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BLOG vom 15.12.2010


Knebelverträge: Brüchigkeit von unendlichen Verbindungen
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Das normale Eheversprechen zielt in unserem Kulturraum üblicherweise auf eine lange Dauer ab: „... bis der Tod euch scheidet“. Dazu gibt man sein Ja-Wort, ein alleweil ergreifender Moment, der Betroffene und auch bestandene Eheleute oft zu Tränen rührt, weil letztere ja eine Ahnung davon haben, was das Dauerversprechen heissen könnte, je nach guten und schlechten Tagen. Laut der offiziellen Schweizer Statistik würde, falls das Versprechen eingehalten werden sollte, der Tod eines Partners nach durchschnittlich 14,5 Jahren eintreten, denn so lange dauert eine Ehe im Schnitt. Aber offenbar haben Versprechen auch nicht mehr die Qualität von damals, denn etwa 48 % der Ehen in der Schweiz gehen heutzutage in Brüche. So betrachtet scheint das Ja-Wort in fast der Hälfte der Fälle schon eher ein Versprecher zu sein.
 
Man könnte es zur Abwechslung auch einmal positiv sehen: Gut die Hälfte der Ehen halten, weil sich die Liebe den Lebensphasen anpasst, oder aber, weil man das kostspielige, oft Nerven strapazierende Scheidungstheater nicht will. Man arrangiert sich irgendwie, lebt zusammen aneinander vorbei. Aber es gibt auch das Gegenteil: Gerade auf Wanderungen beobachte ich immer wieder gern ältere Paare, die in einem schönen Gemeinschaftserlebnis ihre Beziehung festigen, vielleicht noch vertiefen. Ein wohltuendes Bild. Das erfordert nicht, die ganze Wanderung Händchen haltend zu absolvieren.
 
Es kann beim Sonn- und Werktagsspaziergang durch ein langes Eheleben aber auch vorkommen, dass beide ihre persönliche, egoistische Form von Selbstverwirklichung pflegen und sich halt auseinanderleben, eine Entwicklung, die der Feminismus mit der Propagierung der Abkehr von der traditionellen Rollenverteilung ohne Zweifel beflügelt hat. Wegen der überall in unserem Lebensraum (sogar manchmal im Trinkwasser) umherschwirrenden Hormone breitet sich zudem eine Androgynie aus: Frauen vermännlichen, Männer verweiblichen. Die Geschlechtlichkeit wird schwer definierbar, gerade auch für die Betroffenen selber. Damit verändert sich auch das Verhältnis Frau-Mann.
 
Grundsätzlich können feste Bindungen auch deshalb zum Handicap werden, weil die Randbedingungen geändert haben und schliesslich niemand in der Lage ist, die Zukunft und damit die Zukunftsbedürfnisse vorauszusagen. So leben denn viele Menschen im rechtlichen Sinne ungebunden zusammen, was zwar auch nicht immer problemlos verläuft; die Unzulänglichkeiten sind einfach anderer Natur. Entscheidend ist jedenfalls die innere Bindung und ihre Pflege, was im Alltagsgrau oft leichter gesagt als getan ist. Wie ich einmal im CH-Boulevardmedium „Blick“ gelesen habe, gibt es diesbezüglich auch kuriose Situationen: In der US-Serie „True Blood“ (Wahres, echtes Blut, so etwas wie „In Treue fest“) lieben sich angeblich Anna Paquin (28) und Stephen Moyer (40) ungebunden; im wahren Leben aber sind sie ein Ehepaar. Man darf gespannt sein, was uns die USA in Sachen Zusammenleben in Zukunft vormachen werden; im Moment scheint eine Phase des Übergangs vorzuherrschen.
 
Geschäftliche Bindungen
Auch bei sozusagen ausserehelichen Verträgen wie Versicherungsabschlüssen, Anbindungen an Telefondienstleister und sogar bei Medienabonnements gehören so genannte Knebelverträge dazu. Sie sind ein Gräuel, eine Form von Freiheitsberaubung auf unbestimmte Zeit, die nicht dem gegenseitigen Glück, sondern einseitig nur im Interesse von Anbietern steht. Ich erlebte das kürzlich mit einem Knebelvertrag eines Telefonanbieters, der sich am Ende zwar noch kulant verhielt und den ich im Tagebuchblatt vom 15.10.2010 ausreichend beschrieben habe.
 
Der Lettre International
Doch habe ich noch einen anderen, an sich weniger gravierenden Fall parat, an dem doch einige Grundsätze abzuleiten sind: an einem Zeitschriftenabo. So beziehe ich seit einigen Jahren den „Lettre International“ (LI, Internet: www.lettre.de). Das grossformatige, 4 Mal jährlich erscheinende Heft bringt Reportagen, Essays und Interviews und hat ein ausgesprochenes Flair für Poesie und Kunst. Hier erhalten ausgezeichnete Autoren Gelegenheit, sich ausführlich zu verbreiten, seitenweise „Bleiwüsten“ zu produzieren, in die man sich gern vergräbt, die informieren, erbauen, anregen und von der Persönlichkeit der Autoren gezeichnet sind.
 
