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BLOG vom 29.01.2011


Davos und das WEF: Alpine Höhenflüge unter Flachdächern
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Davos ist momentan die Hauptstadt der globalisierten Welt, wie alle Jahre wieder. Politiker, Wirtschaftskapitäne und bekannte Grössen aus anderen Bereichen wie der Kultur, was immer das sein mag, die als Garnitur dienen, treffen sich zu Vorträgen und Plauderstündchen. Die Königin Rania aus Jordanien dient als eine schöne Dekoration, neben dem Opernsänger José Carreras und dem Schauspieler Robert De Niro. Das WEF (World Economy Forum) dauert diesmal vom 26. bis 30.01.2011.
 
Das Treffen im berühmten Luftkurort im Landwassertal auf 1560 Höhenmetern durchlüftet und öffnet offenbar den Geist der Teilnehmer. Auf Formalitäten wird kein übergrosses Gewicht gelegt, was der vielgepriesenen Effizienz gut tut: Das Wirtschaftstreffen ist wirtschaftlich, weil es in einer ungezwungeneren Atmosphäre in kurzer Zeit das leisten kann, was sonst im Rahmen schwerfälliger Staatsbesuche geschieht. Die Sicherheitskosten, wie sie solche Treffen begleiten, fallen nur einmal an. Sie betragen dieses Jahr 2011 rund 8 Mio. CHF, wovon die Gemeinde Davos 1/8, die Stiftung WEF 2/8, der Kanton Graubünden ebenfalls 2/8 und der Bund 3/8 übernehmen, was auch für allfällige Kostenüberschreitungen gilt. 4000 Soldaten sind neben zahlreichen Polizisten im Einsatz, der Luftraum ist teilweise gesperrt, Zäune in der Länge von 18 Kilometern sind aufgestellt. Umso erstaunter war man, als im Untergeschoss des Hotels Morosani (Posthotel) am 27.01.2011 Feuerwerkskörper detonierten, allerdings ohne grossen Schaden anzurichten.
 
Man darf annehmen, dass das WEF für Davos, den Kanton Graubünden und die Schweiz ein sehr gutes Geschäft ist, insbesondere auch, wenn der Werbeeffekt fürs Bündnerland in Rechnung gestellt wird. Ich nehme an, dass man gesamtwirtschaftliche Überlegungen im Zusammenhang mit einem Wirtschaftsforum, das von Financiers und Unternehmern dominiert wird, wohl anstellen darf.
 
So sind denn alle glücklich, dass das 1971 gegründete WEF nach einem einmaligen Abstecher nach New York (2002 als Trostaktion und Solidaritätsbekundung nach den Anschlägen vom 11.09.2001) sogleich wieder unter den Schutz der Flachdächer nach Davos zurückfand. Die höchstgelegene Stadt Europas investierte 37,8 Mio. CHF in ein neues Kongresszentrum mit 34 Sälen, die insgesamt 5000 Personen schlucken; es erweitert die bestehenden Anlagen. Die Hotellerie baut gewaltig aus, beflügelt vom WEF-Erfolg, der einen grossen Teil der Jahreseinnahmen hereinspült
 
Dieses alljährliche Treffen, das vom Wirtschaftsprofessor Klaus Schwab ins Leben gerufen wurde, wird gern als Dialog-Plattform für Wirtschaft und Aussenpolitik bezeichnet. Und stilistisch passt das Platte (Flache) gut zur Architektur von Davos mit seinen Flachdächern, wo dieses Jahr über „Gemeinsame Normen für eine neue Realität“ verhandelt wird, nachdem Organisator Schwab die neuen Kräfteverhältnisse auf dem Globus messerscharf erkannt hat: Die politische und wirtschaftliche Macht verlagert sich von West nach Ost und von Nord nach Süd, zusammen mit einer rasanten Entwicklung der Technologie.
 
