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BLOG vom 17.08.2011


Wespenstich in den Zungenrand: Reine Platzfrage im Mund
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Der Wespen-Jahrgang 2011 scheint exzellent zu werden. Diese talentierten Fluginsekten und Zustecher zeigten sich am Samstag, 13.08.2011, von einer grandiosen Vitalität, ja geradezu überbordenden Angriffslust.
 
Mein Bruder Rolf P. Hess weilte bei uns zu Besuch, und Eva hatte ein frisch grilliertes Freilauf-Güggeli beim Restaurant „Jägerstübli“ in Biberstein AG besorgt, wo sich in Jeannette’s Güggeli-Wagen die Spiesse drehten. An der Mittagssonne vor unserem Haus in Biberstein taten wir uns am Poulet, am Trockenreis, an den saftigen, mit Käse, Paniermehl und Kräutern überbackenen Tomaten, am Salat und am Rosé gütlich. Nichts schien das Idyll beleben oder gar trüben zu können. Allseits wurden die Saftigkeit und Schmackhaftigkeit des Fleischs und die Qualität des Biosalats aus dem eigenen Garten gelobt.
 
Als ich ein Stück Tomate in den Mund schob, flog sozusagen in dessen Windschatten eine quirlige Wespe, wahrscheinlich eine Gemeine Wespe (Vespula vulgaris), in meine Öffnung, die normalerweise nur der Nahrungsaufnahme und der Hervorbringung von Lauten dient. Bevor ich das Insekt aus der Mundhöhle herausholen konnte, hatte es schon in den linken Seitenrand der meiner Zunge gestochen. Unverzüglich breitete sich ein ziehender Schmerz bis übers linke Ohr hinaus aus, und ich beeilte mich, mein Essen fortzusetzen, denn das Anschwellen der Zunge würde das ja später sehr beschwerlich machen, wenn nicht gar verunmöglichen.
 
Eva schien sehr besorgt zu sein und schaffte eine ein Glas Wasser heran, in dem eine Kalzium-Brausetablette aufgelöst war. Rolf seinerseits informierte sich via iPad im Internet über meine Überlebenschancen, die er auf über 40 Prozent (Durchschnittswert) ansetzte, und ich versprach, diese immerhin beträchtliche Chance, mein Leben fortsetzen zu können, in vollen Zügen zu nutzen. Das Essen fand seinen geordneten Fortgang nicht mehr. Das Wespenstich-Event zog alle Aufmerksamkeit auf sich, was mir nichts als peinlich war. Ich wollte doch nicht im Mittelpunkt stehen.
 
Inzwischen vergrösserte sich das Volumen meiner Zunge kontinuierlich. Es stellten sich die ersten Sprechschwierigkeiten ein, beginnend mit einem Lispeln, die sich dann zu einem effektiven Anstossen der Buchstaben an einer im Wege stehenden Hautpartie und des zunehmenden Verlusts der sprachlichen Möglichkeiten ausweiteten; immer mehr Buchstaben und Silben konnten nicht mehr verständlich wiedergegeben werden. Eine zusätzliche komische Nummer, die so nicht geplant war. Ich weiss jetzt, wie schwer es Leute mit Sprachbehinderungen haben; ich werde ihnen in Zukunft noch verständnisvoller begegnen. Der Sprachverlust veranlasste mich, vermehrt zu einer unbeholfenen Gebärdensprache überzuwechseln, was mein Betreuer-Duo als zusätzliche Belustigung empfand, wobei ein gewisser Galgenhumor unverkennbar war.
 
So lange ich noch etwas hervorbringen konnte, stellte mir Rolf die Frage, in welches Spital ich allenfalls überliefert werden möchte und wo man meine Asche anschliessend begraben könne. Ich zeigte auf die betreffende Stelle in der Nähe meines aus einem Liegestuhl bestehenden Krankenlagers. Das Ruhen in Frieden wurde eingeleitet: Ich solle nur schön ruhig bleiben, mich auf dem Liegstuhl entspannen, sagte Eva, die mir kühlende Eisbeutel auf die Wange legte, weil dafür im Mund gerade kein Platz mehr frei war. Aktion Geschwulstbekämpfung nach bewährter Hausmacher-Methode.
 