Dieses Publikationsorgan gehört zu den besten im europäischen Raum. In der neuesten Ausgabe schreibt zum Beispiel die indische Schriftstellerin und Journalistin Arundhati Roy auf 14 Seiten im A3-Format über den „Krieg im Herzen Indiens (Bei der maoistischen Aufwandsbewegung in den Wäldern Dandakaranyas)“. Sie zeichnet die Zustände in den Wäldern in Zentralindien, wo ein Krieg der Regierung gegen die heute sogenannten „Maoisten“ jahrhundertealt ist. Der bewaffnete Streit ist viel älter als der Maoismus, der sich auf den chinesischen Revolutionär Mao Zedong stützt und dem die 68er-Kinder nacheiferten. Das Geschehen im Zentrum von Indien wird der Öffentlichkeit kaum je ins Bewusstsein gebracht. Arundhati Roy, die sich immer für die Rechte bedrohter Minderheiten einsetzt, geht der Frage der Beziehungen zwischen den Maoisten und den Ureinwohnern nach, und macht sich aus eigener Anschauung Gedanken darüber, ob grundsätzlich jeder bewaffnete Kampf undemokratisch sei. Sie beschreibt Menschen, die mit ihren Träumen leben, während der Rest der Welt mit seinen Albträumen lebt.
 
Angekettete Abonnenten
Ich erwähne dies nur, um an einem Beispiel aufzuzeigen, wie viele Vorgänge auf dieser Erde überhaupt nicht aufgearbeitet werden. Oder haben Sie schon über diesen Krieg in Zentralindien gelesen? Publikationen, die dem simplen Quotendenken mit der damit verbundenen Niveausenkung verfallen sind, kümmern sich nicht um solche Marginalien. Und gerade deshalb stört es mich, dass dieser grossartige LI den in Deutschland üblichen Knebelvertrag ebenfalls kennt. So heisst es in den kleingedruckten Abo-Bedingungen: „Wenn ich Lettre nach dem bestellten Zeitraum kündigen möchte, teile ich dies dem Verlag 6 Wochen vor Ablauf der Bezugsfrist mit. Ansonsten erhalte ich Lettre gemäss o. g. Abobedingungen.“
 
Als vor wenigen Monaten wieder einmal eine Jahresrechnung eintraf, bezahlte ich diese, vermerkte auf dem Einzahlungsschein aber gleichzeitig, dass ich nach Ablauf dieser weiteren automatischen Verlängerung mein Abo kündigen möchte (um die 6-Wochen-Frist nicht zu verpassen). Ich weiss ja nicht, ob ich dann das Abo beibehalten oder abstellen möchte und will jedenfalls meinen Entscheidungsspielraum nicht einschränken.
 
Elfie Golfier vom LI-Aboservice antwortete mir am 13.07.2010 unverzüglich und korrekt:
 
„Sehr geehrter Herr Hess,
Ihr Abonnement von Lettre International wird mit der Ausgabe 93 auslaufen. Es würde uns freuen, wenn der Versuch, eine internationale Kulturzeitung von hoher Qualität zu schaffen, Sie überzeugt hat. Heute, das wissen Sie selbst, haben es anspruchsvolle Kulturprojekte nicht ganz leicht. Die Flut der seichten Unterhaltung schwillt an; anspruchsvolle und unabhängige Medien hingegen werden immer seltener. Publizistische Unabhängigkeit und Qualität ist deshalb besonders auf das Engagement der Leserinnen und Leser angewiesen.
 
Wir möchten Sie gerne dazu ermutigen, ,Europas Kulturzeitung’ treu zu bleiben und sich weiterhin an unserem publizistischen Abenteuer zu beteiligen. Eine lebenswerte und entwicklungsfähige Gesellschaft braucht Offenheit, Ernsthaftigkeit und kreative Energien, und dies ganz besonders in einer Epoche des Umbruchs, der Europäisierung und der Globalisierung. Darum bemühen wir uns. Eine vitale und lesenswerte Zeitung aber braucht vor allem auch Ihr Vertrauen und Ihre Begeisterungsfähigkeit.
 
Selbstverständlich können Sie Ihr Abonnement auch telefonisch, per Fax erneuern oder E-Mail: Tel.: 030 / 42 80 40 40 - Fax: 030 / 42 80 40 42 – E-Mail: aboservice@avz-berlin.de
 
Hürden abbauen
Soweit der Standardbrief mit dem untadeligen Inhalt. Was darin steht, trifft zu. Ich werde das Abo nächstes Jahr wahrscheinlich erneuern, kann mich jetzt aber frei fühlen. Und gerade weil ich den LI wirklich schätze, raffte ich mich auf, dieses Schreiben zu beantworten, den Verlag aufzurütteln und zu veranlassen, potenzielle Abonnenten nicht mit unnötigen Hürden abzuhalten. Ich mailte am 13.07.2010
 
Sehr geehrte Frau Golfier,
danke für Ihre freundliche Reaktion auf meine vorsorgliche Abbestellung des „Lettre International“ nach Ablauf einer weiteren einjährigen Abo-Periode. Da ich ja Ihre Zeitschrift ausserordentlich schätze und meine Abbestellung nicht aus inhaltlichen Gründen erfolgte, nehme ich an, dass meine Beweggründe für Sie und Ihre Zeitschrift von Interesse und vielleicht sogar von Nutzen sein könnten.
 
