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BLOG vom 27.03.2011


Wildegg AG: Vom Jodhüsli und von der Volière im Schatten
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Der Schlossbereich von Wildegg AG gehört neben den Aare- und Juralandschaften zu meinen bevorzugten Nahausflugszielen. Im Moment ist die Umgebung zwar nicht besonders attraktiv, es sei denn man liebe Baustellen. Schon in Wildegg, beim Knoten beim Gasthof „Bären“ Bruggerstrasse/Hellgasse, wo auch die Bünz auf ihren letzen Metern verkehrt und sich dem Aabach zuwendet, beginnt das grosse Bauen. Die Hellgasse zielt auf das Dorf Möriken hin, und von ihr aus kann zum Schloss Wildegg abgebogen werden. Diese Betonstrasse ist aufgerissen und Armierungen für Betonstützmauern sind bereits installiert. Im Dorf Wildegg ist schliesslich die Zementindustrie zu Hause, und so ist denn eben der Beton das beliebte und passende einheimische Baumaterial, stilrein. Besonders schön ist das an der Jurastrasse zu erleben, die unter den Bahngeleisen (Aarau–Brugg) hindurch führt, eine Betonstrasse, teilweise mit Asphalt etwas ausgeebnet, in einem etwas verwahrlosten betonierten Tunnel mit erhöhter seitlicher Rampe (ebenfalls aus Beton) für die Fussgänger, die, abgesehen von etwas Zahnzement, nicht aus Beton bestehen.
 
Die Jodquelle und Gedanken an Fukushima
Wie Zement bzw. Beton ist auch Jod (heute auch Iod geschrieben) ein Wahrzeichen von Wildegg. 1830 wurde bei der oben erwähnten „Bären“-Kreuzung eine Jodquelle entdeckt, aus der man bis 1964, als sie stillgelegt wurde, gern getrunken hat. Die tiefste Bohrung reichte bis 117 Meter in den Untergrund, und sort unten muss doch die Welt noch in Ordnung sein. Der Wasserertrag von 40 bis 60 Liter pro Tag liess allmählich nach. Das Wildegger Heilwasser (mit seinem natürlichen Jodgehalt) wirkte der Arterienverkalkung, chronischen Katarrhen, Asthma und natürlich auch dem Kropf entgegen. Jod ist ein essenzielles Spurenelement.
 
Wenige Jahre nachdem das Wildegger Hausmittel gegen das nachlassende Gedächtnis zu fliessen aufgehört hatte (1972), wurde das Jodhüsli aus Versehen abgebrochen. Der Zusammenhang ist offensichtlich ... Das kam so: Im Rahmen einer Zivilschutzübung sollte eine grosse Scheune gleich neben dem Jodhüsli dem Erdboden gleich gemacht werden. Doch die Zivilschutz-Generäle dachten, falls sie ihr Gehirn überhaupt in Gang setzten, das Jodhüsli eigne sich für ihre Übungszwecke besser, und sie waren der irrigen Ansicht, es gehöre ebenfalls zum Abbruchauftrag und liessen es einebnen. Das Schweizerische Landesmuseum als Besitzer der Anlage bzw. der Trümmer liess 1976 für 160 000 CHF einen massiven Pavillon erstellen, und auch der Brunnenschacht inkl. Pumpe wurde instand gestellt. Der Kanton Aargau und der Zivilschutz mussten 40 000 CHF übernehmen.
 
Radioaktives Jod-131 hat gerade im Zusammenhang mit der KKW-Katastrophe im japanischen Fukushima einige Berühmtheit erlangt. Merkwürdigerweise wird genau dieses Isotop mit seiner kurzen Halbwertszeit von rund 8 Tagen in der Nuklearmedizin seit 1942 eingesetzt, zum Beispiel für Brustkrebsbehandlungen. Das Jod wird vom Körper (via Urin und Stuhlgang) laufend ausgeschieden, so dass die Halbwertszeit zusätzlich verringert wird. In der Strahlenmedizin gilt der Betastrahler (das Jod-131), der in den Schilddrüsenzellen gespeichert wird, als harmlos. Sind diese mit natürlichem Jod gesättigt, wollen sie kein weiteres Jod mehr aufnehmen; auf diese Jodblockade ist die oft übertriebene Jodtabletten-Schluckerei zurückzuführen, die im Normalfall nicht zu empfehlen ist.
 
Alles ist eine Frage der Menge. Die japanische Nachrichtenagentur Kyodo berichtete unter Berufung auf das Gesundheitsministerium in Tokio, Messungen in Iitate hätten Werte von 965 Becquerel Jod pro Liter Leitungswasser ergeben. Die Strahlentherapie mit dem radioaktiven Jod-131 arbeitet in der Grössenordnung von 100 mCi = 3,7 Gigabecquerel pro Kapsel – also mit 3 700 000 000 (3,7 Milliarden) Becquerel; mit dieser Einheit wird die Aktivität eines strahlenden Stoffs angegeben. Soweit ein Eindruck von den Grössenordnungen als ein paar Gedanken beim Wildegger Jodhüsli.
 
