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BLOG vom 27.12.2011


Verwüstungen und Destabilität: Der verlorene US-Irak-Krieg
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Am 18.12.2011 sind angeblich die letzten Amerikaner im Schutze der Dunkelheit endlich aus dem Irak nach Kuwait abgezogen, nachdem sie unendliches Leid und riesige Verwüstungen angerichtet und hinterlassen haben. Die Soldaten stehen nun für den nächsten Krieg bereit, zum Beispiel in Syrien, auf das sich die Amerikaner und die eingebundenen, internationalen Mainstreammedien soeben einschiessen. Beschäftigung, ist immer gut. In den USA ist die Arbeitslosenrate für Kriegsveteranen besonders hoch.
 
In einer Radio-Nachrichtensendung von DRS wurde nach dem Auszug aus dem Irak den Hörern aufgebunden, der Krieg sei geführt worden, um den Diktator Saddam Hussein zu stürzen. In diesem Falle wäre der Krieg gewonnen ... Hussein wurde nicht nur gestürzt, sondern auch ermordet. Also ist der Krieg mehr als nur gewonnen ... So werden wir halt informiert – Zustände wie in Nordkorea.
 
In Tat und Wahrheit begannen die Amerikaner ihre Bombardemente, weil Hussein der Besitz von Massenvernichtungswaffen als Bedrohung für die USA angedichtet wurde (es wurden nie solche gefunden). Hinter der Dichtkunst der Strategen standen der Wunsch nach dem Zugriff aufs Erdöl und die Eroberung und Besetzung des Landes, um eine gute Ausgangsposition zur Beherrschung der arabischen Welt und zum Beschützen von Israel zu haben. Das alles gelang nicht. Der Krieg wurde in Tat und Wahrheit verloren.
 
Nun gehen das Blutvergiessen und Morden im zerrütteten Land weiter. Die interne Abrechnung trifft jetzt vor allem jene Iraker, die mit den Amerikanern kollaboriert haben. Diese werden von ihren merkwürdigen Freunden im Stich gelassen; sie konnten sich vor dem fluchtartigen Abzug nicht einmal von ihnen verabschieden. Auch über 100 000 Tonnen Giftstoffe liessen die Angreifer zurück, die sich um Umweltschäden noch nie gekümmert haben und führend in der Verschmutzung der Atmosphäre sind. Die Iraker müssen aufräumen, soweit sie den Krieg überlebt haben. Das ganze Land sei ein Müllhaufen und ein Fliegenparadies, schrieb der irakische Journalist Najem Wali in „Die Presse“ (22.12.2012).
 
Nachdem eine Menge irakisches und amerikanisches Blut vergossen wurde, ist das Ziel eines Iraks in greifbare Nähe gerückt, der sich selbst regieren und für seine Sicherheit sorgen kann“, sagte US-Verteidigungsminister Leon Panetta an einer Zeremonie in Bagdad zum offiziellen Ende des Irak-Kriegs. Aufräumen und die Schäden sowie das unermessliche Elend tragen können die Iraker gleich auch selber, wie man beifügen möchte. Die irrtümlich bombardierten Zivilisten werden nie einen Dollar Schmerzensgeld sehen; die Angehörigen der getöteten Iraker nie eine Entschuldigung erhalten. Die US-Krieger hinterlassen ein politisch destabilisiertes, tief gespaltenes, verelendetes Zweistromland. Und jedermann erkennt spätestens jetzt, dass die Amerikaner nicht als Befreier kamen, sondern von purlauterem Eigennutz getrieben waren.
 
Bemerkenswert ist der Umstand, dass in den Bilanzen über den Irakkrieg in allen Medien immer zuerst die Opferzahlen aufseiten der Angreifer genannt werden – immer in der Reihenfolge der Wichtigkeit, der Bedeutung: 4474 US-Soldaten seien ums Leben gekommen („gefallen“) und 32 000 verwundet worden. Das wird auch in Agenturmeldungen als der Gipfel der Tragik hingestellt, weil Amerikaner Menschen von ganz besonders hohem Wert sind. Einige verantwortungsbewusste westliche Journalisten, die sich den Vorgaben nicht gedankenlos unterwerfen, erwähnen dann immerhin noch ganz am Rande den grössten Blutzoll, den die irakische Bevölkerung zu bezahlen hatte: über 120 000 Tote. Auf 1 toten Amerikaner kommen mehr als 25 tote Iraker. Über die Zahl der Verwundeten unter den irakischen Zivilisten erfährt man nichts; sie geht zweifellos in mehrere 100 000.
 
