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BLOG vom 28.01.2012


Das A1-Bünztalviadukt, das den Zwillingsbrücken Platz macht
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Über das Bünztalviadukt der Nationalstrasse A1 bei Othmarsingen AG, das etwas frühzeitig in die Jahre gekommen ist und dessen Rücken an Tragkraft eingebüsst hat, fliesst der Verkehr hin und her, wenn auch etwas zusammengepfercht. Der bauliche Zustand der Betonträger soll nicht mehr der Beste sein. Die Autobahnspuren sind in der Breite zwar etwas eingeschränkt; im Übrigen spüren die Fahrer kaum etwas davon, dass es systematisch ersetzt wird. Doch aus der Sicht der Bünz im Tal unten erkennt man, wie ein ausgeklügeltes Bauwerk am Eisenbahn-Dammabhang eines rund 30 Meter hohen Damms entsteht. Es handelt sich um Zwillingsbrücken, welche das alte Viadukt ersetzen. Letzteres wurde mit der Eröffnung der 9,5 km langen Strecke Lenzburg – Birrfeld 1970 in Betrieb genommen. Der Verkehr nahm zu, die Transportfahrzeuge wurden schwerer. Die Sache macht tatsächlich den Eindruck, der Alterungsprozess sei etwas gar schnell verlaufen.
 
Die Baustelle kann man als Wanderer von Othmarsingen oder Möriken (-Wildegg) aus gut erreichen – ein gemütlicher Spaziergang zwischen industrialisierten Dörfern, die es verstanden haben, voneinander noch etwas Distanz zu wahren. Der Grünzone nimmt sich die Landwirtschaft an, der Restbestand des ehemaligen Bauerndorfs Othmarsingen, dem historischen Grenzort zu den Freien Ämtern und zur Grafschaft Baden. Die Bünz, die im Freiamt weitgehend kanalisiert ist, darf durch ein saftiges Gebiet im Talgrund noch etwas mäandrierend ihre Abschiedsvorstellung geben, bevor sie bei Wildegg nach einem kurzen Treffen mit dem Aabach mit der Aare fusioniert.
 
Die etwa halbstündige Wanderung von Wildegg oder Möriken auf einem asphaltierten Strässchen zur Brückenbaustelle ist angenehm, hat man das Sennenhundegebell am Dorfausgang, wo Pferdekutschen auf den Einsatz warten, einmal hinter sich gelassen. Bäume wie eine mächtige Eiche säumen den Weg, und als ich am 15.01.2012 dort die Sonntagsstimmung genoss, spazierte ein Graureiher in perfekter Körperhaltung in der Wiese.
 
Hasli und Wilhalden heissen die Gebiete vor der Autobahnbrücke und dem Eisenbahndamm. Und das Rauschen, das unsere Bedürfnisse nach einer schnellen Zirkulation begleitet, verstärkt sich, je näher man diesem Querriegel im Bünztal kommt, der am Fusse je einen Tunnel fürs Bünzwasser einer- sowie den motorisierten Verkehr und die Fussgänger anderseits erhalten hat. Warum man nicht einfach den Eisenbahndamm verbreitet statt eine komplizierte Zwillingsbrücke baut, muss mir zuerst einmal einer bitte erklären. Man möge mir den laienhaften Einwand nachsehen.
 
Techniker sind auf technische Herausforderungen ganz versessen, und immer wieder stehe ich bei der Bewunderung ihrer Leistungen an vorderster Front. Geradezu andächtig studierte ich den Baufortgang aus der Froschperspektive, während die Frösche wegen des eisig-kalten Wetters gerade ihren Winterschlaf absolvierten. Das bestehende Viadukt ist auf der Westseite angeknabbert, das heisst die oberen, zur Seite greifenden Tragelemente mit dem ehemaligen Pannenstreifen abgebrochen (rückgebaut, wie es in der Fachsprache heisst), und die andere, überhängende Viaduktseite ist durch Eisenstangen-Konstruktionen unterstützt. Trotz dieses Eingriffs stehen noch immer 4 Fahrspuren auf dem alten, 275 Meter langen Viadukt zur Verfügung, das ursprünglich 23 Meter breit war.
 
Die einseitige Verschmalerung der bestehenden Brücke schuf den nötigen Platz für den Aufbau des ersten Zwillings der etwa 30 Meter hohen Zwillingsbrücke, die je 15,75 Meter Breite (total 31,5 m) aufweisen und Platz für 6 Fahrstreifen bieten wird. Die kirchturmhohen Stützen für den 1. Zwilling stehen bereits in Warteposition. Sie haben die Form von überdimensionierten, schlanken Schabern, wie man sie zum Eis-Abkratzen von Scheiben verwendet und sind teilweise noch mit Metalltreppen angereichert, um den Bauarbeitern Kletterausbildungen zu ersparen. Unter diesen Stützen, die zu den höheren Sphären des automobilisierten Verkehrs weisen, lagern riesige, langgezogene Eisenhohlkörper (2,1 × 0,9 m) zu je 60 Tonnen Gewicht. Diese kastenförmigen Träger aus wetterfestem Stahl werden wohl demnächst auf die Stützen gehievt, die 47,5 m weit auseinander stehen. Auf die Stahlträger werden 25 bis 50 cm Beton aufgetragen, der Fahrbahn-Unterbau.
 
Wenn der erste Zwilling seiner Aufgabe 4-spurig nachkommen kann, wird die alte Brücke abgebrochen und an ihrer Stelle der zweite Zwilling aufgestellt, so dass die A1 Lenzburg – Birrfeld endlich in voller verbreiterter Breite lustvoll befahren werden kann. Das dürfte noch etwas dauern. Und schliesslich gilt es auch, solchen grandiosen Baustellen Sorge zu tragen.
 
Auf der Rückwanderung nach Möriken hatte ich das sorgfältig renovierte Schloss Wildegg auf einem Ausläufer des Kestenbergs vor Augen, das in diesem ausgezeichneten Zustand vom Bund (Schweizerische Eidgenossenschaft) an den Kanton Aargau übergegangen ist.
 
Ich freute mich darüber, dass der Kanton Aargau immer kraftvoll an seiner Zukunft arbeitet. Wer ihn nur als Durchfahrtskanton, ob 4- oder 6-spurig, erlebt, kann sein Bildungsdefizit nicht überwinden und muss weiterhin unter jenen Bedauernswerten verharren, die für dieses Bijou nur Spott übrig haben – das sind die Hohlkastenträger der anderen Art.
 
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