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BLOG vom 05.12.2010


Wetten, dass ..? Lebensgefährlicher Nonsens und die Folgen
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Ich habe nichts gegen Thomas Gottschalk und noch weniger gegen die hübsche Michelle Hunziker, ein Schweizer Exportschlager. Aber die Sendung „Wetten, dass ..?“ habe ich schon immer als ein rein quotenorientiertes Kunstprodukt ohne Wert empfunden. Von langweiligen über intellektuelles Geschick erfordernden bis zu halsbrecherischen Wetten gab es alle Variationen von Nervenkitzel, den das Publikum halt so sehr liebt – Autorennen hätten wohl fast keine Zuschauer, wären sie garantiert unfallfrei. Je riskanter, desto spannender und quotenträchtiger.
 
Die Waghalsigkeiten bei den Wetten genügten nicht. Da mussten noch Superstars aus dem Show-Geschäft, deren allerwichtigste und grösste halt aus den USA und dem übrigen angelsächsischen Raum kommen – die Hollywood-Erfahrung hat die Amerikaner gelehrt, wie man der Restwelt den hausgemachten Kulturschrott andreht. Diesmal hätte etwa der knapp 17-jährige Kanadier Justin Bieber, der via US-Charts berühmt wurde, auftreten dürfen. Laut dem Zweiten Deutschen Fernsehen ZDF, welches die Sendung „Wetten, dass ..?“ produziert, sorgt der Knabe für „Kreischkonzerte und Ohnmachtsanfälle“ ‒ und das ist doch die allerhöchste Auszeichnung ... Aufgeboten wurden sodann der britische Popsänger Phil Collins, dessen internationale Popularität in den USA ausgebrochen war, und die britische Popband „Take that“, die ebenfalls ihre neuen Alben im Interesse der Verkaufsförderung hätten vorstellen sollen – mich betraf das nicht, da ich bereits 1 CD habe, wenn auch nicht eine von „Take that“. Selbstredend war „das berühmteste Lachen Hollywoods“ – Cameron Diaz – eingeladen, das mit „Die Maske“ an der Seite von Jim Carrey angeblich über Nacht berühmt wurde (ich habe dieses Wissen heruntergegoogelt). Angesichts solcher Auswahlkriterien frage ich mich jeweils schon, ob es denn in Spanien, Italien, Osteuropa, im Nahen und im Fernen Osten nicht auch Gesangstalente gebe ... bei meinen früheren Asien-Reisen habe ich solche noch und noch erlebt, anmutige, sozusagen namenlose Sängerinnen, die es mit dem US-Bestand durchaus aufnehmen könnten, liesse man das zu.
 
Das Stargetue auf der Gottschalk-Couche war jeweils deswegen eher peinlich, weil sich unter den aufgereihten Megastars ja keine intelligenten Gespräche entwickeln konnten. Die offensichtlich gelangweilte Prominenz hatte sich auf ihrer Promotionstour jeweils vor allem darüber zu äussern, ob eine bevorstehende Wette wohl gewonnen werde oder nicht. Wenn die Propheten daneben lagen, mussten sie als Strafe irgend eine telegene Allotria treiben, alles in allem also eine eher peinliche, an den Haaren herbeigezogene Sache.
 
Am Samstagabend vom 04.12.2010 ging eine besonders riskante Wette schief. Ich las auf dem eigenen Diwan „Dausiens grosses Buch der Bäume und Sträucher“, und der Fernsehkasten lief mit stark zurückgenommener Tonstärke. So bekam ich den dramatischen Sturz des 23-jährigen Samuel Koch nach dem Sprung mit Sprungfedern an den Beinen über das von seinem Vater gelenkte Auto mit. Der junge, strebsame Mann tat mir unendlich leid, ähnlich wie die Baumriesen, die aus menschlicher Uneinsicht gefällt werden. Samuel schlug mit dem Gesicht auf dem Boden auf und liegt bei der Niederschrift dieser Zeilen, am 05.12.2010, auf der Intensivabteilung der Düsseldorfer Universitätsklinik, muss möglicherweise noch operiert werden, wenn das die übrigen Beschädigungen im Kopfbereich erlauben. Er ist schwerer verletzt als zunächst angenommen und hat eine komplexe Verletzung an der Halswirbelsäule, und das Rückenmark ist in Mitleidenschaft gezogen, und er hat Lähmungserscheinungen, liegt im künstlichen Koma. Ich drücke ihm alle Daumen und wünsche ihm von Herzen gute Besserung.
 