Wenn radioaktives Jod aus Atomkraftwerken kommt und in Milch und Blattgemüse nachgewiesen werden kann, ist das ganz anders als in der Strahlentherapie ... Dann werden ganze Bauernbetriebe in den Ruin getrieben, statt einige Halbwertszeiten verstreichen zu lassen. Der Grössenvergleich zeigt, wie hoch die angestrebte Sicherheit von Kernkraftwerken ist, im Gegensatz zur weit toleranteren Nuklearmedizin. Doch kehren wir nach Wildegg zurück, wo das Jod nicht strahlt.
 
Hinauf zum Schloss
Längere Halbwertszeiten als Jod-131 haben Betonstrassen mit ihren elastischen Fugen; gleichwohl werden sie mit den Jahren und Jahrzenten holperig – Salz, Auswaschung und Abnützungen sind immer am Werk. Sie zerfallen ebenfalls. Am Rand der Hellgasse liegen ganze Berge von zerbrochenen, abgetragenen Betonbelagstafeln, die kaum armiert sind; nur wenige Stahldrähte schauen aus dem Beton heraus. Sie haben ihren Dienst getan.
 
Ein ansteigender Fussweg neben der gemauerten, von alten Bäumen begleiteten Schlossumfriedung ist die kürzeste Verbindung zum Schloss Wildegg, das um 1200 von den Habsburgern erbaut wurde. Es ist zurzeit von Gerüsten umgeben und teilweise mit Folien abgedeckt. Der Bund (die Eidgenossenschaft), der das Schloss dem Kanton Aargau auf den Jahresbeginn 2011 überlassen hat, steckt noch 4,5 Mio. CHF in die Renovation von Dach und Fassade, gemäss Übernahmevereinbarung. Die Fassade mit den Natursteinen wird in den Fugen mit einer Kalkschicht aufgehellt, wie sie einst gewesen sein soll. Eine Verkalkung also auch hier ...
 
Das Dach des Schlosses ist bereits mit 3 neuen Wetterfahnen mit dem Familienwappen der Effinger, welche die Schlossdomäne und die Herrschaftsrechte erworben hatten, und tatsächlich vergoldeten Kugeln dekoriert – trotz dieser Goldpreise. Auf dem Treppenturm trägt die Windfahne aus der Werkstätte des Lenzburger Metallgestalters Ueli Schneider das Aargauer Wappen.
 
Vögel in Schattenlage
Die Wetterfahnen sind an besseren Lagen als die Volière, die sich hinter dem Rebmannhaus zwischen dem Schlossfelsen und dem 1835 angelegten Französischen Garten an schattiger Lage befindet. Sie gehört nicht zum historischen Bestand des Schlosses. Alle möglichen Vogelexoten wie Wellensittich, Blaustirnamazone, Zwergwachtel, Kanarienvogel, Diamanttäubchen, Pfirsichköpfchen und Fasan zwitschern hier konzertant im höchsten Fortissimo herzerfrischend. Viele Eltern mit Kindern geniessen das Schau- und Hörstück durch ein massives Gitter hindurch.
 
Der Kanton Aargau plante, die vor 40 Jahren letztmals renovierte Volière auf Ende März 2011 zu schliessen, was viele Protestleserbriefe in den Zeitungen absetzte (ab dem 01.04.2011 ist das Schloss wieder offen). Eine Frau in Holderbank startete eine Petition für die Erhaltung des grossen Vogelkäfigs. So gab der Kanton der Anlage eine Gnadenfrist bis Ende Oktober 2011: „Sollte sich bis dann eine Trägerschaft zum Betrieb der Volière finden, bietet man Hand für einen Fortbestand unter Einhaltung des Tierschutzes,“ verlautbarte eine Medienmitteilung.
 
Wie sich die übervölkerten Vogelgehege jetzt präsentieren, bieten sie keine Voraussetzung für eine artgerechte Haltung, und man wünscht den farbenfrohen Tierchen einen grösseren, lichtvolleren Lebensraum, wenn sie schon in Gefangenschaft sein müssen, ohne etwas verschuldet zu haben. Der tierliebende Vogelbetreuer Peter Heuberger tut unter den gegebenen Verhältnissen zweifellos das Beste, aber die Verhältnisse sind unzulänglich.
 
Vorerst wird die Zahl der Vögel durch Dislokation verringert und eine Halterbewilligung für die Aras und die einheimischen Wildvögel (2 Dohlen und 1 Amsel) eingeholt. Der Betreuer erhält bei seiner Arbeit Unterstützung, und nach Saisonende wird man weitersehen.
 
Die Hühner beim Biobauernhof unter dem Schloss haben es besser. Sie können zwischen einem Aufenthalt im Haus oder im Freien wählen und sich um ihren Hahn scharen. Grosse Bäume geben ihnen eine Sicherheit gegen Luftangriffe. Das ist in der heutigen Zeit kein Luxus mehr.
 
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