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BLOG vom 29.10.2011


Sanftes triumphiert: Freiämter Kulturgeschichte erwandern
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Der kulturhistorisch ausgerichtete Freiämterweg ist mit seinen rund 180 Kilometern Länge der längste derartige Themenweg im schweizerischen Mittelland. Er wurde als Rundwanderweg mit 3 Routen-Varianten konzipiert. So etwas fällt nicht einfach vom Himmel, nicht einmal, wenn sich der katholische Aargauer Erdteil unter diesem befindet. Dahinter befinden sich die Ideen und viel organisatorische Arbeit im Schosse der Historischen Gesellschaft Freiamt mit der „Muri Vision“. Um die Hauptattraktion, das Kloster Muri mit seinem bedeutenden Museum, das erweitert werden soll, kümmern sich auch die Kirchgemeinde, das Kloster mit der darin etablierten Gemeindeverwaltung, die Freunde der Klosterkirche und die Kulturstiftung St. Martin.
 
Die Elektronik hat in die Klosteranlage bereits Einzug gehalten. So kann nun der umfangreiche Komplex in Begleitung eines elektronischen Führers, dem handlichen iGuide, der wie ein iPad funktioniert, besichtigt werden. Individualtouristen können sich die verschiedenen Sehenswürdigkeiten wie zum Beispiel den Kreuzgang mit seinen 19 Masswerkfenstern und den Renaissance-Glasmalereien (57 Kabinettscheiben) auf spielerisch einfache Weise erklären lassen. Es ist den Besuchern möglich, Orgelmusik abspielen zu lassen, wenn die 3 Orgeln gerade pausieren: die grosse Orgel auf der Westempore, erbaut 1630 von Thomas Schott, und 2 spätere Lettnerorgeln, welche die vorderen Emporennischen des barocken Oktogons aus den Baujahren 1695/1697 ausfüllen.
 
Vielleicht kann man sich in Zukunft auch auf Wanderungen über das Freiämterweg-Geflecht die Attraktionen von solchen Führern erklären lassen. Dieser Weg, der das Freiamt mit seinen weichen Formen wie das Netz aus dem Schweinebauchfell beim Adrio überzieht und wohl auch zusammenhält, wird von 14 Personen, hauptsächlich ehrenamtlich tätigen Pensionierten, unterhalten. Allein schon die Kosten für die Riesenmenge von Wegweisern und die 50 Informationstafeln waren happig – einzige beschriftete Aluminiumtafel kostet inklusive Montage etwa 1000 CHF.
 
Die Wegweiser sind in brauner Farbe gehalten, wie sie für Kulturwegweiser üblich ist, und auf jedem Wegweiser sind das Freiämter Wappen und das Wappen der Gemeinde, auf deren Boden der Wegweiser steht, abgebildet. Im Taschenformat-Ringheft „Freiämterweg Wanderführer“ sind alle 54 Wappen abgebildet und benannt. Das übergeordnete Freiämter Wappen zeigt eine gelbe Säule, eigentlich ein Marterpfahl, der von einem weissen Strick umwickelt ist, auf blauem Hintergrund. Das Wappen tauchte erstmals 1598 in Form einer Reihe von Marchsteinen längs der damaligen Berner Grenze auf.
 
Das Wegnetz
Das Freiämterweg-Netz erschliesst neben dem Kloster auch viele weniger bekannte Kostbarkeiten. Es ist konsequent an Bahn (SBB von Lenzburg Aarau über Othmarsingen, Wohlen, Boswil, Muri, Benzenschwil, Sins, Oberrüti und weiter nach Zug/Luzern) und auch an die Bus-Routen angebunden. Zudem wurde ganz im Osten eine Verbindung mit dem Ämtlerweg, der heimatkundlichen Wanderroute durchs Säuliamt ZH, hergestellt.
 
Im Benzenschwiler Wald wurde ein Kinderweg angelegt, der die 4 Elemente Luft, Wasser, Erde und Feuer eindrücklich erleben lässt. Bewusst nicht an den Freiämterweg angeschlossen ist aber das Gebiet der Reusstal-Melioration mit dem Flachsee, weil dieses ohnehin bekannt genug ist.
 
Der Freiämterweg ist ein Bestandteil des Projekts „Regio Plus. Erlebnis Freiamt“, welches das bestehende kulturhistorische – um nicht zu sagen touristische – Angebot verknüpft, um auf diese Weise den Ausflugstourismus in einer verhältnismässig wenig bekannten Region zu fördern – eine ähnliche Idee wie der „Jurapark“.
 
