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BLOG vom 03.08.2011


Bundesfeiern 2011: Buntes, seliges Träumen ohne Grauen
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Der Schweizerpsalm arbeitet mit kräftigen Bildern wie dem Morgenrot, dem Abendglühn, Nebelflor und Wolkenmeer bis zum Daherfahren im wilden Sturm. Das alles geschieht im Vaterland unter der Oberherrschaft von „Gott, dem Herrn“. Diese Nationalhymne atmet den Geist der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts und stammt vom Priester und Kapellmeister Johann Josef Zwyssig, dem nachmaligen P. Alberik Zwyssig (1808‒1854), weil Mönche ja einen anderen Namen erhalten. Zwyssig war mit dem Kloster Wettingen sehr verbunden, wo er ein vom Aargauer Bildhauer Eduard Spörri geschaffenes Denkmal erhalten hat: Ein Engel liefert das Spruchband „Diligam te Domine“ (Ich will dich lieben, Herr“) an. Zwyssig hatte eine Festmesse mit dem gleichlautenden Graduale (Zwischengesang) geschrieben, die 1841 zusammen mit einem Gedicht von Gedicht Leonhard Widmer (1808‒1868) zum Schweizerpsalm weiterverwendet werden konnte.
 
Selbstverständlich können selbst patriotisch gesinnte Angehörige des Urvolks der Schweizer, einschliesslich der bei den sich rötenden Alpenfirnen wirkenden Sennen und der Astronomen, die sich im Sternenheer, von dem in der 2. Strophe die Rede ist, den Text nicht auswendig von sich geben, weshalb er alljährlich wohlweislich auf der Rückseite der Flugblätter, die zur Teilnahme an den lokalen Bundesfeierveranstaltungen aufrufen, abgedruckt wird. So war es auch in meiner Wohngemeinde Biberstein AG. Hier komponiert jeweils die örtliche Kulturkommission eine 1.-August-Feier, Ergebnus der professionellen Koordination durch Gemeinderat René Bircher, unter des Himmels lichten Räumen beziehungsweise unter der riesigen Platane im Schlosshof. Die Feier zieht, wir mir scheint, von Jahr zu Jahr mehr fromme bzw. patriotische Seelen an. Diesmal war es geradezu schwierig, im macisartigen Bratwurst- und Cervelatduft von grillierenden, schmackhaften Würsten aus der Metzgerei mit dem treffenden Namen Speck noch einen Sitzplatz zu ergattern. Die Bibersteiner Jodler sind ausgezeichnete Grilleure, haben also Beziehungen zu allem, was mit Kehlkopf und Kehle zu tun hat.
 
Neben mir sass ein Schweiz-begeistertes Ehepaar aus München-Trudering. Eine angenehme Musikkapelle, die „Pantomics", mit karibisch anmutenden Instrumenten (Blechtrommeln) schuf alle Voraussetzungen für ein frohes und seliges Träumen (aus der 2. Strophe der Hymne). Und als es dann fällig war, den Psalm gemeinsam abzusingen, wirkte der österreichische Kapellmeister Helmut Bale als hervorragender Vorsänger, elektronisch verstärkt. Das war eine starke Leistung. Geübt ist geübt. Das Publikum stand auf, las von der goldfarbenen Einladung ab, brachte die Worte zum Klingen, modulierte mit mehr oder weniger Talent, und erleuchtet von der Abendsonne klar und milde (3. Strophe). Im Chor gehen auch Unebenheiten unter.
 
