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BLOG vom 09.04.2011


Kunst des Kaufens: Einsparungen, die Freude bereiten
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Dreierlei Einsparungen bereiten allseits Freude: Zeit- und Geldersparnisse und solche, die Ärger vermeiden helfen.
 
Lebensmittel-Einkäufe
Wie viel wird doch impulsiv gekauft und nie gebraucht oder gegessen! Das beginnt mit Lebensmitteln. Verschlägt es mich – selten genug – in einen Supermarkt, staune ich, wie viele Leute ihre Einkäufe, hochgetürmt im Wägelchen, mühsam vor die Kasse bugsieren. Mit meinem Einkaufskörbchen stehe ich hinter einer Grosseinkäuferin und wappne mich mit Geduld.
 
Die Hausfrau vor mir entlädt viel vorverpackte Esswaren aufs Band: Fertiggerichte, Käse, Charcuterie, Gemüse, Eier, Brot – alles gleich dutzendweise –, und erst noch viele Fruchtgetränke, Mineralwasser und Coca Cola, in Plastikflaschen abgefüllt.
 
Sie muss einen riesigen Kühlschrank haben und wohl eine zwölfköpfige Familie ernähren, mutmasse ich. Werden die verderblichen Produkte allesamt gegessen, bevor sie ranzig werden? Heute verlangt die Kehrichtabfuhr in London, dass Küchenabfälle gesondert in verschliessbare Behälter entsorgt werden. Hygiene muss sein. Die Ratten, Krähen und Stadtfüchse darben. Noch immer stehe ich in der Warteschlange. Umständlich tippt die Hausfrau endlich den Code ihrer Kreditkarte in den Apparat. Ich veranschlage ihre Rechnung auf weit über £ l00.
 
In unserem Haushalt bezahlen wir bar und ersparen uns die Bankspesen. Und brauchen wir hin und wieder gewisse Stapelware wie Reis, Kartoffeln und gewisse Konserven, hole ich Lily mit dem Auto ab und erspare uns die Parkkosten, die sich ständig verteuern. Das stempelt uns nicht zu Geizkrägen. Wir zahlen gern einen Aufpreis und nehmen einen Umweg für unsere Einkäufe beim Metzger, Bäcker oder in der Käsehandlung in Kauf, die nicht schwer in der Tasche wiegen, doch Gaumenfreude bereiten.
 
Kleidung
Etliche unserer Bekannten kaufen Kleidungsstücke in Wohlfahrtsläden in Kensington (dem Quartier der Wohlbegüterten) und haben ein trainiertes Auge für neuwertige Markenartikel zu Spottpreisen. Nein, auf Kleiderkäufe bin ich nicht erpicht. Mein 1. Kleiderkauf aus 2. Hand war ein toller Lodenmantel, feststellbar kaum getragen. Er war dem Verkäufer viel zu gross. Ich trug meinen alten, etwas ramponierten Lodenmantel. „Ich habe etwas für Sie“, sprach mich ein ordentlich gekleideter Mann auf den Ramschmarkt in Wimbledon an. Meine Gedanken waren ganz woanders, und ich winkte ab. Aber er trug mir den Mantel nach und sagte vielversprechend, „damit können Sie sich im Dorchester zeigen … und er ist erst noch wunderbar warm.“ Ich schlug vor: „Warum tauschen wir nicht unsere Mäntel?“ Davon wollte er natürlich nichts wissen, und wir einigten uns auf einen Kaufpreis weit unterm Wert eines solchen Lodenmantels.
 
Das 2. Mal, kurz vor Weihnachten, sichtete ich zufällig eine „Burberry“-Jacke im nahen Rotkreuz-Laden in Wimbledon, nachdem ich das Gestell mit Occasionsbüchern abgeklopft hatte, ebenfalls tadellos und ungetragen. Spontan reservierte ich diese Jacke. Aber meine Frau bestimmt derlei Käufe für mich, und auf ihren Geschmack ist Verlass. Eine Stunde später war sie mit mir ihm Laden. Die Jacke gefiel auch ihr, denn diese war von erstklassiger Qualität und erst noch wie auf mich zugeschnitten. „Jetzt habe ich mein Weihnachtsgeschenk für dich“, sagte sie schmunzelnd.
 
Ich muss zugeben: Beide Käufe waren längst überfällig – und die bescheidenen Ausgaben mehr als gerechtfertigt. Was für mich noch wichtiger war: Ich ersparte mir damit viel Zeit und brauchte meine Geduld nicht in Kleidergeschäften zu strapazieren.
 
Die Elektronik
Ob verbunden mit dem PC oder mit Handy, iPod oder sonst einem Spielzeug, kann ich auf diese Schöpfungen des digitalen Zeitalters weitgehend verzichten, anerkenne und schätze jedoch den Wert des PC als Verbindungssteige zum Internet und E-Mail und als Zeit ersparendes Mittel zur Textbearbeitung.
 
Der Rest kann mir gestohlen werden. Seit 3 Monaten komme ich ohne Handy aus. Hinzu kommt, dass die Modelle fortlaufend ändern und mit immer neuen Kapriolen vollgestopft werden. Ich würde gewiss nicht Schlange stehen, um das letzte Modell zu erwerben. Das sind alles Schliche, um die Preise hochzutreiben. Die jüngere Generation denkt ganz anders als ich, was ich ihr nicht anlaste. Mit dem ersparten Geld kann ich mich anderweitig vergnügen, etwa ein verlängertes Wochenende, nach kurzer Eurostar-Fahrt, in Frankreich geniessen.
 
