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BLOG vom 17.05.2011


Linthebene: Escherkanal, der zum Teil kein Kanal mehr ist
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Ein Kanal ist eine Röhre, eine Rinne, ein weitgehend begradigter Wasserlauf, nicht gerade etwas, was das ästhetische Empfinden entzückt. Ein solches Gerinne nach allen Regeln der Geometrie zu schaffen, kam der sich selbst überlassenen, sozusagen natürlichen Natur noch nie in den Sinn.
 
Der menschliche Drang und Zwang zu Vereinfachungen, zu Trivialisierungen aber gebiert den Kanal als Ideal und kürzeste Verbindung zwischen 2 Punkten. Solche Kanäle entstanden in den letzten Jahrhunderten in Fülle, um ganze Gewässersysteme, bestehend aus Flüssen und Seen, abzuändern, meistens aus Gründen des Schutzes vor Überschwemmungen. Zu besonders umfangreichen, im Sinne von intensiven Umgestaltungen kam es bei den Juragewässer-Korrektionen und bei den Umleitungen und Kanalbauten in der Linthebene. Und es nötigt alle Ehrfurcht ab, zu sehen, was mit den einfachen Werkzeugen in mühseliger Handarbeit alles verändert und geschaffen werden konnte: gigantische Erdbewegungen ohne Bagger, sorgfältig behauene Steine für die Uferbefestigung usw. Die damals einseitige Ausrichtung auf den Hochwasserschutz, auf die Bändigung von Wildbächen, ist verständlich, denn für weitergehende ökologische Überlegungen und Massnahmen reichten wohl weder das Wissen, die Kräfte noch die Mittel aus.
 
Der 200 Jahre alte Escherkanal
An solche Gewaltsleistungen in der Linthebene erinnerte sich am 14.05.2011, ziemlich genau 200 Jahre nach der Eröffnung des Escherkanals (18.05.1811), ein mehrere Hundert Köpfe zählendes Publikum an Ort und Stelle. Mit dem Kanal wurde die Linth ab Näfels GL in den Walensee (Einmündung bei Weesen SG) umgeleitet, dessen Spiegel abgesenkt und durch den Linthkanal mit dem Zürichsee verbunden – laut Umweltbegleiter Heiner Keller ohne GPS, ohne ein ausgebautes Strassennetz, und wenn der Bauleiter Hans Conrad Escher zu einer Besprechung nach Zürich musste, war dazu ein 16-stündiger Fussmarsch nötig. 70 bis 80 Jahre dauerte es, bis sich das neue Fluss-Seen-System eingependelt hatte.
 
Die Linth brachte und verfrachtet noch immer grosse Geschiebemengen aus dem gebirgigen Glarnerland. In der Ebene verliert sich die Stosskraft des Wassers, und die Steine und Stämme wurden/werden abgelagert und aufgehäuft. Das Flussbett hebt sich an, und die fruchtbare Ebene, in der vor 200 Jahren etwa 16 000 vor allem wegen der napoleonischen Kriegen verarmte Menschen wohnten, wurde von furchtbaren Überschwemmungen heimgesucht. Die allzu schnell abfliessenden Wassermassen zerstörten Brücken, Häuser und Kulturen. Sie liessen vor dem Umbauprojekt bis 1811 den Walensee rechts liegen und flossen von Mollis GL quer durch das Tal gegen Niederurnen GL und Ziegelbrücke GL/SG, wo sie sich mit der Maag, dem ehemaligen Abfluss des Walensees, vereinigten. Dann durchzog die Linth in ausufernden Krümmungen und oft in mehrere Arme aufgelöst die untere Linthebene bis zum Zürichsee.
 