Meine innere Anspannung hatte sich vorher tatsächlich aufgebaut, weil mich Rolf über die Handhabung des iPads 2 (neueste Generation) aufgeklärt hatte. Wie er mir in der 2. Hälfte der 1980er-Jahre bei einem meiner Besuche in Hongkong einen Laptop förmlich aufgezwungen hat (ich durfte immerhin noch den mir zusagenden Bildschirm und damit die Marke auswählen), so entschied er sich jetzt, dass ich unbedingt ein iPad haben müsse. Darauf wäre ich nicht selber gekommen. Die Möglichkeiten seien sensationell, schwärmte er.
 
Gewisse Installationsschwierigkeiten ergaben sich, weil ich nicht unter einem zusätzlichen Dauerbeschuss von Elektrosmog stehen möchte und der Wireless-G Travel-Router nur eingeschaltet wird, wenn ich das iPad tatsächlich benütze. Der Rest hat wie bisher über meinen Kabelsalat zu geschehen. Das war meine Bedingung. Ich sei wahrscheinlich noch der Letzte, der auf diese altertümliche Weise kutschiere, sagte Rolf, der fast 10 Jahre jünger als ich ist, schon von Kindsbeinen an durch eine ausgesprochene Begabung im Umgang mit technischen Geräten auffiel – ganz im Gegensatz zu mir. Und dementsprechend stresst es mich immer, wenn ich zu einem neuen technischen Fortschreiten gezwungen werde und dabei als Technik-Banause auffalle. Ich habe während Rolfs Instruktionstätigkeit einiges über die iPad-Behandlung aufgeschrieben, worüber Rolf, ein Geduldsengel, schmunzelte. Sein noch nicht ganz 3-jähriges Grosskind Olivia in London schaffe den Umgang mit dem iPad problemlos, erfuhr ich. Der ultimative Tiefschlag.
 
Informationstechnik (IT) hin oder her – meine Zunge wuchs unverdrossen weiter. Während ich mich langsam auf die reine Nasenatmung vorbereitete, weil der Erstickungstod sehr ungemütlich sein muss, bot mir Rolf eine Claritin-Tablette (Loratadin) an, ein Antihistaminikum, wie es ganz Amerika während der Zeit der Allergienblüte fresse, wie er beifügte. Das tönte wie: „Nur Mut!“
 
Bereits diese Ankündigung löste bei mir einen gewissen Brechreiz aus. Erstens bin ich kein Allergiker und zweitens kein Amerikaner. Bevor ich meine Abwehrfront vollständig aufgebaut hatte, wurde mir solch eine Tablette in den Mund gestossen, soweit in der Höhle überhaupt noch Platz war. Medizinisch spricht man in solchen Fällen von Zwangsmedikation. Sie verhinderte immerhin, dass Eva mein Elend einer Apotheke unterbreitete – ich wollte dieses Event nicht noch ausgeweitet haben.
 
Es war echt spannend, zu beobachten, wie sich eine Zungenvergrösserung auf deren Besitzer auswirkt. Ich hatte das Gefühl, dass meine noch gut erhaltenen Zahnkränze immer enger würden und in der Wölbung des Gebisses die Zunge immer weniger Platz finden würde. Auch das Zahnfleisch – so hatte ich das Gefühl – war angeschwollen, und manchmal vermutete ich, die hinteren Zähne seien nicht mehr dort, wo sie eigentlich hingehören, stünden ungeordnet im Mund herum.
 
An ein Essen und Schlucken war in diesem Zustand nicht mehr zu denken. Rolf hatte über das Herumgoogeln mit dem iPad herausgefunden, dass Wespenstiche etwa 20 Mal giftiger als Bienenstiche sind. Das Wespengift enthält Hyaluronidase, die Phospholipase A und die Phospholidase B, welch letztere eine wespentypische Spezialität ist. Rolf korrigierte seine Überlebenschancenberechnung deutlich nach unten (32 Prozent). Eva holte im Laufschritt ihre homöopathischen Notfalltropfen, flösste sie mir ein, noch bevor die Kirche Aarau-Rohr auf der anderen Aaretalseite das letzte Stündlein schlug.
 