Haushaltsgeräte
Der Gebrauch des Geschirrspülers für unseren kleinen Haushalt ist tabu. So bleibt er unbenutzt und dient als Schrank für Kochutensilien. Der Boiler hat noch einige Jahre Laufzeit, ehe er ersetzt werden muss, desgleichen der Kühlschrank und die Waschmaschine. Auf einen Wäschetrockner sind wir nicht angewiesen. Es gibt wieder mehr Fachleute, die solche Geräte zu ertragbaren Preisen reparieren. Für solche Zwecke legen wir eine Reserve zur Seite, was weitaus billiger ist als eine Neuanschaffung.
 
Das Auto
Je länger desto weniger sind wir in der Londoner Metropole auf das Auto angewiesen. Ohne Navigator lassen wir uns am liebsten vom Zug, Metro und Bus kutschieren. Wir fahren jetzt („altersbedingt“ flüstere ich – pst! Nicht weitersagen) weitgehend kostenlos. Unser Budget wird somit weniger belastet. Das Parkieren des Autos fällt dahin. Und gehen wir auswärts essen, kann ich Wein statt Wasser trinken. Mit Mass, das versteht sich.
 
Der Ärger mit Verschlüssen und Packungsfolien
Die Ecken von Verpackungsfolien erwischt nur Lily. Ich greife zur Schere. Dieser Ärgerquelle habe ich schon ein Blog gewidmet. Die Verpackungskünstler haben inzwischen neue Schikanen entdeckt. Am besten Finger und Schere weg vor solchen Verpackungen, solange es Alternativen gibt – am besten beim Bäcker oder Metzger und in Blumengeschäften oder Gärtnereien erhältlich.
 
Gartengeräte
Die Vorderradachse des Rasenmähers konnte ich mit Kupferdraht befestigen. Vorderhand hält der Draht noch immer. Jedes Mal, wenn ich den Motor starte, hoffe ich, dass er weiterhin hält – wie lange noch? Das weiss ich nicht.
 
Der Schubkarren im Garten ist nach 30 Jahren Schwerarbeit durchgerostet. Ich stutzte, als ich in einer Abfalltonne genau das gleiche Modell sichtete. Es war gebrauchsfähig. Einige Roststellen konnte ich beheben. Um diese Jahreszeit gilt es, die ausgelaugte Erde in den vielen grossen Kübeln zu ersetzen. Mein Rücken ist mir dankbar, dass ich die Erde mit diesem Vehikel zu den Töpfen bringen kann. Das ist eine finanzielle wie auch körperliche Erleichterung. In diesen Töpfen wachsen Küchenkräuter.
 
Die grüne Welle reiten
Die „Skipp“, also riesige Abfallbehälter, werden wieder an allen Strassenecken gefüllt, wenn Häuser abgebrochen oder renoviert werden. Was die Leute nicht alles wegschmeissen … Was man dort nicht alles entdeckt, das wieder verwert- oder benutzbar ist! Ob jung oder alt, reich oder arm, macht es vielen Leuten Spass, nach Fundstücken zu wühlen. Im Verlauf der Jahre habe ich dort viele dekorative Fliesen gefunden, die jetzt unseren Patio umrahmen. Im BBC-Programm „Flog It!“ kommen hin und wieder Gemälde zum Vorschein, die aus solchen Abfalltonnen gerettet wurden und auf Auktionen verramscht werden. Das ist erfreulich.
 
Des Sammlers Freudenspender
Nichts erfreut den Sammler mehr, als wenn er zu einem Häppchen kommt. Noch immer lässt sich mit bescheidenen Mitteln eine Sammlung von Druckgrafik, antiquarischen Büchern und dekorativem Zierrat aus vergangenen Zeiten aufbauen. Als Sammler brauche ich mich nicht nochmals zu diesem Lieblingsthema äussern. Doch sei mir wieder eine Ausnahme zugebilligt. Wiederum auf dem von mir fleissig frequentierten Flohmarkt in Wimbledon schüttete am letzten Samstag ein Osteuropäer allerlei Trödel auf eine Blache. Halb versteckt zwischen allerlei Geschirr sichtete ich ein „Moorcroft“-Schälchen („Moorcroft“ ist für die Engländer, was „Gallé“ oder „Daum“ für die Franzosen sind). Ich ergatterte diesen Zufallsfund für wenige Pfund. Noch vor dem Mittagessen hat dieses Schälchen seinen Platz im Wohnzimmer gefunden. Der Sachwert ist mir an und für sich gleichgültig, solange mir das „Trouvaille“ Freude bereitet.
 
Fazit
Viele Leute schlafen, von Sorgen bedrängt, schlecht, wie sich die Wirtschaftskrise beängstigend vertieft. Sie können ihre Schulden nicht mehr tilgen. Doch die Werbetrommeln verführen sie immer wieder leichtfertig zu irrsinnigen Anschaffungen. Die kleinen Freuden sollten ihre grossen Sorgen ersetzen.
 
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25.03.2005: Der Dauerärger mit den schikanösen Verschlüssen
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