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BLOG vom 28.12.2010


Die Overkiller bleiben hart: Das atomare Abrüstungstheater
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
So viele Menschen, wie durch die vor allem in den USA und Russland bestehenden, riesigen Atomwaffenarsenale getötet werden könnten, gibt es bei Weitem nicht, bei allem Respekt vor der Fruchtbarkeit der Menschheit. Die Vernichtungskapazität der einsatzbereiten Atombomben würde genügen, das Leben auf der Erde gleich mehrfach zu zerstören. Dieser aus einer Politik des Irrsinns herausgewachsene Tatbestand hat im englischsprachigen Begriff Overkill (Übertötung) zwar den passenden Namen gefunden, aber unsere Lage wird dadurch nicht komfortabler. Es spielt ja wirklich keine Rolle, ob man die Erde 100-, 50- oder bloss 10-fach in Schutt und Asche legen könnte. Wenn einer pro Tag höchstens 1 Flasche Wein verträgt, nützt es ihm ja auch nichts, wenn er sich täglich deren 100 leisten könnte.
 
Die Existenz der atomaren Mehrfachvernichtungskapazität ist nichts anderes als ein Beweis für eine Grossmachtpolitik von Geistesverwirrten verschiedener Generationen, die man nicht frei herumlaufen und schon gar keine Entscheide fällen lassen dürfte. Am Overkill-Tatbestand ändert auch das neue, vorweihnachtliche START-Abkommen (START: Strategic Arms Reduction Treaty = Vertrag zur Verringerung der strategischen Nuklearwaffen) zwischen den USA und Russland nichts. Dank ihm soll die Zahl der strategischen Atomsprengköpfe auf je 1550 und jene der interkontinentalen Trägersysteme auf je 700 begrenzt werden, falls es vollzogen wird, falls das System zur gegenseitigen Überwachung des Waffenarsenals funktioniert und sich dieses nicht nur auf Vorzeigeanlagen beschränkt.
 
Verwirrende Zahlen
Laut offiziellen Angaben verfügen beide Länder, USA und Russland, derzeit über je 2200 atomare Sprengköpfe. In den vorangegangenen Jahren waren Militärfachleute von mindestens 20 000 Nuklearsprengköpfen ausgegangen, wovon mehr als 90 Prozent in den USA und Russland befänden, wie es hiess. Zahlen sind beliebte Objekte der Manipulation. Die „nukleare Abschreckung“ bleibt jedenfalls unverändert erhalten. Die USA tun alles, um ihre grauenvolle Abschreckungsstrategie zu zelebrieren, damit weiterhin alle kuschen und niemand kriminelle Verhaltensweisen und Verstösse gegen das Völkerrecht wegen der Angst vor Repressionen zu kritisieren wagt.
 
Die USA haben erstmals angeblich genaue Zahlen zu ihrem Arsenal an Atomwaffen offengelegt; man darf daran glauben oder auch nicht. Nach den Angaben des Pentagons verfügt das Land über 5113 Atomsprengköpfe, die operativ einsatzbereit sind, sich in Reserve befinden oder inaktiv gelagert werden.
 
Die maximal 1550 Atomsprengköpfe auf strategischen Trägersystemen (Interkontinentalraketen, U-Boot gestützte Langstreckenraketen und Langstreckenbomber) einerseits und die maximal 700 stationierten und nicht stationierten Interkontinentalraketen, U-Boot-gestützten Raketen und Langstreckenbomber, die noch übrig bleiben werden, enthalten allein schon ein Potenzial, das für eine Weltzerstörung mehrfach ausreichen würde, wobei zum atomaren Überangebot noch die chemischen und bilogischen Waffen zu zählen sind. Zum Vergleich: Die China verfügt (offiziell) über etwa 250 strategische und taktische Atomwaffen und hat sich verpflichtet, sie nicht gegen Staaten einzusetzen, die keine derartigen Waffen besitzen. Die Zahl bewegt sich nur leicht über der Grössenordnung des verheimlichten Atomwaffenbestands von Israel (75 bis 200).
 
Die Kriegsnation Amerika hat mit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki am 06. und 09.08.1945 als bisher einziges Land bewiesen, dass es willens ist, solche Zerstörungswaffen tatsächlich einzusetzen, und auf diese Einsatzbereitschaft kommt es an. Bei den Abwürfen auf die betroffenen japanischen Städte starben etwa 92 000 Menschen sofort und weitere 130 000 Menschen bis zum Jahresende 1945 an den Folgen des Angriffs, und selbstverständlich kamen anschliessend noch unzählige Opfer dazu.
 
Showtime
Das Abrüstungsgetue im letzten Dezember-Drittel 2010 tönte beruhigend, feierlich und hat dem angeschlagenen Friedensnobelpreisträger Barack Obama endlich wieder einmal Blumen aus Politik und Medien eingetragen. Sie sind allerdings die Folge einer falschen Wahrnehmung und der Desinformation der Weltöffentlichkeit, zumal, wie gesagt, am Overkill nichts geändert wird. Die momentan gefeierte Abrüstung im Sinne einer Reduktion der Anzahl Atomwaffen, die mit Getöse verkündet wurde, hat natürlich auch rein praktische Gründe: Vor allem bei Atombomben der ersten Generationen haben sich Bestandteile im Laufe der Jahre zersetzt. Die Bomben stellen ein hohes Sicherheitsrisiko dar. Also muss dieser hochgefährliche Schrott ohnehin aus der unheilen Welt geschaffen werden. Das wird jetzt als Obamas grösster politischer Erfolg von 2010 gefeiert.
 
