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BLOG vom 22.03.2011


Speisen auf Reisen: Zurück zum Lagerfeuer empfehlenswert
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Ein nicht immer leicht, bekömmlich und befriedigend: das Speisen beim Reisen, wie ich immer wieder selbst erlebe.
 
Überall auf der Welt gibt es erstklassige Restaurants, deren Besuch man einplant. Man meldet sich an, zieht sich anständig bis festlich an und reserviert ein paar Stunden für ein kunstvoll zubereitetes, mehrgängiges Mahl in angenehmer Gesellschaft, das die Hauptattraktion ist, ein Gesamtkunstwerk.
 
Dieser Idealfall, den ich auf die Stufe eines Konzert- oder Theaterabends stellen würde, ist nicht das Thema dieses Tagebuchblatts, sondern es geht hier um den Imbiss, eine flüchtige kleine Mahlzeit, wie sie auch Schnellfood-Buden McDonald’s, Burger King usf. anbieten. Mein Big-Mac-Erlebnis habe ich im Blog Grenchen SO 1: Wie ich zu Big Mac als Wanderbegleiter kam vom 09.03.2011 beschrieben, so dass auch dieses Thema als erledigt abgehakt werden kann. Unvergessliche Erinnerungen habe ich an die Strassenküchen in arabischen und asiatischen Ländern. Davon – und von der damit verbundenen Volksnähe – war ich oft so begeistert, dass ich in den Hotelpreis inbegriffene Mahlzeiten nicht bezog, sondern mich am Strassenrand mit frisch zubereiteten, einfachen und landestypischen Gerichten aufs Köstlichste verpflegte. Einige Male geschah dies auf Studienreisen in Arabien zusammen mit Prof. Wigand Ritter (1933), welcher seinerzeit den Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeografie an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen-Nürnberg D inne hatte und sich vor allem der Orientforschung zuwandte.
 
So einfach ist es nicht überall. Ich erinnere mich eine Reise durchs nordwestliche Bordelais, die ich im Juli 1978 zusammen mit meiner Frau und meinen beiden Töchtern unternahm. Es war Zeit zum Mittagessen, und wir fuhren an schönen, ausgedehnten Weingütern mit Cabernet-Sauvignon-, Merlot- und anderen Reben vorbei, die mir von Weinetiketten bekannt waren, konnten aber weit und breit kein Restaurant ausmachen. Das war eine Geduldsprobe von äusserster Härte. Seither habe ich auf unbekannten Routen meistens eine Zwischenverpflegung dabei (Fruchtsäfte, haltbare Brotarten und ebensolches Fleisch wie Salami oder Landjäger).
 
Am 12.03.2011 unternahm ich eine Exkursion auf den Mont Vully (zwischen dem Murten- und Neuenburgersee im schweizerischen Seeland). Dies geschah aufgrund einer Anregung von Ursula Rausser vom Wegarte Verlag in Bolligen bei Bern. Sie hatte mich mit Informationen aufgerüstet: „Falls es Dich einmal dorthin verschlägt: etwas unterhalb findest Du auf der Karte den Ort Lugnorre. Dort gibt es das höchst empfehlenswerte Restaurant ,Auberge des Clefs’! Oder, auf der anderen Seite, in Muntelier, das ,Hotel Bad’ mit einer wundervollen Sonnenterrasse und Sicht auf den Murtensee.“
 
Diese Beschreibung wirkte anregend. Da auf der Autobahn A1 zwischen Oensingen und Bern eine Stausituation nach der anderen war, wich ich auf eine Umgehungsroute über Kirchberg‒Hindelbank‒Zollikofen‒Bern aus, stellte aber im Nachhinein fest, dass dies keine exklusive Idee war – auch hier war das Verkehrsaufkommen enorm. So landete ich später als erwartet auf dem Mont Vully. Ich verzehrte dort oben Gebäck, das ich noch im Bibersteiner Schlossladen gekauft hatte, so einen schweren, üppig gefüllten Nussgipfel und trank Wasser aus der Plastikflasche. So konnte ich gleich mit der Wanderung auf dem abgeflachten Hügel mit den vielen Verteidigungsanlagen beginnen. Ein etwas opulenteres Mahl wollte ich mir für den frühen Abend aufsparen. Die Zeit verrann, da es viel zu sehen gab. Im Raume Haut-Vully schaffte ich es dann gerade noch, mich mit lokalen Weinen und einem Lie (Weindrusen) einzudecken. Im Keller (Cave) der Weinbauern Eric und Anni Simonet in Môtier (Vully FR) sagte mir die freundliche Inhaberin, gleich nebenan im Restaurant „du Port“ könne man sehr gute Fische essen. Doch dieses Haus war ferienhalber geschlossen.
 
Nun kam also Lugnorre, ein Ortsteil der Gemeinde Haut Vully, am Südwesthang des Mont Vully in Betracht – etwa 80 Höhenmeter oberhalb des Murtensees. Doch auch die Auberge des Clefs – „der Schlüssel zum Genuss“ – war und blieb bis zum 13.03.2011 verschlossen: Ferienzeit/Vacances. Man ist hier nahe beim Röstigraben (Sprachgrenze deutsch-/französischsprachige Schweiz). Dennoch: nichts von schön angebräunten Kartoffeln.
 
