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BLOG vom 03.05.2011


Zur Pensionierung von Katastrophenhilfe-Chef Toni Frisch
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Die Katastrophenhilfe ist ein schwieriges Unterfangen, das ein hohes Mass an Einfühlungsvermögen und Fachkenntnissen erfordert. Denn eine unprofessionelle Nothilfe in Katastrophenfällen könnte zu einer zusätzlichen Katastrophe ausarten, wenn sich die Helfer regellos verhielten und sich eher an der Chaostheorie als an den dringendsten Bedürfnissen orientieren würden.
 
Die Schweiz hat bei ihren weltweiten Hilfsaktionen Massstäbe gesetzt. An vorderster organisatorischer Front stand in den letzten Jahrzehnten Toni Frisch (geboren 1946), der Ende April 2011 sein Amt wegen der Pensionsreife abgab, ohne sich gleich zur Ruhe zu setzen. Und weil ich ihn und seine Art immer bewundert habe, widme ich seinem Wirken dieses nicht autorisierte Tagebuchblatt, das ich aufgrund von 2 persönlichen Begegnungen niederschrieb.
 
Die Berufsarbeit
Seit 1977 war der zupackende Berner Frisch mit seiner kräftigen Statur, den man zweifellos auch als Retter für das Wegräumen von Trümmern einsetzen könnte, in der Katastrophenhilfe tätig, zuletzt als Stellvertretender Direktor der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA), als Delegierter für humanitäre Hilfe und als Chef des Schweizerischen Korps für Humanitäre Hilfe (SKH). In rund 100 Ländern präsentierte sich ihm ein überreiches Anschauungsmaterial, das ihn berührte und zu ständig verbesserten Leistungen anspornte. Er ist ein kritischer und unkonventioneller Denker, der organisatorische Schwachstellen sofort erkennt, starke Impulse über konkrete Beispiele vermittelt und für Verbesserungen sorgt – und zwar weltweit: der richtige Fachmann am richtigen Platz.
 
Man stelle sich die apokalyptischen Zustände bei und nach einem Krieg, einem Erdbeben, einer Überschwemmungskatastrophe, einem Tsunami, einem Vulkanausbruch usw. vor. Staatliche und private Hilfsorganisationen und Medien fliegen feuerwehrmässig herbei, arbeiten mehr oder weniger koordiniert, vorerst meistens unkoordiniert. Und dilettantisch agierende Helfer sind eine zusätzliche Belastung für das vom schweren Unglück betroffene Gebiet. Frisch bei einem persönlichen Gespräch, das ich mit ihm am 16.12.2010 in seinem Büro an der Sägestrasse 77 in CH-3003 Köniz BE führen durfte: „Leute auf dem Helfertrip können wir nicht brauchen.“ Er spielte damit auf hilfsbereite Menschen an, bei welchen „das Herz grösser als das Gehirn“ ist. Stattdessen ist in derart heiklen Situationen Professionalität auf hohem Niveau vonnöten, damit zum Beispiel möglichst viele Verschüttete schnell befreit und Überlebende versorgt werden können, eilige, zielstrebige Massnahmen zur Schadenbegrenzung.
 
Die Schweiz ist dafür gut ausgerüstet. Der Rettungskette Schweiz, ein Verbund von 8 Partnerorganisationen (DEZA, Erdbebendienst, Rettungsflugwacht, Suchhunde und -halter, Verteidigungsdepartement, Rotes Kreuz, Swiss und Flughafen Zürich), der vor allem auf die Rettung Verschütteter spezialisiert ist, gehören im Vollbestand rund 100 bestens ausgebildete Personen an, einschliesslich medizinisches Personal und weitere Retter. Die Retter können in 8 bis 12 Stunden abflugbereit sein und bis zu 7 Tagen autonom operieren, das bedeutet: Retten und Massnahmen zur Überlebenshilfe einleiten. Auch im Kampf gegen die Personenminen engagiert sich das DEZA, wozu vor allem die Prävention gegen diese noch immer künstlich herbeigeführte Seuche gehört; die perfiden Minen verursachen ein unbeschreibliches Elend.
 
