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BLOG vom 11.08.2011


Eberesche (Vogelbeere) bei Heiserkeit und Lymphstauungen
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Auf der Wanderung von der Almwirtschaft Knöpflesbrunnen nach Hasbach (siehe Blog vom 30.07.2011: Botanisches (3): Kräuter machen den Frauen schöne Augen) zurück zu unserem Ausgangspunkt entdeckte ich an einem Hang 3 gross gewachsene, prächtige Ebereschenbäume, die sich in Gesellschaft mit anderen Bäumen unseren Augen präsentierten. Wenn ich keinen Knick in der Optik hatte, dann dürfte meine Schätzung im Bereich von 10 bis 15 Metern Wuchshöhe wohl stimmen. Wie ich hörte, werden die Bäume 5 bis 20 m hoch und erreichen ein Alter von bis zu 80 Jahren. In der Regel wächst der Ebereschenbaum (Vogelbeerbaum, Gemeine Eberesche = Sorbus aucuparia) mehrstämmig als kleinerer Strauch.
 
Das wusste ich auch nicht: Es gibt 80 bis 100 Ebereschen-Arten, die zur Familie der Rosengewächse (Rosaceae) und zur Gattung der Mehlbeeren (Sorbus) gehören. Eine Art, die milde Früchte ausbildet, stammt sogar aus meiner Heimat, dem Sudetenland (Mähren). Es ist die Mährische, Edel oder Süsse Eberesche (Sorbus aucuparia L. subsp. Moravia; ehemals var. edulis), die im Ortsgebiet von Spornhau (Ostruznow, Okres Jesenik) in Nordmähren 1810 entdeckt wurde (Hirtenknaben sollen schon 1805 den süssen Unterschied der Beeren herausgefunden haben). Dort soll sie zum ersten Mal veredelt worden sein. Aus Spornhau und dem Nachbarort Peterswald wurden bald darauf Edelreiser und Bäume von dieser Sorte nach Österreich-Ungarn und nach Deutschland ausgeführt. Später wurde die Eberesche immer wieder mit weiteren Arten gekreuzt, um die Fruchtqualität zu erhöhen. Hervorzuheben ist der russische Züchter Mitschurin, der schon 1905 mit den Kreuzungen begann. Daraus entstanden die noch heute bekannten Sorten wie „Titan“, „Burka“, „Granatnaja“, „Likjornaja“ und „Michurinskaja Dessertnaja“ (www.garteninfos.de).
 
Unterschiede leicht erkennbar
Einige Unterscheidungsmerkmale nach Dr. Frank Löser:
 
Gemeine Eberesche: Die Blätter sind bis zum Stielansatz gezähnt, Frucht ist bitter und sauer, wird unter 1 cm gross, matt zinnoberrot, ohne Punkte.
 
Edel Eberesche: Die Edel- oder Mährische Eberesche ist im unteren Drittel des Fiederblättchens ganzrandig; die Frucht ist nicht so bitter, süsssauer, über 1 cm Durchmesser, Früchte sind glänzend Scharlachrot, hellgelb punktiert.
 
Diese Unterschiede konnte ich bei der Heilkräuterexkursion, die von Frank Hiepe am 03.08.2011 in Gersbach (Ortsteil von Schopfheim D) durchgeführt wurde, beobachten. Die Mährische Eberesche oder eine Nachzüchtung von ihr entdeckte ich oberhalb von Gersbach an einem Wegrand und später im Garten von Helena Schmidt („Café zur Kräuterwirtin“; www.cafezurkraeuterwirtin.de). Ich probierte eine Frucht und stellte fest, dass diese doch noch etwas bitter schmeckte. Die Bitterkeit lässt sich also nicht ganz herauszüchten, und das ist gut so, weil Bitterstoffe auch heilsam sind.
 