So blieb also noch das „Hotel Bad“ in Muntelier, wo ich etwas vor 17 Uhr ankam. Die Küche im Bistro am Seeufer und das Hotel würden erst um 18 Uhr öffnen, erfuhr ich, und so lange wollte ich auch wieder nicht herumhängen. Also startete ich die Heimreise. Bereits am Ausgang von Bern staute sich der A1-Verkehr wieder, und so verliess ich die stehende bis schleichende Kolonne gleich bei der Best-Western-Raststätte Grauholz, die auf dem Areal der Gemeinde Ittigen BE steht. Das Speiserestaurant war nur schwach besetzt. Ich fand ein Tischchen und studierte die Speisekarte, die zu meiner Freude etwa 5 österreichischen Gerichte enthielt – einmal was anderes! Wegen der mir bis dahin unbekannten Kasknödel bestellte ich das Menu mit den Schweineschnitzeln mit brauner Sauce und Brokkoli (25.50 CHF). Hier wird am Tisch serviert, und der reifere Kellner mit langer Schürze und ich waren uns sympathisch, spassten über alkoholfreien Wein. Ich bestellte stattdessen einen alkoholfreien Rittergold-Apfelsaft (CHF 5.80).
 
Nach erstaunlich kurzer Zeit wurde eine längliche, ovale Platte aufgetragen, die auch gleich als Teller zu verwenden war – schön angerichtet und mit einem Rosmarinzweig dekoriert. Der Magen knurrte in freudiger Erregung, und lustvoll machte ich mich über den Platteninhalt her. Allerdings weiss ich noch heute nicht, wie man beim Essen mit einem frischen Rosmarinzweig umgeht. In unserer eigenen Küche ist es Brauch geworden, die Rosmarinnadeln in gutem Öl anzubraten und zum Beispiel mit gebackenen Kartoffeln zu vermischen und so als delikates Gewürzkraut zu verwenden. Das scheint mit sinnvoller, als einen frischen Rosmarinzweig in Schönheit streben zu lassen.
 
Die 2 dünnen, kleinen Schweineschnitzelchen waren fürchterlich zäh, für Schuhsohlen sicher nicht ungeeignet. Natürlich wird mein noch intaktes Gebiss mit solchen Aufgaben fertig. Aber ich fragte mich, wohin denn der Fleischsaft gekommen sei. In der braunen Sauce jedenfalls vermochte ich ihn nicht auszumachen. Sie brillierte mit einer intensiven Umami-Note, die ich früher als Maggiwürze identifiziert hätte. Der Kellner brachte frisches, gutes Brot, und ich tunkte sie auf. Ob es recht sei, fragte er noch, worauf ich einwarf, das Fleisch sei schon sehr zäh. Er wolle das in der Küche melden, tröstete er mich. Aber aus der Küche kam keine Rückmeldung.
 
Die schiffchenförmigen Kasknödel aus altbackenem Weissbrot, Mehl, Eiern, Milch, Butter, Käse, Zwiebeln, Salz und Muskat waren saftig, wohlschmeckend. Eine gastronomische Entdeckung.
 
Das Gemüse – in diesem Fall die Brokkoliröschen – aus Convenience-Küchen ist für mich meistens eine Enttäuschung. In aller Regel kommt es aus dem Steamer, bleibt farbkräftig, würde aber doch etwas Würze wie ein gutes Salz und ein erstklassiges Öl zur Betonung gewisser Geschmacksqualitäten ertragen. Wässrig-fades Gemüse ist nicht so ganz meine Sache.
 
In vielen Restaurant (und insbesondere Autobahn-Raststätten) muss alles schnell und einfach gehen. Und dafür sind die Mikrowellenöfen beschleunigende Werkzeuge. Nur scheint mir nach wie vor, dass unter dieser Bestrahlung alles Fleisch zäh bis glasig wird, und der Rest verliert seinen Geschmack, falls das Gemüse nicht aus der Intensivproduktion stammt und überhaupt einen solchen zu verlieren hat. Als freiheitsliebender Schweizer strebe ich auch die Mikrowellenfreiheit an.
 
Ich hüte mich vor Mikrowellenfrass, wo immer es nur geht, aber oft merke ich erst zu spät, was mir da vorgesetzt wurde. Die Mikrowellen müssen leider nicht deklariert werden.
 
Ich werde mich trotz alledem weiter in der Kunst des Auswärtsessens üben und nach einigermassen befriedigenden Lösungen Ausschau halten. Die modernen arbeitssparenden, beschleunigenden Kochmethoden haben solche Suchaktionen nicht einfacher gemacht. Manchmal scheint es fast, als ob sie die herkömmlich zubereiteten, einfachen, währschaften Speisen bereits vertrieben hätten. Zudem bin ich verwöhnt. In unserem Haus wird auf einem Gasherd gekocht, dessen Wärmequalität nur noch durch ein offenes Feuer zu übertreffen wäre.
 
In vielen Ausflugsgebieten sind Feuerstellen vorbereitet, so auch auf dem Mont Vully. Ich gelobe, in Zukunft vermehrt Cervelats, Brot, Tranksame und Streihhölzer mitzunehmen, um Enttäuschungen vorzubeugen.
 
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