Staatliche Hilfskorps besser ausbilden
Damit das alles ohne Verzögerung, Reibungsverluste und Pannen passieren kann, gab der Fachexperte Frisch kraftvolle Impulse im Hinblick auf eine Ausbildung und Zertifizierung der staatlichen Nothilfekorps; dabei wird bewusst nicht von einer „Klassifizierung“ gesprochen. Zur Wissensvermittlung über die unterschiedlichen Bedürfnisse in den disparaten Klimazonen gehört auch eine 36 Stunden dauernde praxisbezogene Übung. Bereits 20 Länder haben sich bereit erklärt und sind dabei, die Einsatzkräfte intensiver zu schulen. Durch eine verbesserte Koordination und Professionalität wird die Effizienz der Hilfe gesteigert. Dies bedeutet mit anderen Worten auch, dass aus dem zur Verfügung stehenden, beschränkten Geld mehr an Notlinderung herausgeholt werden kann.
 
Schwache Teams müssen dazu gebracht werden, wirkungsvoller arbeiten zu können, und starke wie China, dessen Hilfsorganisationen heute internationales Ansehen geniessen, eingebunden werden. Leider habe ich vergessen, mit Herrn Frisch über die Hilfseinsätze von Fachpersonal aus Kuba zu sprechen. Ich habe in schon oft aus allen möglichen internationalen Quellen über die geradezu sensationellen Leistungen gelesen, die dieser arme Inselstaat im Bereich der Katastrophenhilfe erbringt und die von den westlichen Medien kaum erwähnt werden.
 
Bei solchen Grossaktionen dürfen niemals nationale Empfindlichkeiten, Animositäten und Profilierungsbedürfnisse im Vordergrund stehen, sondern es geht ausschliesslich um die Verbesserung einer Lebenssituation für Menschen, die unverschuldet in eine Notlage geraten sind, Verletzungen aller Art davontrugen, ihre gesamte Habe verloren haben und nun ums Überleben kämpfen – für Familienangehörige, Bekannte und sich selber. Wenn immer möglich, müssen angestammte Lebensräume wieder zum Funktionieren gebracht werden.
 
Bei den von der „Glückskette“ unterstützten, ZEWO-zertifizierten Hilfsorganisationen besteht laut Toni Frisch die Gewähr, dass die Hilfe an den richtigen Ort kommt. Der integre Radiojournalist, Publizist und „Glückskette“-Leiter, Roland Jeanneret („Mister Glückskette“, 63 Jahre alt), hat diese Spendenorganisation während 35 Jahren geprägt und trat am Jahresende 2010 zurück. Auch ihm waren Langzeitprojekte ein erstrangiges Anliegen, ein Teil der Solidaritätsaktionen – englisch nennt sich die „Glückskette“ denn auch „Swiss Solidarity“.
 
Bei der ZEWO (Schweizerische Zertifizierungsstelle für gemeinnützige, Spenden sammelnde Organisationen) ist im Prinzip verwirklicht, was der SKH-Chef Frisch für offizielle Nothelfer mit bereits beachtlichem, zunehmendem internationalem Erfolg gefordert hat: Der Verein ZEWO bescheinigt den zweckbestimmten, wirtschaftlichen und wirkungsvollen Einsatz von Spenden und steht für transparente und vertrauenswürdige Organisationen mit funktionierenden Kontrollstrukturen, die Ethik in der Mittelbeschaffung und Kommunikation wahren. Organisationen, die das Gütesiegel tragen, werden regelmässig auf die Einhaltung der Kriterien überprüft.
 
Die Rolle des Roten Kreuzes
Eine entscheidende Rolle spielen bei der Koordination der Hilfseinsätze auf Kriegsschauplätzen, nach Naturkatastrophen, wozu unter anderem auch Dürren gehören können, die Rotkreuzgesellschaften, insbesondere die Uno-Koordinationsstelle für Humanitäre Angelegenheiten (UN-OCHA). Diese Organisationen setzen dafür selbst gesammelte Spendengelder und auch solche aus der „Glückskette“ ein.
 
