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BLOG vom 11.02.2011


Flösserweg 1: Wie still ist es denn in Stilli AG an der Aare?
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Wer auf der Kantonsstrasse von Brugg her der Aare auf einer Niederterrassenstufe linksufrig folgt, also in nördlicher Richtung fährt, kann vor dem Dorf Stilli rechtwinklig auf die Aarebrücke nach Siggenthal-Würenlingen und weiter nach Döttingen, Klingnau, Koblenz AG/Waldshut D oder in nordöstlicher Richtung über den Acheberg nach Bad Zurzach gelangen. Die aus Eisenträgern im Jahr 1903 zusammengebaute Brücke wurde 2007 mit einem neuen Asphaltbelag versehen und erhielt einen breiteren Gehweg.
 
Das Dörfchen Stilli, ein alter Fischer- und Schifferort mit etwa 360 Einwohnern und einigen Fisch-Restaurants, fusionierte auf den Jahresbeginn 2006 mit der Gemeinde Villigen. Stilli liegt, unbehelligt vom Durchgangsverkehr, im Versteckten einsam am Fusse der Aarebrücke. Diese Siedlung unterhalb des Wasserschlosses, also des Zusammenflusses von Aare, Reuss und Limmat, wurde 1446 gegründet, als die Herren auf Schenkenberg (bei Thalheim) die Fähre von Lauffohr nach Stilli verlegten. 1460 wurde eine Taverne bewilligt; Stilli erhielt eine Gerichtsstätte und das Fährrecht. Die durchziehenden Gäste konnten bewirtet werden.
 
Aareübergang Stilli
Der Aareübergang war dort offenbar beliebt, ermöglichte er doch im Prinzip, 3 Flüsse aufs Mal zu überqueren und dadurch Gebühren zu sparen. Während 450 Jahren fuhr hier eine Fähre hin und her, die auch mit Kutschen und ganzen Viehherden fertig wurde. Schon im 2. Villmergerkrieg, ein ausufernder Religionskrieg der reformierten Toggenburger gegen den Abt von St. Gallen, gelang den Bernern am 24./25.04.1712 bei Stilli der Übergang über die Aare. Das ermöglichte ihnen, sich in Würenlingen, also gleich gegenüber auf der rechten Aareseite, mit den Zürchern zu vereinigen, den Krieg in der Ostschweiz und dann wieder in den Gemeinen Herrschaften des Aargaus fortzusetzen, bis dann die Berner bei Villmergen einen überwältigen Sieg feiern konnten und das Heft in der Hand hielten.
 
So haben Flüsse und Flussübergänge, mit denen das anheimelnde Gebiet, das wir heute mit Aargau bezeichnen, in reichem Masse gesegnet ist, den anliegenden Gemeinden zu Bedeutung und Verdienst verholfen. Gute Geschäfte ergaben sich, wenn auch noch ein Fährbetrieb möglich war, der monopolartig betrieben werden konnte, wobei hier vor allem der Holztransport wichtig war. Die Flosse bestanden aus 3 bis 4 Holzlagen und waren schwer zu lenken.
 
Das Dörfchen Stilli
Einige festlichen Profanbauten bezeugen noch heute den ehemaligen Wohlstand der Stillemer. Zu erwähnen ist der ehemalige Gasthof Bären, von 1466 bis 1897 ein berühmtes Wirtshaus mit grossen Stallungen, das jetzt als Schulhaus dient: ein klassizistischer Walmdachbau mit einer frontseitig eingebundenen Säulenhalle aus dem Jahr 1823 (1910 umgebaut und 1987 restauriert). Und dann ist da noch das Wohnhaus „Steig“ (Nr. 10), ein klassizistischer Mauerbau mit einem giebelbekrönten Mittelrisalit (vorspringender Gebäudeteil zur Belebung der Fassade) aus den Jahren 1826/27. Das Bauwerk soll im Biedermeierstil ausgestattet sein. Die Zeiten taten, was sie immer tun, sie änderten sich. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es der Bau der Eisenbrücke, welche Stilli zwar nicht das Wasser, wohl aber den Durchgangs- und Fährverkehr aus Aarehöhe abgrub. Zudem verlagerte sich der Verkehr immer mehr auf die Eisenbahn, und wegen Kraftwerkbauen (wie dem Kraftwerk Beznau, 1902) wurden der Schiffsverkehr und die Flösserei zunehmend eingeschränkt.
 
