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BLOG vom 07.05.2011


Als das Wurst-Festival Luzern beinahe ins Badewasser fiel
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Wenn es anders kommt als man erwartet und sich gewünscht hat, ist man oft enttäuscht. Kündigt meine Frau zum Beispiel einen Tomatenrisotto zum Mittagessen an und steht dann ein Gratin dauphinoise auf dem Tisch, weil noch Kartoffeln aufzubrauchen waren, will mir das Kartoffelgericht nicht so richtig Freude machen, und mag es noch so gut schmecken.
 
Abgespecktes Programm im Historischen Museum
Nach schlimmer kam es am Ostersonntag. Ich hatte mir vorgenommen, an jenem 24.04.2011 die Ausstellung „Alles Wurscht oder was? im Historischen Museum Luzern (www.alleswurscht.ch) zu besuchen. Dem Wurstfestival-Kalender im Internet hatte ich entnommen, dass ab 10 Uhr ein Wurst-Brunch und ab 12.15 eine Führung durch die Ausstellung stattfinde. Ich verzichtete also auf ein Frühstück, um die Wurstfreuden so recht mit Appetit geniessen zu können. Das anfänglich recht trübe, leicht regnerische Wetter war die richtige Voraussetzung für einen Museumsbesuch zur Pflege eines Standbeins des kulinarischen Erbes, das uns in der Gestalt von Aargauer Sonntagswürsten, Appenzeller Pantli und Siedwürsten, Bauernschübligen, Berner Zungenwürsten, Blut- und Leberwürsten, den Allerwelts-Cervelats, Cicin (in der Einzahl: Cicitt), Engadiner Hauswürsten, Glarner Kalberwürsten, Landjägern, Luganighe und – neben vielen anderen – Waadtländer Saucissons entgegentritt. Eva montierte noch eine Kühlbox im Auto, damit wir bei Wurstkauf-Gelegenheiten unsere Beute standesgemäss unterbringen konnten.
 
Um 10.20 Uhr hatten wir das Wurstparadies im vormaligen Zeughaus an der Pfistergasse 24 in Luzern (in der Nähe der Spreuerbrücke) erreicht. An der Fassade des 1567/68 erbauten Gebäudes mit den Beutestücken aus verschiedenen Schlachten, die aber nicht verwurstet wurden, hingen überdimensionierte Cervelats in Serie. Da waren wir also richtig. Wir wurden von einer ebenso hübschen wie freundlichen Dame empfangen, Maria Pigureddu. Ich gestand ihr, dass wir weniger Lust auf Waffen, Fahnen und Uniformen des Spätmittelalters, sondern vielmehr einen fürchterlichen Hunger hätten und gleich zum Brunch gehen wollten. Selbst das Panzerhemd Leopolds III. und Rechtsaltertümer wie Glasgemälde, Zinnkannen, Urmasse und Flühliglas konnten uns davon nicht abhalten. Die Dame rang etwas um Worte und sagte, der Brunch finde im Restaurant „1871“ im Grand Hotel National am Quai statt, aber eigentlich hätte man sich anmelden müssen. Und der 2. Tiefschlag folgte sogleich: Auch die angekündigte Osterhasenwurst (Lyoner) werde nicht präsentiert, da die Fleisch & Traiteur AG Götschmann aus CH-1735 Gifferts abgesagt habe, da noch ein unverhoffter, grösserer Catering-Auftrag hereingekommen sei. Aber wir könnten vorerst einmal an einer Salami-Degustation in der Wurstausstellung teilnehmen, und gleich um 11.15 Uhr finde eine Demonstration „Badefreuden“ statt.
 
Salami-Degustation
Ja, also. Wir erklommen die 2. Etage des Museums, vorbei an Rüstungen und Schilden (Schutzwaffen) und einem überlangen Uhr-Pendel, wo einige stehende Cervelat-Attrappen auf Rädchen in einem Holzrahmen kreuz und quer herumfuhren und bei An- und Zusammenstössen aufgrund der Impulse von gebogenen Fühlern die Richtung wechselten. An einer Theke im Wurst-Ausstellungsraum waren 3 Sorten von dünnen Salamirädchen in militärischer Ausrichtung zur Degustation bereit, wobei ein Beliebtheitstest auszufüllen war. Es war ein Versuch zur Überwindung des heutigen Fastentags.
 