Geld für die Unterkunft
Wichtig ist an den Orten der Zerstörung das, was man unter dem Begriff Logistik zusammenfasst: Planung, Bereitstellung und Verteilung der Hilfsgüter, also der ganze Materialfluss von Rettungsmaterial, Nahrung, Wasser, Medikamente und gegebenenfalls auch Unterkünfte (fach- und englischsprachig: shelters, bzw. Shelter clusters wie ganze Zeltstädte), damit ein minimaler Lebensstandard so schnell wie immer möglich wieder erreicht werden kann.
 
Auch in solchen Fällen entwickelte Toni Frisch seine eigenen, um nicht zu sagen frischen Ideen. Beim Kosovo-Krieg, der 1999 auf serbischem Gebiet stattfand, bei dem die Nato/USA ohne Uno-Mandat gegen Jugoslawien kämpfte und auch zivile Infrastrukturanlagen zerstörte, war der Aufbau ganzer Zeltstädte vorgesehen, ausserordentlich aufwendige Projekte, zu denen ein eigenes infrastrukturelles Netz gehört hätte. „Wo sind denn die Leute jetzt untergebracht?“ fragte der Schweizer Hilfsfachmann und Koordinator Frisch. „Bei Verwandten und Bekannten“, lautete die Antwort. Seine Erkenntnis: Am besten und preisgünstigsten ist es, wenn die aus den bombardierten Gebieten vertriebenen Leute vorerst dort bleiben. Doch weil vielen, in ärmlichen Verhältnissen lebenden Familien nicht zuzumuten war, während längerer Zeit auch noch Gäste durchzufüttern und die weiteren durch die Beherbergung anfallenden Kosten zu übernehmen, entstand Frischs Model „Cash for Shelter“ (Geld für Schutz bzw. Geld für die Beherbergung). Das heisst im Klartext, dass Familien, die sich bereit erklären, obdachlose Menschen aus Katastrophengebieten aufzunehmen, für diese Dienstleistung angemessen entschädigt werden – bei den tiefen Löhnen und Preisen auf Haiti zum Beispiel sind das bescheidene Summen.
 
Bei einigen Amtsstellen bestand anfänglich die Befürchtung, diese Methode könnte der Korruption Vorschub leisten, wie es häufig dort geschieht, wo Geld fliesst. Deshalb wurde vorgeschlagen, statt Geld Lebensmittel wie etwa Mehl abzugeben. „Nein“, wehrte Frisch ab, „die Menschen brauchen für Abdeckung der mannigfaltigen, unterschiedlichen Bedürfnisse Geld – das ist das bessere Zahlungsmittel als ein Sack Mehl, der irgendwo herumsteht und so nicht gebraucht werden kann, wenn es an Backöfen fehlt. Schliesslich wurde Geld genau deshalb erfunden, um den Tausch von Waren und Dienstleistungen zu vereinfachen“. Seine Überlegungen hatten Gewicht, und in der Praxis erwies sich diese wohl einfachste und zweckmässigste Art der Unterbringung von Obdachlosen als ausgesprochen wirksam und wirtschaftlich. Sie wird exakt kontrolliert, und falls es zu Missbräuchen kommen sollte, sind sie marginal, vernachlässigbar; der Nutzen überwiegt bei Weitem.
 
Seit 1999 wurde dieses „Cash Transfer Project“ in Albanien, Mazedonien, Kosovo, Serbien, Russland, Mongolei, Moldawien, Georgien, Indonesien, Sri Lanka, Libanon und Bangladesh erfolgreich umgesetzt; insgesamt rund 300 000 Flüchtlinge konnten bei etwa 57 000 Gastfamilien einquartiert werden.
 