Die Eberesche besitzt eschenähnliche Blätter. Im Frühjahr entwickeln sich Doldenrispen. Jede einzelne Dolde hat bis zu 100 cremig-weisse Einzelblüten mit langen Staubfäden. Die Eberesche verwendet einen Trick, um die Bestäubung zu ermöglichen. Sie sondert einen für die Menschen unangenehmen Geruchsstoff (Trimethylamin) aus, der besonders Käfer und Fliegen anlockt. Auch Bienen lassen sich nicht von diesem Geruch abhalten, sie saugen den Nektar aus den Blüten heraus.
 
Aus den Blüten entwickeln sich dann die korallenroten Beeren, die eine wichtige Futterquelle für Tiere darstellen. Es ist unglaublich, wie viele Nutzer es für die Beeren gibt. Es sind 31 Säugetier- und 72 Insektenarten, darunter 41 Kleinschmetterlinge und 12 Rüsselkäfer. Eine Delikatesse sind die Vogelbeeren insbesondere für diese Vögel: Singdrossel, Misteldrossel, Rotkehlchen, Mönchsgrasmücke, Kleiber und Gimpel. Der Grünspecht nutzt den Baum als Nistplatz. Da die Samen unverdaut ausgeschieden werden, sorgen diese Tiere für die Verbreitung.
 
Die Beeren spielten in der Volksernährung vor dem Zweiten Weltkrieg eine Rolle. In der ehemaligen DDR mussten die Beeren als Ersatz für andere vitaminreiche Früchte (Zitronen, Orangen) herhalten.
 
Viel Vitamin C in den Beeren
Im Volk hält sich hartnäckig das Gerücht, die Beeren seien giftig. Das stimmt nicht. Die Beeren enthalten zwar Parasorbinsäure, die zu Magenproblemen und Durchfall führen kann. Diese treten auf, wenn grössere Mengen von frischen Beeren verzehrt werden. Durch Frost und Kochen wird diese Säure in Sorbinsäure, die gut verträglich ist, umgewandelt. Gekochte Beeren, Mus oder Marmelade können auch in grösseren Mengen gegessen werden.
 
Die Sorbinsäure hat folgende positiven Eigenschaften: Sie wirkt laut Hintermeier sehr gut gegen Hefen, Schimmelpilze und bestimmte Bakterien.
 
Die Beeren weisen einen bis zu doppelt so hohen Gehalt an Vitamin C auf als Orangen oder Zitronen. Der Gehalt schwankt zwischen 80 und 120 mg Vitamin C je 100 g frische Beeren. Beim Kochen geht etwa ein Drittel des Vitamins verloren. Früher waren die Beeren der Eberesche ein gutes Mittel gegen Skorbut.
 
Die bitter schmeckenden und adstringierend (zusammenziehend) wirkenden Beeren weisen jedoch noch ganz andere Inhaltsstoffe auf, wie Pektin, Sorbit, Zuckerarten, Fruchtsäuren, Mineralstoffe (z. B. Magnesium: 80–150 mg/100 g), Karotinoide und Anthocyane (Farbstoffe), phenolische Verbindungen und Gerbstoffe. Diese Inhaltsstoffe wirken darmreinigend, entzündungswidrig, abführend, harntreibend, lymphanregend.
 
Beeren helfen bei Heiserkeit
Maria Finsterlin lutscht die Beeren bei Halsentzündung.
 
Der Aufguss der getrockneten und zerquetschen Beeren ist ein gutes Gurgelmittel bei Heiserkeit. Eine Teekur ist hilfreich bei Magenverstimmung und Lymphflussstörungen.
 
Eine Tinktur aus frischen Beeren und entsprechende Kombinationen werden bei Lymphknotenschwellung verordnet.
 
Auch Johann Künzle schwärmte von der Vogelbeere. In seinem Werk „Das grosse Kräuterheilbuch“ schrieb er dies: „Die Vogelbeeren besitzen eine unvergleichliche Heilkraft bei Heiserkeit und gänzlichem Fehlen der Stimme, da sie den zähen klebrigen Schleim von den Stimmbändern loslösen.“ Er empfiehlt das Gurgeln eines Auszuges der Vogelbeeren dreimal am Tag.
 
