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BLOG vom 18.07.2011


Zofinger Heiternplatz: Baummonumente bitte nicht abholzen!
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Bei Bergwanderungen kommt man häufig an sogenannten Wettertannen vorbei: knorrigen, verstümmelten Bäumen, die eine ganze Klimageschichte erzählen, durch nichts umzubringen waren. Man bewundert diese Überlebenskünstler, die trotz massiver Angriffe von allen Seiten ihren Geist nicht aufgaben, Einwirkungen von Wind, Wetter und Steinschlägen zum Anlass nahmen, ihre Position zu festigen, härter zu werden. Ihr Anblick ist deshalb so faszinierend, weil sie Geschichten und Geschichte erzählen und ihre Formensprache unbegrenzt ist.
 
Ein Sturm, der solches bewirken könnte, brauste in der Nacht auf den Mittwoch, 13.07.2011, vom Seeland herkommend, quer durchs Mittelland und entfaltete seine stärksten Turbulenzen insbesondere in Zofingen AG. Der Feuerwehrkommandant Peter Ruch sagte laut Medienberichten, das sei „das schlimmste Unwetter, seit den 40 Jahren, in denen ich bei der Feuerwehr Zofingen aktiv bin“.
 
2 Tage nach dem Sturm begab ich mich hinauf auf den Heiterplatz, um mir ein eigenes Urteil über die Ereignisse zu bilden. Der Platz, ein von 2 Lindenreihen umrahmtes Rechteck, gilt laut der offiziellen Zofinger Webseite www.zofingen.ch als „der schönste Festplatz der Schweiz“. Das Heitern-Hochplateau, das einen fantastischen Überblick über die Stadt Zofingen und bis zum Alpenkranz zulässt, ist eine Schöpfung aus dem 18. Jahrhundert: Die ebene Fläche (200 × 150 m) wurde 1745 als Exerzierplatz und Musterungsgelände errichtet und zunehmend als Festplatz benützt und berühmt.
 
Der innere Kreis von Linden dürfte aus jener fernen Zeit stammen; der äussere wurde vor etwa 50 Jahren gepflanzt, wie mir ein betagter Zofinger erzählte, der bei der Pflanzaktion mitgewirkt hatte. Gegen den Hang wurde der Platz damals etwas aufgeschüttet und dadurch vergrössert. Das Aushubmaterial fiel beim Bau der Schiessanlage Heiternplatz (1955, mit 50- und 300-m-Stand) am Jägerweg an, also in unmittelbarer Nähe. Der Schiessbetrieb musste wegen der zunehmenden Überbauung am Rebberg hierhin verlegt werden. Seither gibt es dort oben immer wieder Schützenfeste und das jährliche Stadtschiessen mit bis zu 1000 Schützen, die natürlich nicht die Stadt beschiessen. In der Nähe sind der Hirschpark, ein Obstsortengarten, der zum Glück vom Sturm wenig abbekam, und der Friedhof Bergli.
 
Der eigentliche Heiternplatz erinnert jetzt ganz an die Folgen des Orkans „Lothar“ vom 26.12.1999, der unter anderem zahlreiche Holzplantagen (vor allem gleichaltrige Fichtenmonokulturen nach Försterart) umlegte. Auf den meisten betroffenen Flächen sind inzwischen vielfältigere und damit gesündere Waldgesellschaften entstanden. Der Wüterich „Lothar“ hatte also durchaus seine positiven Seiten. In der Forstwirtschaft ist seither auch ein Umdenken in Richtung mehr Ökologie angelaufen. Das war nötig.
 
Expertentreffen
Als ich dabei war, auf dem Heiteren die einzelnen entwurzelten, in Stücke zerrissenen oder aber teilweise entasteten Lindenbäume genauer anzuschauen, hatte ich wieder einmal einen meiner Glücksmomente, indem ich zufälligerweise mit dem Baumchirurgen und Naturgartenfachmann Andreas Schmocker aus Lenzburg ins Gespräch kam, der sich ebenfalls dort umsah, und dann fand sich – noch so ein Zufall – ein weiterer interessierter Naturfreund ein, der mir irgendwie bekannt vorkam: der Meteorologe Andreas Walker aus Hallwil AG, der früher an der Zeitschrift „Natürlich“ mitarbeitete, deren Radaktion ich bis Mitte 2002 leitete. Somit hatte ich das einschlägige, bestqualifizierte Fachpersonal beisammen, und wir konnten im Lindenblütenduft ins Detail gehen, eine Wohltat für die oberen Atemwege – viele Äste mit den hängenden Scheindolden lagen am Boden und verströmten ihr Aroma auf Nasenhöhe – Aromatherapie. Der Juli ist die Zeit der Lindenblüte.
 