Die Sammlung Murensia
Das kulturelle Herzstück des Freiamts ist seiner geschichtlichen Bedeutung, der mittelalterlichen Klosterbauten und des barocken Glanzes wegen, wie gesagt, das Kloster Muri, eines der wichtigsten Kulturdenkmäler im Aargau. Die Geschichte dieses ehemaligen Benediktinerklosters, die im Jahr 1027 von Ita von Lothringen, der Frau des Grafen Radbot von Habsburg, als Sühne für Gewalttaten eingeleitet wurde, soll im Hinblick auf das 1000-Jahre-Jubiläum (2027) neu und gründlicher aufgearbeitet werden (die älteste Klostergeschichte ist die „Acta Murensia“ von 1150/80). Dazu dient besonders die Sammlung Murensia im Refektorium des Klosters. Die Einweihung dieser Sammlung erfolgte am 11.11.2009 aus Anlass des 40. Geburtstags der Kulturstiftung St. Martin. Der Kanton Aargau unterstützt die Bemühungen mit einem Impulskredit.
 
Die sich ständig ausweitende Sammlung – viele wertvolle Dokumente aus Privatbeständen kommen immer wieder hinzu – vereinigt Publikationen und Quellen zu den Themen Kloster und Region Muri, die den Forschern und anderweitigen Interessenten zur Verfügung gestellt werden. Dazu gehören auch wissenschaftliche Werkzeuge wie Lexika, Nachschlagewerke und Karten. Die Sammlung enthält auch Bildbestände, Stiche, Zeitungsartikel sowie Stammbäume lokaler Geschlechter. In einem kleinen Glasschrank befindet sich eine Sammlung von alter Bienen-Literatur. Der Grund dafür: In vielen Klöstern wurden Bienen wegen des Wachses gehalten.
 
Klosterführung
Bei meinem jüngsten Besuch in Muri wurde mir der Fülle des Sehenswerten wieder bewusst. So warf ich diesmal einen Blick in die Krypta, die aus der Zeit der Klostergründung stammt: eine niedrige, romanische Säulenhalle mit spätgotischen Rankenmalerei an den rundbogigen Zwischengurten in den Zwickeln der grätigen Kreuzgewölbe. Der 7,3 × 9,1 m grosse, unterirdische Raum strahlt eine unbeschreiblich wohltuende Ruhe aus. Recht belebt war während meines Rundgangs dafür der Südflügel, der als Gemeindeschulhaus dient und aus dem gerade springende und laut rufende Kinder herausströmten; der Eindruck von einer nachlassenden Gebärfreudigkeit der Schweizerinnen stellte sich hier keineswegs ein. Ich warf dann einen kurzen Blick in den Innenhof, der vom Kreuzgang teilweise umfasst ist; der Nordflügel des Kreuzgangs wurde beim Kirchenumbau 1695 ff. teilweise zerstört. Zurechtgeschnittene Buchs-Einfassungen bringen die Geometrie auch in den Kreuzganghof, wo Fresken von Bruder Klaus und Maria zu sehen sind.
 
Gleich anschliessend, sozusagen als Teil des umgewandelten Kreuzgangs, ist die Loretokapelle, ein dreijochiger Raum mit Kreuzrippengewölbe von 1698, mit der Habsburger-Gruft, die 1971 eingeweiht wurde. Die Familie Habsburg-Lothringen war 1919 aus Österreich ausgewiesen worden. Und so ruhen in einem Schrein hinter dem Altar denn seit 40 Jahren die Herzen des letzten österreichischen Kaiserpaars: der letzte Kaiser von Österreich, Karl I. (1887‒1922), und seine Gemahlin, die Kaiserin Zita von Bourbon-Parma (1892‒1989), die ihre letzten Jahre in Zizers GR verbrachte. Somit befinden sich die altersmüden Herzen der letzten Habsburger dort, wo die Dynastie entstanden ist – das Schloss Habsburg bei Brugg spielte in der Habsburger Geschichte eine untergeordnete Rolle, abgesehen von seiner Funktion als Namensgeberin.
 
