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BLOG vom 10.11.2011


Die Schlehe: Abführend, harntreibend und appetitanregend
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Früher naschten wir Kinder auf unseren Streifzügen in der Natur öfters von den Schlehenfrüchten, die uns erfrischten und den Durst etwas stillten. Die meisten Freunde verzogen das Gesicht wegen der zusammenziehenden (adstringierenden) Wirkung. Nun, dasselbe passierte uns als Erwachsene anlässlich einer Wanderung im Markgräflerland. Am 20.10.2011 lustwandelten wir von St. Ilgen über Betberg nach Dottingen. Bei dieser Wanderung kamen wir nicht nur an zahlreichen Walnussbäumen, Hagebuttensträuchern, sondern auch an einigen Schlehenbüschen vorbei. Wir naschten an dieser blaubereiften kugelrunden Steinfrucht. Die Früchte schmeckten auf Grund des hohen Gerbstoffgehalts sauer und herb. Manche behaupteten, die Früchte schmeckten so sauer und herb, dass es einem die Schuhe ausziehe. Wie ich mir sagen liess, schmecken die Beeren nach dem ersten Frost bedeutend süsser und milder, weil die Gerbstoffe teilweise enzymatisch abgebaut werden. Dieser Abbau erfolgt nicht durch kurzes Einfrieren der Früchte, wie das immer behauptet wurde.
 
Der Schlehdorn (Prunus spinosa), der auch Schwarzdorn, Hagedorn, Bocksbeeri, Haferpflaume, Sauerpflaume, Wilde Pflaume und Heckendorn genannt wird, gehört zur Familie der Rosengewächse (Rosacea). Der Schlehdorn ist der erste blühende Strauch im Frühjahr. Er ist dann mit einem weissen Blütenmeer überzogen. Die Bauern sagen dann: „Wenn der Schlehdorn blüht am Hag, wird es Frühling auf einen Schlag.“
 
Früher kursierte  noch ein ganz anderer Spruch: „Wenn der Schlehdorn reichlich blüht, dann gibt es im folgenden Jahr viele Kinder.“ Andernorts wurde gesagt, dass viele Schlehen einen strengen Winter bedeuten.
 
Den Schwarzdorn kann man leicht vom Weissdorn unterscheiden. Die Blüten des Schwarzdorns zeigen sich schon vor den Blättern, während sich beim Weissdorn die Blätter zuerst bilden, dann die Blüten. Die kurzstieligen Blätter des Schlehdorns sind feingezackt und oval. Die Blätter des Weissdorns sind tief geteilt, im Umriss gesehen, sind es dreieckige Blätter mit 3‒5 spitzen, auswärts gebogenen Lappen.
 
Die Schlehe ist ein wichtiger Wildstrauch für Tiere. So brütet beispielsweise der Neuntöter (Vogelart der Familie der Würger) im Strauch. Der Vogel hat eine besondere Eigenart zu bieten: Er spiesst seine Beutetiere auf den Dornen auf. Die Blüten werden gerne von Schmetterlingen besucht, aber auch von Hummeln und Bienen.
 
Verwendung schon in der Jungsteinzeit
Der Schlehdorn wurde schon sehr früh von den Menschen genutzt, wie die zahlreichen Schlehenkerne in neolithischen Feuchtbodensiedlungen beweisen. Die Früchte wurden nicht nur genascht, sondern fanden eine ganz andere Verwendung. In den Pfahlbauten von Sipplingen am Bodensee (dendrochronologisch um 3300 v. u. Z. datiert) entdeckte man durchlochte Schlehenkerne. Wahrscheinlich schmückten sich schon damals die Frauen mit einer Schlehenkernkette. Vielleicht gab es auch einige Männer, die sich diesen Schmuck umhängten.
 
Im Mittelalter wurde aus der tiefdunklen Rinde des Schlehdorns eine Tinte hergestellt. So mancher Mönch schrieb damit in den Schreibstuben (Scriptorien) der Klöster mit dieser Tinte. Die Tinte hatte jedoch einen grossen Nachteil: Sie war nicht lichtbeständig.
 
Im Volkglauben spielte der Schlehdorn als Sympathiemittel zum Schutz vor Fieber, Gicht, Gelbsucht und gegen Verletzung durch Holzsplitter eine Rolle. Das Volk glaubte auch an diese Anwendung: „Iss die ersten 3 Blüten eines Schwarzdornzweigs und bleibe das ganze Jahr vor Fieber gefeit!“ Bekannt wurde auch die Schutzwirkung gegen Hexen. Aus diesem Grunde wurden Weiden und Höfe mit Schlehdorn umpflanzt.
 
Wichtige Inhaltsstoffe
Blüten: Flavonoide, Kämpferolgykoside, Quercetin, Quercitrin, Rutin, Hyperosid, Kumarinderivate.
Früchte: Organische Säuren, Gerbstoffe, Bitterstoffe, Vitamin C, Mineralstoffe.
Kerne: Blausäureglykoside (diese kommen auch in Apfelkernen und anderen Kernen vor). In geringen Dosen stellt der Kern kein Problem für die Gesundheit dar (Infos zur Giftigkeit unter www.toxcenter.de).
 
Arzneiliche Verwendung
Arzneilich werden hauptsächlich die Blüten, die man vom März bis April sammelt, verwendet.
 „Die Schlehenblüten sind unschädliche Abführmittel und sollten in jeder Hausapotheke zu finden sein“, sagte Sebastian Kneipp.
 