Dank von der Uno
Aus solchen Gründen hat sich die Schweizer Katastrophenhilfe global einen ausgesprochen guten Ruf erworben, der auch in einem Brief von Mitte November 2010 aus dem Amt für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (Office for the Coordination of Humanitarian Affairs, OCHA, eine Abteilung des Uno-Sekretariats), zum Ausdruck kommt. Im Brief ans Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten dankt Valerie Amos (56), die neue, aus Guyana stammende Nothilfe-Koordinatorin der Vereinten Nationen, für die beeindruckende Unterstützung aus der Schweiz, wobei sie sich insbesondere auf Pakistan (Überschwemmung) und Haiti (Erdbeben) bezogen hat; Haiti war für die Schweiz die bisher grösste Soforthilfeaktion überhaupt. Valerie Amos lobte in dem Brief ans Aussenministerium die wertvollen Impulse für eine Qualitätskotrolle in der Nothilfe; manchmal sei ein „additional tweaking“ (ein zusätzliches Zwicken, am Ohr ziehen – oder: fein abstimmen) zwingend, wobei sie explizit Toni Frischs aufrüttelnde, weiterführende Anregungen erwähnte. Das Perfektionieren der Rettungssysteme wird nie beendet sein.
 
Beispiel PET-Flaschen
Manchmal können gut gemeinte Hilfseinsätze ihrerseits Schaden stiften – gut gemeint ist nicht immer richtig getan. So haben die USA nach dem schweren Erdbeben auf Haiti vom 12.01.2010, bei dem etwa 300 000 Menschen zum Opfer fielen, weitere rund 300 000 verletzt und 1,2 Millionen obdachlos wurden, Millionen von PET-Flaschen mit Trinkwasser geliefert. Und weil die Flaschen nicht richtig entsorgt werden konnten, verstopften sie viele Kanalisationen. Niemand sagte den Haitianern, dass solche Flaschen zur Wasserentkeimung hätten weiterverwendet werden können.
 
Toni Frisch ist Dipl. Bauingenieur FH/SIA mit Spezialgebiet Wasser-Abwassertechnik. Und diese Ausbildung kommt ihm bei der Katastrophenhilfe selbstverständlich sehr zustatten; die Gebiete können ideal miteinander verknüpft werden. So weiss er, dass man verkeimtes Wasser in einer durchsichtigen Flasche etwa 24 Stunden an der Sonne stehen lassen kann, um zu (keimfreiem) Trinkwasser zu kommen. So hätte man wohl gut getan, die PET-Flaschen mit einem entsprechenden Kleber in den haitianischen Landessprachen (französisch, kreolisch) zu beschriften, um so den Trinkwassernutzen zu multiplizieren.
 
Aus der Schweiz wurden Wassertanks mit 4000 bzw. 10 000 Liter Inhalt eingeflogen, womit etwa 25 000 Menschen mit diesem Trinkwasser versorgt werden konnten.
 
Die langfristige Hilfe
Nach der Nothilfe der ersten Tage, Wochen und Monate ist die länger- und langfristige Hilfe beim Wiederaufbau der eindeutig einfachere Teil. Man hat mehr Zeit und mehr Kontrollmöglichkeiten. Die Einheimischen werden in den Wiederaufbau einbezogen; das hilft ihnen, über ihr Trauma hinwegzufinden. Der Medientross ist in dieser späteren Phase in der Regel nicht mehr vertreten. Und mit ihm zogen auch jene unqualifizierten Hilfsorganisationen ab, denen es mehr um Medienpräsenz zur Steigerung der Sammelerträge denn um eine wirkungsvolle Hilfe ging und welche dringende Hilfsaktionen nur behinderten.
 
Ohne Resignation
Das Rettungssystem braucht, wie gesagt, ständig neue Anregungen, und jene aus einem neutralen Land wie der Schweiz, die beispielgebend wirkt, werden offensichtlich gern aufgenommen. Im Vordergrund stehen Aufgabenteilungen und bessere Koordinationen innerhalb multilateraler Systeme. Dabei arbeitet das DEZA gern in Allianzen mit Ländern, die ähnliche Anliegen wie die Schweiz vertreten, und baut diese systematisch aus, auf dass sie sich wie von selbst fortpflanzen.
 
Ob er denn angesichts der Armut und des Elends nie Gefühle der Resignation verspüre, fragte ich Herrn Frisch noch. „Nein, nie“ – die Antwort kam spontan. Er weiss, dass eine einzelne Organisation oder gar ein Einzelner nie die Lösung aller Probleme herbeiführen kann. Wenn es aber gelingt, entscheidende, weiterführende Anstösse zu geben, besteht die Aussicht, dass sie sich wie die Samen von reifenden Pflanzen verbreiten und umfangreiche Verbesserungen herbeigeführt werden.
 
