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BLOG vom 05.04.2011


Crans-Montana (3): Skimuffel bei Skiakrobaten auf Cry d'Er
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Warum müssen Tal- und Bergstationen von Bergbahnen aller Art eigentlich so hässlich sein? Die Funktionalität, die in der Regel eine gewisse Ästhetik garantiert, ist meistens von einer losen Ansammlung von Infrastruktur umgeben, an der sich kein Architekt vergriffen hat: Parkplatzwüsten, Kioske, Betriebsbaracken für den Billettverkauf, schreiende Plakate, Abschrankungen, Treppen und Aufhängevorrichtungen für die Gondeln mit ihrem ständigen Auf und Ab.
 
So sah es am 25.03.2011 westlich des Dorfs Crans-Montana (Gebiet Le Mèrignou) aus, wo die Gondeln der „Télecabine Crans‒Merbé‒Cry d’Er" (auch Cry d’Err geschrieben) ihren Tiefpunkt erreicht haben und linksumkehrt machen. Die Schneehaufen waren bereits grau-braun eingefärbt, verflüssigten sich in der Höhensonne, und wenn sie endlich Platz gemacht haben werden, verschwindet auch der Wintersportbetrieb. Skifahrer mit steifen Plastikverpackungen um ihre Füsse und bis über die Knöchel hinaus tappten wie versteinernde Elefanten umher und trugen allerhand längliche Geräte zur Bewegung auf Schneepisten herum, merkwürdig geformte Bretter mit Befestigungseinrichtungen und fremdländischen Inschriften, einzeln oder paarweise, Ski-Abwandlungen, von denen ich nicht einmal den Fachausdruck kenne.
 
Mein Wissen über Ski-Entwicklungen ist kurz nach jenen Geräten stillgestanden, mit denen dem Vernehmen nach Fridtjof Nansen 1888 Grönland durchquert und fürchterlich gefroren hat. Er leitete die Skientwicklung für ähnliche Masochisten wie er erst recht ein. Irgendwie konnte ich mich mit den Nachfolgeprodukten nie richtig anfreunden. Solche Skier bescherten mir an Steilhängen des Neckertals in St. Peterzell im Neutoggenburg fürchterliche Stürze, und einmal verlor ich einen Skischuh mitsamt dem Ski mitten in einem schneereichen Abhang, weil ich die Schuhbändel nicht kräftig genug angezogen hatte. Das geschah nicht etwa aus Liederlichkeit, sondern im Gegenteil, weil die Schnürsenkel an den Haken, an denen sie sich festklammerten, gern zerrissen, und Ersatz war ja nicht zur Hand. Meine Füsse tendierten eher V-förmig einerseits nach links und anderseits nach rechts, was zu einer Spagat-Variante führte, die in einem Sturz mit dem unbehelmten Kopf voran enden musste. Solche Qualen wollte ich mir nicht freiwillig antun, und auch Knochenbrüche waren nicht eben das, was ich anstrebte. Eine ausgesprochene Abneigung gegen Sportunfälle blieb mir bis zum heutigen Tag erhalten. Ich weiss nicht, warum.
 
So blieb ich denn mitten in einer sportlich recht begabten Familie mit einer Bündnerin als Ehefrau eigentlich die einzige Kuriosität eines Skimuffels. Das bedeutet aber nicht, dass ich Skigebiete meide, sondern ich sehe dort recht gern zu, wie sich rechtschaffene und durchaus zurechnungsfähige Menschen aller Geschlechter und Altersstufen mit Plastiksturzhelmen auf Pisten abquälen, in gepolsterte Abschrankungen knallen und sich dann, irgendwelchen mentalen Durchhalteparolen folgend, an Bügeln hängend wieder nach oben ziehen lassen, um neue Arten des Leidens auszuprobieren, derweil ich die Gebirgslandschaft mit ihren Gletschern, Felsen, Graten und Flanken auf mich wirken lasse, besonders jene Stellen, die noch nicht bewirtschaftet sind.
 
Wenn ich jeweils in der Talstation eines Skizirkus stehe, komme ich mir schon etwas deplatziert vor. Im Billettcontainer von Crans-Montana fragte ich die sportliche Dame am Schalter schüchtern, ob man wohl auch ohne Skis eine Gondel besteigen, sich auf den Cry d’Er verfrachten lassen und anschliessend wieder mit der Bahn nach unten tragen lassen könne. Sie bejahte und zog 25 CHF pro Person von mir ein. Dafür erhielt ich einen Pass in Kreditkartenformat mit aufgedruckter SOS-Nummer 027 485 89 10, was auf eine halt doch nicht ganz ungefährliche Sache hinwies. Mein Schwiegersohn Urs riet mir, diese Karte gut aufzubewahren, da sie 5 CHF Wert habe und wieder, elektronisch zum Leben erweckt, eingesetzt werden könne. Im Übrigen ist jedes Risiko auf den Karteninhaber abgewälzt: „Karte nicht übertragbar. Keine Rückvergütung bei Schlechtwetter (zum Glück brannte die Sonne), Verlust, Krankheit, Unfall, Stillstand der Anlagen.“
 