Der grauenhafte Krieg, den Ex-Präsident George W. Bush im März 2003 mit fadenscheinigen, erlogenen Argumenten ohne Legitimation der UNO lostreten liess, kostete die verarmten USA etwa 700 Milliarden USD. Wie hoch die angerichteten Schäden im Irak sind, zu denen auch unermessliche Kulturzerstörungen kommen, weiss auch wieder niemand; es gibt darüber nicht einmal Schätzungen.
 
Die Amerikaner haben im Verlaufe des fast 9-jährigen Irak-Kriegs ihre hässlichste Fratze gezeigt: Man erinnere sich nur an die Plünderungen von unersetzlichen Kunstgegenständen in Bagdad, an die Folteraffäre im Gefängnis von Abu Ghreib (Graib) oder an die verbrecherischen Einsätze des zivilen Sicherheitsdienstes Blackwater, der zum Besorgen der schlimmsten Dreckarbeit eingesetzt war – zusätzlich zu den bis zu 171 000 regulären Soldaten, die herumballern durften und über allen Gesetzen standen.
 
Und jetzt, nachdem der Irak von den Amerikanern endlich gesäubert ist, eskaliert der landesinterne Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten sowie der politische Machtkampf – und mochte US-Präsident und Sprücheklopfer Barack Obama noch so sehr das Lied von der Stabilität und Souveränität gesungen haben, um das Chaos zu überdecken. Wir brauchen „mehr Köpfe, weniger Zunge", wie sich schon Napoleon ausdrückte. Das freimaurerische Motto „Ordnung aus dem Chaos“ verkehrt sich gerade ins Gegenteil. In der NZZ online vom 20.12.2011 berichtete Inga Rogg aus Bagdad: „Der Sockel, auf dem einst die Saddam-Statue stand, ist leer. Davor haben radikale Schiiten 2 riesige Plakate aufgehängt, die Imam Hussein und den Kampf gegen Israel preisen. Nur die Stacheldrahtrollen um das ,Palestine Hotel' und das benachbarte ,Sheraton’ erinnern an die ehemalige Präsenz der amerikanischen Soldaten.“
 
Schön wär's. Die Erinnerungen u. a. in Form von Elend, Zerstörungen, Schmutz, aufgehetzten politischen Lagern werden medial also bereits ausgeblendet. Aus dem angeblich vorbereiteten Demokratisierungsprozess wird nichts; jedenfalls deuten alle Anzeichen in die gegenteilige Richtung. Premierminister Nouri al-Malikis Koalition ist bereits auseinander gebrochen, und offensichtlich spielt sich der Premier immer deutlicher als Autokrat auf – nach Saddam Husseins Vorbild. Die Sunniten werden aus den Machtpositionen vertrieben, auch der sunnitische Vizepräsident Tarek el Haschemi. Die von Saddam damals unterdrückte schiitische Mehrheit übernimmt nun die Macht.
 
In der irakischen Hauptstadt Bagdad stellt sich auf den Trümmern kein Märchen aus „1001 Nacht“ ein, sondern ein Bombenterror. Ein bevorstehender Bürgerkrieg dürfte ein weiterer Kollateralschaden aus dem hirn- und ruchlosen Krieg Amerikas sein, das seinen Traum von der Unterwerfung der ganzen Welt noch nicht ausgeträumt hat und sich beim Bemühen, dieses Ziel zu erreichen, ihre einstigen Werte Schritt um Schritt selber zerstört.
 
Hinweis auf weitere Blogs über den Irak-Krieg
 
Artikel von Martin Eitel
 
 
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