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BLOG vom 13.07.2011


Geissfuss-Kunde für Fortgeschrittene – bis zu den Wurzeln
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Dieser Tage waren unsere Klaräpfel (Klara-Äpfel) plötzlich reif: blass hellgelbe, süsse, knackige Früchte. Wenn sie vom Baum fallen und auf dem Boden aufschlagen, platzen sie vor lauter innerer Anspannung.
 
Die Klaräpfel sind eine uralte Sorte, die im Altertum ein Symbol für Liebe und Fruchtbarkeit war. Das wissen auch die Apfelwürmer, diese Larven der Obstmotte oder anderer Apfelliebhaber, die darin eine ideale Behausung und alles finden, was sie für ihr Schlemmerleben wünschen. Weil ich unsere Bäume niemals chemisch behandle, mich also nicht zweimal vergiften will (beim Spritzen und beim Verzehr der Früchte), gefällt es auch diesen Würmern bei uns; sie hatten noch nie Anlass, sich zu beklagen. Wenn ich mich am spiraligen Frassgang des Kleinen Fruchtwicklers oder des Apfelwicklers und an den Ausführlöchern für deren schnurförmig zusammenhaftenden Kot vorbeifressen muss, ist mir das lieber als das Bewusstsein, unsichtbare Chemikalien zu konsumieren. Würmer in Früchten stören mich nicht. Als ich dies einmal meinem verehrten Freund Fernand Rausser kundtat, dachte er eine halbe Minute messerscharf nach und sagte, ich würde eigentlich gescheiter gleich eine Wurmzucht aufbauen.
 
Baumtropfen
Unter dem erwähnten Apfelbaum, auf der schattigen Westseite der Garage, hat der Geissfuss (Giersch, Baumtropfen, Strenzel, Aegopodium podagraria L.) einen 50 cm bis 1 m hohen Teppich gebildet, um den Absturz der Äpfel etwas abzufedern, was ich zu schätzen weiss. Nachdem aber praktisch alle Äpfel geerntet oder abgestürzt sind, sah ich mich veranlasst, diese monotone Pflanzenansammlung zu dezimieren, um die Äpfel zu finden, die allmählich eine Braunfärbung annahmen. Zum Einmachen als Apfelstückli oder Apfelmus sind die noch intakten Teile wunderbar. Apfelmus passt eigentlich zu allem, nicht nur zur Hörnli und Ghacktem (Hackfleisch in einer kräftigen Sauce), dem Schweizer Nationalgericht, das man idealerweise zu einem lüpfigen Ländler geniesst.
 
Der Geissfuss übersteht jede Jäterei problemlos, weil er vorsorglicherweise Ausläufer ausgebildet hat, die sich tief in den Boden ausbreiten. Man kann die oberen Pflanzenteile höchstens vom kriechenden Wurzelstock abreissen, aber nicht ausreissen. Kleinste Wurzelstückchen genügen als Grundlage für eine neue Pflanze. Normalerweise würde man solch eine Pflanze als Unkraut diffamieren; doch dies ist in unserer mit Naturverständnis ausgestatteten Familie unüblich. Wir sprechen etwa von wildwachsenden Pflanzen (im Gegensatz etwa zu gärtnerischen Konstrukten). Das gilt auch für Kräuter, deren Ausdehnungsdrang keine Grenzen kennt und die man etwas in Schach halten muss, wie eben den Geissfuss aus der Familie der Apiaceae (Doldengewächse = Umbelliferae). Ihn findet man nicht allein in Gärten, sondern ebenfalls in Auen- und Schluchtwäldern, an Waldrändern, was auf eine gewisse Schattenliebe hindeutet, auch an Flussufern. Er liebt stickstoffreiche Böden. Wahrscheinlich habe ich ihm selber den Weg geebnet, indem ich unter dem Klarapfelbaum und Umgebung schon zweimal Hackschnitzel ausgebreitet habe, die Stickstoff, Phosphor, Kalzium, Magnesium und Kalium in den Boden bringen.
 