Mein Bruder seinerseits interessierte sich für den Zustand meiner Jumbo-Zunge sehr und bat mich, sie möglichst weit herauszustrecken, um ihm Anschauungsmaterial zu bieten. Ich zwängte sie zwischen Unter- und Oberkiefer durch und erhielt reichlich Bewunderung für die Dimension dieses von empfindsamen Geschmackspapillen umgebenen Muskelkörpers. Rolf liess sich die Gelegenheit nicht entgehen, holte seine Kamera, um das Prachtstück von Zunge für die Nachwelt zu verewigen. Das Resultat waren jämmerliche Bilder (was sich auf deren Aussage bezieht) – mir schien der ganze Kopfbereich unförmig geworden zu sein, wozu auch ein Doppelkinn beitrug, das durch Schwellung entstanden war und Tage brauchte, um sich zurückzubilden. Die Bilder erinnerten an jene, die mit Hilfe des iPad-APPs „Photo Booth“ gemacht werden können. Dieses Werkzeug wurde dafür geschaffen, unter anderem verschiedene bildverzerrende Effekte zu erzielen, Köpfe zu verformen. Grausam. Ich hatte von solchen Manipulationsmöglichkeiten soeben erfahren.
 
Um den Nutzen eines Apple-iPads zu demonstrieren, hatte mein Bruder einen Artikel aus dem WWW aufgerufen, in dem über die Gefahren und Auswirkungen von Wespenstichen nachgelesen werden konnte. Darin wurde von Schwindel, Übelkeit und Kreislaufversagen berichtet – Extremfall: Kreislaufkollaps –, wofür ich mich natürlich nicht hergeben wollte. Ich blieb bei Sinnen, aber Eva stellte fest, ich sei schon etwas bleich im Gesicht.
 
Jetzt reichte es mir. Das Drama sollte sich nicht weiterzuspitzen. Von früheren Bienenstichen und einer schmerzvollen Hornussattacke her wusste ich, dass es mir gelingt, innerhalb von 2 bis 3 Stunden die Geschwulst rückgängig zu machen. Und kurz bevor auch noch mein Hals zuwuchs, spürte ich einen leichten Rückgang der Anspannung im Mund, so dass es mir sogar noch gelang, eine weiteres Glas Wasser mit einen Ca-Brausetablette an der Zunge vorbei in den Hals zu schleusen. Ich sah sozusagen Licht am Ende des Tunnels. Die Geschwulst des Zahnfleischs und der Zunge bildetet sich von Minute zu Minute mehr zurück, und schon nach etwa 20 Minuten konnte ich wieder einen verständlichen Satz aussprechen, was mir die gebührende Bewunderung eintrug. Ich fühlte mich etwas matt, müde, schläfrig – eine Claritin-Folge . Doch hatte ich jetzt genügend herumgelegen, und das Event „Wasp Sting“ (Wespenstich) konnte abgeschlossen werden
 
Die iPad-Show konnte weitergehen. Ihr schloss sich am Abend noch der 3D-Film „Kung Fu Panda 2“ an, wozu wir von einem freundlichen Bekannten eingeladen wurden, um auch in kinematografischer Hinsicht den Anschluss nicht zu verpassen . Mit der (Zungen-)Dreidimensionalität hatte ich ja gerade Erfahrungen gemacht.
 
Über den Film werde ich in einem speziellen Blog berichten. Vorerst nur soviel: In jenem Werk Hollywood’scher Prägung rasen neben anderen Geheuern und Ungeheuern Rieseninsekten über die Grossleinwand. Ich hatte nichts mehr zu befürchten, ist doch mein Immunsystem wieder auf Hochform getrimmt worden.
 
In diesem Sinne hat das Wespenjahr für mich ausnehmend gut begonnen, um es etwas geschwollen auszudrücken. Wir alle haben den Auftakt sehr genossen. Rolf bedankte sich soeben aus einiger zeitlicher und geografischer Distanz für den anregenden Aufenthalt im „Wäschpi-Nescht“.
 
Tatsächlich. So viel Action kann ich nicht immer bieten.
 
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