Abrüstungskosten
Kann sich das marode Amerika den Rückbau überhaupt noch leisten? Die Demontage des Zünders vom Sprengkopf und des Sprengkopfes vom Raketenträger zum Zwecke der Bombenentschärfung ist finanziell sicher zu verkraften. Die andere Frage ist, wie man sich der enormen Mengen an waffenfähigem, spaltbarem Material entledigen kann, bevor sie Unheil anrichten. Man beachte beispielsweise die Schweiz, die sich unendlich schwer tut, nur schon den Atommüll aus Kernkraftwerken, Spitälern, Forschungslabors usw. sicher zu entsorgen. So viele Mühen machen sich die USA nicht. Sie gingen bei der jahrzehntelangen Versenkung von Atommüll im Meer voran. Und inzwischen sind rund 60 000 Tonnen Atommüll in US-Zwischenlagern verwahrt. Die für Kriegs-, Energiegewinnungs- und Medizinzwecke herbeigerufenen Geister kann man nicht so leicht wieder loswerden. Das ist ein technisch noch heute weitgehend ungelöstes Problem.
 
Der US-Wissenschaftler Stephen Schwartz hat einmal errechnet, dass die Entsorgungskosten für A-Bomben höher als für deren Bau, wobei Umweltschäden nicht einmal einberechnet sind. Nach seiner eher zurückhaltenden Schätzung haben die USA zwischen 1940 und 1996 etwa 5,5 Billionen Dollar in ihr Atomwaffenarsenal gesteckt – mehr als in Bildung und Beschäftigung, Landwirtschaft, Umweltschutz, Wissenschaft, Weltraumtechnologie, Energiewirtschaft, Regionalentwicklung und Rechtswesen zusammen. Inzwischen kann sich das verarmte, hoch verschuldete Land USA die Abrüstung eigentlich gar nicht mehr leisten. Noch weitergehende Finanzraubzüge auf die Restwelt sind zu erwarten. Im Moment sind gerade mehrere Kantonalbanken wie die Basler Kantonalbank in der Schweiz im Visier, nachdem sich die Untersuchung gegen die UBS als voller finanzieller Erfolg für die Amerikaner erwiesen hat.
 
Spiel mit der Zukunft der Menschheit
Abrüstungsbestrebungen sind gut und zu begrüssen, ändern aber hinsichtlich des verbleibenden Atombombenbestands nichts an der Gefahr einer Totalzerstörung der Erde, wenn Tausende davon einsatzbereit bleiben. In einer Ansprache bei der Konferenz zum Vertrag über die Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen forderte die Schweizer Bundesrätin Micheline Calmy-Rey anfangs Mai 2010 am UNO-Hauptsitz in New York, diese Waffenart müsse in den militärischen Strategien grundsätzlich in Frage gestellt werden. Atomwaffen spielten weiterhin auf unverantwortliche Weise mit der Zukunft der Menschheit. Es seien „Ausrottungswaffen“, die unterschiedslos alle Menschen töteten. Sie seien deshalb unmoralisch und illegal, verletzten sie doch die Grundlagen des humanitären Völkerrechts, sagte Frau Calmy.
 
Solch eine klare Haltung ist bei den Grossmächten unbekannt. Der US-Senator für Tennessee, der Republikaner Lamar Alexander, brüstete sich bei der neuerlichen Abrüstungsankündigung, die USA hätten genug Atomwaffen, „um jeden Angreifer ins Jenseits zu sprengen“. Und US-Präsident Barack Obama beeilte sich, die Modernisierung des bestehenden US-Nuklearwaffenarsenals zuzusichern. Er will mehrere Dutzend Milliarden USD in die Modernisierung des amerikanischen Atomwaffenprogramms investieren. Damit ist das Lawrence Livermore National Laboratory im US-Bundesstaat Kalifornien bereits beauftragt. Werden die Bomben vielleicht noch wirkungsvoller, noch schmutziger? Obama will zudem die Pläne für eine „Raketenabwehr“ in Europa weiter vorantreiben. Moskau verlangte, in die Planung dieses Verteidigungssystems mit eingebunden zu werden.
*
Verdient Obama damit Blumen oder doch eher Pilze? Ein Atompilz ist niemandem zu wünschen – aber ehrenwerte Politiker wünscht man der ganzen Menschheit, Politiker, die Geschicke in die Hand nehmen und ihre Verantwortung nicht nur vorspiegeln, sondern tatsächlich wahrnehmen.
 
Der fromme Wunsch richtet sich vor allem an das frömmste Land der westlichen Hemisphäre, dessen Bevölkerungsmehrheit noch an die biblische Schöpfungsstory und an die biblische Forderung zur Untertanmachung der Erde glaubt.
 
Hinweis auf weitere Blogs über Atomwaffen
04.02.2005: „Atomgefahr USA“ – das tabuisierte Diskussionsthema
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