Wir zeigten unser lebhaftes Interesse, erweckten die Sensorikorgane aus dem Tiefschlaf und stiegen gleich in diese Prüfung ein: Nr. 2 war fettig, eine Spur angenehm tranig und schmackhaft, Nr. 3 ein klassischer Tessiner Salami und Nr. 1 eine etwas weich-matschige Spezialität, von einem dünnen Camembertstreifen (Schimmelkäse) umrandet. Natürlich war das nur so etwas wie der berühmte Tropfen auf einen heissen Stein beziehungsweise leeren Magen, und wir griffen dann immer wieder zu neuen Scheibchen, um unsere Eindrücke mehrfach abzusichern und darzutun, wie viel uns an einer exakten Beurteilung gelegen war. Die junge Demonstrationsleiterin mit thailändischem Einschlag attestierte uns eine hohe Degustationskompetenz, als sie die Geheimnisse lüftete. Am Besten schnitt bei uns Nr. 2 ab: der gut gewürzte Salami von M-Budget aus Schweine- und Rindfleisch. Dann folgte der Nr. 3, also der unsterbliche „Rapellino Classico“ aus Schweinefleisch, wie er seit 1937 im Tessin produziert wird. Etwa gleich gut schnitt Nr. 1 ab: der Salami Triangoli von der Firma Meinen aus Bern, der aus stark zerkleinertem Schweinefleisch besteht und, wie gesagt, mit Camembert umrundet ist.
 
Die Badegeschichten von Franzika Senn
Wir waren jetzt immerhin so weit gestärkt, dass wir mit der Schauspielerin Franziska Senn (aus CH-3315 Bätterkinden BE, Mitglied des NINA-Theaters) in die Badegeschichte eintauchen konnten, zu dem wir via Museums-Lautsprecher aufgefordert wurden. Neben Eva und mir war noch eine 4-köpfige Familie dabei.
 
Franzika Senn schwebte wie eine Badenixe aus dem Katalog eines Versandhauses in einem blauen Bademantel daher, voll im Element. Die 46-Jährige schwärmte vom Wasser als Jungbrunnen, und die Verjüngungskuren sind an ihr selbstverständlich nicht spurlos vorüber gegangen. Ein angenehmer Anblick.
 
Jungbrunnen hin oder her: Kein Greis wird wieder zum blühenden Jüngling, keine runzelige alte Frau zur strahlenden Schönheit, wie es sich der ältere Cranach 1546 ausgemalt hatte. 2 Jahre später hat Hans Sachs in seinem Meistergesang „Der jünckprünen“ den Wunschtraum komplett von allen Illusionen befreit. Das Altersbad mit all den Verjüngungsbemühungen bis zur Schönheitsoperation wurde seither zum Narrenbad. Und übrigens hat sich Sachs ja auch der Suche nach dem Schlaraffenland lyrisch zugewandt – und wie ich soeben am eigenen Leib erfahren habe, existiert auch dieses Land nicht.
 
Inzwischen waren wir in eine mittelalterliche Badestube mit den 2 hölzernen Badezubern verführt worden, wo man, mit Schamtuch und Scheinhut bedeckt und nach Geschlechtern aufgeteilt („sonst gibt es Ärger“), allerhand Heilung finden konnte. Die Bademagd, offenbar umsatzbeteiligt, pries gerade frische Blutegel an, und auch Schröpftöpfe waren bereit. Auch einen Aderlass konnte man beantragen. Mit 50- bis 200-maligem Kratzen am Rücken heilte man früher die Kopfschmerzen (aber wahrscheinlich war dann der Rücken aufgerissen, so dass sich der Schmerz hierhin verlagert hatte).
 