Doch war die Welt in Ordnung; nicht einmal die Anlagen standen still. In der Bodenstation drehten sich eine himmelblaue Gondel nach der anderen um eine knallgelbe Umlenkrolle. Eine Schiebetür einer Gondel nach der anderen öffnete sich ohne menschliches Zutun. Wir stiegen ein, liessen uns auf den Cry d’Er hinauftragen, nicht ohne dem müden Schaukelbehälter einen Zwischenhalt beim Restaurant Merbé zu gönnen. Wir schauten auf Crans-sur-Sierre und auf Montana hinunter, flogen am Mont Lachaux vorbei und blickten zum Petit Mont Bonvin hinüber, bewunderten die weiss verhüllten, strubbeligen Einfälle des Wildstrubelgebiets (Berner Alpen), vor allem auf der Westseite, in die sich eine kleine Staumauer verirrt hat.
 
Dann waren wir auf 2258 m ü. M., eben auf dem Cry d’Er, gelandet. Die Bergkuppe ist von einer lückenlosen Reihe von Betriebsgebäuden einschliesslich eines Restaurants zubetoniert, von Pisten und Wegweisern umgeben. Die Skipisten erinnerten mich mit ihren Verkehrshinweistafeln in Rot an üppig markierte Autobahnen, nur dass hier statt Autos Pistenfahrzeuge, die grösseren mit Raupen, und Skifahrer aller Gattung herumfahren. Da oben war es wegen einer speziellen Höhensonne ausgesprochen hell; ich spürte die Blendwirkung selbst hinter einer guten, polarisierten Sonnenbrille. Die Augen begannen zu tränen, und die Tränen spülten mir die Sonnencrème mit schätzungsweise Faktor 20, die mir Eva ins Gesicht geschmiert hatte, in die Augen. Es war zum Weinen, und mir wurde schmerzlich bewusst, dass ich nicht im Sternzeichen des alpinen Schneemanns geboren bin. Meine Tochter Anita und ihr Mann hatten die Skis, die sie selber als nicht mehr letzten Modeschrei bewerteten, bereits angeschnallt, und sie verschwanden winkend und wedelnd in der Tiefe.
 
Eva und ich umrundeten die Betonmonumente auf dem Gipfel, und dabei begegneten wir einem Pistenfahrzeug („Pisten Bully 40 D“) mit roter Führerkabine und grossem Metallkorb auf den Greifarmen. Warum der „Bully“ (Maulheld, Tyrann) heisst, konnte ich nicht ermitteln. Dieses Fahrzeug mit seinen Aluminiumraupen und allerhand Hydraulikbüchsen und -gestänge war damit beschäftigt, weiter unten, bei einer riesigen, durch einen Querspalt und eine Eistreppe zerschnittenen Schanze ein Rudel von Skiakrobaten abzuholen und in Massen-Käfighaltung zum oberen Abfahrtspunkt bei einem aufgeblasenen Red-Bull-Bogen zu verfrachten, eins ums andere Mal. Dann fuhr die Raupe, auf der „Fire in red“ stand, wieder leer in die Tiefe, ein Umstand, dem ich abhelfen wollte. Ich fragte den schwarzbärtigen Raupenfahrer mit der schwarzen Kappe über einer ausladenden, dunklen Sonnenbrille, ob wir mit ihm nach unten fahren dürften. „Ja“, antwortete er spontan, „aber Ihr müsst zu Fuss hinauf.“ Ob er einen Blick auf meine Bauchwölbung geworfen hatte und meine Berggängigkeit unterschätzte, war durch die Sonnenbrillengläser nicht auszumachen. „Kein Problem!“ schrie ich, das Motorgeräusch übertönend, und wir stiegen in die Kabine ein. Der Bully drehte um 180 Grad, startete die Abfahrt und neigte sich an einer besonders steilen, bereits aperen Stelle bedenklich nach vor. Ein Tyrann. Doch wir kamen heil unten an, bedankten uns für diese unsere erste Pistenraupenfahrt und fanden in wenig Metern Entfernung einen guten Beobachtungspunkt, um über die Flüge der jungen Skiakrobaten zu staunen. Wobei ich nicht verhehlen will, dass wir wegen unseres Alters und der absolut unkonventionellen Kleidung in diesen Kreisen selbstverständlich auch auffielen. Wir hielten uns an Verkehrsregeln, wurden nicht zu Pistenschrecks, was unsere Akzeptanz vergrösserte, so weit das noch möglich war.
 