China hat den USA den Spitzenrang bereits abgelaufen. Die von den USA ausgelöste Wirtschaftskrise 2008 machte alles anders. Die USA hatten weit über ihre Verhältnisse gelebt und verstreuten ihre Schulden trickreich über die ganze Erde. Der Umstand, dass heute China die Welt des Euros, die sich ebenfalls nicht mehr erholen konnte, retten muss und die USA den Chinesen rund 1 Billion USD schulden, lässt die USA ziemlich flach herauskommen. Barack Obama mochte sich denn auch in Davos nicht zeigen und versuchte mit einer Rede daheim, seine desolate Nation etwas aufzumuntern. Folgerichtig haben sich in Davos die chinesische Delegation gegenüber den letzten Jahren verfünffacht und jene aus Indien vervierfacht ... die neue Wirklichkeit. Die Europäer, allen voran Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy, redeten den Euro schön.
 
China hat ein Heer von gut ausgebildeten Leuten, währenddem die Amerikaner an ihren „High Schools“ (Oberschulen) mehr oder weniger erfolgreich gegen den Analphabetismus kämpfen. China, Indien und Brasilien usf. sind im Aufschwung, verlieren sich nicht in einen unbezahlbaren Aufrüstungsirrsinn. Auch der russische Präsident Dmitri Medwedew, einer guten Ausbildung sehr zugetan, gab zur WEF-Eröffnung am 26.01.2010 ein kurzes Gastspiel in Davos, warb für sein riesiges Land, mit dessen Erstarkung ebenfalls zu rechnen ist.
 
Und das alles in Davos. Der alpine Ort hat als Kongressstadt eine lange Tradition. Albert Einstein eröffnete 1928 die Davoser Hochschulkurse, welche die intellektuelle Elite Europas nach Davos brachten. Der Kur- und Tourismusort pflegte immer seinen eigenen Stil, der äusserlich besonders an der Flachdach-Architektur erkennbar ist. Diese kühl und unpersönlich wirkende Bauweise geht auf den Bündner Architekten Rudolf Gaberel (1882–1963) zurück, der in Davos ansässig war. Sein Markenzeichen war das unterlüftete Flachdach, bei dem das Regen- und Schmelzwasser zentral im Hausinnern abgeleitet wird. Seines Erachtens ist dieses die ideale Bedeckung für Bauten im Hochgebirgsklima. Die Idee setzte sich aber im Alpenraum nicht durch, wo sich das Schräg- beziehungsweise Satteldach, manchmal mit flachen, plattigen Steinen belegt, nicht vertreiben liess, obschon sich die ländliche Architektur im Übrigen gern der Horizontalen zuwendet, weil der Platz dafür zur Verfügung steht. Grosse Häuser wie Hotels wurden im ganzen Alpenraum als Jumbo-Châlets erstellt, eigentlich überdimensionierte, rustikale Alphütten oder Heustadel aus Holz, ergänzt mit allem Komfort.
 
Die Davoser aber hat die Flachdach-Idee oberhalb von stützenlos durchlaufenden Liegebalkonen so sehr überzeugt, dass sie diese in der Bauordnung für die Kernzone verankert haben; Flachdächer sind zwingend vorgeschrieben. Noch bestehende Neubauten, die das neue Bauen Gaberels in Davos sozusagen in Reinkultur dokumentieren, sind die Arzthäuser der Basler Höhenklinik und der Thurgauisch-Schaffhausischen Heilstätte sowie das Zweifamilienhaus an der Tanzbühlstrasse 6. Weitere Vertreter dieses ehemals Neuen Bauens in Graubünden waren unter anderen in Chur die Gebrüder Emil und Walther Sulser, in Arosa die Gebrüder Georg und Peter Brunold sowie Jakob Licht.
 
Die Kulisse Davos passt zur einebnenden, plattwalzenden Globalisierung, die selbst die Führungsmacht unter die Walzen geraten liess. Wenigstens in diesem Sektor könnte sie einem sympathisch werden.
 
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