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BLOG vom 15.04.2011


Ein gutes Wort über die ehrlichen Elstern in unserem Garten
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Was hat man den Elstern doch schon alles unter die Flügel geschoben: Man sagt zum Beispiel, sie würden die Singvögel dezimieren und diebisch seien sie auch, neigten dazu, glänzende Dinge zu entwenden und zu verbergen. Geradezu Vernichtendes steht im „Brockhaus’ Konversations-Lexikon in sechzehn Bänden“ von 1893 über sie: „Als halber Raubvogel würgt sie (die Elster) manchen kleinen Vogel, zerstört besonders gern Nester kleinerer Singvögel, deren Eier sie aufhackt, und ist durch diese Feindschaft gegen die insektenvertilgenden Sänger wirklich ein schädlicher Vogel, obgleich sie auch nebenher Aas, Würmer, Schnecken und Insekten frisst.“ Offenbar galten damals selbst Würmer als schädlich ...
 
Der italienische Komponist Gioachino Rossini (1792–1868) hat mit „La gazza ladra“ (Die diebische Elster) eine ausgewachsene Oper geschaffen, um nachzuweisen, mit welch krimineller Energie diese unbeliebten Rabenvögel ausgestattet sind: Um ein Haar wäre ein Bauernmädchen zum Tode verurteilt worden, weil silbernes Besteck verschwunden war. Doch kam im letzten Moment die Wahrheit ans Licht: Eine Elster war die Täterin. Oft wird die diebische Elster als Metapher für Diebe verwendet, und ich könnte mir vorstellen, dass schon manch ein Diebstahl den Elstern angelastet worden ist.
 
Obschon ich kein Freund von Tierversuchen bin, habe ich mich dennoch für einen solchen entschlossen, weil er unseren Elstern nicht schadet, ihnen keine Schmerzen zufügt – ja sie können dadurch nur gewinnen. Dazu habe ich einen Fünfräppler (ein Fünf-Rappen-Stück) aufs Spiel gesetzt. Nicht weil der Fünfräppler seit 1977 die Schweizer Kursmünze mit dem geringsten Nominalwert ist, sondern weil er, so lange er noch nicht oxidiert hat, des hohen Kupferanteils (92 %) wegen so schön goldig glänzt (6 % macht der Aluminium- und 2 % der Nickelanteil aus). Ein neuwertiges, stempelglänzendes 5-Rappen-Stück liegt seit mehreren Tag auf einem Gartentisch direkt unter der Hauptflugschneise unseren Elstern. Damit diese es gegebenenfalls problemlos mit dem zugespitzten schwarzen Schnabel ergreifen können, habe ich ein kleines Steinchen unterlegt, so dass die Münze schräg liegt und unter ihr ein Hohlraum ist. Bisher hat sich das Elsternpaar, das gerade Vorbereitungen für Nachwuchs trifft und in einem Gebüsch ein überdachtes Nest aus Zweigen und Gräsern mit Lehm auspolstert, keinerlei Interesse an diesem Schmuckstück gezeigt, so dass ich die Vorliebe für buntes und glitzerndes Zeug allmählich anzuzweifeln wage.
 
Die Idee für meinen Diebstahltest habe ich von der Kundin eines Kaminfegers bezogen, der in der Villa einer wohlhabenden Familie zu russen hatte. Die Dame des Hauses wollte die Ehrlichkeit des Kaminfegers auf die Probe stellen und liess im Bereich des Kamins ein Fünffrankenstück offen herumliegen. Der Kaminfeger durchschaute die Testanordnung und legte aus seinem eigenen Geldbeutel ein 10-Rappen-Stück dazu ... und so würde es mich denn nicht wundern, wenn neben meinem Fünfräppler demnächst ein Fetzen Silberfolie liegen würde.
 
