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BLOG vom 14.02.2005


Zentrale Basler Frage: Ist Frau Fasnacht ein Mann?

Autorin: Lislott Pfaff, Schriftstellerin, Liestal BL/CH

Wenn s am Morge vieri schloot (1) und in Basel die Lichter ausgehen, „kriege ich jedes Mal eine Gänsehaut“. Das sagt nicht etwa ein eingefleischter Basler Fasnächtler, sondern ein Tambour aus Holland. Er reist jedes Jahr mit seiner Tambourengruppe nach Basel. Es sind mit Trommelschlägeln bewaffnete Fasnachtssöldner, die als willkommene Gäste an der Basler Fasnacht teilnehmen, wie die „Basler Zeitung“ in ihrem „bazfasnachtsmagazin“ schreibt.

Die Gänsehaut bekomme auch ich immer wieder, wenn ich am Morgestraich (2) am heutigen Montagmorgen um 4 Uhr miterlebe, wie eine ganze Stadt in Aufruhr gerät, wie auf einen Schlag Hunderte von Cliquen (3) gleichzeitig denselben Marsch – eben den Morgenstreich – trommeln und pfeifen, dass es nur so dröhnt und wimmert in den Strassen und Gassen von Basel, wenn plötzlich Hunderte von grossen und kleineren Laternen in bunten Farben am schwarzen Himmel leuchten, wenn Tausende von heidnischen Maskengestalten, die Larven (4), von kleinen Kopflaternen gekrönt, im Gleichschritt langsam an mir vorbeiziehen. Dann stehe ich in der Altstadt am Strassenrand und kämpfe mit den Tränen. Weil das für mich ein archaisches Erlebnis ist, das ich eigentlich gar nicht beschreiben kann.

Diese Eruption von Farben, Rhythmen und Melodien rührt bei mir an etwas, das tief im Unbewussten verborgen ist und vielleicht aus einer Zeit stammt, da der Mensch noch ein urweltliches Wesen war, ohne rationalen Verstand, in einer mystischen Existenz gefangen, aus der er von Zeit zu Zeit mit Musik und Bildern auszubrechen versuchte. So ist der Morgestraich für mich jedes Jahr das Ereignis der Basler Fasnacht, stärker von Emotionen geprägt als der Cortège (5), der jeweils am Montag- und Mittwochnachmittag geordnet seine vorgeschriebene Route verfolgt, aufwühlender als das Gässle (6) und das Schnitzelbanksingen in den 3 Fasnachtsnächten. Was am Montagmorgen um 4 Uhr in Basel geschieht beziehungsweise geschehen ist, ist Traum, Trance, Mystik.

Meinen traumhaften, trancenartigen, mystischen Empfindungen wollte ich immer schon auf den Grund gehen. Deshalb interessierte ich mich besonders auch für die Ursprünge der Fasnacht. In seinem Aufsatz „Frau Fasnacht – Tochter des Antichrist?“ (im Buch „Unsere Fasnacht“, Verlag Peter Heman, Basel 1971) nennt der Historiker Peter Weidkuhn das fasnächtliche Treiben des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit einen Pariakult. Damals sei es ein Fest jener Kräfte gewesen, welche mehr an der Veränderung des Bestehenden als an seiner Erhaltung interessiert sein mussten, ein Fest der gesellschaftlich Entwurzelten. Weidkuhn schreibt: „Feste, die dazu dienen, in spielerischer Form die Welt für eine kurze Zeit auf den Kopf zu stellen, so dass die unteren Stände politische, wirtschaftliche und soziale Konflikte auf unblutige, aber dennoch sehr wirksame Weise austragen können, solche Feste finden sich in den Kulturen des Heidentums massenhaft.“ Damit sehe ich meine Empfindungen während des Morgestraichs bestätigt: Ich träume einen Traum aus einer anderen Welt, aus anderen Zeiten.

Morgestraich

D Frau Fasnacht bischelet s Goschtym zwäg,

 nimmt d Larve und macht sich uf e Wäg.

