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BLOG vom 26.05.2011


Valsertal (01): Wo Archaisches mit Modernem kombiniert ist
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Ins Valsertal kommt man nicht zufällig, nicht en passant. Man muss bewusst in diese periphere, urwüchsige, raue Landschaft am Valser Rhein hineinfahren. Ja, fahren ‒ mit dem Postauto oder mit dem eigenen Vehikel. Auf meiner Landeskarte 1:50 000 (257 T: „Safiental“) sind zwischen Uors, wo man vom Lumnezia (Lugnez, südlich von Ilanz) ins Valsertal einsteigt, bis nach Vals keine Wanderwege eingezeichnet. Offenbar hat niemand Lust, an den Felsbrocken und Schatten werfenden Tannen vorbei im stotzigen Tal herumzukraxeln.
 
Irgendwelche Wege gab hier es natürlich schon in grauer Vorzeit, doch eine Strasse, die auch von Fuhrwerken passiert werden kann, existiert erst seit 1880. Wie Peter Rieder im ausgezeichneten Buch „Vals. Enges Tal, weite Welt“ (Verlag Terra Grischuna 2009) schreibt, soll das 1. Auto in Vals im Mai 1915 aufgetaucht sein, vermutlich ein Armeefahrzeug. 1922 löste das Postauto die Postkutsche ab. In den 1930er-Jahren kreuzten erstmals auch Lastwagen auf. Die rund 22 km lange Kantonsstrasse von Ilanz nach Vals wurde seither immer wieder etwas ausgebaut, verbreitert und sicherer gemacht, eine im oberen Streckenabschnitt offensichtlich sehr teure Angelegenheit, wie die vielen Galerien aus massivem Beton zum Schutz vor Steinschlägen und Lawinen belegen; im Valsertal folgt ein nach der Talseite offener Säulengang dem anderen.
 
Die Anreise von Chur aus
Mein Schwager und ortskundiger Begleiter Werner Allemann und ich reisten am 19.05.2011 von Chur nach Bonaduz und weiter übers Versamer Tobel, eine der kühnsten und eindrücklichsten Strassenstrecken im Bündnerland, die ich kenne. In Wiederholungskursen musste ich in jenem rutschigen Gebiet ab 1959 in der Grenadier-Kompanie 35 und der Gebirgsfüsilier-Kompanie II/77 infanteristische Übungen absolvieren.
 
Die eingangs erwähnte Strasse im Valsertal ist wesentlich besser ausgebaut als die Strecke (Chur-)Bonaduz‒Versam‒Valendas‒Castrisch oberhalb der berühmten Rheinschlucht Ruinaulta, die Werner und ich vorgängig passiert hatten. Sie ist die Auswaschung der Schutt- und Trümmermasse des historischen Bergsturzes von Flims; als „Ruinas“ bezeichnet man die Aufschlüsse in der Bergsturzbrekzie (verkittete Gesteinstrümmer). Von hier aus sieht man hinüber zum Flimserstein (Crap da Flem) mit dem vorgelagerten, bergsturzgefährdeten Dörfchen Fidaz, das 1939 zerstört wurde.
 
Die Versamer Route ihrerseits erhält im Versamer Tobel, dieser Stromschnellenschlucht, gerade eine neue Brücke über die aus dem Safiental anreisende Rabiusa (Nebenfluss des Vorderrheins). Die Gebirgsstrasse ist mit ihren in die Felsen gehauenen Tunnels, Brücken, Serpentinen, Felsvorsprüngen und Abstürzen, vor denen abenteuerliche Brüstungsmauern auf der Kante schützen, noch näher an der Natur. Man hat das Gefühl, der Strassenverlauf klammere sich wie ein Extrembergsteiger an die unterschiedlichen Ausprägungen der Gebirgswelt aus Bündnerschiefer (Liasschiefer), die weiter südlich und oben das Safiental flankiert.
 
