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BLOG vom 27.11.2011


Biberstein AG: Wo man Wasser predigt und Wein trinken muss
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Im Gegensatz zum Bibersteiner Wein, der am „Hasenberg“ auf etwa 0,9 Hektaren gedeiht, der auch in ausgesprochenen Trockenphasen fliesst und scheinbar unerschöpflich ist, besteht jetzt ein Trinkwassermangel, wie noch selten. Seit dem 19.10.2011 hat es nicht mehr geregnet, seit gut 5 Wochen also; etwas Nieselregen und Feuchtigkeit aus dem herrlichen Nebel bringen unsere Trinkwasserfassungen nicht zum Überlaufen.
 
Dabei ist Biberstein (Bezirk Aarau) noch in einer verhältnismässig komfortablen Lage: Im Rücken des Wohngebiets ist der Jura-Hügel mit dem Homberg (776 Höhenmeter) und der Gisliflue (772 m). In dem hauptsächlich bewaldeten Gebirge aus Kalk sind viele Hohlräume, die als Wasserspeicher dienen können. Und so haben wir denn in der Regel genügend Trinkwasser, auch wenn die Wasserversorgung zusammen mit der Wohnbautätigkeit immer wieder ausgebaut werden musste. Wahrscheinlich müssen in der Wasserrechnung 2012 etwa 40 000 CHF der Spezialfinanzierung entnommen werden. Dafür rentiert das Geschäft mit dem Abwasser umso besser. Der Gemeinderat hat fürs bevorstehende Jahr einen Ertragsüberschuss von rund 93 000 CHF budgetiert.
 
Das Lebenselement und Handelsgut Wasser ist, wie andernorts auch, in Biberstein gerade ausgesprochen knapp. Noch fliessen etwa 360 Minutenliter, wie unser Brunnenmeister Alfred Zobrist ausgemessen hat, aus Jurakammern; doch tagsüber muss Wasser aus der Nachbargemeinde Küttigen bezogen werden, nachdem vor wenigen Jahren eine entsprechende Verbindungsleitung für alle Fälle gebaut wurde – ein Beitrag an die Vernetzung der Welt, die für Instabilitäten anfällig ist.
 
Für unsereinen wäre es nicht weiter schlimm, Küttiger Wasser schlürfen zu müssen, würde es sich dabei nicht um Grundwasser aus dem Aaretal handeln ... Denn zuoberst an diesem Grundwasserstrom liegt die berühmte Sondermülldeponie Kölliken (SMDK), die zurzeit gerade ausgebuddelt und entsorgt wird. Man weiss also nicht so recht, was man trinkt. Die Parameter (Messgrössen) mit Indikatorfunktion bei der amtlichen Trinkwasserkontrolle haben es vor allem auf Nitrate (NO3, die auf Abwasser/Jauche und Auswaschungen von überdüngten Boden hindeuten) und allerlei Mikroorganismen abgesehen, die natürlich allfällige Angriffe aus der SMDK nicht überleben würden: Escherichia coli, Enterokokken und aerobe mesophile Keime (AMK). Wegen ihrer zerstörenden Wirkung auf die mikrobiologischen Lebewesen kann man also sagen, dass Chemiegifte die Analysenresultate eher verbessern ...
 
Die Angaben über die Trinkwasserzufuhr aus Küttigen sind an der kurzen Bibersteiner Gemeindeversammlung vom 25.11.20 aufgetischt worden. Die 5 Mitglieder des hohen Gemeinderats unter der Leitung von Gemeindeammann Peter Frei tranken auf der Bühne der Aula denn auch kein Bibersteiner Leitungswasser, sondern Cristallo aus der Mineralquelle Eglisau. Interessanterweise handelte das einzige Kreditgeschäft, dem die 80 anwesenden Stimmberechtigten einhellig zustimmten, ausgerechnet vom Wasser – genau genommen vom Wasserüberfluss. Beim Wissenbach werden 188 000 CHF verbaut, damit die Wohnzonen und Verkehrswege nicht überflutet werden, wenn es wieder einmal wie aus Kübeln giessen sollte. Laut Gemeinderat Martin Hächler geht es darum, genügend Abflusskapazität für Oberflächenwasser bereitzustellen.
 
