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BLOG vom 19.02.2011


Flösserweg 3: Durchs friedliche und verträumte Mettauertal
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Zwischen dem untersten Teil des Aaretals und dem Rheintal zwischen Laufenburg AG/D und Albbruck D ist das Mettauertal in das hügelige Gelände mit seinen Juratafeln eingebettet. Es folgt im Wesentlichen dem 7 Kilometer langen Etzgerbach, der auf der Geissberg-Nordseite im Gemeindeareal Villigen AG entspringt und in nordwestlicher Richtung durch die die Aargauer Dörfer Hottwil, Wil und Mettau gegen den Rhein fliesst, in den er beim Dorf Etzgen einmündet.
 
Der Begriff Mettauertal, der eine langgestreckte Landschaftskammer bezeichnet, gilt seit dem 01.01.2010 auch für eine Gemeinde, zu der die ehemals eigenständigen Gemeinden Etzgen, Hottwil, Mettau, Oberhofen und Wil gemäss Beschlüssen an der Urne vom 01.06.2008 fusioniert haben; sie alle gehören jetzt zum Bezirk Laufenburg, neuerdings auch Hottwil, das zuvor dem Bezirk Brugg zugeschlagen war. Total sind es nunmehr etwa 1900 fusionierte Einwohner, die auf 2156 Hektaren leben und zentral verwaltet werden. Der Zusammenschluss habe schon etwas gebracht, sagte und der freundliche Postchauffeur Leo Treier zu mir. Vielleicht stellte er ein zusätzliches Verkehrsaufkommen fest, wie es sich durch jede Zentralisierung ergibt. Der Fahrer gab sich bei der Fahrt durchs Mettauertal wie ein talentierter und versierter Reiseführer alle Mühe, uns und in die Eigenarten dieser abgeschiedenen Welt einzuführen. Er empfahl uns dringend, dem neuen, hölzernen Aussichtsturm Cheisacher einen Besuch abzustatten, der von der Bürersteig oder von den 3 Linden auf dem Bözberg leicht zu erreichen ist. Der Aussichtsturm ist ganz in der Nähe von Obersulz.
 
Bürersteig
Das Mettauertal hat sicher wenig Durchgangsverkehr, auch wenn man über den Pass Bürersteig (550 m ü. M.) nach Remigen, Riniken und Brugg gelangen kann; Brugg erreicht man ja auch über die Egg (602 Höhenmeter) via Villigen und Stilli. Auf dem Bürersteig, wo sich eine Postautohaltestelle befindet und der Fricktaler Höhenweg (Mettau‒Rheinfelden) vorbeiführt, sind im Moment umfangreiche Strassenausbauarbeiten im Gange; der Asphaltbelag ist abgetragen. Die freigelegte Jurakalk-Böschung sieht ähnelt einer Natursteinmauer aus recht gleichmässigen Bausteinen. Der letzte wesentliche Ausbau der Bürersteigstrasse erfolgte 1946, gleichzeitig mit der Rotbergstrasse Villigen‒Mandach („Aargauer Susten“). So hat der Aargau also durchaus auch seine Pässe, wenn auch eher solche im Taschenformat.
 
Flösserweg
Durchs Mettauertal führt auch der Flösserweg, ein Erlebnis- und Themenweg. Er war seinerzeit die Abkürzung der Flösser, die von Stilli aareabwärts zu Rhein fuhren und ihre Fracht bis zum Laufen in Laufenburg begleitetet hatten; sie kehrten zu Fuss über Egg nach Villigen und Stilli zurück, um neues Transportgut in Empfang zu nehmen. Nach anfänglichen zeitlichen Einschränkungen war die Flösserei der Nachfrage wegen an jedem Tag möglich.
 
