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BLOG vom 17.12.2010


Füsse, Schuhe, Beschwerden, Fussabdrücke im Schnee
Autorin: Rita Lorenzetti, Zürich-Altstetten
 
Die Füsse haben aufgejault, als ich sie beim ersten Schnee in die schweren Winterschuhe zwängte. Gewohnt an leichtes und bewegliches Schuhwerk, empfanden sie die warmen, aber schweren Schuhe als grosse Last. Knochen und Fersen beklagten sich in Form von Schmerzen, obwohl es Schuhe sind, die meine Füsse seit Jahren kennen und mich an viele Orte hingetragen haben.
 
Auch neue Schuhe wurden nicht sofort akzeptiert. Das ganze Knochengerüst will neuerdings mitreden, wenn es eine Veränderung gibt. Mit zunehmendem Alter meldet sich in diesem Bereich eine anspruchsvolle Sensibilität und fordert geduldige Gewöhnung.
 
Am Morgen des 15.12.2010, als ich zum Einkaufen wieder in den Winterschuhen unterwegs war, fühlte ich keine Probleme mehr. Es lag leichter Schnee und dieser wirkte stossdämpfend. Plötzlich wurde mir bewusst, dass ich locker gehen konnte. Ich freute mich, schaute auf den Boden, der mir sofort allerlei Geschichten zu erzählen begann.
 
In den Schnee gedrückt, sah ich grobe, filigrane, absatzbetonte und ganz flache Sohlen. Männerfüsse, Frauenfüsse, Kinderfüsse, aber auch Pfoten von Hunden und Spuren von Vögeln. Dekoriert war der Schnee mit letzten locker verstreuten Blättern und Samen von den hier heimischen Bäumen. Ein schönes Bild.
 
Fortan schaute ich nur noch auf meinen Weg, auf die nächsten Schritte. Und ich sah, dass wir alle, die diesen Weg benützen, unsere Spuren hinterlassen. Unwissend, dass wir dabei das Muster von vorher zerstören. Im Dialekt nennen wir das „vertrampe“ (zertreten). Ein Stück weiter hatte ein Auto sogar alle Fussspuren auf dem Trottoir überwalzt. Wieder einmal dachte ich: Der Schnee deckt zu, aber er deckt auch auf.
 
Er deckt auf, dass viele, sehr viele Menschen den gleichen Weg gehen, aber nichts voneinander wissen. Kämen alle zur selben Stunde daher, es wäre ein ungemütliches Gedränge. Da würden gewiss die Ellbogen eingesetzt, um den eigenen Platz und das Fortkommen zu behaupten. Schwache würden beiseite geschoben und möglicherweise „vertrampet“.
 
Auf dem Heimweg hörte ich die Glocke von der kleinen Kirche am Suteracher läuten, wie üblich am Mittwochmorgen zu dieser Zeit. Ich fühlte mich, wie schon oft hier oben, in einem Dorf. Jetzt war ich allein unterwegs. In der Zwischenzeit hatten die umliegenden Schulhäuser die vorher noch herumalbernden Kinder verschluckt. Es war ruhig, friedlich. Jetzt, auf dem Rückweg, erspähte ich noch einige Partien mit frischem, unberührtem Schnee. Als Kind wäre ich sofort dorthin gesprungen, um meinen persönlichen Fussabdruck zu deponieren. Damals noch auf dem Land wohnhaft, gefiel es mir und meinen Freundinnen auch, uns in den Schnee zu setzen und mit ausgestreckten Armen, die Wirbelsäule abrollend, auf den Rücken zu liegen. Wenn wir sorgfältig aufstanden, sahen wir die eigene Abbildung. Das bin ich! Das waren wichtige Momente im Leben als Kind.
 
Und heute freue ich mich einfach an diesem unberührten Flecken Schnee und wünsche ihm, dass er bis zur Schmelze so belassen werde. Achtsamkeit ist mir wichtiger geworden.
 
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