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BLOG vom 18.08.2011


Ku Fung Panda 2: Verloren in der 3. Grossformat-Dimension
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
An der Kunstausstellung ART 42 in Basel ist mir aufgefallen, wie sich das Kunstschaffen immer grösserer Formate – der Übergrössen – bedient. Entsprechend schwierig ist es, die dazu passenden Wände oder Räume aufzutreiben. Selbst Menschen werden immer länger, Fernsehbildschirme ihrerseits legen an Fläche zu. Das Grössenwachstum ist ein Zeichen dieser Zeit, die ausser Rand und Band gerät. In der Natur tragen Übergrössen immer den Keim der Zerstörung in sich. Ein Gänseblümchen ist sturmfester als ein 30 Meter hoher Baum. Irgendwo stösst das Wachstum an, und dann beginnt der Zerfall.
 
Die Kinoleinwände sind nicht nur in 2, sondern 3 Dimensionen gewachsen: 3D-Filme auf Grossleinwand repräsentieren die aktuellen filmtechnischen Möglichkeiten. Besonders attraktiv werden die wuchtigen Bilder, wenn sie im Freien abgespult werden, in einer Umgebung also, die nicht durch Wände begrenzt ist, wo man nicht ins Kinodunkel eingesperrt ist. Seit 20 Jahren wird jeweils im Hochsommer das „Aarauer OpenAir Kino“ eingerichtet, das in der Pferderennbahn im Schachen installiert wird, gesponsert von UBS und Coop. Ein netter Bekannter, der meine Bildungsdefizite kennt, Peter Vogt, lud Eva und mich freundlicherweise zu diesem Kino-Abend auf den 13.08.2011 ein, der sonst spurlos an mir vorbei gegangen wäre, um uns etwas Besonderes, Unbekanntes zu bieten.
 
Man muss im reiferen Pensionistenalter immer darnach trachten, den Anschluss an die Moderne nicht zu verlieren, und deshalb nahmen wir die Einladung gern an. Wir wurden via ein delikates Buffet und ein Glas leichtfüssigen „Hasenbergler“-Riesling×Sylvaners gestärkt zur Rennbahn-Tribüne geleitet, nicht ohne eine 3D-Brille aus schwarzem Plastik gefasst zu haben, an der sich kein Designer ausgelebt hatte. Wir durften den besten Platz, genau gegenüber der Leinwandmitte, auf einer langen, auffallend schmalen Bank beziehen. Aus meiner Zeit als Pressechef der Aarauer Pferderennen in den 1960er-Jahren weiss ich noch, dass Jockeys nur eine limitierte Grösse haben dürfen, und ich nehme an, dass sich das auf das ganze Volk der Pferdefreunde auswirkte und das nicht ohne Folgen für die Dimension der Sitzgelegenheiten blieb.
 
Das Tageslicht verabschiedete sich allmählich, und der vor uns liegende Hungerberg (am Jurafuss im westlichen Aarau) jenseits der Aare dunkelte nach. Auf der Grossleinwand erschien die bekannte Fernsehwerbung, nur eben grösser im Format. Schon eindrücklich (das Format, nicht die Werbung). Die fotografische Technik ist auf einem hohen Stand – schon bisher kam ich mit ständigen Käufen verbesserter Kameras kaum nach.
 
„Jetzt bitte Ihre 3D-Brille aufsetzen“, las man in grosser Schrift auf der Leinwand, wobei ich nicht sicher bin, dass Lein im Spiele war. Das Filmspektakel namens „Kung Fu Panda 2“, das am 26.05.2011 veröffentlicht wurde und also taufrisch ist, begann. Zur Einstimmung flogen grosse rote Kugeln auf das Publikum zu. Wow. Sie stoppten aber kurz vor dem Auftreffen, wahrscheinlich eine Folge von Sicherheitsbestimmungen.
 
Dann stellten sich „Die furiosen Fünf“ in ihren 3 Dimensionen vor, insbesondere der Panda Po mit dem kugelförmigen Leib und dem ebensolchen Kopf, aus dem gutmütige, schwarz umrandete Augen melancholisch ins Publikum schauten. Er schien mit uns Zuschauern Bedauern zu haben. Seine Rundungen waren als Folge der von Mutterseite geförderten und befriedigten Fresslust zu erkennen. Ein regelrechter kuscheliger Tollpatsch, der aber voller Vertrauen auf seine Kraft und die Macht des Vorsehung ist – echt amerikanisch. Daraus entsprangen einige Gags, welche für die seltenen Lacher im Publikum sorgten. Pandas Kugelform ist für die stereoskopische 3D-Technik besonders geeignet. Eine gelegentliche Identitätskrise des Helden ist in diesem oft mit Banal-Psychologie unterlegten Film nicht ausgeschlossen.
 
Die restlichen computeranimierten Vier (aus den filmtechnischen Labors von DreamWorks Animation) bestehen aus seinen Freunden Tigress (Tigerdame), Mantis (Insektenart vom Typ der Gottesanbeterin), Viper und Monkey (Affe). Gorillas müssen auch als Bodyguards herhalten. Der tierische Kung-Fu-Kämpfer, der Pandabär Po muss, angeblich wie im 1. ähnlichen Animations- oder Trickfilm aus dem Jahr 2008, wieder gegen einen Feind kämpfen, diesmal gegen einen neuen. Das Strickmuster bleibt.
 