In der Schweiz ist es so, dass nach Ablauf der Abonnementsdauer eine neue Rechnung ins Haus flattert und dann vom Bezüger frei entschieden werden kann, ob man das Abo verlängern möchte oder nicht. Das belässt dem Abonnenten eine gewisse Flexibilität. Ich habe fast 20 Jahre lang die damals sehr erfolgreiche Schweizer Zeitschrift „Natürlich“ geleitet. Wenn wir mit unseren prägnanten Kommentaren mitten in der Abonnementsperiode einen Bezüger verärgert haben, so dass er auf der sofortigen Abo-Abbestellung beharrte, zahlten wir ihm freiwillig den Betrag für die nicht bezogenen Ausgaben zurück – in der Mehrzahl der Fälle wurde das Abo bald wieder bestellt ...
 
In Deutschland haben Sie, wenn ich richtig informiert bin, die grausame Regel, dass sich das Abo automatisch verlängert, wenn man es nicht rechtzeitig (wochenlang vor Ablauf des Abos) kündigt. Dass die Kündigung nur jährlich möglich ist, verstehe ich noch; aber oft gilt, dass die Kündigung spätestens 3 Monate vor Ende des Bezugszeitraums schriftlich erfolgen muss – bei Ihnen sind es 6 Wochen. Das bedeutet für mich als Abonnenten, dass sich das Abo bereits um 1 Jahr verlängert hat, wenn die neue Jahresrechnung eintrifft. Darin liegt der Trick. Ich bin also so ziemlich im Abo gefangen; man legt mir raffiniert Steine in den Weg, um mich bei der Stange zu halten. Das ist kein Vorwurf an LI, ich spreche einfach von meinen grundsätzlichen Erfahrungen mit deutschen Zeitschriften.
 
Nehmen wir mein Beispiel: Ich bin im 74. Lebensjahr und vollkommen gesund, weiss aber nicht, was in einem Jahr sein wird. Vielleicht bin ich dann gestorben (und konnte das Abo nicht mehr rechtzeitig abbestellen), und dann müssen meine Hinterbliebenen weiterzahlen. Oder aber: Ich kann heute noch nicht beurteilen, ob ich in 1 Jahr die Zeitschrift weiterhin lesen möchte. Selbstredend kann ich nun meinen Terminkalender beauftragen, mich in 8 ½ Monaten an die Abo-Erneuerung aufmerksam zu machen. Aber das ist doch wenig kundenfreundlich.
 
Aus solchen Gründen habe ich als freiheitsbewusster Schweizer schon viele deutsche Zeitschriften abbestellt, die ich an sich gern weiterlesen würde. Ich möchte einfach ungebunden sein und jedes Jahr nach Ende des Abo-Ablaufs nach der jeweiligen Lage vollkommen frei entscheiden können: Zahle ich, erhalte ich weitere Nummern, zahle ich nicht, ist das Abo beendet. Diese Möglichkeit möchte ich unbedingt haben – und sonst kündige ich halt 1 Jahr im Voraus, um keine Pendenz mit mir herumzuschleppen.
 
Zum LI kann ich die Redaktion nur beglückwünschen. Sie scheuen sich nicht, ellenlange Artikel zu publizieren, zeigen Hintergründe und Zusammenhänge auf, wie das für das gesellschaftliche und politische Verstehen unbedingt nötig ist. Sie gehören damit zu den wenigen Ausnahmeerscheinungen in der im Übrigen auf papierverschwenderischen Weissraum, riesige Füllerbilder, platzfressende Grosstitel und Hohlheiten spezialisierten Medienlandschaft, die ein infantiles Publikum heranzieht und dieses dann auch mit Babybrei löffelchenweise füttert.
 
Ich möchte von den Zeitschriftenmachern nicht als dumm verkauft werden. Beim LI werde ich ernst genommen.
 
Mit freundlichen Grüssen, auch an die talentierte Redaktion, und den besten Wünschen
 
W. H.
 
Seither sind gut 5 Monate ins Land gegangen. Die LI-Abo-Abteilung ist nicht mehr auf meine Ausführungen eingegangen, hat sie auch nicht verdankt. Ich wollte der Ausnahmeerscheinung LI einen Tip geben, damit sie auch hinsichtlich der Abonnentenknebelung zu einer Ausnahme wird.
 
Es täte vielen Beziehungen gut, würde man ein Gespräch weiterführen, besonders wenn es im besten Einvernehmen geschieht und auf Hilfsbereitschaft beruht.
 
Übrigens: www.querlesen.de hat eine Liste von Zeitschriften ohne Vertragslaufzeit publiziert. Vielleicht findet sich eines Tages auch der LI darunter. Und für einmal sind die USA ein wirkliches Vorbild: Dort ist die Kulanz fast grenzenlos, beeindruckend: Man kann alles jederzeit abbestellen oder in den Laden zurückbringen
 
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