Herzwurzeln
Einige Linden wurden entwurzelt; auch eine Pappel, wahrscheinlich eine Zitterpappel, lag auf dem Boden. Die Wurzelteller der umgefallenen Linden waren aufgestellt und ermöglichten die genaue Betrachtung dessen, was sich sonst nur in der Unterwelt – im Boden – abspielt. Mir fielen die relativ flachen Wurzelteller mit wenig Tiefgang auf. Besonders eine Linde am äusseren, stadtwärts gelegenen Rand des Platzes zeigte einen flachen Teller, der wie ein Rad aufgestellt in der Landschaft stand. In die Wurzel war noch eine Drainageröhre eingewachsen, und im Wurzelbereich war ein Betonschacht zu sehen – ihr Standort war eine mit viel lehmigem Material aufgefüllte Zone. Einige Wurzeln hatten sich zwar schon senkrecht in den Boden eingegraben, wurden aber abgerissen.
 
Die Linde habe eine Herzwurzel, sagte Andres Schmoker, oben flach und gegen unten in den Boden verlaufend – zur Verankerung. Doch die Bäume seien Optimierungskünstler, fügte Schmocker bei, das bedeutet, dass sie sich einfach dort verstärken, wo es nötig ist, und bei Extremereignissen genügen die Stabilitätsverbesserungen manchmal nicht. Das ist ja auch bei menschlichen Bauwerken so.
 
Fast alle alten umgefallen Linden weisen Wurzelfäulen auf, die auch oberirdisch erkennbar sind. Auch viele spitzwinklige Vergabelungen mit eingewachsener Rinde sah man, eine latente Bruchgefahr mit viel Potenzial für Sekundärschäden.
 
Moderfäule und Brandkrustenpilz
Der Baumpfleger staunte bei vielen aufgesprengten Stämmen und Ästen, wie sich verschiedene Holzfäulen verbreiten konnten, (z. B. Moderfäule und Weissfäule), meist Folgen früheren Verletzungen, die durch den starken Holzzuwachs schon früher erkennbar gewesen wären. Auch waren Einbuchtungen oder Höhlen, eingefaulte Astungswunden und ältere Holzrisse von früheren Verletzungen zu sehen.
 
Das grau-weissliche Holz war am Stammfuss oder in Starkwurzeln wie ein Waschlappen durchnässt, schwammig, weich. Die Fäule verbreitete sich von innen gegen aussen. Doch am stehenden Baum ist der im Inneren stattfindende Auflösungsprozess kaum zu erkennen. Der umhüllende Myzelkorpus schliesst den Fäulnisbereich gegen aussen mit einer weissen Haut ab, die eigentlich eine Nebenfruchtform ist. Sie bleibt auch nach den Zerfallserscheinungen im Bauminneren erhalten, wird aber allmählich schwarz und hart, brüchig, zerfällt endlich zu einem schwarzen Pulver.
 
Auch der Brandkrustenpilz (Ustulina deusta) ist am herumliegenden Holz hier und dort zutage getreten, meist eine Spätfolge von älteren Verletzungen. Er kann die Ursache der erwähnten Moderfäule sein, was beim flüchtigen Anblick des Baums für den Laien praktisch nicht zu erkennen ist. Doch das Holz verliert inwendig seine Festigkeit.
 
Nicht auf eine Eingangsverletzung am Stamm angewiesen ist der Hallimaschpilz, von dem Schmocker bis bleistiftdicke, dunkelbraune Myzelstränge (Rhizomorphe) herausziehen konnte. Der Pilz kann sich über Wurzelverletzungen im Stamm einnisten. Die Myzelstränge sind in der Lage, sich kilometerweit auszudehnen. Deshalb gelten Pilze als die grössten Lebewesen auf dieser Erde. Der Pilz kann die Weissfäule hervorrufen.
 
Ich selber habe eine gute Beziehung zu diesem Pilz, nachdem mir Dora Aeschbach-Gröbli, die Frau des einst bekannten Journalisten und Gerichtsberichterstatters Gustav Aeschbach, vor Jahrzehnten einmal ein wohlschmeckendes Hallimaschgericht gekocht hat. Das Erstaunliche: Ich habe überlebt.
 
Monumentalplastiken
Die unteren Stammbereiche der alten Linden sind mit ihrem grossen Umfang, ihren höckrigen Verwölbungen, Kröpfen, der gefurchten Rinde und den wie Tentakeln schräg in den Boden vordringenden Wurzelsträngen ein Fest fürs Auge, richtig knorrige Sockel. Und wir 3 Naturfreunde stimmten darin überein, dass man diese Fragmente von wenigen Metern oben abgebrochenen Baumstämmen um Gotteswillen nicht entfernen dürfte. Niemals!
 