Sii lauft dur d Strosse – s isch dunggel und kalt –

und seht e Fleggli, wo wyss aabefallt,

und in de Gasse – me heert s fascht nit – 

däppelen iberaal hundert Schritt.

Es lischplet, flischteret ghaimnisvoll,

e Drummle wird abgstellt und brummlet hohl.

Jetz muess sii bressiere, hänggt s Bandeljee um,

steggt s Piccolo zsämme und wartet stumm.

S schloot vieri, dernoo deent s kurz und barsch:

Morgestraich – vorwärts – Marsch!“

Uf aimool glänzt e Farbebracht

wie dausig Blume – s isch nimme Nacht.

Uf aimool drillere, juble Stimme

wie dausig Veegel – und still isch s nimme.

Uf aimool rollt e Dunnerschlag

wie dausig Wasserfäll am jingschte Daag.

D Frau Fasnacht wandlet wie im Draum

undereme schwanggende Liechterbaum.

Sii waiss nit, was isch mitere gscheh,

und maint, sii haig dr Friehlig gseh.

Lislott Pfaff 

 

Der Historiker Weidkuhn weist darauf hin, dass die Basler Fasnacht noch bis anfangs des 20. Jahrhunderts ein Fest der unteren Gesellschaftsschichten war, die ökonomisch benachteiligt, kapitalistisch ungeschult und intellektuell entwicklungsbedürftig waren. Es war eine fasnächtliche Revolte der unterprivilegierten Klassen, während welcher für kurze Zeit eine ritualisierte Anarchie herrschte. Seither habe sich die Fasnacht gewandelt; sie sei politisch endlich arriviert (...), folkloristische Garnitur offizieller Staatsanlässe und kommerzieller Veranstaltungen geworden und lasse sich dafür bezahlen.

Leider muss ich ihm Recht geben. Die heutige Basler Fasnacht weist unter ihren vielen Facetten auch diese Seite auf. Weidkuhn geht sogar so weit zu behaupten, die Fasnacht sei zum baslerischen Staatskultus, zum konservativen und konservierenden Selbstbespiegelungsritual geworden. Also kein mystischer Traum mehr, keine Rebellion, keine Anarchie? Doch, ich spüre sie immer noch, diese Anarchie, in Momenten wie jenen am Morgestraich, wenn das Chaos in jeden Winkel der Altstadt eindringt. Dann weiss ich: Die alte, die ursprüngliche Fasnacht ist noch nicht gestorben.

Allerdings stimmt es: Früher war Frau Fasnacht „viel giftiger“ (so ein Kolumnist der „Basler Zeitung“), die Sujets (7) politischer, vielleicht frecher, direkter. Heute nehmen die Fasnächtler – leider auch die Schnitzelbänkler – mehr Rücksicht auf jene, die an der Macht sind, von denen sie abhängen. So sah ich in den letzten Jahren an der Basler Fasnacht kaum eine Laterne, welche mit ihren Karikaturen und Sprüchen die Mächtigen der Pharmaindustrie anprangerte, hörte kaum einen Schnitzelbankvers, der die Machenschaften von Bankdirektoren und anderen „Bösen“ der heutigen Wirtschaftswelt kritisierte.

Die Fasnacht hätte die Möglichkeit, Eiterbeulen aufzustechen, wie der erwähnte Kolumnist schreibt, die Stimmung des Volkes aufzuzeigen. Heute, in der Zeit der Working poors (8), könnte oder sollte auch der Spott gegenüber den Verantwortlichen wieder bissiger, bösartiger werden. Ich vermisse auch die Kritik an dem in Basel herrschenden Elend der Tierforschungslabors. Hier wie dort gilt: Ne touchez pas au grisby (9). Denn dank der im Allgemeinen nicht unbescheidenen Gehälter der Basler Pharma- und Chemiebranche können sich die Mitglieder der Fasnachts-Cliquen immer noch jedes Jahr neue aufwändige Kostüme und Larven leisten. Allerdings unterstützt das Fasnachts-Comité (10) alle offiziell angemeldeten Cliquen mit dem aus dem Verkauf der Plaketten (11) eingenommenen Geld. Trotzdem muss jede/r Einzelne ihr/sein Scherflein zu den Kosten der Cliquen-Ausstattung beitragen. Die Fasnacht ist denn auch für die Künstler – Laternenmaler, Larven-Hersteller –, für die Kostümschneiderinnen, Perückenmacher und auch für die Druckereien, welche die Zeedel (12) liefern, und nicht zuletzt für die Gastronomie eine lukrative Einnahmequelle.