Teilweise Rückgabe an die Natur
Eine nach den Zielen des Hochwasserschutzes umgestaltete Landschaft ist mehr oder weniger intensiv pflegebedürftig. Zudem altern die Dämme; sie werden morsch, brüchig, gebrechlich, zerbrechlich, wie wir Menschen auch. Und wenn man dann wieder einmal um eine grössere Reparatur nicht herum kommt, kann man sich heute den Luxus leisten, sich zu fragen, ob man den begradigten, eingeengten Flüssen nicht etwas von jener Gestaltungsfreiheit zurückgeben könnte, die man ihnen einst gestohlen hat. Und dann freut man sich über die Einsicht, dass Kanal- oder Flussaufweitungen als Überschwemmungszonen dazu dienen, dass sie Überflutungen dort verhindern, wo man sie nicht mehr brauchen kann: in Siedlungen, bei Infrastrukturanlagen usf.
 
Mit Renaturierungen am richtigen Ort tut man der Natur und dem Menschen gleichermassen Gutes. Der St. Galler Regierungspräsident Willi Haag, der auch die Linthkommission präsidiert, bezeichnete den Zeitpunkt der Feier zur Aufweitung das Escherkanals im Chli Gäsitschachen mit Blick zum schneefreien Speer als einen „schönen Tag“; das Resultat einer 10 Jahre dauernden planerischen und politischen Arbeit sei nun sichtbar. Was im „Übereifer des reinen Hochwasserschutzes“ einst zerstört wurde (bei allem Respekt für die damalige gewaltige Leistung), sei nun im aufgeweiteten Streckenabschnitt wiederhergestellt worden.
 
Die Bauarbeiten haben 2008 begonnen. Auch am Linthkanal sind Bauarbeiten auf einer Strecke von 17 km im Gange – übrigens die grösste Wasserbaustelle der Schweiz.
 
Unterschiedlich hohe Dämme
Der linksufrige Damm des Escherkanals ist höher, weil das Wasser unbedingt von einem Ausflug gegen das besiedelte und bewirtschaftete Tal abgehalten werden muss. Er wurde saniert, teilweise neu gebaut. Im Kundertriet, rechtsufrig des Escherkanals, gleich oberhalb von Chli Gäsitschachen, ist der der Damm niedriger, eine Einladung zur Überflutung. Zudem ist dort eine Entlastungsstelle für extremes Hochwasser entstanden, und 3 Waldbäche, die dem Rütelibach zuströmen, wurden aus dem Röhren befreit, so dass hier, wo es viele Hintergräben gibt, wieder ein Naturraum mit Ried und Auen entstehen kann. Ein Ried soll auch auf dem Humusdepot entstehen, das beim Nationalstrassenbau angelegt und offensichtlich nicht mehr gebraucht wurde. Zudem wurden Brücken saniert oder neu gebaut. Das Nebeneinander von einem kanalisierten und einem aufgeweiteten Gebiet ermöglicht interessante, lehrreiche Vergleiche zwischen der eigendynamischen Ur-Linth und Kanal.
 
Erfreulicherweise konnten auch im aufgeweiteten Gebiet die aus einer Handwerkskunst heraus entstandenen Böschungen aus behauenen Steinblöcken erhalten werden. Sie gehen zuoberst elegant ins waagrechte Vorland über. Die Doppeltrapezform erinnert an die Lösungen des Flussbegradigers Johann Gottfried Tulla (1770–1828) aus dem deutschen Karlsruhe und natürlich an den unübertrefflichen Hans Conrad Escher (1767‒1823), dem seinerzeitigen Projektleiter. Wenn das Wasser die Vorlandstufe erreicht hat, breitet es dort Sand aus (Steine fliessen in der Rinne unten vorbei). Oben können sich dann beliebige Pflanzen einfinden – etwa Margariten, Huflattich, gelber Bocksbart, Ackerwitwenblumen usw. Hier wird gemäht; die Durchwurzelung bleibt und stabilisiert, schützt den Damm.
 