Inzwischen hat sich der Wasserspiegel des Buhaldenweihers abgesenkt, und der Brusch (Dorfbach) ist das ausgetrocknet. Über den bemoosten Wasserfall unter dem Schloss fielen am Abend des 25.11.2011 nach meiner hemdsärmeligen Schätzung knapp 50 Minutenliter in den darunter liegenden Weiher, in dem die Fische noch genügend Badewasser hatten. Vermutlich stammt dieses Wasser aus seitlichen Zuflüssen im oberen Dorfbereich.
 
Bis sich die Trinkwasserlage verbessert hat, behilft man sich in Biberstein mit Flaschenwasser, Fruchtsäften oder notfalls eben mit Wein. Und dazu wurde jüngst ein „Käse aus dem Jurapark“ entwickelt; an diesen Park zahlt Biberstein seit 2011 5 CHF pro Einwohner und Jahr. Der Bibersteiner Bauer Martin Hächler liefert Milch für diesen Käse an den Betrieb Synfarms in Densbüren AG auf der nördlichen Juraseite, wo auch die meisten seiner Kühe weiden oder Futtervorräte abbauen, um ihre Euter immer aufs Neue zu füllen. Martin Hächler ist an diesem von Roland Nussbaum geleiteten Unternehmen beteiligt.
 
Der in einem Felsenkeller in Densbüren herangereifte Jurapark-Käse kommt als Mutschli, Halbhart- und Raclettekäse auf den Markt (vorerst ist er in Volg-Läden zu haben), und er wird nach den Richtlinien von Bio Suisse in handwerklicher Art hergestellt, ein Premium-Produkt von hoher Qualität. Es sind typische, reintönige, rechtschaffene Kuhmilchkäse von rahmig/mild bis zu rezent. Zusammen mit dem von der Gemeinde offerierten (Speck-)Zopf ergab sich eine angenehme Harmonie, sagt man doch, Brot, Käse und Wein seien eine der idealen gastronomischen Kombinationen.
 
Man stiess auch noch einmal mit dem Steueramtsvorsteher Daniel Hofer an, der seit dem 01.05.1988 auf der Gemeindekanzlei Biberstein als Rundumtalent tätig war bzw. noch ist (seit 1994 als „Steuervogt“ und eine Zeitlang auch als stellvertretender Feuerwehrkommandant) und Ende Januar 2012 in die Verwaltung von Hunzenschwil AG wechselt. Es spricht für ihn und die Bibersteiner Steuermoral, dass ihm so viel Sympathie entgegengebracht wurde.
 
Der herkömmliche Steuerfuss, an den wir uns so gern gewöhnt haben, aber hält uns auch für 2012 die Treue (88 Prozent, bezogen auf die Kantonssteuer). Das ermöglicht den Bibersteinern, bis zum nächsten Regen das Wasser durch Wein zu ersetzten und Juraparkkäse zu kaufen.
 
Viel Geld haben wir am Wochenende auch in den berühmten Weihnachtsmarkt im Schloss Biberstein investiert, der durch die Schlossbewohner ganzjährig vorbereitet und diesmal durch viele Märchengestalten besonders farbig wurde. Seit 20 Jahren gibt es diesen Anlass, der Tausende von Leute aus nah und fern anzieht. Das Dorfbachbett durchzieht das Schlossareal. Die Märchenwelt mit ihren Wundern machte es möglich, dass niemand durstig von dannen gehen musste. Und so leben alle Marktbesucher noch heute. Das trifft selbst auf die Bibersteiner Wasserkonsumenten zu.
 
 
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