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BLOG vom 01.10.2011


Musse in Davos – wenn der Ort nicht seine WEF-Tage hat
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Was ist Davos GR ohne das Weltwirtschaftsforum (World Economic Forum, WEF)? Vom 26. bis zum 30.01.2011 fand das 41. Treffen der tonangebenden Personen statt, die den Gebirgswinter erlebten und in gut beheizten Räumen „Gemeinsame Normen für eine neue Realität“ suchten. Weil niemand so genau weiss, wie diese sich ununterbrochen ändernde neue Wirklichkeit wirklich aussieht, verlief auch die Normensuchaktion im Sand, bzw. Schnee.
 
Kongresstourismus und noch mehr
Als Kurort lebt Davos mit und von solchen Treffen. In den wärmeren Monaten wird der Ort jeweils für den nächsten Grossanlass herausgeputzt, und nebenher zehrt man vom Werbeeffekt vorangegangener Kongresse und bittet zum Beispiel zum „Sommerurlaub in den Bergen“. Nur in der Zeit der Schneeschmelze, in der man nicht mehr skifahren kann und das Wandern auf durchnässten Böden den Schuhen zusetzt, sind die Gäste rar. Man hat und gibt sich Mühe, nutzt die gebirgige Gegend beidseits des Trogtals und bietet sich unter anderem auch für den Gesundheitstourismus an, wenn im neuen Kongresszentrum gerade keine Foren anstehen. In den Davoser Hotelbetten wird pro Jahr etwa 2,2 Millionen Mal eine Nacht bei frischer Alpenluft verbracht, wobei selbst Asthmatiker leichter atmen.
 
Der Kurort Davos mit dem eher städtischen Gepräge wird in jüngster Zeit mit der alpinen Romantik vom benachbarten, etwas tiefer gelegenen Klosters im oberen Prättigau zu einem touristischen Gesamtpaket verpackt. Das sich dazwischen ausbreitende Madrisaland ist in eine Sagen- und Märchenwelt umgewandelt worden, ein Erlebnispark. Alpengeister und Wurzelleute gehen dort um, den Fremdenverkehr belebend.
 
Die Marienkirche in Davos
Um einen Überblick über die flachen Dächer zu erhalten, spazierte ich in Davos-Platz zur katholischen Marienkirche hinauf, die 1892 für die verhältnismässig wenigen Katholiken im Bergdorf erbaut wurde (1870 gab es in Davos 1900 Reformierte und weniger als 100 Katholiken). Ihr Innenraum ist für katholische Verhältnisse verhältnismässig schlicht und entsprechend angenehm. Farbige Fensterbilder (1912) im Langhaus und den Querarmen dienen der Präsentation einiger Heiliger von der Magdalena bis zum Franziskus. Besonders ansprechend sind 2 textile Wandbilder „Auf dem Weg nach Emmaus“ und „Jesus teilt das Brot“ von Irena Conrad (1992).
 
Als Rest der Feiern zum Dank-, Buss- und Bettag waren um die neue Altarinsel aus Travertin Getreidegarben, Strohballen, Kürbisse, Maispflanzen und Äpfel aufgereiht – ein Bezug zum Wesentlichen, wie man es sonst vor allem in buddhistischen Stätten sieht. Die Früchte und Landprodukte lenkten angenehm von der Altarumrahmung ab, ein schmales Terrakottarelief mit fürchterlichen Figuren mit Löchern anstelle von Augen. Dargestellt sind u. a. auch eine Menschenrettung und -verdammung und der in seiner pompösen Herrlichkeit thronende Christus – Zuversicht, Angst, Verherrlichung. Könnte das Kirchenjahr nicht etwas menschenfreundlicher, weniger zudringlich symbolisiert werden?
 
Wenig Sinn für Stadt-Natur
Neben der Kirche rast der kanalisierte und dadurch beschleunigte Guggerbach schnurgerade ins Dorf hinunter, und kurz bevor er die Skistrasse erreicht, wird er zur Zeit in eine Röhre verpackt. Überhaupt legt Davos offenbar kaum Wert auf die Gestaltung naturnaher Grünflächen im Ortsinneren; dafür sind Alpweiden und Berge in der Umgebung allein zuständig.
 
Neben dem trostlosen Bachkanal, den ein steiler Weg begleitet, weist eine Gedenktafel auf Willem Jan Holsboer (1834‒1898) hin, der als Hochseekapitän, Bankkaufmann und Universalunternehmer den Bau der Rhätischen Bahn zwischen Landquart und Davos vorantrieb und damit auch touristische Impulse gab.
 
Das nahe ehemalige Hotel Esplanade an der Strelastrasse, ein Symbol der Belle Époque am Steilhang, ist im Moment ausgehöhlt und wird mit Eigentumswohnungen gefüllt. Der Hotelbetrieb wurde definitiv eingestellt.
 
Flachdach-Architektur
Insgesamt vermittelt Davos den Eindruck eines lebendigen, pulsierenden Orts. Unter der Geradlinigkeit der Dachlandschaft verbirgt sich eine Kraft zu neuem Aufbruch, die verhindert, dass der Kurort zur Brache verkommt. Dabei ist allerdings schon noch einiges zu tun, auch was das Ortsbild anbelangt.
 
Die erwähnte Flachdach-Architektur, von der es zusammen mit durchlaufenden stützenlosen Liegebalkonen geprägt ist, entstammt einer Idee des Bündner Architekten Rudolf Gaberel (1882–1963). Er entwickelte das unterlüftete Flachdach, das Zeichen der Moderne mit ihren undichten Stellen, weiter. Dabei werden das Regen- und Schmelzwasser zentral im Hausinnern abgeleitet. Daneben begegnet man in Davos auch Satteldachbauten und Aufstockungen, deren Architekten sich kaum um Belanglosigkeiten wie die stilvolle Schönheit gekümmert haben. In Davos haben Verschönerungsvereine weiterhin ein grosses Tummelfeld.
 
Kurzer Augenschein in Brienz GR
Als die herbstliche Sonne den höchsten Stand erreichte, waren wir am 22.09.2011 in Sporz/Lenzerheide Richtung Davos losgefahren. In Brienz GR im Albulatal (Kreis Belfort) besuchten wir noch die Kirche mit dem schrägen Turm. Die Risse in der Pfarrhausfassade, die ich bei meiner letzten Durchfahrt im April 2010 gesehen hatte, sind geflickt und unsichtbar. In der gewölbten Kirchendiele aber sind solche nach wie vor auszumachen. Nördlich unterhalb der Kirche ist eine Baracke des Amts für Wald Graubünden zur Überwachung der Erdbewegungen. Hier werden offenbar geophysikalische Methoden der Seismik und Geoelektrik zur Beobachtung des gegenüber liegenden Rutschhangs angewandt.
 
Durch schön herausgeputzte Dörfer wie Alvaneu, Wiesen und, weiter der Landwasser entlang, via die Davoser Fraktionen Monstein und Frauenkirch, erreichten wir bald Davos-Platz. Der Abstecher wurde zu einer angenehmen Fahrt durchs erzreiche Landwassertal (zwischen Jenisberg und Davos-Monstein wurde einst silberhaltiges Erz abgebaut und in Bellaluna verhüttet).
 
Davos war einst eine typische Walser-Siedlung, die aus 12 breitwürfig verteilten Bauernhäusern bestand. Dass eben hier einst einige Weichen fürs Weltwirtschaftsgeschehen gestellt würden, hätten sich die Bergler und selbst die Berggeister in ihren kühnsten Fantasien bestimmt nicht ausmalen können.
 
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