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BLOG vom 05.10.2011


Die Hornisse, die meine Oktober-Termine aufgefressen hat
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Im Moment lebe ich in enger Verbundenheit mit einer Hornissen-Kolonie zusammen, die im Giebelbereich auf der Ostseite unseres Hauses ein wunderschönes, farblich auf den Dachunterzug abgestimmtes, hellbraunes Nest baut. Nach unten fortschreitend, werden immer neue Wabenböden eingezogen, wobei die unermüdlichen Tiere auch vor Nachtarbeit nicht zurückschrecken; keine Gewerkschaft hindert sie daran. Strebepfeiler verbinden und befestigen die einzelnen Stockwerke. Das klimatisierte Bauwerk sieht aus wie ein Festtagskleid mit drapiertem, abgerundetem Faltenwurf. Es verjüngt sich gegen unten, wo einige Löcher zur Entsorgung nicht mehr brauchbaren Materials sind; sie dienen auch der Zirkulation der Atemluft. Der Neubau ist energietechnologisch ein Vorbild: Mit der Ankurbelung von Verbrennungsprozessen durch Flügelschläge wird der Bau geheizt oder mit auf den Zellen verstrichenem, verdunstendem Wasser gekühlt, damit die Brut günstige Temperaturen hat. Direkt vor dem Giebel, aber immer noch durch das vorspringende Hausdach geschützt, wurde ein hellbrauner Vorhang aufgehängt, eine Dekoration, die mich zusammen mit dem Nestbau-Naturwerk immer wieder fasziniert.
 
Die Hornissen und ich haben uns gegenseitig unter unbedingten Naturschutz gestellt, tun uns also nichts zu leide. Sie fliegen auch nachts an unserem offenen Schlafzimmerfenster vorbei, lassen uns in Frieden. Nur an einzelnen Abenden verirrt sich die eine oder andere dieser Angehörigen der grössten europäischen Wespenart in mein Wintergartenbüro, von einer Tischlampe angelockt und fehlgeleitet, verführt. Das prächtige Tier mit seinen Fühlhörnern und dem gelb geringelten Hinterleib spaziert manchmal auf einer meiner Schultern herum und liest, was ist so in den Computer hinein schreibe. Dann startet es wieder zu einem dröhnenden Kurzflug, dessen Geräusch die diesen Tieren innewohnende Kraft erahnen lässt, sucht den Ausgang. Dann kommen wieder neue zu Besuch.
 
Diese emsigen Tiere haben wir den Raubinsekten zugeteilt, weil sie andere Insekten überfallen und sich von ihnen ernähren; uns Menschen aber sind sie friedlich gesinnt, so lange wir eine gewisse Distanz zu ihrem Nest einhalten. Sie haben erfolgreich dafür gesorgt, dass die Mückenpopulation in unserer Hausumgebung in einem erträglichen Mass blieb. Das nächtliche Sirren und Schwirren von Stechmücken hat spürbar abgenommen. Nur noch vereinzelte überlebende Exemplare möchten mir den Schlaf rauben. Das Unheil verkündende Geräusch geht auf ihre beliebten Rundflüge um meine Ohren zurück, worauf sie sich dann meistens im Knöchelbereich niederlassen und zustechen, wenn immer die Füsse nicht zugedeckt sind. Ich brauche diese Auslösung eines tiefgründigen Juckreizes, der durch Kratzen erst so richtig auflebt, nicht unbedingt.
 
Die Hornissen benötigen nicht nur Nahrung, sondern eben auch Baumaterial für ihr Nest. Das ist bei uns Menschen ja auch nicht anders. Doch die Hornissen begnügen sich mit vermoderndem, vergrautem Holz, wie es überall gratis zu beschaffen ist. Sie speicheln es ein (der Speichel dient als Leim) und zerkauen es zu einer papierartigen Masse, zu einer Version der Papiermaché (zerkleinertes, aufgeweichtes Papier, mit Kleister vermischt), die dann beim Trocknen hart wird. Mein Vater hat aus solchen Materialien (in der Badewanne eingeweichten, dann ausgepressten Zeitungen und mit Kleister vermischt) jeweils Bäume und ganze Landschaften geformt und diese dann farbenfroh bemalt, durch die jeweils die Modelleisenbahn fuhr.
 
Einen besonderen Gag hat sich eine Hornisse dieser Tage während meiner Abwesenheit geleistet. Sie hat aus meinem papierenen Terminkalender 2011 den Teil der Seite mit den Einträgen für die 2. Oktoberhälfte herausgefressen. Das Loch hat eine Birnenform mit Stiel und ist an den Rändern leicht gezähnt. Das sind die Spuren der Tätigkeit der sich seitlich öffnenden Fresswerkzeuge der Hornisse, als welche die Kiefern dienen. So hat mich das Insekt von sämtlichen Terminen zwischen Mitte und Ende Oktober 2011 freigeschaufelt, und ich konnte wieder neue Einladungen annehmen.
 
Obschon mein Büro so ziemlich durchcomputerisiert ist und ich selbst vor einem iPad 2 nicht zurückgeschreckt bin, habe ich mich noch nie überwinden können, meinen Terminkalender im Taschenformat, dessen Variante 2011 aus Papier besteht und von einem griffigen lederähnlichen Umschlag mit der Aufschrift JOBWELL AG eingefasst ist, durch einen elektronischen Kalender zu ersetzen. Nicht etwa, weil dadurch die Hornissen weniger zu essen hätten, sondern weil der Papierkalender nicht zuerst eingeschaltet und aufgestartet werden muss. Er ist immer gleich betriebsbereit.
 
Zwar können zugegebenermassen auch hinsichtlich Festplatten und Speichereinheiten Daten auf Nimmerwiedersehen verschwinden, doch scheint es mir doch sinnvoller zu sein, wenn sie bei ihrem Abgang noch zu Futter- bzw. Bauzwecken dienen können.
 
Durch solche gemeinsame Erlebnisse fühle ich mich mit den Hornissen (schweizerisch: Hornussen) eng verbunden. Und selbst wenn sie mir die Termine aus dem Kalender amputieren, schaue ich nicht drein, als habe ich eine Pfanne voll Hornusse gfrässe, wie eine deutschschweizerische Redensart lautet. Denn an Terminen besteht hier keinerlei Mangel. Immer wieder stellen sich neue ein. 
 
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