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BLOG vom 23.08.2011


Paris (1): Meditative Reise und Empfang im Gare de l'Est
Autorin: Rita Lorenzetti, CH-8048 Zürich
 
Diesmal verlief vieles anders. Primos Beobachtung von früheren Reisen nach Paris wiederholte sich nicht sofort. Es hiess da, ich sei jedesmal ein anderer Mensch, wenn ich die Grenze zu Frankreich passiert habe. Quirliger, erlebnishungriger, lustiger. Dem riesigen Adler gleich, nach dem wir jeweils in Saint Louis ausschauen. Die mächtigen Flügel zum Abflug ausgebreitet, bewacht er das Museum für Gegenwartskunst im ehemaligen Weinlager von „Fernet Branca“. Und er stellt, auf der Weltkugel sitzend, das Logo dieser Firma dar. Eine imposante Erscheinung.
 
Abfliegen wollen und doch an einen Ort festgebunden sein, in solchem Spannungsfeld fühlte ich mich diesmal beim Grenzübergang. Wir hatten gerade bemerkt, dass Primo die Identitätskarte nicht auf sich trug. Wohl dachten wir ans Schengen-Abkommen, das die Grenzen in Europa öffnete, aber da kam doch die Grenzpolizei in unseren Bahnwagen. In stoische Ruhe versunken, fragten wir uns, was auf uns zukomme. Es wurde aber nur eine Person und deren Gepäck von 3 Grenzwächtern sorgfältig überprüft. Wir blieben unbehelligt, aber auch weiterhin still.
 
Nach Strasbourg führte die Reise im TGV-Hochgeschwindigkeitszug durch die Champagne. Diese Route ist neueren Datums und führt durch riesige Felder auf sanften Hügeln. Sie waren grösstenteils abgeerntet und zwischen den verbliebenen Getreidstorzen wuchs schon wieder zartes Grün. Einen solchen Farbteppich beige-silber-grün würde ich gern für meine Stube erwerben, wenn es ihn gäbe. Von solchen Bildern begleitet, erlebten wir die Reise meditativ. Nach 5 Stunden waren wir schon in Paris.
 
1958/59, als ich in Paris arbeitete, benötigte die Bahnreise ab Zürich noch 10 Stunden. Ich erinnere mich an Halte in grösseren Städten, wo den Reisenden auf rollenden Verkaufswagen vom Perron aus Zwischenverpflegung und sogar mit Kapok gefüllte Kissen angeboten wurden. Damals gehörten zum Reisen auch Zufallsbekanntschaften im selben Abteil und Gespräche mit ihnen. Heute schläft man in der Bahn. Die Landschaft wird kaum mehr bewusst wahrgenommen. Dies meine Erfahrung, auch in der Schweiz. Ausgenommen sind gut informierte Touristen, die wissen, wo die landschaftlichen Schönheiten zu erwarten sind.
 
Im Zug reiste auch eine japanische Reisegruppe. Die meisten schliefen. Der Reiseleiter sass mir gegenüber. Als er seine Papiere geordnet, alle Informationen verteilt hatte, zog er eine eng anliegende Brille aus Stoff über die Augen und tauchte ab in einen ruhigen Schlaf. Ich dachte auch Tage danach noch an diese Reisenden und frage mich jetzt wieder, wie man solche Monstertouren in fernste Länder und zu touristischen Höhenpunkten erträgt. Wie verkraften Herz und Kreislauf die ständig wechselnden Höhenunterschiede und die wechselnden Wettereinflüsse? Was kann überhaupt wahrgenommen werden?
 
Im Abteil uns gegenüber hatten sich eine Grossmutter, ihre Tochter und 2 Enkelkinder aus Basel eingerichtet. Die beiden Frauen strömten eine liebenswürdige Präsenz und auch Gelassenheit aus, die sich auf die Kinder übertrug. Das vielleicht 10-jährige Mädchen strickte an einem Schal, und der kleinere Bruder füllte Bilder in einem Malbuch aus. Es wurden Rätsel gelöst, Proviant gegessen, Fingerspiele gemacht und auch ein bisschen gedöst. Sobald aber die ersten Häuser der Pariser Banlieue sichtbar wurden, erwachten alle, auch die Reisenden aus Japan und das Mädchen von nebenan. Es fragte nach der Sprache in Paris: Ob sie frankrichisch heisse (aus dem Wort Frankreich abgeleitet). Solche Fragen gefallen mir.
 
Paris! Auch Primos und meine Lebensgeister erwachten. Das markante Häusermeer hiess uns willkommen. Ebenso unsere Tochter Felicitas und ihre Töchter. Mena und Nora schauten am Perroneingang nach uns aus. Als sie uns erkannten, rannten sie los, uns zu begrüssen und zu umarmen. Nora, 5-jährig, ist besonders dem Grossvater zugetan. Darum rief sie, schon während sie uns entgegenlief: „Dä Gropi isch für mich. Dä Gropi isch für mich“ (Der Grossvater sei für sie reserviert).
 
Nora sorgte auch sofort für einen Ersatz, als wir erzählten, dass Gropi die Schweizer Identitätskarte zu Hause liegen gelassen habe. Sofort stellte die 5-Jährige eine Ersatz-ID für ihn aus. Auf einem mit der Karte vergleichbar grossen Papier zeichnete sie das Porträt ihres Grossvaters. Die Fröhlichkeit in Person. Stimmt. Ich staune immer wieder, wie Kinder im Vorschulalter mit wenigen Strichen Stimmungen festhalten können. Hier das lustige Gesicht, das vom Wind aufgestellte Haar (man nannte ihn zeitweise Tintin), die grosse Nase, die ausgestreckten Arme und rund um ihn schwebende Kugeln, die als lustige Einfälle zu deuten sind.
 
Dieses Papier kam in die Brusttasche jedes Hemds, das er in Paris trug. Es erwies sich als wichtiger Datenträger. Auf der Rückseite vermerkte uns Felicitas ihre Telefonnummer, ihren Haustürcode, die Strasse und Hausnummer unserer Ferienwohnung und auch deren Haustürcode.
 
Nach 3 Tagen traf Primos ID im Original in Paris ein. Die in Zürich zurückgebliebene Tochter Letizia hatte dafür gesorgt. Dass wir von einander Haustürschlüssel besitzen, hat sich nicht zum ersten Mal als hilfreich erwiesen.
 
Hinweis auf die vorangegangenen Paris-Blogs von Rita Lorenzetti
 
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