Die schöne Franziska Senn, die alles gab, uns, das kleine Publikum, in ihre Reise durch die Vergangenheit einbezog,wandte sich beim Blick ins spiegelnde Wasser dem Narziss, dem Sohn der griechischen Nymphe Liriope, und dem Narzissmus zu, der Selbstverliebtheit also. Das Baden zu Schönheits- und Gesundheitszwecken entfaltete am 1. Mai seine besondere Kraft, erinnerte sie sich. Es stand in hohem Ansehen, so dass die Zunft der Bader jener der Handwerker gleichgestellt wurde.
 
Die Badegeschichte machte einen Sprung voran, zur Eröffnung des Strandbads Weggis am Vierwaldstättersee, wo die Männlein und Weiblein erstmals zusammen baden durften, eine Sensation, die von Schülern auch lyrisch verarbeitet wurde: „Wir sitzen hier am Sonnenstrand / gefallen ist die Scheidewand.“ Oder: „Wir baden hier im Tageslicht / und Mutter Erde wankt noch nicht.“ Von der Kanzel herab wetterte der Pfarrer gegen all die Versuchungen, die mit der neuen Badeseuche am Strand einher gingen, gegen die schamlosen Herumblüttler insbesondere. Und die Bademode zog sich immer mehr zurück. Unsere Reiseführerin Senn sang aus voller Seele von den Waden, die man beim Baden seh’n kann. 1972 wurde an der Copacabana das Tiny-Bikini Tanga erfunden, das die Brasilianer fio dental = Zahnseide nennen, weil es wie diese in den Zwischenräumen Platz findet. Die Nacktheit bringe die Essenz hinter den Dingen hervor, hiess es. Und später dann kam die Fitness-Wellness-Aquafit-Welle, bei der die Würste eher verpönt sind, insbesondere wegen ihres Fettgehalts.
 
Noch nie habe ich erlebt, dass eine talentierte Schauspielerin für uns allein spielte. Sie verwandelte sich in immer neue Figuren und tat es mit so viel Engagement und Hingabe, als ob ihr 500 Leute zugeschaut hätten. Zum einzigartigen, für mich unvergesslichen Erlebnis trugen auch die verstaubten Räume des Historischen Museums Luzern mit dem leicht moderigen Geruch bei, die geradezu ideale Kulisse für den Ausflug in die tiefe Vergangenheit.
 
Die Wurstgeschichten
Inzwischen war der Zeitpunkt für die Führung durch die Wurstausstellung mit Frau Matthieu gekommen; die WURSTbar aber blieb geschlossen, und so war alles graue Theorie. Sie führte das Wurst-Mysterium auf die alten Ägypter, Syrer und Chinesen zurück. Homer berichtete in seiner Odyssee von Wurstkämpfen, welche die Griechen ausgetragen haben sollen; der Tapferste bekam die besten Würste. Auch die Römer durften nicht fehlen, die kleine Würstchen als Vorspeise schätzten und am liebsten Hirnwurst assen. Würste sind einfach herzustellen, indem man Fleisch und Innereien in Därme verpackt. In der Schweiz begann die Wurstkultur spätestens im 13. Jahrhundert, und inzwischen gibt es rund 400 Sorten, aber genau zählen konnte sie noch niemand. Jede Landschaft hat ihre eigenen Wurstspezialitäten, die Bünder z. B. Salsize, die Churer Beinwurst, die Engadiner Hauswurst, den Andutgel und die Kartoffelwurst. In den regional verbreiteten Wurstsorten spiegeln sich die kulturellen, wirtschaftlichen und klimatischen Faktoren. In den Appenzeller Würsten kommt vor allem Rindfleisch in die Wurst, weil dort die Milchwirtschaft dominiert, im Wallis Schaffleisch; im Jura hängt man die Würste in die Räucherkammer, wegen des feuchten Klimas (Quellen: Andreas Heller und Alexandra Strobel).
 
29 Künstlerinnen und Künstler aus der Schweiz und Deutschland waren eingeladen worden, sich mit der Wurst auseinanderzusetzen. Dabei kamen etwa ein mit Holz-Cervelatbergen beladener Tisch (von Rochus Lussi, für 4500 CHF zu haben) oder wurstförmige Strickarbeiten zum Thema „Cervelat-Prominenz“ heraus, mit bekannten Namen, vor allem aus dem Fernsehgeschäft.
 