Weinbau
Gewiss hatten die Flösser keine Zeit und Kraft, um sich an den landschaftlichen und baulichen Besonderheiten der Mettauer Talschaft zu erlaben, in der auch auf ausgedehnten Flächen Weinbau betrieben wird. Hottwil beispielsweise erreichte um die Mitte des 19. Jahrhundert die grösste mit Reben bestockte Fläche und hatte 1850 einen Bevölkerungsbestand von 324 Personen; heute sind es noch etwa 260 Menschen, die hier leben. Dann setzten Mehltau und US-Rebläuse den Reben zu, und die Attacken auf die einträgliche Weinseligkeit vertrieben den Wohlstand und viele Einwohner. Die zurückgebliebenen Bauern mussten weitgehend auf Graswirtschaft umstellen. Doch auf resistente Unterlagen gepfropfte Reben gedeihen am Fusse des Wessenbergs (Bessebergs) noch heute.
 
Hottwil
Dieses Hottwil ist meines Erachtens das schönste Dorf im Mettauertal. Wie in anderen ehemaligen Aargauer Weinbaugemeinden bilden währschafte Bauernhäuser aus einheimischen Bruchsteinen den Dorfkern. Die Bausteine wurden am Beiberg, Geissberg, Hottwilerhorn und am Sparberg gewonnen. Für die Umrahmung von Türen, Toren, Fenstern und anderen Öffnungen eigneten sich die relativ brüchigen Jurakalke weniger. Dafür wurde der im westlichen Nachbardorf Oberhofen abgebaute Schilfsandstein des oberen Keupers eingesetzt, der noch heute gern für Ofenplatten (Sitzfläche = Kunst) verwendet wird. Wegen der Brandanfälligkeit verschwanden die Strohdächer in Hottwil bis 1927 restlos; seither werden Ziegel verwendet. Die Trotte hat einen gebrochenen First, das heisst der Dachfirst (oberste Kante des steilen Dachs) verläuft auf 2 unterschiedlichen Höhen, was bei der basellandschaftlichen und fricktalischen Hausform häufig zu sehen ist. Im 19.Jahrhundert entstanden einfachere Gebäude, insbesondere zweigeschossige Steinbauten mit steilem Satteldach und Rundbogen über dem Tenntor – typisch für die Nordostschweiz. Solche Torgewölbe kommen auch bei Scheunen vor und ermöglichten die Einfahrt von hoch beladenen Wagen. Wohn- und Wirtschaftsteil sind in den gleichen Einheitsbau einverleibt, den man einst Dreisässenhaus nannte.
 
Verzierungen sind bei Bauernhäusern im Aargau selten. Es gibt gelegentlich ein paar Inschriften und Zeichen im Türsturz über dem Eingang. Doch die Sandstein-Einfassungen der Wandöffnungen dekorieren die Bauten stilvoll. Umso auffälliger sind die Malereien an der vorderen Giebelwand des dreigeschossigen Hauses Nr. 41 an der Bürengasse in Hottwil, das zeitweilig als Sitz des Untervogts diente und heute ein Ferienhaus ist; zu ihm gehören eine Trotte und ein Speicher. Die Fassade dieses spätgotischen Baus ist mit einer Reihe von verblassenden Standeswappen der 13 Alten Orte verziert. Über dem nordwestlichen Rundbogen ist die Inschrift „In Gottes Namen Gehend aus / und ein. Der Segen Gots Blibbet“ zu lesen.
 
Auch auf einem Fenstersturz des nahen, ehemaligen Zehntenhauses, das dann zum Gasthof „Bären“ umgewandelt wurde, ist ein skulptiertes Bernerwappen mit der Jahrzahl 1539 zu erkennen. Zur eindrücklichen Baugruppe gehört auch der „Spittel“ (Armenhaus, 1540 erbaut): ein spätgotischer Mauerbau mit inkorporierter Laube an einer Trauffassade. Er umfasste 2 Wohnhäuser und 2 Scheunen und war das Stammhaus der Familien Geissmann (spätere Untervögte) und Fischer. Im Waldshuterkrieg (1468) nahmen die Berner die Siedlung ein und errichteten in der Landvogtei Schenkenberg ein Gericht Hottwil.
 
