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BLOG vom 27.08.2011


Paris (3): Velofahren und austoben, wo es gestattet ist
Autorin: Rita Lorenzetti, CH-8048 Zürich
 
Nora hatte alles ganz liebenswürdig arrangiert. Auf ihrem Hochsitz stand ein illustriertes Liederbuch, und auf dem Tisch lag ihr Abspielgerät, aus dem Lieder und Gedichte ertönten, die Primo und ich vor einiger Zeit für sie aufgenommen hatten. Verschmitzt sah sie mich an und freute sich, dass ich meine Stimme erkannte. Dann suchte sie im Liederbuch entsprechende Bilder, die zu unserem Gesang oder den Versen passten. Für solche Momente gibt es eigentlich keine Worte. Da gibt es nur das übereinstimmende, glückliche Gefühl. Und dieses machte den Abschied nachher schwer.
 
Wir waren gekommen, um Mena abzuholen, nicht um mit Nora zu spielen. Als sie bemerkte, dass sie bei der Mama bleiben musste, wurde sie wütend und traurig. Ich konnte sie gut verstehen, musste aber auch einsehen, dass wir einer 5-Jährigen die bereits beschriebene Tour mit Mena als Reiseleiterin nicht hätten zumuten können.
 
In solchen und ähnlichen Situationen rettete der Schwiegersohn die Situation. Nora durfte dann mit ihm ausfahren. Da war sie die Königin. Mit Velohelm, Ellbogenpolster und Knieschoner, gut gesichert im Kindersitz. Da strahlte sie. Sie war sich bewusst, dass diese Fahrten auf seinem Fahrrad nur ihr zustanden. Alle anderen mussten sich aus eigener Kraft fortbewegen.
 
Velofahren in Paris ist populär geworden. Im Internet sind alle Angaben unter Fahrrad-Verleih Paris abzurufen. Dort ist auch zu erfahren, dass in dieser Grossstadt zur Zeit beinahe 400 km Radwege zur Verfügung stehen.
 
Wenn wir alle zusammen als Familie ausfuhren, blieben Fussgänger manchmal stehen. Vom Schwiegersohn angeführt, schlängelten wir uns als geschlossener Konvoi über Velowege und Verkehrsachsen aus dem Stadtverkehr hinaus.  Beispielsweise zum Park de la Villette. Felicitas auf dem Trottinett, Nora auf ihrem kleinen Zweirad, das wie ein Anhänger am Velo von Bappa fest montiert war.
 
Der Park de la Villette ist eine riesige Anlage auf dem ehemaligen Schlachthof von Paris. Wo früher Tiere getötet wurden, wird heute das Leben gefeiert. Auf den riesigen Grünflächen, in der Konzerthalle, dem Museum und Bibliothek. Mit ständig wechselnden Veranstaltungen. Dieser Ort kann übrigens auch mit dem Ausflugsschiff aus der Innenstadt über den Canal Saint Martin erreicht werden.
 
Hier hielten wir uns lange auf einem asphaltierten Platz auf, wo die Kinder mit Mama zusammen ihre Schleifen zogen. Nora hatte erst kürzlich gelernt, ohne Stützräder Velo zu fahren. Jetzt war sie im Element, fühlte sich der grossen Schwester ebenbürtig. Sie pfeilte los und lag in die Kurven. An diesem Ort war es ruhig. Der Platz gehörte uns lange allein.
 
Ganz anders im Bereich, wo sich die Kinder mit sportlichen Spielgeräten austoben können. Herausragend das neuartige, übergrosse Trampolinfeld. Hergestellt aus schlauchartigen Gummituch-Matratzen. Noch nie so gesehen. Der Lieblingsort aller gerade anwesender Kinder. Begehrt aber auch ein Tretrad, eine Schwungseilbahn, das Mäuselaufrad für Kinder, eine Ballspielanlage, ein Feld mit verschieden hohen Poldern (Hocker) zum darüber Hüpfen usw. Die Installationen sind verschiedenen Altersgruppen zugeordnet und entsprechend bezeichnet.
 
Der Andrang war gross. Die Kinder mussten in Warteschlangen anstehen, sich in Geduld üben. Am Tag unseres Besuchs geschah das vorbildlich. Und dann, wenn sie am Ziel ihrer Wahl angekommen waren, warfen sie sich ins Spiel, lachten und schrien. Was für eine fröhliche Ausgelassenheit! Das Gekreische der vielen Kinder in Ekstase.
 
Ich weiss nicht, ist die geschaute, überschäumende Fröhlichkeit darauf zurückzuführen, dass Kinder in Grossstädten in ihrem natürlichen Bewegungsdrang zurückgebunden sind und solchen Ausgleich brauchen. Hier gibt es keine kindergerechten Schulwege, keine Möglichkeiten, Entdeckungen ganz allein zu machen. Hier muss man aufpassen und spuren. Das trifft die Kleinen am meisten. Hier werden Kinder lange begleitet.
 
Oder öffnen uns die exaltierten Kinder hier ein Fenster in die Zukunft und zeigen uns eine hoch gespannte Menschheit, wie sie immer neue technische Erfindungen dazu benützt, um sich in rauschhaften Zuständen zu erholen?
 
Hinweis auf die vorangegangenen Paris-Blogs von Rita Lorenzetti
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