Offenbar handelte es sich um eine geschlossene Gruppe von jungen Männern und reiferen Mädchen mit erstaunlichem Talent, die hier übte. Die jungen Leute trugen verschiedene Kleider, enge und in anderen Fällen pluderweite Hosen, bei denen der Schrittansatz unter die Knie gerutscht war. Lässig. Sonnenbrillen und Helme verdeckten ihren Kopf fast vollständig. Ich fragte einen der Akrobaten, der während seines Springens sich vor ihm drehende fliegende Kollegen gefilmt hatte, wie denn dieser Sport eigentlich heisse. „Freestyle-Skiing“ sagte er in diesem Teil des Wallis, wo im Übrigen die französische Sprache das Sagen hat, freundlich. In Deutsch hiess es einst Trickskifahren, was aber ungebräuchlich wurde, dem Schicksal des Deutsch vorauseilend. Ich habe später gelesen, es handle sich um eine selbständige Sportart, die aus Norwegen in alle Welt hinaus fand und in gewissen Ausprägungen olympisch wurde.
 
Wahrscheinlich wurde hier die Disziplin des Aerials, des Springens, geübt: Die Skikünstler fahren mit zunehmendem Tempo hinunter zu einer präparierten Schanze, deren Ansprungfläche steil nach oben weist. Hier lösen sie ihre Drehungen, Salti, Grätschen und alle möglichen Kunstsprünge aus, überfliegen den Graben und setzen dann auf der schräg abfallenden, nach unten auslaufenden Rückwand der Schanze wieder auf, und falls sie auf dem Hosenboden landen, sind sie bis zum unteren Schanzenende bereits wieder aufgestanden. Sie haben 1 oder 2 Bretter an den Füssen, nehmen manchmal Skistöcke mit und dann wieder auch nicht, ganz wie’s beliebt. Freier Stil. Sie zwirbeln förmlich in allen Drehungsarten mehrfach durch die Luft, und dass sie am Schluss noch herausfinden, was unten ist, grenzt für mich an ein Wunder. Manchmal fahren sie die Schanze sogar rückwärts an.
 
Wir staunten und wanderten, als die Mittagspause angebrochen war, auf den Cry d’Er zurück, tranken im Aussenrestaurant 1 Liter Mineralwasser (12 CHF) an einem Blechtisch, der noch nicht abgewischt war. Auf den Bergen gibt’s „koa Sünd“, auch abseits des Tirols.
 
Anita und Urs, die den verpassten Skiwinter nachholten und ihre Tageskarte abstrampelten, tauchten wieder auf und erzählten von schwierigen Schneeverhältnissen. Es sei etwas gefährlich, wenn man von einer harten Piste in den pappigen, nassen Matsch oder Sulzschnee gelange, sagte Urs. Die Skisaison lag in den letzten Zügen, und noch bevor der letzte Schnee als Tauwasser im Boden versickert oder an Stellen mit beschädigter Grasnarbe als Rinnsal weggeflossen war, wagten sie noch einmal eine Abfahrt, liessen Vorsicht walten. Ohne doppelten Salto.
 
Nach einer kleinen Schneewanderung an Pistenrändern, vorbei an der Web-Aufnahmekamera, die das belebte Gelände nach allen Seiten absuchte, stiegen Eva und ich in eine leicht schaukelnde Kabine ein, schwebten gegen die Dörfer zurück. Wir machten noch einen kleinen Spaziergang zum Lac de Chermignon, der uns vom Hotel „LeCrans“ und von der Gondelbahn aus aufgefallen war. Der kleine Stausee, der als Wasserreserve dienen mag, ist von lichten Wäldern umgeben. Die Eisdecke, wo sie überhaupt noch vorhanden war, hing in Fetzen zum Wasser hinunter. Wir fanden ein Bänklein, vor dem sich eine wunderschöne Erdkröte mit uns sonnte und uns dann den sogenannten Krötensprung vorführte. Auch dieser war voller Eleganz.
 
Wir machten keine grossen Sprünge mehr und auch keine Seitensprünge, sondern wanderten gradlinig zu unserem Hotel und sagten im Anblick des Mittelwallis in der Form eines langen Korbs mit Zacken und Hörnern, dessen braune Ränder auf das Chlorophyllgrün warteten, das sei wiederum ein sehr schöner Tag gewesen. Die sinkende Sonne grüsste aus einigen Wolken, verschwand, schaute noch ein einziges Mal hervor.
 
Das Tal füllte sich mit Dunst und Dunkelheit, und Lichterknäuelnester zeigten jene Stellen in den südseitigen Hanglagen, wo ein friedliches Volk seine Heimat fand, das keine Gelegenheit zur Verweichlichung hatte.
 
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