Flösserei-Geschichte
Noch am Ende des 19. Jahrhunderts hatte die Flösserei in dieser Gegend eine bedeutende Rolle gespielt, wie auf der Webseite www.flösserweg.ch nachzulesen ist: „Nachdem in Holland der enorme Holzbedarf für Schiffs- und Städtebau nicht mehr aus dem Schwarzwald und dem Elsass gedeckt werden konnte, wurden über das Einzugsgebiet von Aare, Reuss und Limmat riesige Mengen von Tannen, Kiefern und Eichen in die Niederlande geflösst. Im Jahr 1856 erreichte die Flösserei mit 4451 bei Laufenburg passierten Flossen ihren Höhepunkt. Eisenbahn, Kraftwerk und immer besser ausgebaute Strassen bedeuteten den Untergang dieses einst blühenden Gewerbes.
 
Die Flösserei auf unseren Flüssen war in einzelne Fahrstrecken unterteilt. So gelangte viel Holz über die Aare und die Reuss in den Aargau. In Stilli nahmen die dort ansässigen Berufsleute die Flosse in Empfang und brachten sie nach Laufenburg. Für die 28 km lange Strecke über Aare und Rhein benötigten sie zweieinhalb Stunden. Die Rückkehr erfolgte zu Fuss über Rheinsulz, Mettau, Wil, Hottwil, den Rotberg und Villigen nach Stilli. Am Nachmittag wurde zeitweise eine zweite Fahrt ausgeführt, was erneut einen Rückmarsch von 16 km zur Folge hatte.“
 
Der Flösserweg
Eindrückliche Leistungen, fürwahr. Die Abkürzung durch das Mettauertal und über den Rotberge bedeutet, dass der Flösserweg nicht dem Aare- und Rheinufer entlang führt, sondern sozusagen querfeldein von Laufenburg über Hottwil nach Stilli, wobei noch schwere Beile, nasse Seile und dergleichen mitgetragen werden mussten. Er wurde im Gänsemarsch begangen.
 
Ich konzentrierte mich am 02.02.2011, als ich mich auf die Spuren der Flösser begab, vorerst einmal auf die Dörfer Stilli und Villigen, die mir bisher nur vom Hörensagen bekannt waren. Beim Schulhaus in Stilli ist eine grosse Informationstafel, verfasst vom Lokalhistoriker Max Baumann, die über das Dorf und den Flösserweg Auskunft gibt. Dort ist auch zur Dorfgeschichte und von einem 1973/74 entstandenen, „planerisch unbefriedigenden“ Quartier am unteren Dorfausgang zu lesen. An der Peripherie der Bauzone sind einige Mehrfamilienhäuser und ein regelrechtes Hochhaus hingeklotzt, welche die vorgelagerten kleineren Wohnbauten förmlich erschlagen.
 
Der Aare entlang
Im unteren Ortsteil von Stilli habe ich eine kleine Rundwanderung begonnen, die Bauzone verlassend und dem Aarelauf folgend. Eine Mutter schob ihren vierrädrigen Kinderwagen vor sich her, in dem ein Mädchen interessiert hinter dem als Wind- und Kälteschutz dienenden, durchsichtigen Plastikvorhang herausschaute. Was hat ein einsamer Fussgänger hier verloren? Muss man sich vor ihm in Acht nehmen?
 
Die Gegend Stalde/Kumetmatt, auch wenn sie von diffusem Sonnenlicht beleuchtet wurde, war nichts besonders. Irgendein Geräusch wie von einem in einiger Distanz vorbeifahrenden, endlosen Güterzug lag in der Luft, die Stillemer Stille vertreibend.
 
