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BLOG vom 28.05.2011


Der Hahnenfuss: Ein übles Kraut mit faszinierenden Talenten
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Die Unterscheidung in Kräuter und Unkräuter, in Tiere und Untiere oder in Menschen und Unmenschen hat mir meiner Lebtag missfallen. Denn was mit der verneinenden Un-Silbe versehen wird, ist zum Abschuss frei.
 
Im Kosmos-Bändchen „Unkrautsamen und Unkrautfrüchte“ von Albert Pietsch, 1937 in Stuttgart erschienen, ist in der Einleitung die damalige Denkweise zu entnehmen: „Die Unkräuter sind arge Schädlinge, die der Landwirtschaft jährlich grossen Schaden zufügen. Sie rauben den Kulturpflanzen Platz, Nahrungsstoffe, Wasser und Licht, sie saugen als Schmarotzer die Kulturpflanzen aus, sie erhöhen den Arbeitsaufwand des Landmannes, sie können durch den Gehalt an Giftstoffen Tieren und Menschen gefährlich werden. Sie sind unverwüstlich, weil sie sich so gewaltig vermehren. ‚Unkraut vergeht nicht.’ Man bekommt einen gelinden Schreck, wenn man liest, dass eine Mohnpflanze 50 000, ein Bilsenkraut 960 000 Samen und eine Knopfkrautpflanze 300 000 Früchte erzeugen kann.“
 
Immerhin fügt der Autor Pietsch dann noch an, dass dem nach Schönheit suchenden Naturfreund (...) diese Unkrautsamen manche „Stunde der Freude verschaffen“. Dann werden an solch zwiespältigen Pflanzen erwähnt: Löwenzahn, Bilsenkraut, Wegerich, Hirtentäschel, Kornblume, Wiesenflockenblume, Flughafer, Klette, Ackerhahnenfuss, Feldrittersporn, Judenkirsche, schmalblättriges Weidenröschen, Baldrian, Wiesenbocksbart, Kuhschelle, Kornrade, Ackersenf usf.
 
Inzwischen ist die Intensivlandwirtschaft mit den „Unkräutern“ fertig geworden. Aus dem altüberlieferten Denken heraus wurden tötende Herbizide entwickelt. So ist etwa die Kornrade (Agrostemma githago) so sehr dezimiert worden, dass sie als gefährdete Pflanze geschützt werden muss. Das gilt auch für den Feldrittersporn (Consolida regalis) und viele andere.
 
In meinem Garten, der nicht nach kommerziellen Grundsätzen funktioniert und mehr kostet als er einbringt, weil doch ein gewisser Unterhalt nötig ist, fühlt sich unter anderem der Scharfe Hahnenfuss (Ranunculus acris) ungemein wohl, wobei es sich, genau genommen, um den „Fries’ Scharfer Hahnenfuss“ (Ranunculus acris ssp, friesianus) handelt. Die Blätter sind fast bis zum Grund 3‒5-teilig, die Abschnitte rhombisch, 2‒3-teilig, nicht spreizend und sich nicht überlappend; der Fruchtschnabel ist gekrümmt bis eingerollt. Er hat sich zu ganzen Teppichen ausgebreitet und wächst nicht nur in die Breite, sondern auch in die Höhe – 30, 40 oder mehr Zentimeter bis zu 1 m, wenn ihm sonnige, stickstoffhaltige Lehmböden besonders behagen. Seine ganz fein behaarten gelblichen Kelche färben im Frühjahr die Hahnenfussteppiche freundlich ein.
 
Obschon man zum Hahnenfuss auch Butterblume sagt, ist er wegen des in allen Hahnenfussgewächsen wie auch im Busch-Windröschen (Anemone nemorosa) vorkommenden Protoanemonins (auch Anemonol oder Ranunculol geheissen) giftig. Offenbar wurde er trotzdem schon degustiert, deutet das Adjektiv „scharf“ doch auf seinen Geschmack hin. Weil ich manchmal mit blossen Händen überdimensionierte Hahnenfuss-Bestände abriss, litt ich oft unter einer Blasenbildung auf der Haut zwischen und auf den Fingern, was man Hahnenfussdermatitis nennt; und ich brauchte mehrere Jahre, bis ich herausfand, woher diese juckenden, sich mit Brandwasser füllenden Blasen mit einem Bläschenkranz darum herum als regelmässige Frühlingsbegleiterinnen überhaupt stammten. Von zentralnervösen Erregungen, Herz- und Atemlähmungen habe ich nichts gespürt – dafür würde es wesentlich grösserer Mengen bedürfen.
 