Heute gilt es zudem als erwiesen, dass die Schädlichkeit der Elstern überschätzt wird – schliesslich sind sie ein Teil des ökologischen Gefüges, das wir nicht im vollen Sinnzusammenhang zu durchschauen vermögen. In der Camargue hat die Zahl der Singvögel trotz eines hohen Bestands an Elstern nicht abgenommen.
 
Auch um unser Haus nisten und singen Singvögel in Massen. Wir sind unseren Elstern dankbar, dass sie bei der Regulation der Nacktschnecken mithelfen, sich an Aas und Abfall gütlich tun, und ein paar Beeren und Früchte gönnen wir ihnen durchaus. Auch eine kleine Maus steht auf ihrem Speisezettel. Wenn derr wissenschaftliche Name der Elster schon Pica pica lautet, sollen sie doch auch etwas picken dürfen. Als Pica-Pica bezeichnet man auf den Philippinen das Finger-Food, also Kleinigkeiten, die man mit den Fingern isst. Im Lateinischen heisst Pica = Elster.
 
Meine Zuneigung zu den Elstern gründet vor allen Dingen auf ihrem festlich-eleganten Aussehen; wenn sie vorbeifliegen, habe ich immer den Eindruck, sie seien zur Teilnahme an einer noblen Hochzeitsfeier unterwegs. Das weisse Feld am Aussenrand der Flügel erhält durch dunkle, streifenartige Aussenfahnen ein Gittermotiv. Die Flugbewegungen werden oft unterbrochen; die Elster gleitet, damit man ihre Eleganz in Ruhe bewundern kann. Aus einer gewissen Entfernung scheint es, als seien diese Vögel schwarz-weiss gekleidet; aus der Nähe aber sieht man, dass der lange, oft fächerartig gespreizte Schwanz dunkelgrüne sowie azurblaue und die Flügel blaue und grüne Flächen haben, Äusserungen eines unübertrefflichen guten Geschmacks. Wenn der Vogel zu Fuss geht, indem er beispielsweise auf dem Boden nach Beute sucht, wird der Schwanz adrett angehoben.
 
Dass es den Elstern (Männchen und Weibchen sind kaum zu unterscheiden) seit Jahren bei uns gefällt, ist einleuchtend. Sie lieben lichte Wälder, halboffene bis offene Landschaften mit Gehölzen, Einzelbäumen, Gärten, leiden aber unter ausgeräumten Landschaften. Man darf sich an diesen Vögeln freuen und ihrem aufmunternden „Tschack-Tschack“, das von einem Motivationstrainer stammen könnte, uneingeschränkt freuen.
 
Vom Aberglauben-Quatsch, der die Rabenvögel als Todbringer bezeichnet, halte ich ohnehin nichts. Bisher haben wir viele Elstern auf unserem Grund und Boden überlebt. Wer wem gefährlich werden kann, erfährt man aus dem Konversations-Lexikon von 1892: „In manchen Gegenden gilt eine in den zwölf Nächten (WH: zwischen dem Weihnachts- und dem Berchtoldstag) geschossene, verkohlte und zerriebene Elster (Diakonissenpulver) als Mittel gegen Fallsucht“ (Epilepsie).
 
Ich persönlich betrachte die Elster nicht als fliegende Apotheke, aber mit Wohlgefallen.
 
PS: Mein Fünfräppler ist noch immer auf dem Gartentisch. Hätten meine ausgesprochen lernfähigen Elstern wohl lieber eine Goldmünze?
 
Quellen
Fünfstück, Hans-Joachim: „Taschenlexikon der Vögel Deutschlands“, Quelle & Meyer Verlag, Wiebelseheim D 2010.
Ferguson-Lees, James; Willis, Ian: „Vögel Mitteleuropas“, BLV Verlagsgesellschaft, München, Wien, Zürich 1987.
Das Beste und Vogelwarte Sempach: „Die häufigsten Vogelarten der Schweiz“, Verlag Das Beste, Zürich 1985.
 
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