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BLOG vom 05.03.2011


Trübe Gedanken nach dem Aufasten mit der Teleskopsäge
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Sind wir Menschen zum Eingreifen in die Natur verdammt? Natürlich tut das auch jedes Tier, nicht nur die Elefanten, die Bäume umstossen und manches zertrampeln. Ein grosses Fressen und Gefressenwerden gehört in der Welt des Lebendigen offenbar dazu.
 
Wer etwas Land um sein Haus herum hat, ist zu einem ständigen Kampf gegen die Natur aufgerufen, und mag er ein noch so überzeugter Naturfreund sein. Der Hauszugang darf nicht zuwachsen – ständige Rodungsarbeiten sind nötig. Und das Laub kann man auf begangenen Wegen auch nicht liegen lassen: Rutschgefahr und Humusbildung als Grundlage für neues (unerwünschtes) Wachstum.
 
Heute habe ich mit Hilfe einer Teleskop-Baumsäge einige Bäume von Ästen befreit, weil sie mich störten. Ein ständig gewachsener Nussbaumast kam mit einer ausfahrbaren Sonnenstore in Konflikt. Der Ast eines grossen Weissdorns überragte die öffentliche Strasse (inkl. Trottoir), bedrohte den Verkehr und hatte der amtlichen Lichtraumkontrolle durch das Bauamt Biberstein nach den Paragraphen 109 bis 112 des Baugesetzes des Kantons Aargau und Paragraph 45 Absatz 1 der Allgemeinen Verordnung zum Baugesetz (ABauV) verständlicherweise nicht stand gehalten. Die gesetzlichen Vorschriften lauten:
 
„Die öffentlichen Strassen und deren Einrichtungen (Strassenbeleuchtung, Hydranten, Wegweiser etc.) dürfen vom anstossenden Grundeigentum aus durch Bäume und Sträucher nicht beeinträchtigt werden.
• In den Strassenraum hineinragende Bäume sind auf eine Höhe von 4.50 m, ab Fahrbahn gemessen, aufzuasten.“ Und so weiter.
 
Und weil das ja alles seinen Sinn hat, setzte ich eben meine Teleskopsäge in Betrieb, stiess, zog, stiess, zog, um nicht auf den stacheligen Weissdorn klettern zu müssen ... alles im wohlverstandenen Interesse der Unfallverhütung. Die elsatischen Äste gaben nach, machten die Vor- und Rückbewegungen der Säge mit, die sich langsam dennoch ins Holz grub. Sie knickten ab; ihr Widerstand wäre auf Dauer sinnlos gewesen.
 
Auch ich fügte mich also den Sachzwängen, zumal wir ja auf Schritt und Tritt vor solchen zu kapitulieren haben. Und als naturverbundener Grundstückbesitzer habe ich schon längst erlebt, dass das eigene Haus von einem Urwald erdrückt würde, schritte man nicht ununterbrochen ein. Bei einem Besuch der Stadt Manaus (Amazonien, Brasilien) am Rio Negro schilderte mir ein Bewohner am Rande der Stadt, wie schwierig es bei den tropischen Verhältnissen sei, das Vordringen des ausgesprochen wuchskräftigen Walds zurückzuhalten.
 
Ich sehe in der Natur keine Bedrohung, im Gegenteil. Irgendwie ist es für mich beruhigend, zu erleben, dass sie mit all dem Nonsens fertig wird, den wir Menschen als „Krone der Schröpfung“ (der Ausdruck stammt vom Religionskritiker Karlheinz Deschner) angerichtet haben und laufend noch anrichten. So habe ich kürzlich eine mit etwelchem Geschick zusammengeschusterte, futuristische Fernsehsendung über „die Erde nach uns“ (oder so ähnlich) gesehen. Die Genesung nach dem Hinschied des letzten Menschen, den wir mit unserer Energieverschwendung, der Chemikalienhypertrophie und vielen anderen Eingriffen so sehr beschleunigen, wird über alle möglichen Umwege wie Ratten- und Schlangenvermehrungen vonstatten gehen; Bauten, Flussdämme usf. stürzen oder brechen nach wenigen Jahrzehnten ein, werden überwachsen, und die von Erosionen begleitete Evolution geht weiter. Der Planet Erde antwortet ja nicht umsonst, wenn er von einem anderen Planeten nach seinem Befinden gefragt wird: „Nicht gut, ich habe Mensch.“ Der Witz ist nicht von mir, aber trotzdem gut.
 
Und so habe ich jetzt also einen Nachmittag lang Bäume aufgeastet, wie es im Amtsdeutsch so schön beschönigend heisst. Es tönt harmlos. Auf geht’s! Ich habe Äste abgehauen und Bäume verwundet. Sie werden mir das nicht nachtragen, sondern mit umso kräftigeren Trieben an anderer Stelle reagieren, bis ihnen ein Paragraph oder mein Bedürfnis nach mehr Licht wieder Einhalt gebieten wird.
 
Nächste Woche kommt ein Häckseldienst vorbei, und die Schnitzel gebe ich dem Garten zurück, insbesondere den aufgeasteten Lieblingen. Das beruhigt, vertreibt Schuldgefühle.
 
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