Die Zuschauer erfahren, dass die Feder mächtiger als das Schwert sei, womit allerdings nicht die Schreibfeder gemeint ist, sondern die Federn des Pfauenkönigs Lord Shen, der die Kung Fus (Pandas) im Tal des Friedens ausrotten will, vielleicht eine Erinnerung an den Umgang der Amerika-Einwanderer mit den Büffelherden. Man hat diesmal das Gefühl, es gehe unterschwellig um den Kamp der guten Amerikaner gegen die bösen Asiaten mit dem Wunsch nach Eroberungen. Auf die Faszination für China deuten die oft herrlichen Szenenbilder hin – mit Einbezug der nachgebauten Verbotenen Stadt in Peking. Selbst das Yin-Yang-Symbol blitzt gelegentlich auf, die Vereinigung von Gegensätzen andeutend.
 
Es kommt zur unvermeidlichen Serie von wilden Kampfszenen wie immer, wenn die Amerikaner ihre Hände im Spiel haben. Die Balgereien verlaufen so turbulent, dass man nur einen kleinen Teil der filigran ausgearbeiteten Einzelheiten überhaupt erkennen kann. Auch die spärlichen Gags gehen im Getümmel beinahe unter. Schiesspulver-Feuerwerkereien, für die der böse Pfau eine ausgesprochene Vorliebe entwickelt hat, sorgen für grelle Effekte, um die Möglichkeiten der 3D-Optik auszukosten.
 
Dieses Hollywood hat sicher die besten Trickfilmtechniker aus aller Welt zusammengetrommelt, die ihre Talente dreidimensional zur Schau stellen durften. Doch kann sich dieses technisch hochstehende und geistig offensichtlich vollkommen vertrottelte Hollywood einfach nicht vom infantilen Gut-gegen-Böse-Schema befreien, eine folgenschwere Geisteskrankheit. Gegen diese müsste einmal Kung-Fu-Kämpfer antreten – diesmal nicht gegen das Böse, sondern gegen das Blöde. Wieder einmal ist es nicht gelungen, den vermenschlichten Tierwesen eine Persönlichkeit zu geben, abgesehen von einer rührenden Szene, in der die Mutter im Rückblick (Flashback) den Panda über seine Herkunft aufklärt. Sonst ist alles undifferenziert, grobklotzig, einfältig, herumtollende Figuren, Zeichnungen aus dem Kinderbuch fürs Vorschulzeitalter. Wer einen Hollywoodfilm gesehen hat, hat alle gesehen.
 
Ein Kenner, mit dem ich über dieses Filmerlebnis sprach, gestand mir, es gebe keinen einzigen 3D-Film aus Amerika, der neben der fulminanten Technik irgendwelche Substanz zu bieten habe – einschliesslich „Avatar“, dem nachgesagt wurde, er habe das Kino verändert (wahrscheinlich bloss technisch).
 
Im Film „Kung Fu Panda 2“ sind einige wenige Landschaftsaufnahmen während einer streng limitierten Anzahl von Sekunden zu sehen, die erkennen lassen, was für grandiose Chancen bestünden, würde man diese Filmtechnik zu intelligenteren Zwecken als Kampfgetümmel einsetzen. Das bezeichnende Beispiel für diese Aussage ist die Abbildung von einem Abhang mit Reisterrassen, in denen Asiatinnen arbeiten, die am Kung-Fu-Filmende noch eingefügt wird: ein Bild von unendlicher Schönheit, dank Tiefenwirkung noch eindrücklicher. Die Landschaft ist 1:1 da, die Leinwand verschwunden. Ist es ja nicht verboten, auch 2D-Fotografien ins 3D-Format umzufunktionieren, um sich wieder der Wirklichkeit anzunähern.
 
Würde man mit solchen technischen Mitteln menschliche Schicksale in ihrer Umgebung subtil nachzeichnen, der Effekt wäre gewaltig. Doch einmal mehr verpassen die unterhaltungsindustriellen Amerikaner die Gelegenheit, etwas Geistreiches zu tun. Ich habe es inzwischen aufgegeben, auf so etwas zu warten, auch in Bezug auf die aktuelle US-Politik, die sich ebenfalls im Kanonendonner, im Kampfgetümmel und in pfauenhafter Feuerwerkerei verliert. Dafür verdummt sie Milliarden und schaut am Ende so vertrottelt aus der Wäsche wie der Kung-Fu-Panda. Auf diese Weise ist die Welt nicht zu retten. Auch an den inneren Frieden kommt man so nicht heran, mit dem laut dem Pandabär Feinde gestoppt werden könnten.
 
Trotz alledem haben wir diesen nie langweiligen, milden Abend an der frischen Luft genossen. Der Film hat alte Ansichten bestätigt und neue Einsichten geboten. Die Tribünenbänke waren mit weichen UBS-Kissen belegt, und unter solchen Umständen wurde selbst Hollywood erträglicher.
 
Um ein Haar hätte ich noch etwas lernen können: Pandas sollte man nicht ausrotten. Doch wusste ich das schon von den WWF-Kampagnen her.
 
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