Einen vollkommen ruhigen Ort gib es ja kaum, und würden wir in einen schallisolierten Raum eingesperrt, würde uns allmählich der Herzschlag als Geräusch auffallen. Hier an der Aare nahm das etwas ratternd-sirrende Geräusch ständig an Intensität zu, und es wurde vollkommen klar, dass es von einem Gestänge aus Röhren herkommen musste, das die Aare pfeilerfrei, aber von beiden Uferseiten aus verstrebt, schräg über die Aare führt. In der obersten, waagrecht verlaufenden Röhre ist ein Transportband verborgen, das kontinuierlich Ausbruchmaterial aus dem Steinbruch auf der abfallenden Geissberg-Nordseite am Gabenchopf hinüber nach Würenlingen-Siggenthal AG verschleppt.
 
Der Steinbruch ist seit 1955/60 in Betrieb und gehört zur Portland-Cement-Werk Würenlingen-Siggenthal AG (seit 1992: Holcim). Die Förderung des zerkleinerten Kalksteins mit Anteilen an Silizium-, Aluminium- und Eisenoxiden, wie er für die Zementherstellung gebraucht wird, geschah zuerst mit einer Seilbahn und seit 1967 mit dem rauschenden, 3,8 km langen Förderband, das im Wolfestal die Aare kühn überbrückt und die Stille vertreibt.
 
Ins Dorf Viligen
Der Flösserweg verlässt dort den Aarelauf und biegt rechtwinklig nach links ab, vorbei an der grossen, eingehagten, seit 1987 bestehenden Kläranlage Schmittenbach, die den Gemeinden Mönthal, Oberbözberg, Remigen, Riniken, Rüfenach, Unterbözberg und Villigen (inkl. Stilli) dient. Man folgt dann dem Kumetbach, tangiert das vereiste Schwimmbad und bewegt sich gegen das Dorfzentrum Villigen.
 
Das Dorf ist am Fusse eines steil aufragenden Felskopfs des Geissbergs. Hoch oben, auf einem Felssporn, befinden sich die spärlichen Überreste der Burg Besserstein; sie war von einem Wall mit vorgelagertem Graben geschützt. Ihre gute Zeit hatte sie in der späten Bronzezeit bis ins 13. Jahrhundert, damals als Lehen des elsässischen Klosters Murbach und dann im Besitz der Habsburger; sie war aber schon 1305 verlassen. Der Besserstein, vom Dorf aus in 40 Minuten zu erreichen, der ein besseres Schicksal verdient gehabt hätte, lebte im 2. Weltkrieg nochmals kurz auf. 1939/40 befestigte ihn die Schweizer Armee als Bestandteil der Sperrstelle Villigen zur Verteidigung der Einfallsachse im Unteren Aaretal. Im Felssporn wurden auf 2 unterirdischen Etagen eine Artilleriebeobachtungsanlage sowie ein Artilleriewerk eingebaut, Ende der 1980er-Jahre allerdings wieder aufgegeben. Ich werde die Anlage noch aufgrund eines eigenen Augenscheins im 2. Flösserweg-Blog beschreiben.
 
Das Dorf Villigen ist spätestens seit dem 13. Jahrhundert durch seine Weine bekannt. Die Trauben wachsen auf 17 Hektaren vor allem an den kalkreichen Hängen im Gebiet oberhalb des Dorfs, am Schlossberg, unterhalb der erwähnten Ruine und der Burghalde, und auf der Gugele. Noch berühmter als der Villiger Wein ist das Paul-Scherrer-Institut (PSI), das grösste Forschungszentrum für Natur- und Ingenieurwissenschaften in der Schweiz, das sich unterhalb des Dorfs beidseits der Aare befindet, ein reich strukturierter, nach allen Richtungen ausufernder Gebäudekomplex, der offenbar, je nach Bedarf, ständig gewachsen ist.
 