Das wäre eine sinnlose Zerstörung von Monumenten. Der Rest eines grandiosen Bauwerks, das durch irgendwelche Einflüsse zerstört wurde, wird man doch ebenfalls stehen lassen, weil selbst diese Fragmente unersetzlich sind und von der Geschichte erzählen.
 
Alle Bücher, welche die schönsten Bäume abbilden und beschreiben, wenden sich genau solchen „Wetterbäumen“ zu. Diese sind die eindrücklichsten Individuen. Viele von ihnen sind innen hohl, werden noch von Stammsträngen am Umfallen gehindert, sind durch Überwachsungen und Verwachsungen verziert und erhalten Adventivtriebe, welche allmählich die Funktion abgebrochener Primärkronen übernehmen können. Lehrstücke in Botanik sind hier offengelegt, zweifellos ein gefundenes Fressen für Biologielehrer.
 
Andere Bäume wurden auf dem Heiternplatz in Stücke gerissen, und die nach Jahren unterteilte Stammschichten waren zu einem Fächer gespreizt – immer neue, einzigartige Bilder, die den Betrachter gleichermassen beklemmen und begeistern. Das ist geradezu sensationeller Anschauungsunterricht über das Naturgeschehen.
 
Ich hoffe ich inständig, dass es viele Biologen und Fachleute gibt, die sich für den Erhalt solcher Hinterlassenschaften eines Sturms einsetzen – Nachfolger des grossen Naturforschers Conrad Gesner, der schon im 16. Jahrhundert das Linnésche System vorwegnahm und auch eine philosophische Ader hatte. Zu beachten ist, dass nicht alle Bäume der beiden Lindenkreise durch orkanartige Böen gefällt wurden; die meisten der zu etwa 80 Prozent betroffenen Linden haben einfach ein paar Äste verloren. Wo ein gekippter Baum aus Platzgründen entfernt werden muss, kann man ihn sehr wohl durch einen jungen ersetzen, wodurch sich eine belebende Ungleichaltrigkeit in den Baumkreisen ergibt.
 
Erstaunlich scheint es, dass in dem anzunehmenden Fall, dass man die Linden tatsächlich unbeschädigt erhalten wollte, ihr Gesundheitszustand nicht überprüft und keine entsprechenden Massnahmen vorgenommen wurden. Dabei steht beim Schützenhaus zum Sortengarten eine Orientierungstafel: „Rares schützen“. Ein herabgefallener Lindenast verdeckte sie halbwegs. Doch war sie auch vorher nicht gelesen worden. Offenbar liess man dem Baum-Geschehen freien Lauf, was sich im Inneren insbesondere der alten Bäume abspielte, wurde nicht beachtet. Das könnte eine Philosophie gewesen sein, dann müsste man konsequenterweise auch Schadensbilder und wunderschöne alte Baumstämme stehen lassen, so lange sie die allgemeine Sicherheit nicht gefährden.
 
Für die Baumstrünke und -fragmente sieht es allerdings schlecht aus. Bereits ist mit oranger Farbe mit Ringen und Strichen markiert, welche Baume wie hoch über dem Boden abgesägt werden sollen. An anderen Bäumen sind noch Fragezeichen (?) angebracht, weil sie nur wenig beschädigt sind und wohl als Grenzfälle gelten. Andres Schmocker störte sich bereits daran, dass die Rinde mit Leuchtfarbe – das Todesurteil – markiert war.
*
In wenigen Tagen (12.08.2011) soll das Festival „Heitere Openair Zofingen“ stattfinden, ein Anlass unter unzähligen ähnlichen, die bereits mit Terminkollisionen zu kämpfen haben. Hoffentlich wird der Freiluftanlass nicht zum Anlass für unüberlegte Rodungsaktionen genommen, die nicht mehr rückgängig zu machen wären. Der Rasenplatz hat den Sturm überlebt; das Rasengras ist biegsam und nicht so gross, um fallen zu müssen. Die Baumresten, die man von abgebrochenen, verklemmten Ästen befreien könnte, stehen sicher niemandem im Wege.
 
Ich hoffe dringend, dass den amputierten Bäumen kein weiteres Leid angetan wird. Sie werden es mit neuen Austrieben und einzigartigen, skurrilen Formen danken.
 
Buchhinweis
Hess, Walter (Text), und Rausser, Fernand (Bilder): „Bäume Träume Lebensräume“ (Ein Beitrag zum Internationalen Jahr der Wälder 2011), Wegwarte Verlag, Bolligen BE 2010. ISBN 978-3-9523235-4-0.
 
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