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BLOG vom 13.10.2011


Klänge: Im Dunkeln oder mit geschlossenen Augen sehen
Autorin: Rita Lorenzetti, Zürich-Altstetten CH
 
Ich hatte die Augen geschlossen, hörte nur der Glocke von der kleinen Kirche am Suteracher zu. Ich wartete auf jemanden. In der Rückschau deute ich jene wenigen Minuten als innerlich freier Augenblick. Ohne rückwärts oder vorauseilende Gedanken. Ich war nur da. Und dann lief vor den inneren Augen ein kleiner Film ab. Unerwartet und spannend. Ich sah ein breites Band vorbeiziehen. Es sah aus, als ob es auf der linken Seite aufgerollt werde. Es füllte anfänglich mein ganzes Blickfeld, dann wurde ich aber auf einen schwarzen Balken aufmerksam, der die Bildfläche unterteilte. Nur wenige Millimeter breit. Das Band, das ich bisher wahrgenommen hatte, bewegte sich ab dieser Grenze. Und bis zu ihr hin bewegte sich ebenfalls eines und endete scheinbar an dieser harten, geradlinigen Sperre. Der linke Teil entsprach etwa 2 Dritteln des gesamten Bildes, derjenige rechts der Grenze einem Drittel. Vielleicht wurde der von rechts fliessende Teil unter der Trennlinie hindurchgeführt, doch ist das nur eine Vermutung. Aber ich wusste sofort, dass ich hier die Darstellung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sehe.
 
Die Vergangenheit rollt sich in diesem Film zur Geschichte auf. Die Gegenwart ist kurz, streng beschnitten, dem Augenblick vergleichbar. Und die Zukunft kommt aus dem Nichts daher. Dieser eine Drittel hat noch keine Geschichte, führt vielleicht Ideen und den Zeitgeist in die Gegenwart, in der die zukünftige Geschichte entsteht.
 
Ich war schon wieder in meiner realen Umgebung angekommen, als mich die erwartete Person ansprach. Ich wurde nicht aus dem Erlebnis herausgerissen, konnte es in der Zwischenzeit noch überdenken und es mir merken.
 
Ein zweites Augenerlebnis
Barbara Hutzl-Ronge, die Autorin von „Magisches Zürich“ und „Magischer Bodensee“ führte uns – etwa 30 Personen – ab Wilchingen-Hallau zum Osterfinger Aussichtspunkt „Uf Stuel“. Dort befindet sich ein ausgedientes Wasserreservoir, das von der Künstlerin Anna-Maria Bauer in einen Klangkörper umgewandelt worden ist. Wassertropfen fallen aus einer geometrischen Linienstruktur von der Decke, und wo sie auftreffen, bringen sie Metallschalen und das gefallene Wasser zum Schwingen und Klingen. Es tönt zuerst so, wie es zu Hause in der Küche tönt, wenn der Wasserhahn nicht mehr dicht ist. Nur sind hier verschiedene Tropfen am Fallen so angeordnet, dass sie ein Klangmuster hervorbringen.
 
Ich gehörte der 1. Gruppe an, die in die Tiefe hinabstieg. Wir wurden angehalten, uns den Wänden entlang hinzustellen. In der Mitte, am Boden, standen die erwähnten Messingschalen. Die junge Frau, die unsere Gruppe hinunter führte, trat ebenfalls ein und schloss dann die schwere Bunkertür. Augenblicklich umfing uns totale Dunkelheit. Wie geheissen, standen wir still, hörten auf die Klänge der Wassertropfen. Die Begleiterin stand mir gegenüber und vor der Tür. Sie muss sich immer wieder einmal hin und her bewegt haben, denn dann sah ich ein kleines Licht durch das Schlüsselloch.
 
Es beruhigte mich, dass sie da war und das Eingeschlossensein mit uns teilte. Nach etwa einer Viertelstunde summte ein Mann kaum hörbar eine Melodie. Wir erkannten das Lied, stimmten ein. Der Raum fing es auf, mischte unsere Stimmen und gab uns den gemeinsamen Klang als unser Kunstwerk zurück. Es war eines, das von tiefen Männerstimmen geprägt war und der Tiefe dieses Ortes entsprach.
 
Und doch: Für mich war die Arbeit der Augen noch grösser. Auch ein Kunstwerk. Sie passten sich der anfänglich vollkommenen Dunkelheit an und hellten mir nach und nach den Raum auf. Noch bevor uns die Begleiterin die Tür wieder öffnete, konnte ich die Personen, die sich hier aufhielten, sehen. Sie trugen weiss-gräuliche Kleider, obwohl doch alle farbig gekleidet waren. Alle verhielten sich geduldig und still. Ich fühlte mich in einem Warteraum zwischen Tod und Auferstehung. Dann wurde die Tür geöffnet. Licht drang ein. Wir kehrten ins Freie und in unser Leben zurück, still und in uns gekehrt. Und draussen wunderten wir uns über das Sonnenlicht und die weite Landschaft. Alles erschien jetzt grösser und noch schöner.
 
Foto-Hinweis
Unter „Klangreservoir Anna-Maria Bauer“ können im Internet Fotos gefunden werden.
 
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23.07.2005: Ins Samstagabend-Läuten in Zürich eingetaucht
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