wanderungen durch die Schweiz, so weit seine volksnahen Zeitbilder ihm nicht durch den Beizug von quotenträchtigen Stars teilvermiest werden. Hartmann aber trat bei der 1. von 5 Biberstein-Sendungen nicht auf.
 
Die Biberstein-Sendungen entstanden während 6 Monaten, ohne dass wir Eingeborenen etwas davon mitbekamen. Die Fernsehequipe stand unter der Leitung von Redaktor Stefan Jäger, der bereits Erfahrung bei der Darstellung behinderter Menschen hat. 2003 berichtete er über Cyril, einen jungen Mann mit Trisomie 21 („Cyril trifft“). Ohne das Schloss und das Dorf Biberstein in seinem Umfeld vorzustellen – vielleicht passiert das in späteren Sendungen –, stieg er gleich in die Lebensweise im Schloss und im nahen Personalhaus an der Aarauerstrasse ein; im Wesentlichen spielte sich das alles in dieser kleinen, begrenzten Welt ab.
 
Es gab schöne Szenen aus dem Leben des hyperaktiven, gutmütigen Cédric (26), der sich in der Schlossküche betätigt, und seiner Lea (23), die abends nach den Konzentrationsübungen, welche die Arbeit in der Papier- und Kerzenwerkstatt, wo Produkte für den Weihnachtsmarkt hergestellt werden, von ihr verlangte, jeweils müde ist. Die beiden sind ein glückliches Paar, dürfen gelegentlich einen Abend zusammen verbringen, besonders an Wochenenden, wie es sich gehört. Doch dann stellen sich genau jene Probleme ein, die das Zusammenleben von Paaren generell so schwierig machen: Cédric möchte fernsehen und Lea ungestört ruhen, schlafen. Sie bittet ihn um Ruhe, die er verspricht und dann gelingt es ihm gleich wohl wieder nicht, sein Versprechen einzuhalten und fernsehfrei zu sein. Lea war verzweifelt, und eine verständige Betreuerin musste den Knoten lösen. Es kam zu einem freundlichen Krisengespräch. Beide Seiten haben Bedürfnisse, und es geht nicht an, z. B. ein Fernsehverbot für den fleissigen, unbescholtenen Cédric auszusprechen. Ein Hilfsmittel könnten Kopfhörer sein. Cédric, die personifizierte Friedfertigkeit, tut alles, um seiner geliebten Lea das Schlafen zu ermöglichen. Vielleich schaltet er den Apparat jetzt wirklich ab – Partnerschaftskrisen werden oft genau von solchen Bagatellen ausgelöst. Der vergangene Freitag war natürlich im Schloss eine Ausnahmesituation, was die Einschaltquote betraf.
 
Viele andere Schlossbewohner wurden vorgestellt, so etwa der quirlige, etwas vorwitzige und stets gut gelaunte Hubert, „Hubi“ genannt (33), der seit 15 Jahren in Biberstein lebt und sozusagen zum Schlossinventar gehört. Ich komme jeweils mit ihm persönlich in Kontakt, wenn er auf dem Nachbargrundstück unterhalb der Alten Trotte einen mit Solarzellen betriebenen Elektrozaun montiert und die Schwarznasenschafe herantreibt, die sich dann als Wiesenmäher betätigen, was sie in wenigen Tage schaffen. Die Schafen rufen mir, wenn immer ich durch die Haustür komme, ihr „Määähhh“ zu, was ich mit mähen übersetze und ein Hinweis auf ihre lusterfüllte Haupttätigkeit ist. Ich rufe dann „Määähhhttt“ zurück, worauf die warm verpackten Tiere weiteressen. Die Leute vom Schloss wissen, dass sie meinen Vorplatz für ihre Material- und Tiertransporte benützen dürfen, und sie verlassen alles tipptopp aufgeräumt. Ein handwerkliches Allroundtalent, Willi Moos, leitet die Gartentruppe, wenn er nicht gerade mit dem Jodlerclub Haselbrünneli auftritt oder bei Festen den Grill bedient. Er ist kräftig, kann alles, bewegt grosse Kalksteinbrocken, ist auch für die Pflege des Schlossparks zuständig.
 
Überhaupt gibt es im Schloss, dessen Gesamtleitung Emanuel Duso untersteht und der alles andere als ein moderner Vogt ist, viele gute Geister, womit die internen und externen Betreuer gemeint sind. Dazu gehören etwa die waschechte Bibersteinerin Vreni Wehrli, welche die Walkinggruppe anleitet, und die Tanzleiterin und Autorin Julie Landis aus Aarau, welche die „Schlossdancers“ zu starken Leistungen beflügelt – ich erwähne diese beiden sympathischen Frauen einfach, weil ich sie in der 1. Biberstein-Sendung gesehen habe.
 
Toleranz, nicht Konkurrenz
Aus solchen Fragmenten setzt sich allmählich ein abgerundetes Bild über das Leben im Schloss zusammen. Es macht einen durch und durch friedlichen Eindruck, ist nicht von Konkurrenz, sondern von Toleranz gekennzeichnet, und mögen die Mitbewohner noch so kurios sein. Allfällige Aggressionen werden durch Zuschlagen auf einen grossen Ball abreagiert, wie eine junge Bewohnerin das TV-Publikum lehrte, oder aber sie versanden in der Nachgiebigkeit der Mitbewohner. Schön war die Einspielung einer hübschen Schlossbewohnerin und ihrem Geliebten, der taubstumm ist. Die junge Frau sagte, dass sie sich in der Gebärdensprache kaum auskenne, und somit sei das Streiten mit ihrem Liebsten unmöglich.
 
So läuft das im Schloss Biberstein. Es thront auf einem Felsvorsprung am Jurasüdhang, oberhalb der Aare, die einst bis zu dessen Füssen mäandrierte. Ich schaue nicht auf es hinab, sondern zu ihm hinauf. Ich frage mich oft, wer und wo denn eigentlich die geistig mehr oder weniger Behinderten sind und ob bei der üblichen Aufteilung in Behinderten-Kategorien alles richtig läuft.
 
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