Genau so sei es auch beim Schreiben, dachte ich, an diesem Punkt angelangt – auch hier stellt sich immer wieder die Sinnfrage, die Frage nach der Beschränktheit aller Unterfangen. Im Idealfall wirkt es sich, wenn das Resultat kompetent genug ist, als eine Form von Krisenprävention und als Beitrag zur Krisenbewältigung, wie sie auch in vielen, marginaleren Teilbereichen menschlicher Aktivitäten nötig sind, wenigstens in Teilaspekten günstig aus. Und man ist zufrieden, wenn etwas hängen bleibt.
 
„Wie verhalten Sie sich, wenn Sie in einem armen Land einem notleidenden Bettler begegnen, bei der Konfrontation mit einem Einzelschicksal?“ fragte ich meinen Gesprächspartner. „Bei beruflichen Missionen verteilen wir bewusst kein Geld an einzelne Personen, sondern nur innerhalb unserer Programme. Bin ich aber privat auf Reisen, zeige ich mich grosszügig, wenn ich mit einer offensichtlichen Notlage konfrontiert bin.“
 
Der Un-Ruhestand
Private Reisen dürften für Toni Frisch in Zukunft häufiger werden; denn ist er ist pensioniert; seine Aufgabe als Vizedirektor des DEZA hat er erfüllt. Doch von einem Ruhestand als Zustand der Ruhe will er nichts wissen. Bereits am 01.01.2011 übernahm er das Präsidium der Stiftung Pro Senectute (als Nachfolger der ehemaligen Ständerätin Vreni Spörry).
 
Ferner behält Frisch den Vorsitz von 2 Uno-Netzwerken, so jenen der International Search and Rescue Advisory Group (INSARAG), zu deren Gründung er 1991 wesentlich beigetragen hat. Sie ist ein Zusammenschluss von Experten von Katastrophenschutzorganisationen aus rund 80 Ländern. Die Hauptaufgabe dieser Gruppe besteht in der Entwicklung von internationalen Qualitätsstandards für sogenannte „urbane Ortungs- und Rettungseinheiten“ (USAR, Urban Search and Rescue), die in dicht besiedelten Gebieten zum Einsatz kommen. Ausserdem entwickelt und optimiert das Netzwerk Verfahrensabläufe zur Koordinierung der internationalen Hilfe nach Erdbeben und anderen Grosskatastrophen. Sie ist der UN-OCHA angegliedert, die ihr Sekretariat in Genf hat. Toni Frisch wird den Vorsitz voraussichtlich bis 2014 oder 2015 behalten.
 
Die 2. internationale Aufgabe, die Frisch weiterführen wird, betrifft die Consultative Group on the Use of Military and CivilDefence Assets (MCDA), deren Leitung er vor ein paar Monaten übernommen hat. Dieses Gremium bemüht sich um die Unterstützung der humanitären Hilfe durch Zivilschutz- und/oder militärische Einheiten. Hier wirken über 35 Länder mit. An einem aktuellen Beispiel zeigte mir Frisch die Chancen auf, die sich daraus ergeben: Es betrifft die Entsendung von 3 Militär-Helikoptern zur Bekämpfung der verheerenden Waldbrände in Israel. Mit wenigen Anrufen ans Eidgenössische Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) und ans Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) konnte Frisch diese spontane Unterstützungsaktion einleiten.
 
Auch innerhalb der MCDA will Frisch den Vorsitz in die nächsten Jahre behalten, um seine Erfahrungen und Beziehungen nutzbringend einsetzen zu können.
 