In der Gruft als solcher sind die Angehörigen der Kaiserfamilie und die befreundete Gräfin Maria Theresia Sidonia von Korff (1888‒1973) bestattet, als da sind:
Robert, 2. Sohn von Karl und Zita, Erzherzog von Österreich, 1915‒1996.
Xenia, 1. Gemahlin von Erzherzog Rudolf (5. Sohn des Kaiserpaares Karl und Zita), Erzherzogin von Österreich, 1929‒1968.
Johannes Karl Ludwig Clemens, Sohn von Erzherzog Rudolf und Erzherzogin Xenia, Erzherzog von Österreich, 1962‒1975.
Anna Eugenie, Gemahlin von Erzherzog Felix Friedrich von Österreich, Erzherzogin von Österreich, Prinzessin und Herzogin von Arenberg, 1925‒1997.
 
Erstmals seit Mitte 2004 habe ich die Klosterkirche wieder gesehen. Damals hatte sich mitten in der Klosterkirche eine schlanke, hohe Hebebühne wie ein Tatzelwurm zwischen den Holzbänken verkrallt, kalte, berechnende Technik von heute, ein Kontrast zur barocken Ausstattung. Das weltliche Raupenfahrzeug, das an Sonntagen den Kirchenraum verlassen musste, ermöglichte den Restauratoren an Werktagen, jede beliebige Stelle des weit gespannten, schwebenden Kuppeloktogons auf über 25 m Höhe zu erreichen. Sie konnten dort oben, in himmlischer Höhe sozusagen, die 1696/97 entstandenen Deckenbilder des Tessiner Malers Francesco Antonio Giorgioli mit dem Allerheiligenbild im Zentrum und die Darstellungen benediktinischer Missionare und Würdenträger neben christologischen Szenen subtil reinigen und wenn nötig mit konservierenden Eingriffen (Festigung von Putz- und Malschichten) der Nachwelt erhalten. In der Kuppelmitte beten gegen 100 Heilige die allerhöchste Dreifaltigkeit an.
 
Der Platz unter der Kuppel gilt als Kraftort. Die Kirche mit dem dreischiffigen Langhaus, dem stuckierten und bemalten Kuppelgewölbe und dem barocken Interieur, das teilweise durch das Chorgitter, auf Perspektive und Silhouette gearbeitet, ist von einer erdrückenden Fülle. Man braucht alle Unterstützung aus diesem Kraftort, um auch nur einen Teil dieses von Hunderten von Engeln und Putten zusätzlich belebten himmlischen Rummels zu erfassen.
 
Und der Betrachter ist dankbar, dass die Geometrie Ordnung und Struktur ins Bauwerk bringt. So ist Zentrum der Klosterkirche Muri ein achteckiger Zentralbau aus dem 17. Jahrhundert, also ein Oktogon. Und auch der grosse Martinsbrunnen im Klosterhof ist ein Oktogon. Dieses steht für Vollkommenheit. Im Vergleich zu einem Quadrat ist es weicher, abgeschliffen, mithin auch ein Symbol für das Alter, in dem man angeblich nachsichtiger, sanfter wird.
 
Quellen
Felder, Peter: „Das Kloster Muri“, Kunstführer, herausgegeben von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte GSK, Bern 2001.
Hägler, Peter, und Stalder, Benedikt: „Freiämterweg Wanderführer“, herausgegeben von „Erlebnis Freiamt. Muri Info“, Marktstrasse, CH-5630 Muri AG 2007.
Kottmann, Albrecht: „Die neue Sicht auf die romanische Klosterkirche Muri AG“, herausgegeben von der Vereinigung Freunde der Klosterkirche Muri 2006.
Pilgrim, Urs, und Brühlmann, Josef: „Die Habsburger und das Kloster Muri“, herausgegeben von der Vereinigung Freunde der Klosterkirche Muri 2008.
 
Hinweis auf die Freiämterweg-Reportage in „1A!Aargau“
In der Zeitschrift „+A!Aargau“ Nr. 11 (Frühling 2011) sind 2 umfangreiche Bildreportagen von Walter Hess unter den Titel „Freiämterweg: Streifzug zu verborgenen Schätzen“ (Seiten 52 ff.) und „Freiämter Sagenweg: Sagenhaftes mit Drachen, Hexen, Zwergen und Stiefeln“ (Seiten 56 ff.) abgedruckt. Die zweimal jährlich erscheinende Zeitschrift, welche sich den Besonderheiten des Aargaus annimmt (Redaktion: Bruno Wiederkehr), ist erhältlich bei der Effingerhof AG, Storchengasse 15, Postfach, CH-5201 Brugg (E-Mail: m.gisi@effingerhof.ch, Tel. 0041 56 460 77 14).
 
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