Wesentliche Elemente der Bibersteiner Bundesfeier sind die im Vollbestand aus 6 kräftigen Herren bestehende Alphorngruppe Biberstein, die uns auch gelegentlich während des Jahreslaufs mit ihren Naturklängen beruhigt. Und zu den fundamentalen Attraktionen gehört auch immer der Jodlerklub Haselbrünneli, der neue Zeitzeichen erfasst hat und diesmal unter anderem den „Siloballen-Blues“ intonierte – bei der Ansage hatte ich das Gefühl, ich könnte mich „verhört“ haben, dachte an einen Simmentaler- oder Zillertaler-Blues, was sich dann aber als Irrtum meinerseits erwies. Der heimatverwurzelte Klub, der sich noch mit K schreibt und von Werner Knörr mit Hingabe und Sinn für die folkloristischen Schönheiten präsidiert wird, schwingt sich unter seiner Dirigentin Trudi Krebs zunehmend zu hocherhabenen Höhenflügen auf. Ein junger Mann, der in Schloss-Heim wohnt, wirkt jeweils als Ko-Dirigent, und selbst wenn er gelegentlich zu eigenwilligen Interpretationen von Jodelliedern kommt, lassen sich die Damen und Herren des Klubs nicht aus dem Konzept bringen. Sie sind es gewöhnt, standhaft zu bleiben, ihren Kurs unbeirrt zu verfolgen.
 
Dass die Schweiz nicht allein von lauen Sommerabenden umschmeichelt, sondern auch von wilden Stürmen durchgeschüttelt wird, haben wir Feierbesucher dann von der freisinnigen Ständerätin Christine Egerszegi-Obrist (63) aus Mellingen AG erfahren dürfen. Die Referentin, in Gesang und Musik ausgebildet, trug die Aargauer Tracht einschliesslich eines Strohhuts mit weit ausladender Krempe und war von 2 stämmigen Jodlern in der Tracht mit schön besticktem Sennenchutteli flankiert. „Brauchen jetzt Ständerätinnen bereits Bodyguards?“ erkundigte sich meine Tochter Anita, die jedes Jahr den Bundesfeierabend in Biberstein als ein Stück Nostalgie besucht.
 
Nun, Frau Egerszegi bietet mit ihrer Sozial- und Gesundheitspolitik, ihren politischen Schwerpunkten, keine so grossen Angriffsflächen, dass sie vor Attentätern geschützt werden müsste. In ihrer Ansprache vermittelte sie zuerst ein Bild von der zerfahrenen weltweiten Situation – Kriege, Klimakatastrophen, Gewalt (Oslo), Elend. Sie liess mit dem Hinweis auf drohende Staatspleiten graue Wolkenmeere auffahren, und wenn ihre Rede gelegentlich durch einen lauten Böllerknall aus der einfältigen Feuerwerkerei, die mich immer an Kriegseinsätze erinnert, untermauert wurde, hatte ich das Gefühl, da sei gerade wieder eine irgendeine Blase geplatzt oder eine Nato-Bombe explodiert. Doch wollte Frau Egerszegi uns nicht einer tiefen Depression entgegentreiben, sondern besang, sogleich zum künstlerisch geschulten Lebensgefühl zurückfindend, den Umstand, dass es uns Schweizern verhältnismässig sehr gut geht, ganz ähnlich wie es Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey in ihren Bundesfeier-Botschaften tat.
 
Wir hätten ein gut ausgebautes Sozialnetz, eine geringe Arbeitslosenquote, von der andere Länder nur träumen können, ein gutes Schulwesen, aber zu wenig Fachkräfte, demokratische Verhältnisse mit Einbezug von allen Schweizern, erträgliche Steuern und was der Lustbarkeiten mehr sind. Wir sind sozusagen gut behütet. Was an Problemen anstehe, sei zu lösen, sagte die Rednerin, als es gerade wieder irgendwo ausserhalb der Schlossmauern knallte; die Herausforderungen seien anzunehmen. Wir allen wollten, stellte sie noch fest, dass alle unsere Kinder in einem freien Land, in einem Rechtsstaat, mit Respekt vor anderen Kulturen aufwachsen können. Die Generationen sollten einander Hilfestellungen geben, wenn immer dies nötig sei. Wäre das demokratische Ringen um Lösungen bisher nicht so erfolgreich gewesen, hätte die Schweiz nicht 720 Jahre alt werden können. Stichworte: Toleranz. Mitdenken. Mitreden. Bereitschaft zum Verzicht.
 