Hottwil gehörte während Jahrhunderten zum Dinghof Mandach des Stifts Säckingen, bis es an die Herren von Wessenberg und dann an die Berner (1468) ging. Der Gasthof Bären trägt also seinen Namen mit gutem Grund. Die Ruine Wessenberg liegt auf einer Kuppe hoch über Hottwil, wo noch immer eine Jungfrau zu erlösen und ein Schatz zu heben wäre, wie eine Sage berichtet. Ich werde für dieses gute Werk einen wärmeren Tag aussuchen, dachte ich an dem eiskalten 12.02.2011. Damit sich die Jungfrau nicht gleich erkältet.
 
Wil
Der Ortsteil Wil, zwischen Hottwil und Mettau gelegen, gilt als Gründung der Alemannen im 5./6. Jahrhundert. Wil, ein langgezogenes Strassendorf, löste sich 1803, als das Fricktal dem Aargau angegliedert war, von Mettau und wollte aufgrund einer Forderung von 82 freiheitsliebenden Wiler Bürgern als selbständige Gemeinde weiterkutschieren, was gelang. Widerstand gab es offenbar kaum, weil sich die Wiler bereit erklärten, ihren Anteil an den Gemeindeschulden zu übernehmen; die Kantonsregierung in Aarau anerkannte die Trennung. Die Wiler Ortsvorsteher hatten die Trennung damit begründet, „dass (...) mancher Bürger und sonst brave Hausvatter, gelockt durch Gelegenheit, zu Mettau in das Wirtshaus sass, den ganzen Tag zechte, zu Hause sein Weib und die Kinder darben liess, seine Arbeit liegen liess und oft noch tollere Streiche machte – welch alles nun durch unsere Absönderung vermieden wird, indem sich jeder brave Bürger und auch die Lumpen scheuen, unter den Augen seiner Gemeindevorsteher solche zu Grunde richtende Liederlichkeit zu begehn“.
 
Es bleibt nur zu hoffen, dass sich solche lausige Zustände nicht wieder einstellen, nach dem die Verselbständigung von Wil rückgängig gemacht wurde ... Doch hinterlässt das Dorf Wil, dem der Mandacher Buck im Osten als Kulisse dient, keinen verwahrlosten Eindruck, im Gegenteil, obschon ein steiler Rebberg am Hang des Ebnets noch auf eine gewisse Lust am Zechen hindeutet. Die 3 Reblagen, „Berg“, „Rain“ und „Länggen“ sind zwischen 380 und 490 m ü. M. gelegen. Gekeltert wird in der einheimischen Trotte. Und immer im Frühling wird ein bekanntes Weinfest veranstaltet. Die 1697 erbaute St. Wendelinskapelle, die mit Rokoko-Stukkaturen ausgestattet ist, verlockt zur inneren Einkehr. Ein Messwein, der von den Pfarrherren entgegenkommenderweise zum Schutz ihrer Schäfchen vor dem Alkoholismus gleich selber getrunken wird, dürfte darin kaum konsumiert werden.
 