Im Versamer Tobel legten wir für einen Augenschein bei der alten, 66 m langen und 70 m hohen Eisenbrücke, deren Lehrgerüst der bekannte Konstrukteur Richard Coray (1869‒1946) geplant hatte, einen Halt ein. Sie wurde 1897 eingeweiht, trägt bloss 13 t. Als ein mit Aushub beladener Lastwagen über sie fuhr, während wir sie zu Fuss passierten, spürten wir ein deutliches Schaukeln, ein Brückenbeben sozusagen. Die hölzerne Vorgängerin dieser Eisenkonstruktion war an Pfingsten 1896 eingestürzt. Am westlichen Brückenkopf knickt die Strasse rechtwinklig nach links ab; für längere Fahrzeuge ist die enge Kurve kaum zu bewältigen. Die neue Brücke, von der die seitlichen Brückenverankerungen bereits betoniert und die 2013 vollendet sein wird, überquert das tiefe Tobel schräg und wird 112 m lang (8,8 m breit). Dann klettert die Strasse in engen Serpentinen nach Versam hinauf und führt anschliessend, nun zahmer geworden, durch eine weniger bizarre Landschaft. Versam, Carrera und Valendas liegen auf dem Bergschutt. Langsam senkt sich die Strasse hinunter nach Castrisch und Ilanz. Dort steigt man dann ins Lumnezia- und Valsertal ein.
 
In Vals
Das breite Val Lumnezia (Lugnez) ist das Tal des Lichts, auch der Offenheit. Es verläuft in nordöstlicher Richtung, dem Rücken der Mundaunkette folgend. Viele Dörfer, Weiler und Ställe scheinen sich vor der Hektik von Ilanz (Bezirk Surselva, eine Verwaltungseinheit, zu der auch das Valsertal gehört) zurückgezogen zu haben. Ilanz rühmt sich, die 1. Stadt am Rhein (genau: am Vorderrhein) zu sein.
 
Bei Degen bzw. dem nahen Uors, der dort in den Glogen/Glenner mündet, das Lugnez durchfliesst und sich in Ilanz mit dem Vorderrhein verbindet, kann man das Lugnez verlassen und eben ins durchschluchtete Valsertal (früher: St. Peterthal) mit dem grauen und grünen, glimmerreichen, halbkristallinen Bündnerschiefer, der zu schrägen Bändern aufgetürmt ist, eintauchen. Im unteren Teil wirkt es eher als ein Tal des Schattens, eine schwer passierbare, archaische Gegend. Nach der Passage der rund 8 km langen Schlucht öffnet sich bei St. Niklaus kurz vor dem Dorf Vals-Platz ein breite Hochtalebene, die von menschlichem Wirtschaften während Jahrhunderten gezeichnet ist. Das Valsertal wurde im 14. Jahrhundert durch die Walser nach ihrer Reise von Deutschland ins Wallis vom Rheinwald her besiedelt.
 
Das Dorf Vals-Platz mit den aus einheimischen Steinplatten gedeckten Dächern wirkt einladend. Hat man die Betriebsgebäude und Harassenberge der Valser Mineralquellen AG einmal hinter sich, ist der Dorfzugang besonders festlich. Zwar wurde am Tag unseres Besuchs die Strasse gerade aufgebrochen, aber die kunstvolle, leicht gebogene Steinbrücke mit den versteifenden Elementen oberhalb der Fahrbahn und einer Beton-Quarzit-Mauer über den Valser Rhein ist eine Mischung aus schwerer Behäbigkeit und Eleganz, ein Prachtsbauwerk. Die darüber führende Strasse mit dem Quarzitbelag zielt direkt zum Dorfplatz. Ein Bauer trieb gerade behornte Kühe und viele Kälber über dieses Kunstwerk, das offensichtlich auch dem landwirtschaftlichen Verkehr dient.
 
Im Brückenbereich ist der Valser Rhein mit geraden Natursteinmauerwänden einigermassen hochwassertauglich kanalisiert; eine weniger schematische Führung des einst wilden Bachs hätte das Bild meines Erachtens aufgewertet.
 
