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BLOG vom 25.03.2011


Afghanistan-Kunstschätze im British Museum, London
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Das Ausstellungsplakat dieser eindrücklichen Ausstellung im British Museum zeigt eine zusammenlegbare, reich verzierte Goldkrone, von einem russischen Archäologen 1978 in einer Grabstätte in Tillya Tepe, unter vielen anderem Geschmeide, entdeckt. Sie gehörte vielleicht einer reichen und noblen Nomadenfamilie und konnte leicht im Sattelgepäck der geduldigen und genügsamen Kamele durch die Steppe transportiert werden. Vielleicht gehörte sie der Herrscherfamilie der Kushan Provinz, soweit jedenfalls eine andere Vermutung rund um diesen Kronenfund. Er gehört zum Nachlass der Steppenkunst mit griechischen, asiatischen und persischen Einflüssen, von lokalen Goldschmieden geschaffen. Diese erlesenen Kunstwerke stammen aus dem 1. Jahrhundert.
 
Lily und ich besuchten diese Ausstellung am 21.03.2011 (Equinox = Tagundnachtgleiche, die mit dem persischen Neujahr zusammenfällt). Diese Wanderausstellung dauert in London noch bis zum 03.07.2011; sie ist die 2. Afghanistan gewidmete Ausstellung, die wir besuchten.
 
Die 1. besuchten wir im September 2007 in Turin, wie im nachstehenden Auszug festgehalten. Darauf aufbauend, verfolgt dieses Blog einige Stationen der geschichtlichen Höhepunkte über rund 3000 Jahre, verbunden mit bewundernswerten Kunstwerken.
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1. Besuch: Der Sprung von Persien nach Afghanistan mitten in Turin
In Turin war die richtige Voraussetzung geschaffen, um die „Afghanistan-Ausstellung“ beim Piazza San Giovanni zu besuchen. Zuvor hatten wir den Porto Palantine gleich nebenan besichtigt, die imposanten und klotzigen Überreste des Augusto Taurinorum aus der Römerzeit, an diesem Nachmittag ockerfarbig von der Sonne bestrahlt.
 
Der Weg ins Gewölbe der Ausstellung führte über ein teilweise ausgegrabenes Amphitheater: tatsächlich die beste Verbindung zwischen Persien und Afghanistan mitten in Turin. Ausserdem haben auch in Afghanistan die Römer viele Spuren hinterlassen, die Alten Griechen ebenfalls, unter vielen anderen Kulturen.
 
Lily übersetzte mir den in Leuchtschrift auf den Boden projizierten persischen Text: „A nation stays alive when its culture stays alive“ (Eine Nation gedeiht, solange ihre Kultur überlebt).
 
Afghanistan wird auch die gegenwärtigen schändlichen Kriegsattentate der Amerikaner und Briten überstehen, wie so viele zuvor, begonnen mit Alexander dem Grossen. Auch die Russen verloren dort den Krieg mehr als einmal. Die USA und das UK haben ihn jetzt ebenfalls verloren – England sogar zum 4. Mal: zuerst zwischen 1839‒1842, mit grossen Verlusten verbunden, dann wiederum zwischen 1878 und 1880, sodann 1919. „Jeder Stein am Kyberpass ist von Blut durchtränkt“, äusserte sich der britische Lieutenant-General (1880‒1942), der 1919 den Krieg mitmachte. Der Kyberpass war seit alters her ein bedeutender Handelsweg durch die stark zerklüfteten Bergketten zwischen Afghanistan und Pakistan. Die heutigen Säbelrassler haben keine Lehre aus diesen Kriegen gezogen.
 
Auch in der kriegsversehrten Helmand-Provinz haben französische Archäologen zwischen 1964 und 1978 monumentale antike Baureste und Skulpturen ausgegraben, worunter das einzige Amphitheater auf der anderen Seite des Euphrats. In Tillya Tepe, dem „Hügel von Gold“, wo 5 Prinzessinnen und 1 Prinz begraben lagen, wurden einzigartige Grabschätze aus Gold und Edelsteinen ausgehoben: Schuhschnallen, Gürtel, Dolche, Armbänder, Kronen, Schmuck-Anhängsel aller Art, chinesische Handspiegel, indische Elfenbeinschnitzereien usf.
 
Die griechische Kolonie Alexandria von Oxus, auf einer älteren persischen Stadt gebaut und heute Ai-Kahnum (persisch für Mondfrau) genannt, bildete die Schwelle zur Steppe und macht ersichtlich, wie die Nomadenstämme fremdes Kulturgut in Afghanistan aufnahmen. Dieses Land hat solches Kulturgut verkraftet und zur „Symbiose“ vermischt.
 
