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BLOG vom 25.01.2011


Edles aus England: Mitten im Gold- und Silberrausch
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Die Edelmetallkurse haben ihren Zenit erreicht. In Schubladen vergessener Schmuck und Goldmünzen werden entdeckt und verramscht. Das Familiensilber, sei es Besteck, Teegeschirr, Vasen, Kerzenständer und Zigarettendosen usf. wird gegen Bargeld, das sich in England laufend inflationsbedingt entwertet, eingelöst, lies verlocht. Vieles davon, mit künstlerischem Wert, wird schlicht und einfach eingeschmolzen. Ich habe gehört, dass selbst Bücher mit echtem Goldschnitt oder goldverzierte Teller des Goldes wegen ins Goldwaschbecken kommen.
 
Die Händler schüren die von Geldgier angefeuerte Verkaufslust der Leute, indem sie behaupten, dass heute, modebedingt, alte Broschen, Spangen und Colliers, mit oder ohne Perlen und Edelsteine kaum mehr gefragt seien. „Weg mit dem Plunder!“ raten sie und wägen das Angebot und blättern entwertetes Papiergeld auf den Tisch. Was einst von einer Generation zur anderen pietätvoll vermacht wurde, endet jetzt im Schmelztiegel. Die Edelmetalle Gold, Silber und Platin werden in der Elektronik und in anderen industriellen Anwendungsbereichen verwendet. Es bestehe weltweit, so wird behauptet, ein Riesenbedarf dafür.
 
Auch die Altmetallhändler sind u. a. auf Kupfer, Messing, Bronze und Zinn erpicht, deren Preise rasant hochgeklettert sind. Kupferkabel werden nachtsüber an Bahndämmen entlang geklaut, Dachzinn von den Dächern, selbst von Kirchen, gestohlen. Türknäufe und Türklopfer werden abgeschraubt. Wer einen alten kupfernen Waschhauszuber als Riesentopf für Pflanzen im Garten hat, muss ihn diebstahlsicher anketten. Wagschalen und Gewichte werden von Händlern kilo- bis tonnenweise gekauft. Ansprechend gestaltete Zinnkrüge und Schalen bester Provenienz werden ebenfalls eingeschmolzen. Die englischen 1-P- und 2-P-Kupfermünzen werden gehortet, weil sie mehr als Altmetall wert sind. Wie lange wird es dauern, bis die Preise stürzen? Vor 20 Jahren oder so, im Kesseltreiben rund ums Silber, brach des Preisgewölbe plötzlich ein.
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Ab und zu schalte ich das ITV1 an und verfolge die Antiquitätenhändler, die am Programm „Dickinson’s Real Deal“ teilnehmen. Hier geht es kaum um den künstlerischen Wert des edlen Geschmeides, mit oder ohne Edelsteine. Keiner der Verkäufer gibt im vornherein den Preis ihrer oft auf Ramschmärkten oder Charity Shops (Wohltätigkeitsläden) billigst erworbenen Artikel preis. Ich würde das auch verschweigen. Der Händler blättert Banknote um Banknote auf den Tisch. Der Verkaufswillige schüttelt den Kopf, wie der Händler innehält, und fordert mehr, immer mehr, und überfordert zuletzt den Händler, der um seinen Gewinn bangt.
 
Der „Duke“ (Mr. Dickinson) erscheint dann unverhofft aus dem Hintergrund. Er kennt den Schätzpreis. Liegt die vom Händler angebotene Summe wesentlich unter dem Schätzwert, rät er dem Verkäufer, sein Glück auf der Auktion zu suchen. Manchmal schlägt er dem widerspenstigen Verkäufer vor: „Nimm das Bargeld, das auf dem Tisch liegt!“ Oder er überzeugt den Händler, sein Angebot ein bisschen zu erhöhen, denn auf der Auktion muss der Verkäufer mit einer saftigen Kommission rechnen, die seinen Nettoerlös merklich schmälert, oft unterhalb des Händler-Angebots. Beharrt der hartgesottene Verkäufer auf eine übersetzte Reserve, hat er oft das Nachsehen. Fazit: „No deal!“ Das alles ist wie ein Kuhhandel.
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Als waschechter Sammler denke ich anders. Meine Fundstücke erfreuen mich und liegen nicht eingemottet in Schränken. Jetzt, wo so viele schöne Kunstobjekte spurlos verschwinden, sollte ich mich eigentlich freuen, wie meine Sammlung an Wert gewinnt. Stattdessen beklage ich, dass so viel Erhaltenswertes auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Viel zu viel dreht sich leider einzig ums Geld – seit eh und je.
 
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