Wir konnten dann noch einige Senfsorten von Thomy zu Knäckebrot degustieren, aber ohne Wurst, kaum auszuhalten. Ich liess mich dahingehend belehren, dass es 3 verschiedene Senfpflanzen gibt, die zu Senf umgemünzt werden: Die milde Sinapis alba (weiss oder gelb) und die rezenteren Brassica juncea (braun) und die Sinapis nigra (schwarz). Wir tranken ein Luzerner Bier, um den Brand im Mund zu löschen. Und gaben noch nicht auf, wurstelten uns durch.
 
Aufschnitt im „1871“
Zu Fuss wanderten wir unter der inzwischen aufgetauchten Sonne zum Restaurant „1871“ am Nationalquai, machten uns im Garten bequem und bestellten den „Wurst-Genuss-Teller“, der im Zusammenhang mit der Wurstausstellung stand. Wir hatten im Museum einen Bon erhalten, der 2 oder 3 Franken Preisreduktion auf die 41 CHF versprach. Die freundliche Serviererin Katrin Obst rang etwas nach Worten und sagte – es war inzwischen nach 14 Uhr –, leider sei die Küche nicht in der Lage, diesen Teller zusammenzustellen (weil gerade ausser Betrieb), doch ein Aufschnittteller liege drin. Mich erstaunte, dass solch ein nobles Haus an einem touristisch belebten Sonntagnachmittag nicht in der Lage sein soll, ein paar Wursträdchen in Bewegung zu setzen.
 
Ja, also. Wir erhielten ein Glas robusten Tessiner Merlot mit etwas Depot, was mich wenig störte. Und nach einer längeren Wartezeit, die Frau Obst mit dem Fotografieren von uns mit meiner Kamera auf ihren eigenen Antrieb teilweise überbrückte, tauchte der Fleischteller mit Rucolasalat auf. Das Fleisch stammte vom Ueli-Hof in CH-6048 Horw. Sogar einige hauchdünne Salami- und Lyonerrädchen waren dabei.
 
Die Frühlingssonne hatte sich zur vollen Leistung aufgeschwungen. Am Quai war ein reges Treiben, und auf dem See verkehrten blaue Pedalos in grösseren Mengen. Ein jüngeres Passagierschiff namens Dragon (in Ostasien ist der Drache ein Glück bringendes Wesen) mit einer einschlägigen Gallionsfigur dient wahrscheinlich als Ehrerbietung an die chinesische Kundschaft. Neben älteren Ehepaaren (wie wir), die hier noch in Erinnerungen an Schulreisen vor gut einem halben Jahrhundert schwelgten, zirkulierten viele Asiaten auf ihre disziplinierte Art und fanden das alles wirklich fantastisch, wie es von den Prospekten vorgegeben war. Und auch uns gefiel diese Luzerner Atmosphäre, die sich im klaren Seewasser und in den glänzenden Edelstahl-Kehrichtbehältern spiegelte.
 
Gegenüber war das überhängende, Flachdach-Dach des KKL, das abzubrechen droht, in Reparatur begriffen. Es wurde von einem Gerüstturm gestützt, und erstmals hatte ich das Gefühl, es knicke nicht. Eine Platte, die so weit unabgestützt waagrecht in die Luft hinaus ragt, erschien mir immer als architektonischer Dachschaden. Ich sollte recht bekommen.
 
Doch mir kann das Wurst sein; denn ich hatte soeben gelernt, dass alles Wurscht ist (Heraklit). Deshalb hat Goethe kategorisch verlangt: „Mehr Wurst!“ Ich schliesse mich seiner Forderung nach meinen Ostererfahrungen vollumfänglich an – auch in Bezug aufs „First Swiss Sausage Festival“ als neue Variante des Wurst- und Heilfastens.
 
Hinweis
Die Wurst-Ausstellung dauert bis zum 11.09.2011.
 
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30.01.2008: Slow Food: Wursträdchen brachten Bewegung ins Convivium
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