Die 15‒25-strahligen Dolden des Geissfusses sind das Gerüst für einen schirmähnlichen, halbkugelförmigen, weissen, gelegentlich leicht rosafarbenen Blütenstand, sozusagen eine Krone, die Krönung der Pflanze. Dennoch spricht kein Mensch von einer königlichen Pflanze, wahrscheinlich weil Könige ja Einzelexemplare, die Geissfüsse aber Massenware sind. Sie (nicht die Könige) bilden etwa 3 mm lange, länglich-eiförmige Früchtchen hervor, die gern mit Kümmel verglichen werden. Die unteren Blätter sind doppelt dreizählig oder doppelt gefiedert, die Fiederblätter 5 bis 10 cm lang sowie fein und spitz gezähnt wie ein Sägeblatt. Die Blätter lassen einen Vergleich mit dem Ziegenfuss zu – daher der Name.
 
Der Geissfuss hat auch gastronomische Qualitäten; besonders früher ass man die jungen Triebe als Gemüse oder als Salat, vielleicht mit anderen Wildkräutern zusammen, obschon man noch nichts von seinem Gehalt an Vitaminen, Kalium, Magnesium, Silizium usf. wusste. Man spürte aber, dass er harntreibend ist und dadurch beim Ausschwemmen von Giften aus dem Organismus mitwirkt. Inzwischen ist die Verachtung für den Geissfuss, der geschmacklich ein wenig an Petersilie erinnert, so sehr angewachsen, dass er in meiner Sammlung von Wildkräuter-Kochbüchern nicht mehr auftaucht. Sogar im Buch „Schlemmereien aus Wald und Wiese“ von Rose Marie und Sabine Maria Dähncke wird er mit Nichtbeachtung bestraft.
 
Weitgehend vergessen wurde auch, dass der Geissfuss früher als Naturheilmittel gegen Gicht (lateinisch: Podagra) und Rheuma beste Dienste leistete, gewissermassen der Voltaren-Vorgänger war, aber halt nicht so viel Schaden anrichtete. Carl von Linné hat das im lateinischen, artspezifischen Namenszusatz (Epitheton) erwähnt: podagraria. Einige detailliertere Anwendungshinweise finden sich im unten verlinkten Ratgeber-Beitrag.
 
Wenn es stimmen sollte, dass in der Umgebung der Menschen jene Pflanzen wachsen, die sie zur Behandlung von Krankheiten brauchen, müsste ich schwer an Rheuma leiden ... Doch habe ich keine Spur davon, zumal unser Fleischkonsum derart bescheiden ist, dass sämtliche Rheumatismen inkl. das Zipperlein (Fussgicht), das sich durch ein Zippern, Trippeln bemerkbar macht, vorsorglich die Flucht ergreifen. Stimmt also die Redensart nicht? In meinem speziellen Fall scheint es so zu sein. Die Volksweisheit ist möglicherweise bei auch gedanklich erweitertem Radius dahin gehend zu interpretieren, dass sich in der Nähe immer Pflanzen finden, die gesundheitliche Verbesserung und Heilung versprechen. Wer das kapiert hat, wird mit den Pflanzen rücksichtsvoller umgehen.
 
Geissfüsse anderer Art
Geissfüsse dienen also (in der Zoologie) nicht allein der Fortbewegung und der Verbesserung dieses Fortschreitens (in der Naturheilkunde), sondern auch als Werkzeuge. Als Geissfuss bezeichnet man ein gekrümmtes, gabelförmiges Werkzeug zum Ausziehen von Nägeln, das manchmal mit dem Hammer kombiniert ist. Eine Art Brechstange. Denselben Namen hat ein Werkzeug mit winkliger Schneide zum Bearbeiten der inneren Ecken in der Holz- und Steinbearbeitung (zum Ausstechen einspringender Ecken und winkliger Höhlungen) und ebenfalls ein hebelartiges Gerät zum Entfernen von Zahnstümpfen und Zahnwurzeln, die sich leider nicht wie die pflanzlichen Geissfusswurzeln wieder zu kräftigen Zähnen ausbilden. Den Werkzeugen sagt man manchmal auch Kuhfuss.
 
Damit will ich dieses Thema beenden und mich wieder dem Jäten zuwenden. Bei dieser Arbeit komme ich mir immer schlecht vor, wie ein Vandale. Und vor jeder Wildpflanze frage ich mich: Muss das Ausreissen sein? Erst wenn die Pflanzen Muskeln zeigen und beginnen, Pflästersteine und ganze Bodenplatten emporzuheben, beruhigt sich mein Gewissen. Und so schaffe ich Platz für neues Wachstum. Möge es nie aufhören. 
 
Hinweis auf einen Textatelier.com-Ratgeber-Beitrag über den Geissfuss
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