Der Baselbieter Schriftsteller Heinrich Wiesner bezeichnete die Fasnacht einmal als eine vorwiegend militärische, also eine männliche Angelegenheit. In Basel sei Frau Fasnacht ein Mann, behauptete er. Die in Kolonnen vorüberziehenden Cliquen seien Kriegszüge in Landsknechttracht, der Trommelklang sei todbringend, sterbensverheissend, und die Melodien der Pfeifer seien Militärmärsche. Kurz, die Fasnacht sei ein männlicher, ein wehrhafter Brauch.

Als Frau und auch oder gerade als Baselbieterin kann ich diesen Überlegungen nicht beistimmen. Allein schon das typischste Ereignis der drey scheenschte Dääg (13) im Basler Jahr, und auch der schon erwähnte Morgestraich sind doch spezifisch weiblich: Die Geburt eines Phänomens, das ohne Hilfe von Gynäkologen, ohne deren Retorten und Hormone – das heisst ohne Fasnachts-Comité, ohne dessen Regeln und Vorschriften – zur Welt kommt. Bei diesem chaotischen Geburtsakt bewegen sich die Pfeifer- und Tambourengruppen nicht militärisch-aggressiv vorwärts, sondern sie schreiten geheimnisvoll dahin im trommelnden Rhythmus des Herzschlags, wenn Jahr für Jahr die Fasnacht neu geboren wird. Sie bewegen sich durch die Dunkelheit ohne festgelegte Regeln, ohne sich mannhaft zu bekämpfen, wenn sie in den engen Gassen aufeinander treffen. In friedlichem Durcheinander begegnen sie sich ganz und gar unkriegerisch, und die jeweiligen Tambourmajoren (14) schwingen freundschaftlich grüssend ihren Stock mit dem glänzenden Messingknauf.

So ist für mich die Basler Fasnacht ein irrationales, ein weibliches Phänomen. Und was entspräche denn mehr diesem weiblichen Element als die Sinnenlust, die Sticheleien gegenüber der etablierten Ordnung, das Chaos und die Improvisation, welche die am Morgestraich geborene Fasnacht 3 Tage und 3 Nächte lang zur Entfaltung bringt? Sicher ist das alles auch ein Ritual, aber nicht ein männlich-erstarrtes, todbringendes, wie Heinrich Wiesner es empfindet, sondern ein weiblich-unbändiges, lebendiges Ritual. Die Befreiung von den Zwängen des Alltags, von den festgeschriebenen Rollen in einem sozialen Gefüge, das doch immer noch vom systematischen männlichen Denken geprägt ist. Ich spüre hier die Lust zur Emanzipation − gemäss Duden Befreiung aus einem Zustand der Abhängigkeit − im weitesten Sinn: Frauen und Männer tun und lassen unter ihrer Larve das, was sie wollen, zwar nach den ungeschriebenen Gesetzen der Fasnacht, aber – zumindest am Morgestraich und in den drei darauffolgenden Nächten – unabhängig von den organisatorischen Eingriffen des Fasnachts-Comités, das unter anderem das Aussehen der Fasnachtsplakette bestimmt und deren Verkauf an die aktiven und passiven Fasnächtler organisiert. Ich bin jedoch sicher nicht allein mit meiner Ansicht, dass die Fasnacht sehr wohl ohne Comité, das Comité hingegen nicht ohne Fasnacht existieren könnte.