Ganz in der Nähe ist die Post im verschachtelten, kunterbunten „Haus Isis“ mit farbenfrohen Imitationen, die sich von den Formen der Bergwelt und der Frohmut des berühmten österreichischen Fassadenbemalers Friedensreich Hundertwasser (1928‒2000) inspirieren liessen. Gleich auf der anderen Strassenseite, an der Poststrasse 45, ist das touristische Informationsbüro („Visit Vals“), wo mir die ortskundige Susanne Oppermann zu vielen ortskundlichen Angaben und zur Broschüre „Tschifera“ (2010/11) mit viel historischem Material verhalf (www.vals.ch); es handelt sich um ein saisonal erscheinendes touristisches Informationsheft, ein mit nützlichen Angaben gefüllter Tragkorb bzw. eine auf dem Rücken getragene Hurte (so die Übersetzung des Namens Tschifera).
 
Rechts, in abgehobener Hanglage und am Fusse des Piz Serenastga (2874,4 m), sind die Valser Thermalbadbauten wie das Hotel Therme (Architekt: Rudolf Berger) aus den Jahren 1960/72 und das Thermalbad von 1994/96 (Architekt: Peter Zumthor), das sich zum Teil im Berg verkriecht. Sein Inneres offenbart die Verbundkonstruktion: die Wände bestehen aus armiertem Beton und aus dem zu Steinplatten gefrästem Valser Quarzit, der ganz in der Nähe vorkommt. In einem Klangraum singen die Steine („Sounding stones“). Auch ein Aussenbad gehört dazu; im Winter ist dieses 36 C warm.
 
Beim Rootahäärd sprudeln die warmen Wasser seit Menschengedenken aus dem Boden; es sind übrigens die einzigen Thermal-Mineralquellen des Kantons Graubünden. Das Wasser holt die Wärme und den gelösten Gips und Dolomit aus grosser Tiefe hervor. Schon im „Geographischen Lexikon der Schweiz“ von 1910 sind die eisenhaltige Gipsquelle von 25,2 °C, die 1899 im Rötidolomit der Trias neu gefasst wurde, und die Kur- und Badeanstalt Vals erwähnt: „Das Wasser wird zur Trink- und Badekur verwendet und gilt als heilkräftig für chronische Katarrhe der Atmungs- und Verdauungsorgane, Hautausschläge, Rheumatismus, Ischias, Neurasthenie (Nervenschwäche), Hysterie etc. sowie für Erholungsbedürftige und Rekonvaleszenten jeder Art.“
 
Eine Kostbarkeit. Für ein 7,5-dl-Fläschchen Valserwasser von der ruhigeren Sorte („Silence“) aus der kürzlich erschlossenen, in besonderer Höhe gelegenen St. Paulsquelle bezahlte ich beim Mittagessen im Restaurant „Edelweiss“ in CH-7132 Vals, wenige hundert Meter von der Quelle entfernt, 7,5 CHF. Touristenpreis inklusive 8 % Mehrwertsteuer. Die Capuns (Spätzliteig mit Landjäger- und Salsizstückchen, eingewickelt in Mangoblatt und mit etwas Speck und Käse drauf und Milchbouillon), die wir unter der kräftigen Höhensonne im Dorfzentrum assen, habe ich bei meinen Bündner Schwägerinnen schon in einer Qualität mit mehr Frischeduft und grösserem Salsizgehalt verzehrt. Werner aber, von Erinnerungen an die karge Bündner Küche gezeichnet, zeigte sich erfreut, dass wenigstens nicht ein Polentaribbel mit getrocknetem Gemsfleisch über ihn hereingebrochen war.
 
Das Dorfbild mit den sonnengebräunten Häusern, diesen gestrickten typischen walserischen Holzbauten aus dem 17. bis 19. Jahrhundert und den moderneren Gebäuden wie den zwei- bis dreistöckigen Steinbauten wirkt geschlossen und bezeugt eine grosszügige Planung. Der Architekt des Restaurants „Edelweiss“, vor dem wir sassen und assen, orientierte sich offensichtlich an oberitalienischen Mustern.
 