Ich begreife, dass sich junge Leute in ihrer ungestümen, draufgängerischen Art Herausforderungen stellen, Risiken eingehen. Bei mir war das nicht anders. Was ich als Unteroffizier bei den Hochgebirgsgrenadieren auf der Schweizer Seite der Ostalpen-Gebirgsgruppe Rätikon ohne spitzensportliche Ausbildung alles gewagt habe ... ich denke daran mit kaltem Grausen zurück. Zum Glück ist alles gut gegangen. Und ich mache jungen Leuten nie Vorwürfe, wenn sie die Grenzen zu weit hinausschieben, wohl aber den Älteren, Erfahrenen, die einem solchen Tun nicht Einhalt gebieten.
 
Erwiesenermassen hatte der Stuntman Samuel Koch bereits bei den Proben am 02.12.2010 nicht weniger als 2 schwere Stürze, Warnsignale, die hätten dazu führen müssen, auf diese allzu riskante Wette zu verzichten. Koch sagte zur „Badischen Zeitung“: „Bei den Proben am Donnerstag bin ich zweimal schwer gestürzt.“ Gottschalk deutete diese Stürze bei der Live-Ausstrahlung nur an, verharmloste sie und verlor dadurch bei mir damit die Glaubwürdigkeit. Doch möchte ich keineswegs ihm die ganze Verantwortung für die Sendung in die Schuhe schieben. Sie wird von einer zweifellos umfangreichen, redaktionellen Gruppe konzipiert und in eine telegen erfolgreiche Form gebracht. Thomas Gottschalk und Michelle Hunziker geben der Sendung einfach ihr Gesicht, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.
 
Schon im Oktober 2008 hatte «Wetten, dass ..?» einen schweren Unfall zu verzeichnen, damals allerdings nicht bei der Live-Sendung, sondern bei einer Probe, was das Drama aber nicht entschärft. James Foster aus den USA wollte mit seinem BMX-Velo über ein Einfamilienhaus springen ‒ der Versuch misslang. Der 22-Jährige hatte sich von einem Quad (vierrädriges Motorrad) mit 60 km/h auf die Rampe ziehen lassen. In der Luft verlor Foster die Kontrolle und stürzte aus 8 m Metern Höhe auf den Boden, wobei er sich einen Trümmerbruch am Bein zuzog, und er musste notfallmässig operiert werden. Die Sendung ging ohne ihn über die Bühne. Die Show musste weitergehen. Gottschalk sagte damals zur Boulevardzeitung „Bild“: „Wir haben immer gesagt, dass ,Wetten, dass ..?’ spannend bleiben muss. Wenn man nur Kartenhäuschen baut, kann nichts passieren. Andererseits kann man sich auch den Fuss brechen, wenn man vom Klavierhocker fällt ...“ Ende Zitat. Bei Sprüngen über fahrende, entgegenkommende Autos sind die Gefahren schon wesentlich grösser.
 
Spannung (= Quote) über alles. Im Blog vom 28.04.2010 („Klare Folge der Globalisierungsfusionitis: Too big, must fail“) habe ich anhand einer Wetten, dass ..?-Wette (aufgetürmte Harasse, eine Version des Turmbaus zu Babel) aufgezeigt, dass Übertreibungen, auch was das Grössenwachstum anbelangt, zum Zusammenbruch führen muss. Das hat sich gerade wieder bestätigt – ich sage das ohne jedes Triumphgefühl, im Gegenteil.
 
Die Sendung vom 05.12.2010 wurde nach dem Unfall richtigerweise abgebrochen, ein schwerer und zweifellos richtiger Entscheid. „Wir wollen in einer Situation wie dieser nicht weitermachen mit Jux und Dollerei“, sagte Thomas Gottschalk und war sichtlich mitgenommen.
 
Ich hoffe, dass sich diese Einsicht über die Unfall-Sendung hinaus erschreckt und dass sich das Fernsehen zu den allerbesten Sendezeiten aus seinen Programm-Niederungen emporarbeitet.
 
Das Schweizer Fernsehen übernimmt die ZDF-Sendung „Wetten, dass ..?“ seit Jahr und Tag. Dass ich über meine Fernsehgebühren von 462 CHF pro Jahr – herausgeworfenes Geld – diesen Nonsens noch mitfinanziere, macht mich mitschuldig. Ich entschuldige mich deshalb bei den Opfern.
 
Hinweis auf ein Blog mit Bezug zu „Wetten, dass ..?
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