Die Basler Fasnacht sei ein Riesen-Cabaret, meinte ein Sozialpsychologe aus Deutschland. Erotische Kontakte seien schwieriger zu knüpfen als an Fastnachten in katholischen Gebieten. In Süddeutschland etwa sei es üblich, tagsüber maskiert auf der Strasse und nachts in den Beizen (15) zu tanzen. So kämen sich Männlein und Weiblein automatisch näher. In Basel hingegen muss jede und jeder Teilnehmende eine Leistung erbringen, die recht anstrengend sein kann: Nachdem die Pfeifer und Tambouren der einzelnen Cliquen das ganze Jahr über ihre Märsche geübt und neue dazugelernt haben, marschieren sie während 3 Tagen und 3 Nächten trommelnd und pfeifend durch die Stadt, legen so zu Fuss unzählige Kilometer zurück. Dabei tragen die Tambouren ihre schwere Trommel, die sie mit den beiden Schlägeln unermüdlich bearbeiten, an einem Riemen über der Schulter. Die Pfeifer blasen in ihr Piccolo, bis ihnen die Luft ausgeht, und drücken pausenlos die Klappen mit flinken Fingern, obwohl diese oft vor Kälte steif werden oder der Regen die Piccololöcher verstopft. Die Bänggler (16) anderseits müssen sich für ihre Verse Pointen einfallen lassen, die zum Lachen reizen, und feilen oft wochenlang an jeder Verszeile, bis sie sitzt. An der Fasnacht ziehen sie 3 Nächte lang – von 7 Uhr abends oft bis 2 Uhr morgens – von Beiz zu Beiz, von Cliquenkeller zu Cliquenkeller, um ihre Bängg (17) vorzutragen. Gut ein Dutzend Mal pro Nacht müssen sie so deutlich singen, dass auch der Hinterste im Lokal die Verse hört und versteht. Nach einem solchen Marathon steht der Sinn kaum mehr nach Erotik und Sex. Ein gemütliches Glas Wein in der zuletzt besuchten Beiz oder in einem Cliquenkeller ist dann das höchste der Gefühle. Das Riesen-Cabaret verlangt eben seinen Tribut.

Um auf die These von Heinrich Wiesner, Frau Fasnacht sei ein Mann, zurückzukommen: Auch wenn die Fasnacht heute nicht mehr das ist, was sie in früheren Zeiten war, was könnte die Situation der Frau besser widerspiegeln als dieses spielerische Aufbegehren gegen die Obrigkeit, diese spottlustige Opposition gegen gesellschaftliche Missstände? Wenn ich den Ursprung, den Sinn und die Sinnlichkeit von Frau Fasnacht zu ergründen versuche, so stosse ich unweigerlich auf die alte Regel Cherchez la femme!

 

Endnoten

(1) Wenn es morgens vier Uhr schlägt ...

(2) Morgenstreich; Marsch, der nur am Fasnachtsmontag um 4 Uhr gespielt wird 

(3) Pfeifer- und/oder Tambourengruppen 

(4) Masken 

(5) Umzug der musizierenden Cliquen und der Wagencliquen sowie der kakophonisch spielenden Blasmusikgruppen 

(6) Nicht organisiertes Trommeln und Pfeifen der Cliquen 

(7) Themen, die ausgespielt werden 

(8) Werktätige, deren Lohn zur Deckung der Lebenskosten nicht ausreicht 

(9) Hände weg vom Geld! oder: Geld ist tabu 

(10) Instanz, die versucht, die Basler Fasnacht in geordnete Bahnen zu lenken, was ihr nie ganz gelingt 

(11) Abzeichen aus Kupfer, aus Silber oder mit Gold verziert, mit einer Darstellung des jeweiligen Fasnachtsslogans

(12) Druck-Erzeugnisse in länglichem Format mit den Spottversen der jeweiligen Cliquen oder Schnitzelbänke 

(13) der 3 schönsten Tage 

(14) eine Art Dirigenten der musizierenden Cliquen, die unter anderem die zu spielenden Märsche ansagen 

(15) Gaststätten, Restaurants

(16) Schnitzelbanksänger

(17) Schnitzelbänke 

(18) Die Frau ist schuld.

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