Teebereitung: 1 Esslöffel getrocknete zerkleinerte Beeren mit 250 ml kochendem Wasser übergiessen, 10 Minuten ziehen lassen und abseihen. Bei Bedarf 1 Tasse Tee trinken oder mit dem Auszug gurgeln.
 
Bruno Vonarburg, Schweizer Naturheilpraktiker und Buchautor aus dem Appenzellerland, empfiehlt die Ebereschenfrucht und die Blüten in Form einer Trituration und Blütenessenz bei Mangel an Strebsamkeit, Disposition zu Lymphstauungen, Lymphödemen, Magenverstimmungen, Angina, Heiserkeit und Stimmverlust (entzündlich gereizte Stimmorgane von Rednern und Sängern).
 
In dem neuen Buch „Energetisierte Heilpflanzen“ von Bruno Vonarburg wird die Kombination zweier Techniken vorgestellt. Es sind dies die Trituration oder Milchzuckerverreibung und die Blütenessenz, in welcher der feinstoffliche Anteil der Blüten eingefangen wird. „Zusammen ergeben sie eine Arznei, welche die organischen und psychischen Bereiche des Menschen gleichermassen zu erreichen vermag“, so der Autor.
 
Brauchtum: Von Krankheit befreit
In manchen Gegenden Deutschlands steckt man sich ein Stückchen Holz des Vogelbeerbaums in den Mund. Die Menschen waren überzeugt, man könne sich dann nicht mehr verirren.
 
War ein Vogelbeerholz in der Milchkammer anwesend, wurde die Milch nicht so schnell sauer.
 
Übertragung der Krankheit auf einen Vogelbeerbaum (Hinweis von Herrn Kaiser aus Todtmoos-Lehen): Man bohrte ihn an, steckte ein mit einem Tropfen Blut versehenes Stück Tuch hinein. Man wird von der Krankheit befreit. Wer jedoch dieses entfernt, bekommt dieselbe Krankheit.
 
Beliebtes Holz
Es gibt noch alle möglichen Verwendungsarten der Eberesche. So kann die Borke zum Braun- und Rotfärben von Wolle verwendet werden. Auch dient die Eberesche wegen ihrer Robustheit, grossen Ausschlagfähigkeit und humusverbessernden Eigenschaften als Lawinenschutz. Sie wird auch in der biologischen Wildbachverbauung eingesetzt (http://de.wikipedia.org/wiki/Vogelbeere).
 
Auch das Holz ist sehr beliebt. Das wollte ich genauer wissen. Ich schrieb unsere Bloggerin Rita Lorenzetti-Hess an und bat um Infos. Die holte sie sich von Primo, ihrem Mann, der von Beruf Möbelschreiner und Holzgestalter ist und seit 1959 eine eigene Werkstatt hat. Der Fachmann mit seinem immensen Wissen über Hölzer teilte mir mit, dass das Holz der Eberesche in der Schweiz schon lange für Drechsel- und Schnitzerwaren verwendet wurde und noch heute verwendet wird. Man schätzte das Holz wegen seiner Widerstandsfähigkeit, aber auch, weil es nicht porös ist. Es kann also leicht gebeizt und poliert werden. Wenn das Holz schwarz gebeizt wird, sieht es dem Ebenholz sehr ähnlich.
 
Aber lassen wir Primo Lorenzetti selber zu Wort kommen: „Ich lernte das Holz erst kennen, als ich 1970 einen Auftrag bekommen hatte, dieses für zeitgemässe Büromöbel-Prototypen zu verarbeiten. Man suchte es als Birnbaumersatz in ganz Europa und wurde in Österreich fündig. Ich hatte dieses Holz aber nur als Furnier zu verarbeiten. Es ist hautfarben, lieblich, feinflächig und von grosser Gleichmässigkeit. Es wird für grosse Serien geschätzt, weil Holz von verschiedenen Bäumen leicht kombinierbar ist. Die mit Eberesche industriell hergestellten Büromöbel bewährten sich dann tausendfach.“
 
Sirup, Gelee und Mus
Früher wurde von einer Firma in Deutschland ein Ebereschensirup entwickelt und auf den Markt als eine Arznei bei Leber-Gallebeschwerden gebracht. Er erlag jedoch einem Streichkonzert der Firma. Schade!
 