Die Bedrohungen der Schweiz von aussen konnten bei diesem Tour d’Horizont nicht ausgeklammert werden. Die mikrofongewohnte Politikerin liess ausser Acht, dass es dem verschwenderischen Barack-Obama-Regime gerade gelang, die Multibillionenschuldengrenze zu erhöhen und die Ausgabenorgien zu verlängern; was aus den gleichzeitig geforderten Sparmassnahmen wird, kann man sich ausrechnen. Die Dollars, so weit man sie nicht durch deren Schwindsucht zum Verschwinden bringen kann, müssen mit allen kriminellen Tricks von dort beschafft werden, wo es noch etwas zu holen gibt. Das waren an dieser Stelle einfach so meine Gedanken.
 
Allen sei das eigene Hemd am nächsten, warf Frau Egerszegi noch ein und überliess uns dann mit den besten Wünschen wieder dem Gedankenaustausch im engeren Kreis, auf dass ihre Rede, die sie mit grosser Einsatzbereitschaft zusammengestellt hatte, nicht zu einem Kompendium der Allgemeinplätze werde. Denn Bundesfeiern sind ja eher für Standortbestimmungen als für Problembewältigungen da.
 
Wir sprachen mit unseren Tischnachbarn über die Zustände in Deutschland und stellten wie bei vielen ähnlichen Gelegenheiten fest, dass das Unbehagen in unserem nördlichen Nachbarvolk wegen der dortigen, durch die EU- und US-Einflüsse kruden politischen Vorgängen grösser ist als bei uns. In Deutschland seien zu viele Ausländer (rund 9 % beträgt die Ausländerquote), sagte unser Gesprächspartner, und er konnte fast nicht glauben, dass es bei uns mindestens doppelt so viele sind. Wenn jemand ein Musterbeispiel für Toleranz ist – wir Schweizer sind es.
 
Wir sind immer auf der Suche nach ausgewogenen, tragbaren Lösungen, nach der Mitte. Deshalb hatte ich vor den abendlichen Feierstunden am Tages des 1. August 2011 den Mittelpunkt der Schweiz auf der Alp Älggi besucht und zufällig gerade auch noch den Mittelpunkt des Kantons Obwalden gefunden. Darüber werde ich in einem speziellen Blog berichten.
 
Etwas Nabelschau zu betreiben, muss nicht immer sinnlos sein, besonders wenn damit wenig bekannte Ausflugsideen verbunden sind. Wahrscheinlich liegt uns der Nabel noch näher als das Hemd.
 
Anhang
Anschliessend wird der deutschsprachige Wortlaut des Schweizerpsalms (für die übrigen 3 Landessprachen gibt es Übersetzungen) wiedergegeben, um offenzulegen, wo ich meine himmlischen Metaphern zusammengestohlen habe. 
Der Wortlaut des Schweizerpsalms
1. Strophe
Trittst im Morgenrot daher,
Seh' ich dich im Strahlenmeer,
Dich, du Hocherhabener, Herrlicher!
Wenn der Alpenfirn sich rötet,
Betet, freie Schweizer, betet!
Eure fromme Seele ahnt
Gott im hehren Vaterland,
Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.
 
2. Strophe
Kommst im Abendglühn daher,
Find'ich dich im Sternenheer,
Dich, du Menschenfreundlicher, Liebender!
In des Himmels lichten Räumen
Kann ich froh und selig träumen!
Denn die fromme Seele ahnt
Gott im hehren Vaterland,
Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.
 
3. Strophe
Ziehst im Nebelflor daher,
Such'ich dich im Wolkenmeer,
Dich, du Unergründlicher, Ewiger!
Aus dem grauen Luftgebilde
Tritt die Sonne klar und milde,
Und die fromme Seele ahnt
Gott im hehren Vaterland,
Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.
 
4. Strophe
Fährst im wilden Sturm daher,
Bist du selbst uns Hort und Wehr,
Du, allmächtig Waltender, Rettender!
In Gewitternacht und Grauen
Lasst uns kindlich ihm vertrauen!
Ja, die fromme Seele ahnt,
Gott im hehren Vaterland,
Gott, den Herrn, im hehren Vaterland. 
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