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BLOG vom 20.03.2011


Fülle und Leere – 102 Schalen von Nina Borghese Bloch
Autorin: Rita Lorenzetti, 8048 Zürich-Altstetten
 
Ich hatte den Raum betreten und den Text an der Säule gelesen, und schon war ich gepackt. Die Schalen hatte ich noch nicht gesehen, aber gelesen, was die aus Sizilien stammende Künstlerin zu ihrer Arbeit schrieb:
 
„Die Kunst gibt einem das Recht, einen Blick auf alle Dinge zu werfen, ohne zu ihrer Beurteilung verpflichtet zu sein." Oder: „Meine Arbeiten entstehen durch Experimente. Das führt unweigerlich zu Zufallsmomenten, die ich bewusst in meiner gestalterischen Arbeit integriere."
 
Mit ihren Worten hatte sie mir aus dem Herzen gesprochen, und ich dachte, dieses Recht sollte nicht nur der Kunst vorbehalten sein.
 
Dann schaute ich ihre Arbeiten an. Jede der 102 aus Gips gearbeiteten Schalen war auf einen eigenen Sitz platziert. Ich ging von einer zur anderen. Jede begann, mir sofort eine Geschichte zu erzählen. Ich musste nicht fragen. Es waren für mich Lebensgeschichten, Leidensgeschichten, gelebte Talente, Illusionen, Träume, Sehnsüchte, Schönheit des Lebens, Liebe, aber auch leibliche oder seelische Kerker. Es gab da auch Schalen mit einer einzelnen Münze. Das wenige Geld? Der Glücksbatzen? Geld an sich? Die Bettelschale? Verbliebener Rest nach dem Verkauf der Seele? Je weiter ich ging, desto differenzierter reagierte ich, ohne etwas endgültig taxieren zu wollen.
 
Nach meinem Rundgang sah ich in diesen formal gleichen, in ihrem Inneren aber einmalig ausstaffierten Schalen Bilder von Menschenleben. Einzigartig. Obwohl „nur“ 102 Versionen, wirkte die Darstellung sehr vielfältig. Je weiter ich voranschritt, desto erstaunter war ich: Wieder etwas ganz Anderes! Und im besten Fall immer nur der Titel eines verarbeiteten Themas. Oft bargen die Schalen auch Worte und wiesen den Gedanken ein Stück weit den Weg.
 
Heute hörte ich einen Radiosprecher sagen, als er besinnliche Musik ankündigte: In allem Denken schwingt Japan (das wegen des schweren Erdbebens und des Tsunamis leidgeprüfte Land) jetzt immer mit. Das empfinde ich auch so und ganz speziell in der Ausstellung, als es um die verletzten Schalen ging. Um Schalen mit Ausbrüchen, Flicken und Gittern.
 
Diese Ausstellung nennt sich Passionsausstellung und kann in der „Offenen Heiliggeistkirche“ an der Spitalgasse 44 in Bern vom 8. März bis 4. Mai 2011 besucht werden. Dienstag, Mittwoch 11.00‒18.30 Uhr, Donnerstag 11.00‒20.30 Uhr, Freitag 11.00‒16.30 Uhr.
 
Was uns anrühre, sei oft das Verletzliche und Verletzte, heisst es im Vorwort der Ausstellungsbroschüre. Diese Kirche wollte seit ihren Anfängen im 13. Jahrhundert jenen eine vorübergehende Heimat bieten, die da auf schlechten Landstrassen unterwegs waren, den Bettlern und Siechen, den Armen und Heimatlosen und Pilgern. Und heute ist sie als „offene kirche“ eine Insel im hektischen Alltag unserer Zeit. Wer es wünscht, darf sich hier ausruhen, sich aussprechen. Als ich hier war, wurde gerade einem Mann aus einem fernen Land eine Tasse Kaffee gereicht. Er wunderte und freute sich.
 
Die unmittelbare Nähe zum Bahnhof Bern ermöglichte mir diesen beschriebenen Zwischenhalt „zwischen zwei Zügen“ und das oben beschriebene Erlebnis mit den Schalen des Lebens.
 
Hinweis auf ein weiteres Schalen-Blog von Rita Lorenzetti
08.03.2008: Milch-„Gebsi“: Der spezielle Behälter für unsere Briefpost
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