Das PSI ist gerade durch neue Ergebnisse aus dem Gebiet der Atmosphärenchemie aufgefallen, bei denen Holzfeuerungsanlagen schlechter denn je wegkommen. Erstmals konnte berücksichtigt werden, dass in der Atmosphäre eine Vielfalt an chemischen Vorgängen stattfindet, bei denen grössere Moleküle in kleinere zerfallen oder sich kleine Moleküle zu grösseren zusammenschliessen und an Feinstaubkörnchen anlagern können. In diesem erweiterten Zusammenhang erhalten die einzelnen Arten von Aerosolen eine andere, dramatischere Bedeutung.
 
Doch die Luft im Weinbau- und Forschungsdorf Villigen schien mir einigermassen rein zu sein. Etwa 10 Brunnen, wovon 2 im Stil der Spätrenaissance, spenden frisches Wasser, wenn sie nicht die Winterruhe pflegen, und viele alte Häuser mit ihren stimmigen Proportionen sind eine Augenweide, auch die Gebäude mit Treppengiebeln bzw. giebelbündigen Steildächern. Eine alte Bäckerei-Conditorei in einem zerfallenden Gebäude ist geschlossen; doch gleich auf der andern Seite der Hauptstrasse ist die Bäckerei Lehmann, wo ich üppige „Chrömli“ wie Kokosmakronen und Zigerkrapfen auf Quarkbasis erstand, eine herrliche Wegzehrung.
 
Ich besuchte dann noch das Gemeindehaus Villigen ganz am Dorfrand an der Schulstrasse nach Stilli. Es ist an den herkömmlichen Baubestand angepasst, doch die Aussenhülle, die den Alt- und Erweiterungsbau umgibt, ist aussergewöhnlich. Sie besteht aus metallisch grau eloxiertem Aluminium. Mag das aussen noch so unterkühlt wirken, so spürt man in der Gemeindekanzel umso mehr menschliche Wärme. Ob ich einen Ortsplan kaufen könne, fragte ich. Und der Betreuer der Kanzel erwiderte: „Nein, kaufen können Sie diesen nicht, aber als Geschenk in Empfang nehmen.“ Er holte mir den Ortsplan 1:5000.
 
Villigen-Stilli, der Kantonsstrasse entlang
In der Usser Ärbslet (solche Namen entnehme ich dem Ortsplan) verzweigt sich die Ortsverbindungsstrasse nach Brugg und Stilli. Ich musste nach Stilli zurück, benützte als Fussgänger den bestehenden Radweg, der vor Stilli (beim Ortsteil Joseboden) soeben verlängert wird.
 
Zwischen Villigen, Stilli und Rüfenach/Rein dehnt sich eine weite, industrielandwirtschaftlich genutzte Ebene aus, in der noch einige alte Obstbäume für etwas Struktur besorgt sind. Im Westen verabschiedete sich der hellgelbe Sonnenball in einem rosaroten Umfeld. Und noch bevor ich die Aarebrücke mit dem Abendverkehr in Stilli erreicht hatte, tauchte ich dank einer Treppe mit steil abfallenden, asphaltierten Zwischenstücken ins Haufendorf Stilli hinab, wo einige aufgeschichtete Baumaterialien Erneuerungsbereitschaft verhiessen, ein Knabe seinem Vater über den Schultag rapportiere und der „Frohsinn“ Fischgerichte anbot, hauptsächlich Pangasius, einen meist gezüchteten Fisch aus dem Mekongdelta und anderen Flüssen, den die tapferen Flösser noch nicht kannten. Er hilft mit, den Fischbestand in der Aare zu schonen. Die Flösser beschränkten sich auf Aarefische. Sie wussten, wie man Wege abkürzt und so wurde die Welt immer kleiner. Neuerdings auch für Pangasiusse.
 
Hinweis auf eine Kontaktadresse
Verein Flösserweg
Hofmatt 140
CH-5277 Hottwil
 
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