Heute ist Ai-Kahnum ein Trümmerfeld. Als Post Scriptum zitiere ich die Inschrift: „Als Kind, sei gefügig; als Jüngling zeige Selbstkontrolle; als Erwachsener, sei gerecht; als alter Mann, gebe weisen Rat; sterbe ohne Kummer.“
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2. Besuch der Kunstwerke aus Afghanistan im British Museum
In Tepe Fullol fanden lokale Bauern einen Riesenhort von Artefakten in einem Hügel (Tepe) in Fullol (Nordosten von Afghanistan) vergraben und zwischen 2200 und 1900 v. u. Z. geschaffen. Die dekorativen Motive wie Bullen stammen aus Mesopotamien (dem heutigen Irak) und belegen die starken Handelsverbindungen, die sich im Verlauf der Jahrhunderte zur „Silk Road“ (Seidenstrasse), von China via Zentralasien bis zum Mittelmeer reichend, entwickelten. Die Bauern taten, was Bauern eben tun: Sie zerschnitten die Kunstwerke aus Silber und Gold, denn jeder wollte sich seinen Anteil sichern. Aus den erhaltenen, gesicherten Bruchstücken lassen sich historische Schnittpunkte ableiten.
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Die Funde (worunter die Sandsteinfigur eines griechischen Jünglings) aus Ai-Khanum, fallen mit der Eroberung des Lands durch die Griechen zusammen und stammen aus 300 v. u. Z. und dem 1. Jahrhundert.
 
Die künstlerischen Glanzpunkte aus dem „Hügel von Gold“ wurden in mehreren verschlossenen Begräbniskammern von Prinzen und Prinzessinnen in Begram, im Schatten des Hindu Kush Gebirgs, in bemerkenswert gutem Zustand entdeckt. Viele Elfenbeinfragmente, die einst indische Möbel zierten, sind ausgestellt. Figurale Statuen, ebenfalls aus Elfenbein, stellten Göttinnen dar, die als Tafelbeine dienten, einerlei, ob die voluptuös gestalteten Göttinnen damit einverstanden waren oder nicht. Es versteht sich, dass ich ganz besonders mit diesen Figuren liebäugelte.
 
In der letzten Epoche entstand „die Kunst des Islams“ als Folge nach dem Einmarsch der Muslim-arabischen Armee im 7. Jahrhundert. Ihr ist eine separate Reihe von Blogs gewidmet.
 
Gedrängt voll von Besuchern, war es schwierig, sich den Weg durch die 5 Ausstellungsräume zu bahnen. Ich bin froh, dass diese Ausstellung verdiente Beachtung findet.
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Einige ergänzende Bemerkungen
Eine stattliche Reihe der ausgestellten Objekte verdankt die Welt den mutigen Experten des Nationalen Museums in Kabul, die sie vor beutegierigen Plünderern, Räubern und Talibanfanatikern versteckten. Jetzt sind sie wieder zum Vorschein gekommen, worunter viele Elfenbeinschnitzereien. Zusätzliche Fundstücke, die ein ungenannter Spender dem Museum übermacht hat, werden jetzt nach und nach restauriert. Mögen sie dazu beitragen, die geschichtliche Entwicklung des Lands besser zu durchleuchten.
 
Nachweisbar bestand eine bactrianische Zivilisation, längst bevor das Königreich von Bactria zerfiel und von Kushan absorbiert, zu einer Provinz des mazedonischen Imperiums wurde. Diese Zivilisationen gehörten zum nordwestlichen Flügel von Persien in Zentralasien zur Zeit der Zoroaster (ein persischer Prophet). Es gibt so viele historische Wechselbäder und Einflüsse voller Geheimnisse, die sich teils nach und nach aus der Deutung der Artefakte lösen lassen. 1)
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Es stimmt im Zeitalter fortwährender Kriegsgräuel nachdenklich, dass so viel Kulturgut zerstört wurde und so viele Menschen – zuvorderst die Zivilbevölkerung ‒ weiterhin leiden muss.
 
Nach der Wanderausstellung wird das Kulturgut wieder dem Nationalmuseum in Kabul übergeben, nach dem erwähnten Motto „Eine Nation gedeiht, solange ihre Kultur überlebt!“ Das bleibt unser Hoffnungsschimmer.
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1) Möge ein Historiker meine aus 2. Hand übernommenen Angaben korrigieren.
 
Hinweis auf weitere Blogs über Afghanistan
 
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