Ein Kapitel Religionsgeschichte
Interessanterweise ist im Valsertal der Katholizismus die dominierende Religion; die Bewohner haben also am Glauben ihrer Vorfahren festgehalten, wie dies auch in anderen Siedlungsgebieten der Fall war: in den italienischen Talschaften am Südfuss des Monte Rosa, im Pomatt (Valle Formazza, Provinz Novara, Italien), in Bosco-Gurin im Tessiner Maggiatal und im Sarganserland, am Triesenberg (Liechtenstein) und in Vorarlberg. Und die Menschen im Valsertal waren, Gebirge hin oder her, eher nach Süden orientiert, auch aus sprachlichen Gründen. Ihr Auslauf führte über den 2507 m ü. M. gelegenen Valserberg nach Hinterrhein, über den San Bernardino weiter nach Italien (Quelle: www.walser-alps.eu). Ein „Geschwäder“ aus Wasser, Wein, Zucker und geschlagenen Eiern mag ihnen die dafür nötige Kraft verliehen haben.
 
Bei alledem blieb auch das Valstertal von reformatorischen Glaubenskämpfen nicht verschont, wobei die Altgläubigen, das heisst die Katholiken, in der Übermacht blieben. Und so gibt es denn beim Dorfplatz die opulente katholische Pfarrkirche St. Peter und Paul mit einem vergoldeten Choraltar, im Antependium flankiert von den Altarpatronen Petrus und Paulus, weitgehend in Gold, und Seitenaltären im Spätrenaissancestil. Kreuzwegstationen mit ihrem Foltercharakter, deren Anblick den leidgewohnten Katholiken bis zum Überdruss zugemutet wird, sind neben Heiligenporträts im Umfeld der Emporenbrüstung düster hingemalt (1764). Am Sebastianaltar ist ein bemerkenswertes Gemälde, das Vals-Platz um 1647 zeigt.
 
Das Dorf
Die Kirche, ein nach Süden ausgerichteter Barockbau mit dem mittelalterlichen Turm zwischen Schiff und altem Chor, zu dem eine zweigeschossige Glockenstube und ein Zeltdach gehören, ist fest ins Dorf integriert. Besonders angesprochen hat mich ein uralter Laden, der mit „Handlung“ beschriftet ist und von Helena Jörger betrieben wird. Er war ferienhalber gerade geschlossen; doch wäre es möglich gewesen, telefonisch einen Termin für einen Einkauf auszuhandeln.
 
Vom Dorfplatz gegen den südlichen Dorfteil Valé sind viele Mehrfamilienhäuser, also Bauten, die von 2 bis 3 Familien zusammen erstellt worden sind und die später teilweise in Ferienwohnungen umgewandelt wurden. Seinerzeit hatte man Zeit zum Bauen, genügend Steine, aber sonst nur wenig einträgliche Arbeit.
 
In der Gebirgslandschaft
An den Steilhängen kleben Pfeilerställe, auf die mich Werner Allemann, Architekt im Ruhestand, aufmerksam machte. Ihre Eckpfeiler sind aus Steinen aufgemauert, und dazwischen sind als hochgestellte, verwitterte Bretterreihen die Wände, eine Verschalung auf der Grundlage einer Holzkonstruktion.
 
Das bis auf 3000 Höhenmeter hinauf reichende Skigebiet unter dem Piz Aul und dessen Nachbarn wie Faltschonhorn und  Piz Serenastga im Kristallin der Adulamassivs nennen die Valser Dachberg, den es als solchen (2852 m) gleich beim Frunthorn (3030 m) auch gibt. Eine neue 8er-Gondelbahn führt nach Gadastatt hinauf. Von dort können über einen Höhenweg der kleine Weiler Frunt und das Gebiet Zervreila erreicht werden.
 
Das Valsertal ist auch für Mineraliensammler von grosser Anziehungskraft. Weiter taleinwärts kommt man zu den Quarzit-Steinbrüchen und endlich zum Zervreila-Stausee, worüber im nächsten Blog berichtet werden soll. Ich könnte mir vorstellen, dass allein schon die bisherige Angabenfülle die Leser reif für die Planung eines Erholungsaufenthalts gemacht haben ...
 
 
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