Rechts (nördlich) neben der Escherkanal-Aufweitung ist die von einem hohen Felsband geprägte Schattenseite. Das Gebiet verzeichnet überdurchschnittliche Niederschlagsmengen (etwa 1600 mm/Jahr) und ist oft auch dem Föhn ausgesetzt, was zu einer ausserordentlich vielseitigen Vegetation geführt hat, wie etwa die Alpenveilchen (Zyklamen) im Fels beweisen. Selbst der Turiner Waldmeister (Asperula taurina) mit seiner weissen Krone und der langen Kronröhre fühlt sich dank des Föhns hier gut; Heiner Keller bezeichnete ihn als „typische Walensee-Pflanze“.
 
Die feierliche Einweihung
Einzelne Regentropfen fielen – nicht der Rede wert –, und so konnten die Einweihungsfestivitäten in diesem wasserreichen Gebiet ziemlich trocken über die Runde gebracht werden. Neben dem Linthkommission-Präsidenten Willi Haag sprach auch der Glarner Landammann Robert Marti, der das Motto der 220 anwesenden Schüler aus den Glarner Linthgemeinden übernahm: „Es ist ganz einfach: Escherkanal – phänomenal.“
 
Dabei war es auch an der Zeit, den modernen Nachfolger Eschers und Tullas, den ebenso bescheidenen wie talentierten, sportlichen Linthingenieur Markus Jud zu ehren. Er leitete die komplexen Bauarbeiten mit Organisationstalent, Einfühlungsvermögen und fachlicher Kompetenz und hat ebenfalls die lange Linthkanal-Baustelle, die sich in kleinere und grössere Vorhaben unterteilt, unter seinen Fittichen. Dort werden über 1 Million Kubikmeter Erde, Sand, Kies und Steine umgelagert. Und als Kompensation werden 2 Schutzgebiete mit Riedflächen um 9 Hektaren vergrössert.
 
Die Feier zum Abschluss der 1. Etappe des Projekts „Hochwasserschutz Linth 2000“ wurde vor allem von Kindern aus dem Kanton Glarus (Linth-Escher-Schulhaus in Niederurnen) bestritten, die Steine aus ihren Linthgemeinden mitbrachten und vorstellten: Nagelfluh vom Hirzli – das Mädchen zeigte zum Berg – mit den in rötlichen Sand eingebackenen Kieselsteinen, sodann Schrattenfluh-Kalk mit eingebauten versteinerten Lebewesen wie Muscheln und Korallen, fein strukturierter Sandstein in zarten Farben, Quintener Kalk aus Mollis, den rötlichen Verrucano, der gern zu Dekorationszwecken und Brunnen verwendet wird. Die Schüler setzten sich auch kritisch mit der Linth-Geschichte auseinander, die von brutalen Abholzungen im Glarnerland geprägt ist – und dann durften die Regierungssprecher etwas Gescheites sagen, wie ein Knabe beim Verlassen des Mikrofons ankündigte. Die Linth dürfe wieder Linth sein – ein Bijou, sagte der Glarner Landammann Marti, und jedermann freute sich über das gelungene Werk, in dem Ökologie und Technik so meisterhaft unter einen Hut gebracht werden konnten.
 
Auch die zierliche Luzerner Vokalkünstlerin Agnes Hunger (www.agnes-hunger.ch) jauchzte, jodelte, imitierte Tierlaute, pflegte den Belcanto, sang „Überall gab's Lilien, glänzende Reptilien ... bezaubernd schöne Viecher.“ Und so wurden Brücken von der Natur zu Menschen und von Herzen zu Herzen gebaut. Die Wolkenfetzen vor den Bergen waren nur als Zuschauer dabei gewesen. Das Wasser zur Speisung der Linth und des Escherkanals sparten sie noch etwas auf. Überschwemmungen, an den richtigen Ort geleitet, sind ab sofort willkommen. Sie müssen ja nicht so zerstörerisch wie die momentanen am Mississippi im US-Bundesstaat Louisiana sein.
 
Hinweis auf weitere Blogs zur Linth und zum Glarnerland
 
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