Ebereschengelee:
Zutaten: 1 kg rote, reife Beeren, 1 Liter Traubensaft, 1,5 kg Zucker, 0,5 kg Einmachzucker, Saft von 2 Zitronen.
Zubereitung: Beeren waschen und säubern, 12 Stunden tiefgefrieren, dann in frisch gepressten Traubensaft mit den übrigen Zutaten kochen.
 
Ebereschen-Marmelade (Mus): Man kocht die Vogelbeeren mit ganz wenig Wasser weich, dann werden sie durch ein Sieb gegeben, um die Kerne abzutrennen, und mit derselben Gewichtsmenge Zucker und einem Schuss Weisswein zu Marmelade gekocht.
 
Marlene Müller aus Ibach (www.energeticum.com) verarbeitet die Eberesche auch zu Gelee. Sie fügt dann etwas Apfelsaft hinzu. Die Zubereitung schmeckt dann nicht so bitter. Sie verwendet die Eberesche deshalb so gerne, weil sie medizinische Eigenschaften hat. „Die Eberesche wirkt blutstillend, leicht abführend, harntreibend und reguliert die Menstruation“, betonte sie in einer E-Mail.
 
Einwecken: Die Mutter von Wanderfreund Walter von Steinen hat die Vogelbeeren eingeweckt. Sie hat die Beeren nach dem ersten Frost gesammelt und auch die veredelten „grossen“ Beeren verwendet. Die Hausfrauen wussten, dass nach dem Frost die Beeren etwas von ihrem bitteren Geschmack verlieren und leicht süsslich werden.
 
Hinweis: Viele Rezepte finden Sie in dem Buch von Ev und Frank Löser (siehe unten: Literatur).
 
Beliebter Likör und Geist
Kaum zu glauben: Findige Likörproduzenten hatten schon lange die Eberesche für die Produktion von alkoholischen Getränken ins Visier genommen. Lange Tradition hat der Vogelbeerschnaps bzw. Vogelbeerlikör im Tirol, in Salzburg und in der Steiermark. In Tschechien gibt es den Jarzebinka und in Deutschland die magenfreundlichen „Sechsämtertropfen“. Der zuletzt genannte Likör mit einem Alkoholgehalt von 33 % Vol. wird aus Heilpflanzen, Beeren (auch Vogelbeeren) und Wurzeln hergestellt. Der Likör, der aus dem Fichtelgebirge stammt, wurde 1895 erstmals durch den Apotheker Gottlieb Vetter erfunden (www.sechsaemtertropfen.de). Diese „Tropfen“ werden heute noch nach der Originalrezeptur hergestellt. Der würzig-feinherbe Geschmack rührt von der Vogelbeere her.
 
Im Erzgebirge gibt es eine Firma (www.lautergold.de), die Spirituosenspezialitäten wie Vogelbeertropfen (Wildfrucht-Kräuterlikör mit einem Alkoholgehalt von 35 % Vol.) und einen Vogelbeergeist (Alkoholgehalt 40 % Vol.) produziert.
 
Das dürfte die Schnapsbrenner interessieren: Aus den wild heranwachsenden Beeren lassen sich 2,7 Liter reinen Alkohol je 100 Liter Maische herstellen. Bei Kultursorten, die mehr Zucker enthalten, ist die Ausbeute besser: Sie beträgt 4,5 Liter pro 100 Liter Maische.
 
Literatur
Löser, Ev und Frank: „Die Eberesche (Vogelbeere“, Verlag Rockstuhl, Bad Langensalza 2010 (www.verlag-rockstuhl.de).
Vonarburg, Bruno: „Energetisierte Heilpflanzen“, AT Verlag, Aarau 2011 (www.at-verlag.ch).
 
Hinweis auf Blogs über Frühjahrskräuter
 
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