Inzwischen trage ich vermehrt Handschuhe, womit wieder ein Problem gelöst ist. Meine Blasen haben mir bloss Juckreiz eingetragen.
 
Im Buch „Giftpflanzen. Pflanzengifte“ von Lutz Roth, Max Daunderer und Kurt Kormann (Nikol Verlagsgesellschaft mbH, Hamburg 1994), dem ich einige Angaben entnommen habe, steht zu lesen, die Bezeichnung „Bettler-Hahnenfuss“ rühre daher, dass sich Bettler an sichtbaren Körperstellen mit dem Pflanzensaft eingerieben hätten, um Mitleid erregende Wunden und Ausschlag hervorzurufen. Was tut man nicht alles fürs Geschäft!
 
Dem Scharfen Hahnenfuss, der zu den häufigsten Hahnenfussarten gehört, ist ähnlich schwer beizukommen wie der Al-Kaida, weil er im Boden bis 50 cm lange, sich faserig aufteilende Wurzeln und Rhizome (Sprossachsensysteme) ausbildet. Man kann davon entfernen, was man will, es treibt immer wieder etwas aus und immer wieder wächst etwas nach.
 
Das Ausrotten der mehrjährigen Pflanze ist also eine mühselige Sache, wie ich auch in der Zeitung „Schweizer Bauer“ vom 30.04.2011 gelesen habe: „Wer in Naturwiesen den Hahnenfuss nicht im 1. Aufwuchs bekämpfen konnte, soll eine Flächenbehandlung im 2. Aufwuchs vorsehen. Pro Quadratmeter sollten mindestens 10 der giftigen Pflanzen vorhanden sein. Der Hahnenfuss sollte höher als 10 cm sein, aber noch nicht blühen. Auf Weiden ist ein vorgängiger Säuberungsschnitt empfehlenswert, damit alle Pflanzen im selben Entwicklungsstadium sind. Als Wirkstoff können MCPB oder MCPB+MCPA mit der vom Hersteller empfohlenen Aufwandmenge eingesetzt werden. Die Wartefrist beträgt 3 Wochen bei Milchvieh und 2 Wochen bei Jungvieh und Galtkühen.“
 
Weidetiere essen den Hahnenfuss in der Regel nicht; im getrockneten Zustand oder im Silofutter aber verliert er seine Giftigkeit, da das Protoanemonin, das in allen Pflanzenteilen und besonders in den Wurzeln vorkommt, nur bei Verletzungen des Pflanzengewebes aus ungiftigen Stoffen entsteht und rasch in weniger wirksame Stoffe wie Anemonin übergeht.
 
Bei den „Wirkstoffen“ in den Herbiziden handelt es sich um umweltgefährdende, insbesondere Wasserorganismen schädigende Wuchsstoff-Herbizide (4-[4-Chlor-o-tolyloxy]-Buttersäure) im Falle von MCPB bzw. 2-Methyl-4-Chlorphenoxyessigsäure (MCPA).
 
Ich habe mich für ein Zusammenleben mit dem Hahnenfuss – bei gelegentlicher manueller Dezimierung (mit geschützten Händen), um anderen Wildpflanzen eine Chance zu bieten – entschieden. Meine Begeisterung für diese Pflanzen hält sich zwar in Grenzen, doch lasse mich aber von Hahnenfussgewächsen wie Sumpfdotterblumen, Sternanemonen, Waldreben, dem Blauen Eisenhut und Pfingstrosen häufig hinreissen. Und das enge Wurzelgeflecht meiner Scharfen Hahnenfüsse hilft mir kostenlos bei der Stabilisierung von Steilhängen. So erfüllt halt doch jede Pflanze ihre Aufgabe.
 
Hinweis auf weitere Hahnenfuss-Erwähnungen im Textatelier.com
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