Das Könizer Büro, das jetzt geräumt ist
Ich habe den sympathischen Experten in internationaler Hilfe, Toni Frisch, am 13.10.2010 bei meinem Besuch der Uno-Anlagen in Genf durch Zufall persönlich kennen gelernt, wollte ihm damals nur ein kurzes Kompliment für seine auf das Wesentliche ausgerichtete Hilfe jenseits von Showeffekten machen. Ich hatte seine Arbeit seit Jahren verfolgt und war von seiner überlegten und überlegenen Organisation von Hilfseinsätzen beeindruckt. Auch seine vollkommen offene und damit vorbildliche Kommunikation, gepaart mit einer beruhigenden Abgeklärtheit, hatte mich beeindruckt. Und diese bestätigten sich sogleich, als er mich zu einem lockeren Gespräch in sein Büro in Köniz einlud; ich sagte mit grosser Freude zu.
 
Weil ich mir von dieser 2. Begegnung viel versprach, kaufte ich rechtzeitig einen elektronischen Sony-Recorder, um jedes Wort aufzeichnen zu können. Herr Frisch sagte mir bei meinem Besuch ohne Weiteres zu, das Gerät in Betrieb nehmen zu dürfen; noch nie habe ihn ein Journalist hereingelegt, fügte er bei. Also schaltete ich das Gerät ein und platzierte es neben einem mehr als faustgrossen, abgerundeten Stück gebändertem Gneis, das aus den Zentralalpen angespült und in den Jahren 1250 bis 1255 für den Bau der Berner Stadtmauer verwendet worden war. Daran klebten noch einige grobe Sandkörner als Hinweis darauf, dass es schon damals ausgezeichnete Bindemittel gab – das traditionelle Baumaterial war der Kalk. Mir imponierte Frischs Interesse an geschichtlichen und geologischen Fragmenten. Auf dem Fensterbrett des Büros in der 7. Etage des lichtdurchfluteten DEZA-Hauses lagerten einige Stücke von römischen Ziegeln aus aller Welt und einige weisse Flaschen mit Sandproben. Da ich selber eine Sandsammlung habe, fühlte ich mich hier gut aufgehoben – beim Sand handelt es sich eigentlich um Gesteinstrümmer.
 
Diese auf Trümmer ausgerichtete Bürolandschaft strahlte dennoch Zuversicht aus. Gastgeber Frisch erhielt einen Handy-Anruf, und ich setzte meinen Recorder in Warteposition. Vor der Abreise hatte ich mich in der Aufnahmetechnik geübt ... Das Aufnahmelämpchen blinkte regelmässig, und wir führten das Gespräch weiter, das insgesamt etwas mehr als 1 Stunde dauerte. Erst dann stellte ich mit Schrecken fest, dass der Zähler des Recorders nicht lief und von unserem Gespräch kein Wort aufgezeichnet worden war. Natürlich war mir das furchtbar peinlich – nicht einmal einen Trümmerhaufen hatte ich fertiggebracht ... Es gibt ihn also nicht nur bei Hilfswerken, sondern auch bei Reportern, den Dilettantismus.
 
Als ich meinem Gesprächspartner die Panne gestand, war keine Spur von Vorwürfen in seinem friedlichen Blick auszumachen; die Brille hing ruhig an einem Schnürchen auf Brusthöhe. Und als ich ihn bat, nur den Teil über seine zukünftigen internationalen Tätigkeiten mit den komplizierten Bezeichnungen der Organisationen kurz zu wiederholen, erledigte er dies spontan, ohne die von einem Haarrückzug vergrösserte Denkerstirn in Falten zu legen.
 
Zum Glück hatte ich einige stenografische Notizen gemacht, so dass ich das Gespräch daheim rekonstruieren konnte – grösstenteils aus dem Kopf. Ich tröstete mich mit dem Erlebnis eines meiner früheren Arbeitskollegen, der ein Gespräch mit dem Philosophen Hugo Kükelhaus über sinnliche Erfahrungen führte und Notizen machen wollte. Kükelhaus bat ihn, alles Schreibzeug wegzulegen. Denn was er von seinen Aussagen nicht im Kopf behalten könne, sei ohnehin nicht wichtig.
 
Und da mir Toni Frisch so viel Bedeutsames und auch in der Öffentlichkeit Unbekanntes erzählte, konnte ich praktisch alles im Gedächtnis behalten. Auch die erneute Begegnung mit ihm wird mir unvergesslich bleiben.
 
Hinweis auf das weitere Blog zur Begegnung mit Toni Frisch
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