In der „Physica“, die Hildegard von Bingen verfasste, ist dies zu lesen: „Und die Frucht des Schlehdorns, nämlich die Schlehen, süsse mit Honig und iss sie oft auf diese Weise, dann wird die Gicht in dir weichen. Aber wer im Magen schwach ist, der brate Schlehen (…) oder er koche sie in Wasser und esse sie oft, dies führt den Unmut und den Schleim vom Magen ab.“
 
Bruno Vonarburg empfiehlt den Tee aus den Schlehenblüten bei Verstopfung (insbesondere der Kinder), Verdauungsstörungen, zur Entschlackung bei Hautkrankheiten und zur Magenstärkung.
 
Der Fruchtsaft aus den nach dem Frost gesammelten und entsteinten Früchten dient zur Mundspülung bei Schleimhautentzündungen, entzündetem Zahnfleisch, Zahnfleischbluten. Er wird aber auch kurmässig zur Blutreinigung und bei Appetitmangel getrunken. Der Saft und das Mus sind auch gute Stärkungsmittel, besonders nach schweren Krankheiten oder Geburten.
 
In der anthroposophischen Medizin spielt die Schlehe eine wichtige Rolle. Sie ist Bestandteil von Arzneien zur Behandlung von Erkältungskrankheiten, Erschöpfungszuständen und bei einer verzögerten Rekonvaleszenz.
 
Im Handel gibt es ein Schlehen-Elixier von Weleda zur Kräftigung des Organismus. Dieses Elixier enthält Schlehensaft aus einer zertifizierten Wildsammlung, Zitronensaft aus biodynamischem Anbau und Roh-Rohrzucker aus biologischem Anbau.
 
Was können wir aus den Schlehenfrüchten machen? Wer Lust hat, kann ein Schwarzdorn-Birnenmus, eine Schwarzdorn-Apfel-Kürbis-Suppe, Konfitüre, Gelee oder einen Schlehenwein herstellen. Rezepte sind in der „Jahreszeiten-Küche Früchte und Beeren“ oder unter www.chefkoch.de (hier sind 43 Schlehenrezepte aufgeführt) nachzulesen.
 
Nebenwirkungen sind nicht zu befürchten, wenn die Zubereitungen nicht überdosiert werden.
 
Herstellung von Schlehenlikör
Das Rezept für den Schlehenlikör stammt von Gabriele Bickel (Sie gab mir für das Textatelier die Abdruckerlaubnis. Vielen Dank!):
 
Zutaten: 1 kg Schlehen (nach dem ersten Frost gesammelt), 500 g brauner Kandiszucker, 1 Vanilleschote, 1 Zimtstange, 1 ½ Liter Gin.
Zubereitung: Die Schlehen waschen und mit einem alten Küchentuch trocken tupfen. In einen grossen Topf geben und mit kochendem Wasser so weit übergiessen, dass die Schlehen gerade bedeckt sind. Diesen Ansatz lässt man über Nacht stehen. Am nächsten Tag sind die Schlehen durch die Wasseraufnahme aufgeplatzt. Das restliche Wasser weggiessen.
 
Nun werden die Früchte schichtweise mit dem Kandis in eine grosse Schüssel gegeben und noch einmal über Nacht stehen gelassen, damit sich der Zucker auflösen kann. Am folgenden Tag wird dieser Ansatz zusammen mit der Zimtstange und der aufgeschlitzten Vanilleschote in eine ausreichend grossen Flasche gegeben und mit dem Gin aufgefüllt. Nach 4 bis 6 Wochen Reifezeit hat sich die Flüssigkeit in ein tiefes Karminrot verfärbt und kann nun abfiltriert werden.
 
Gabriele Bickel betonte, dass der Schlehenlikör eine erwärmende und anregende Wirkung entfaltet und besonders für die Wintermonate geeignet ist.
 
Zusammenfassung
Wirkung der Schlehe:
O zusammenziehend (adstringierend)
O harntreibend
O leicht abführend
O entzündungshemmend
O wärmend
O appetitanregend
O immunstärkend
O kräftigend
 
Hilfreich bei:
O Appetitmangel
O Darmträgheit
O Blasenentzündungen
O Erkältungen
O Erschöpfungszustände
O Gicht
O Nierensteine
O innere Kälte
O Hilfreich in der Rekonvaleszenz
O Akne, Pusteln
O Mund-, Hals- und Zahnfleischerkrankungen
O Magenschwäche
 
Es bleibt zu hoffen, dass die „vergessene Beere“, wie die Schlehe kürzlich genannt wurde, wieder zu Ehren kommt. Sie hat, genauso wie die Eberesche, eine vermehrte Beachtung in der Naturheilkunde und Küche verdient.
 
Internet
 
Literatur
Bickel, Gabriele: „Liköre und Schnäpse von der Kräuterhexe“, Franckh-Kosmos Verlagsgesellschaft, Stuttgart 2001. Das Buch ist als Einzelband nicht mehr im Handel. Es ist Teil des Doppelbandes „Das Beste von der Kräuterhexe“ (im selben Verlag 2011 erschienen).
Helm, Eve Marie: „Feld-, Wald- und Wiesenkochbuch“, Kochbuchverlag Heimeran, München 1978.
Krebs, Susanne; Tempelmann Yvonne: „Die Jahreszeiten-Küche Früchte und Beeren“, Unionsverlag, Zürich 1988.
Künzle, Johann: „Das grosse Kräuterheilbuch“, Verlag Otto Walter, Olten 1945.
Scholz, Heinz: „Die Parade der ,Wilden’", „Natürlich“, 1997-10.
Vogel, Alfred: „Der kleine Doktor“, Verlag A. Vogel, Teufen, 68. Auflage.
Vonarburg, Bruno: „Natürlich gesund mit Heilpflanzen“, AT Verlag, Aarau 1993.
 
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