Mettau
Von Hottwil nach Mettau kann man in 1 Stunde 10 Minuten wandern. In Mettau (früher: Mettow, 346 Höhenmeter) ist die spätbarocke, katholische Pfarrkirche St. Remigius (1773/76) mit ihrem nachgotischen Käsbissenturm (1670) das dominante Bauereignis. Den First des Turmdachs bekrönen ein goldener Hahn und eine Wetterfahne in den österreichischen Landesfarben, letztere eine Erinnerung an die Zugehörigkeit zu Vorderösterreich (1491). Das Baumaterial stammt aus dem erwähnten Schilfsandsteinbruch Oberhofen und aus Bruchsteinen aus dem Gebiet „Kienzen“ in Mettau. Die Mauern sind mit weissem Kalk verputzt. Das Innere der Saalkirche mit dem weit ausladenden Tonnengewölbe ist sehenswert. Deckenbilder von Franz Fidel Bröchin unterteilen das Gewölbe und lassen die Kirche weit höher erscheinen als sie ist. Die Kanzel, ein gebauchter Korb für berggängige und gleichwohl wohlbeleibte Pfarrherren, ist weit oben und machte eine steile Treppe nötig. Auffallend sind überall im Kircheninneren die meergrün bemalten Stuckarbeiten von Lucius Gambs, die in gekonnt zuckerbäckerischer Manier keine Hindernisse kennen und andere Ausschmückungen überlagern; wuchernd umfangene Rocaillen verklammern die ockerfarbenen Freskenrahmen. Und natürlich schweben und tänzeln auch hier die leicht bekleideten, kindlichen Putten herum. 2 von ihnen begleiten mit Schwert und Posaune den Guten Hirten, der sich in dieser Gesellschaft wohlfühlt.
 
Neben der Kirche ist ein grosser Parkplatz, wo man seinen fahrbaren Untersatz gratis abstellen kann. Als Eva und ich die Wanderschuhe anzogen, eilte ein freundlicher Mann aus dem Lagerhäuschen der Rebbauvereinigung Mettau heran und schenkte uns den Prospekt „Sport, Natur und Erholung im Mettauertal“. Das gab mir den Impuls, mich im Weinlager umzusehen und eine Flasche Riesling×Sylvaner (Chillhalder, 2009) von den Hängen des Mettauerbergs zu kaufen (11.50 CHF), nicht weil ich Weine aus dieser Hybridsorte besonders schätzen würde, sondern als Souvenir, da auf der schlichten Etikette eine Zeichnung der erwähnten Kirche ist. Man sagt ja, viele Leute würden die Etikette trinken (das heisst einen Wein je nach Etikettentexten und -gestaltung gut oder weniger gut finden). Und so werde ich denn demnächst die Kirche Mettau einschliesslich des Heiligen Geists trinken, hoffentlich noch vor dem letzten Abendmahl, das übrigens die Thematik des Hauptbilds im Chor bestimmt.
 
Der Winzer erläuterte uns noch die erstaunlichen Dimensionen des Weinbaus im Mettauertal. Man kommt hier also noch heute nicht um gewisse Zechereien herum. Und der Weisse „Chillhalder", den wir kurz darauf daheim tranken, begeisterte uns dank seiner üppigen Blume, Ausgewogenheit und Eleganz. Ein Kompliment an die Wiler Trotte, wo er gekleltert wurde!
 
 An Gasthäusern besteht im Mettauertal keinerlei Mangel – in Mettau sind es die „Linde“ und der „Sternen“. Doch liessen uns die angeschriebenen Häuser unbeeindruckt, und wir machten uns auf die Wanderung auf dem Flösserweg nach Laufenburg – 1 Stunde 40 Minuten laut Wanderwegweiser. Darüber werde ich später berichten.
 
In Laufenburg entwickelte sich unter den Eingeborenen gerade das Fasnachtsfieber, von dem wir dank eines intakten Immunsystems nicht angesteckt wurden.
 
Quellen
Blaser, Walter: „Bauernhausformen im Kanton Aargau“, Verlag Sauerländer, Aarau 1974.
Fricker, Heinz, und Freivogel, Thomas: „Pfarrkirche St. Remigius Mettau AG“, Schweizerischer Kunstführer, Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Bern 1984.
Hüsser, Linus: „Der Zerfall der ehemaligen Vogtei Mettau“, in: „Vom Jura zum Schwarzwald“, Blätter für Heimatkunde 2005, herausgegeben von der Fricktalisch-Badischen Vereinigung für Heimatkunde“, Möhlin 2005.
 
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